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Konjunktur Deutschlands neues Wirtschaftswunder

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Lieferzeiten deutscher Autobauer für ausgewählte Modelle

Vor allem die Autoindustrie baut mit Blick auf kommende Abschwünge zunehmend auf Zeitarbeit. Gab es 2010 noch 18.000 Zeitarbeiter in der deutschen Autoindustrie, sind es im laufenden Jahr bereits 50.000 – ein Anstieg um 178 Prozent. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter wuchs im gleichen Zeitraum nur um 1,3 Prozent.

Die Zeitarbeitsbranche hat sich inzwischen darauf eingestellt, wichtigster Krisendoktor der Autoindustrie zu sein. 2009 entfielen bei den zehn größten Zeitarbeitsfirmen in Deutschland noch 13,4 Prozent des Umsatzes auf die Autobranche. Im vergangenen Jahr stieg der Anteil auf 15,8 Prozent und 2011 rechnen die Zeitarbeitsfirmen sogar mit 18,4 Prozent, wie aus einer Studie der Marktforschung Lünendonk hervorgeht. 

Natürlich verlagert sich damit die Last künftiger Krisen auf die Zeitarbeitsbranche und ihre Beschäftigten. Allerdings können bis März 2012 auch die Verleiher das Instrument der Kurzarbeit nutzen. „Eine Nachfolgereglung wäre mit Blick auf den Arbeitsmarkt absolut wünschenswert“, meint Marcel Pelzer vom drittgrößten hiesigen Arbeitskräfteverleiher Manpower. Denn dann würde eine so massive Entlassungswelle, wie sie die Zeitarbeitsbranche 2009 erlebte, in der nächsten Krise wohl milder ausfallen.

Wichtigster Vorteil der Kurzarbeit für Leiharbeitnehmer: Wenn die Betriebe, in denen sie gerade eingesetzt sind, kurz arbeiten, können sie das ebenfalls tun – sonst schicken diese die Leiharbeiter meist zurück zum Zeitarbeitsbetrieb. Und weil die sich schwer tun, in einer massiven Krise wie der letzten Ersatzjobs zu finden, droht die betriebsbedingte Kündigung. Manpower-Manager Pelzer nutzte die neue Regelung 2009 und 2010 für rund 1500 Mitarbeiter.

Mit der Verlängerung der Kurzarbeit für die Verleihbranche könnte das Instrument Zeitarbeit für die Unternehmen noch interessanter werden, weil der Vorwurf, sie beschäftigten die Leiharbeiter als Mitarbeiter zweiter Klasse, zumindest zum Teil entkräftet wird.

Pralle Auftragspolster

Bis die Unternehmen tatsächlich Leiharbeiter abbauen, wird des jedoch noch einige Zeit dauern. Denn die Auftragsbücher in den meisten Branchen sind prall gefüllt. Auftragsreichweiten von mehr als sechs Monaten sind keine Seltenheit. Auf den Geländewagen Audi Q7 müssen die Kunden bis zu vierzehn Monate waren. Selbst für den Kleinwagen Polo von Volkswagen dürfen sich die Kunden mehr als ein halbes Jahr gedulden.

Den Rekord bricht Porsche. Der Stuttgarter Sportwagenbauer muss so viel Bestellungen abarbeiten wie noch nie. Aber auch der Maschinenbau schiebt Arbeit und Umsatz vor sich her. „Für 2011 sehen wir derzeit keine Risiken – wir haben derzeit den höchsten Auftragsbestand in der gesamten Porsche-Geschichte“, sagt Vertriebschef Bernhard Maier. Wegen der „extrem langen“ Lieferzeiten werde Porsche 2012 seine Produktionskapazitäten in Stuttgart und Leipzig ausbauen. „Porsche steht mittendrin in einer Vorwärtsstrategie“ und werde diese „unbeirrt“ fortsetzen.

Aber auch in anderen Branchen ist noch massenhaft zu tun, bevor es bergab ginge. Der Auftragsbestand des schwäbischen Maschinenbauers Hermle hat sich seit dem Jahreswechsel auf 91,4 Millionen Euro verdreifacht und reicht damit ins kommende Jahr hinein. Vom viel beschworenen Einbruch der Aufträge spürt Hermle nichts. Der Auftragseingang hat sich im ersten Halbjahr verdoppelt, eine Verlangsamung zeichnet sich noch nicht ab. Oerlikon ist in Teilbereichen bis 2014 ausgelastet.

Niedrigere Gewinnschwelle

Vor allem die Chemieindustrie hat in der Flaute gelernt, trotz gedrosselter Produktion schöne Gewinne zu machen. Im Rückblick kann der ehemalige BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht der Finanzkrise sogar positive Seiten abgewinnen: „Das war eine tolle Zeit.“ Denn das Chemieunternehmen hatte gezeigt, dass es auch unter schwierigsten Bedingungen gegensteuern kann. Der Konzern legte 2008 vorübergehend rund 80 Anlagen still. Die Kapazitäten wurden vielfach deutlich verringert. Das war nicht einfach, denn in der chemischen Verbundproduktion hängt eine Anlage von der anderen ab.

Auch der Leverkusener Konkurrent Lanxess hat dieses Kunststück geschafft.„Unsere Margen sind selbst im Krisenjahr nur minimal gefallen“, sagt Lanxess-Chef Axel Heitmann, „das zeigt, dass wir in der Lage sind, die Gewinnschwelle durch flexibles Anlagenmanagement schnell zu senken, wenn dies erforderlich ist.“

Wie Lanxess senkten viele Unternehmen ihre Gewinnschwelle und sind nun in der Lage, bei niedrigerem Umsatz rentabel zu arbeiten oder weniger Verluste zu machen. So konnte der Druckmaschinenbauer Heidelberg seine Gewinnschwelle von über drei Milliarden Euro Umsatz auf 2,5 Milliarden Euro absenken. Deshalb konnte Heidelberg-Chef Bernhard Schreier nach mehreren Minusjahren wieder einen kleinen operativen Gewinn melden.

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