25 Jahre Mauerfall Drei Unternehmen, die dem Osten Mut machen

Hier und da blühen sie doch, die Landschaften im Osten: der mühsame, aber erfolgreiche Aufstieg dreier Privatunternehmer aus den Ruinen der DDR-Planwirtschaft.

Diese Unterschiede herrschen zwischen Ost und West
Aktuelle WirtschaftsdynamikDie ersten sechs Monate 2013 liefen für West und Ost gleichermaßen schlecht: Die Wirtschaftsleistung schrumpfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die neuen Bundesländer erreichten ein Minus von einem Prozent; der Westen kam etwas glimpflicher davon (minus 0,3 Prozent). Berlin hingegen ist eine echte Überraschung gelungen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Stadtstaats wuchs um 0,5 Prozent und steht damit an der Spitze des Ländervergleichs. 2012 hat das BIP in Ostdeutschland um 2,2 Prozent, in Westdeutschland um 1,9 Prozent zugelegt. Quelle: dpa
JobsIm August waren in Westdeutschland etwa 2,1 Millionen Menschen arbeitslos, im Osten knapp 840.000. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,1 Prozent beziehungsweise 9,9 Prozent. 2005, dem bislang schlimmsten Jahr auf dem Arbeitsmarkt nach der Wiedervereinigung, sah es in beiden Teilen des Landes ganz anders aus: 20,6 Prozent betrug die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland, im Westen lag sie bei 11 Prozent. Quelle: BA Quelle: dpa
DemografieDer Osten schrumpft, der Westen wächst. In den neuen Ländern ist die Einwohnerzahl seit 1991 von etwa 18 Millionen auf 16,3 Millionen gesunken, im Westen hingegen von fast 62 Millionen auf 65,6 Millionen gestiegen. Quelle: Destatis. Quelle: dpa
EhescheidungenWestdeutsche lassen sich häufiger scheiden. Pro 10.000 Einwohner wurden im Westen 2011 fast 25 Ehen geschieden, das sind etwa 30 Prozent mehr als 1992. Im Osten stieg im gleichen Zeitraum die Quote zwar um stolze 135 Prozent – absolut allerdings nur auf etwa 15 Scheidungen. Quelle: Destatis. Quelle: dpa
RentenWestdeutsche haben im Alter immer noch mehr. Die sogenannte Standardrente, die ein Rentner erhält, nachdem er bei einem Durchschnittslohn 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, beträgt 2013 im Westen etwa 1137 Euro, im Osten 1040 Euro. 1992 war der Unterschied deutlicher: Westdeutsche erhielten 895 Euro, Ostdeutsche nur 455 Euro. Quelle: BMAS. Quelle: dpa
FrauenerwerbstätigkeitFrauen in Ost und West haben sich bei der Erwerbstätigkeit angenähert. Waren 1991 in den neuen Bundesländern noch fast 90 Prozent der Frauen zwischen 35 und 40 Jahren berufstätig, sind es mittlerweile nur noch rund 83 Prozent. Die Quote berufstätiger Frauen in den alten Bundesländern erhöhte sich von 70 auf 75 Prozent. Quelle: Universität Duisburg Essen. Quelle: dapd
Verfügbares EinkommenWährend in Ostdeutschland das Haushaltseinkommen pro Kopf von 1991 bis 2011 um etwa 46 Prozent stieg, wuchs es in Westdeutschland um satte 68 Prozent. Ein Ostdeutscher hat heute im, Schnitt etwa 17.000 Euro zur Verfügung, ein Westdeutscher fast 20.000. Quelle: Bundeswirtschaftsministerium. Quelle: dpa
ImmobilienbesitzOstdeutsche leben zunehmend häufiger in eigenen vier Wänden: Wohnten 1995 noch 37 Prozent der Menschen aus den neuen Bundesländern im Eigenheim, sind es 2013 bereits 46 Prozent. In Westdeutschland sind es 58 Prozent, ein Anstieg von fünf Prozentpunkten. Quelle: AWA Quelle: dpa
Kita-PlätzeEltern im Osten haben es besser.  Die Betreuungsquote in Ostdeutschland liegt fast ein Drittel höher als im Westen. Insgesamt kümmern sich etwa 885.000 Kitas um den Nachwuchs im Osten der Republik. Im Westen sind es 2,33 Millionen. Quelle: Destatis. Quelle: dpa
MigrationWestdeutschland ist deutlich internationaler als Ostdeutschland. Von den etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland mit einem ausländischen Pass lebten 2010 etwa 6,4 Millionen im Westen, nur etwa 310.000 im Osten. Den höchsten Ausländeranteil der Bundesländer weist Berlin auf: rund 480.000. Damit lebten mehr Ausländer in der Bundeshauptstadt als in den neuen Ländern insgesamt. Quelle: Destatis. Quelle: dpa

