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10 Jahre nach der Pleite Die wundersame Wiederauferstehung von Märklin und Schiesser

Märklin: Zurück auf Erfolgskurs. Quelle: dpa

Vor zehn Jahren meldeten die Traditionsfirmen Märklin und Schiesser Insolvenz an. Heute sind beide Unternehmen wieder zurück in der Erfolgsspur und zeigen, wie ausgerechnet die Pleite zum Sanierungsturbo werden kann.

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Als am Mittwoch, den 4. Februar 2009, gegen halb zwölf im Amtsgericht Göppingen unweit von Stuttgart, ein vierseitiges Schreiben eingeht, verfliegt alle Mittagspausenstimmung bei Gericht. Absender ist die Geschäftsführung der Firma Märklin, jenes legendären Modellbahnherstellers, der jahrzehntelang die Kinderzimmer der Republik mit Loks und Waggons ausgestattet hat - und der nun per Schreiben Insolvenz anmeldet.

Das Gericht informiert Michael Pluta, dessen Kanzlei schon damals zu den wichtigsten Playern im Insolvenzgewerbe zählt. Er soll als Insolvenzverwalter das Kommando bei Märklin übernehmen. Sofort.

Am selben Tag beginnt in Nürnberg die Spielwarenmesse, es ist der wichtigste Termin des Jahres für die Branche. Pluta setzt sich in seinen BMW und gibt Gas. Er will sich auf der Messe zeigen, Zulieferern, Händlern und Kunden demonstrieren, dass es weitergeht. „Sanieren, das ist der schwerere Weg. Aber ich bevorzuge ihn“, verrät er wenig später dem „Spiegel“. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ihn der Fall Märklin über Jahre beschäftigen wird.

Schon 2006 stand die Firma vor der Pleite, die Gesellschafter waren tief zerstritten. Auch der Einstieg des Finanzinvestors Kingsbridge und der Investmentbank Goldman Sachs bringt nicht die Wende. Im Gegenteil: Geschäftsführer werden ausgetauscht, neue Berater angeheuert. Doch die Umsätze sinken weiter, von rund 170 Millionen Euro im Jahr 2002 auf 128 Millionen Euro 2008.  2009 weigern sich die Banken schließlich, die Kreditlinien zu verlängern: Märklin ist zahlungsunfähig. 1500 Mitarbeiter stehen vor dem Aus.

Pluta trifft auf ein Unternehmen in Schockstarre, das es viel zu lange versäumt hat, jüngere Kundengruppen anzusprechen. Stattdessen wurde das Sortiment immer weiter ausgebaut. Märklin produzierte nicht mehr für Kinder, sondern für Sammler.

Trotzdem gibt es schnell mehrere Dutzend Kaufinteressenten. Doch je tiefer Pluta und seine Experten in das Zahlenwerk des Unternehmens blicken, desto sicherer sind sie: Märklin kann nicht nur verkauft, sondern auch saniert werden. Sie kappen die Beraterkosten zusammen, verringern das Marketingbudget, streichen 400 Stellen und bringen Märklin so wieder in die Gewinnzone. Der Vorteil: Das Unternehmen muss nicht via Notverkauf veräußert werden, Pluta gewinnt Zeit. Nicht alle Gläubiger sind davon begeistert, viele drängen darauf, möglichst schnell zu verkaufen und wären dafür auch bereit, eine niedrigere Rückzahlungsquote auf ihre Forderungen zu akzeptieren. Doch Pluta bleibt standhaft. 

Im Hintergrund erneuert Märklin sein Sortiment und bietet wieder kindgerechtere Starterpakete an. Die Neuausrichtung kommt beim Handel an und den Konsumenten an. Das Geschäft nimmt Fahrt auf.

Als Märklin im Jahr 2012 zum dritten Mal einen Gewinn präsentiert, taucht mit der Familie Sieber, Inhaber der Spielwarengruppe Simba-Dickie, zudem ein Interessent auf, der das Potenzial der Marke sieht. Ende 2012 ist es soweit: Pluta verkündet, er habe einen Käufer gefunden. Märklin bleibt bestehen, es gibt eine Jobgarantie und die Forderungen der Gläubiger können komplett erfüllt werden. Seither ist Märklin weiter auf Erfolgskurs.

„Das Weihnachtsgeschäft lief ordentlich“, sagte Florian Sieber, der Geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens jüngst der WirtschaftsWoche. „Wir werden auch im aktuellen Geschäftsjahr, das bis Ende April geht, schwarze Zahlen schreiben.“

Neue Kreativität durch den Schock der Pleite

Ähnlich erfolgreich verlief die Rettungsmission bei einer weiteren deutschen Traditionsfirma, deren Management ebenfalls vor zehn Jahren den Gang zum Insolvenzgericht antrat. Am 9. Februar 2009 – nur wenige Tage nach Märklin – stellte der Wäschehersteller Schiesser aus Radolfzell am Bodensee Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.

Gleich mehrere Probleme waren dem Unternehmen mit damals 2300 Mitarbeitern zum Verhängnis geworden. Lange gehörten die Feinripp-Unterhosen und Hemden von Schiesser zu den bekannten deutschen Marken. Nachdem die weißen "Liebestöter“ zwischenzeitlich als Synonym von deutscher Spießigkeit galten, setzte das Unternehmen 2003 bewusst auf seine Tradition und brachte die Reihe „Schiesser Revival“ auf den Markt. Doch auch die Kollektion mit Namen wie „Karl Heinz“, „Franz“ oder „Veronika" brachten keinen durchschlagenden Erfolg. Die Umsätze gingen immer weiter zurück. Hatte das Unternehmen den 1990er Jahren nach Zukäufen im Ausland bis zu 285 Millionen Euro umgesetzt, waren es 2008 nur noch rund 130 Millionen Euro. Zudem bescherte das Geschäft mit Lizenzen, bei dem Hersteller ihre Produkte für andere Marken hergeben, Schiesser hohe Verluste: Die Lizenzfertigung für Marken wie Puma oder Tommy Hilfiger lohnte sich schlicht nicht. Hinzu kam die Kreditklemme in der Finanzkrise.

Zum Insolvenzverwalter der deutschen Schiesser AG wurde der Stuttgarter Rechtsanwalt Volker Grub bestellt. Auch Grub galt schon vor seinem Schiesser-Einsatz als einer der erfahrensten Sanierer des Landes und wurde seinem Ruf bei dem Wäschehersteller gerecht. Innerhalb kürzester Zeit brachte er die Firma auf Vordermann. Er kündigte die defizitären Lizenzverträge, lichtete das Firmendickicht, reduzierte die Belegschaft auf 1900 Mitarbeiter und ordnete die Logistik neu. Auch das Sortiment wurde gestrafft, die Kosten sanken und die Umsätze stiegen. Im Nachhinein scheint es fast so, als habe das Traditionsunternehmen den Schock der Pleite gebraucht, um wieder Kreativität zu entwickeln.

Nach gut anderthalb Jahren galt das Unternehmen als saniert, 2012 wurde ein Börsengang abgesagt und der israelische Konzern Delta Galil übernahm die Firma. Mit dem Geld aus dem Verkauf konnten alle Gläubigerforderungen aus dem Insolvenzplan befriedigt werden.

Seitdem geht es mit Schiesser bergauf. Dabei ist das Umfeld nicht gerade einfach. „Der Markt für Wäsche war in den vergangenen Jahren relativ stabil, 2018 eher leicht rückläufig“, sagte Richard Federowski von der Unternehmensberatung Roland Berger der Nachrichtenagentur dpa. „Mode als Differenzierungsmerkmal funktioniert nicht mehr wie früher.“ Unterwäsche hat es da noch einmal schwerer. Denn was drunter getragen wird, sieht man nicht.

Hinzu kommt neue Konkurrenz: „Große vertikale Modeketten wie H&M oder Primark haben viele klassische Wäschelieferanten teilweise ersetzt“, sagt Federowski. Die verlangen niedrigere Preise und sind oft moderner als die klassischen Hersteller. Heute verkauft Schiesser Lizenzen nur noch an ausgewählte Marken wie den Hemdenhersteller Seidensticker oder Lacoste und setzt auf eigene Läden.

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