Gestern Raubbau, heute Wirtschaftswunder: Im Dresdner Stadtteil Gittersee überdecken die neu und wieder gegründeten Unternehmen die untergegangenen aus DDR-Zeiten.

Bis Anfang der Sechzigerjahre panschte hier noch der berüchtigte deutsch-sowjetische Rohstoffkonzern Wismut mit Uranerz und Schwefelsäure. Dann breitete sich auf einem Teil des Geländes eine staatseigene Chemie- und Reifenfabrik aus. Die schädlichen Hinterlassenschaften mussten nach der Wende für 46 Millionen Euro Steuergeld Kubikmeter für Kubikmeter weggeschaufelt werden, um 2001 ein neues Gewerbegebiet einzurichten.

Heute residieren auf dem Areal 60 Privatbetriebe – mittendrin die Stollenbäckerei Dr. Quendt. Das Unternehmen, benannt nach seinem Gründer, dem promovierten ostdeutschen Lebensmitteltechniker Hartmut Quendt, macht inzwischen 20 Millionen Euro Jahresumsatz, beschäftigt zur Hochsaison wie gerade im Herbst 200 Mitarbeiter und ist Marktführer bei Stollen mit dem Dresdner Herkunftssiegel. Kaum zu glauben, dass die weit über Sachsen hinaus bekannte Marke aus den Resten eines staubigen DDR-Backkombinats hervorgegangen ist, welches damals „die Versorgung der lokalen Bevölkerung mit Backwaren sicherstellen“ sollte, wie es in einer dürren Anweisung der SED-Wirtschaftsbürokratie hieß.

Ernüchternde Bilanz

25 Jahre nach dem Mauerfall am 9. November 1989 blüht der Osten längst nicht überall wie vom Einheitskanzler Helmut Kohl (CDU) versprochen, dafür aber hier und da. Dabei bildeten Reste der einst volkseigenen Betriebe, kurz: VEB, nicht nur ein Ruinenfeld, sondern wie bei Dr. Quendt bisweilen auch den seltenen Humus für einen Neuanfang. Keine Frage, die Ostunternehmer haben es weiterhin schwer auf dem Markt, die Bilanz für die Zeit nach der Wende fällt insgesamt ernüchternd aus. Trotz rasanter Aufholjagd sind die neuen Bundesländer in Deutschland immer noch Schlusslicht bei der Wirtschaftsleistung je Einwohner. Innovative Großbetriebe, bei denen Produktivität und Löhne höher sind als im gesamtdeutschen Durchschnitt, sind nach wie vor die große Seltenheit.

„Gegenüber Westdeutschland weist Ostdeutschland auch 25 Jahre nach dem Mauerfall erhebliche Strukturschwächen auf“, diagnostiziert das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und listet die wichtigsten auf:

  • Laut IWH fehlen dem Osten Unternehmenszentralen, die in Forschung und Entwicklung investieren und damit Wertschöpfung sowie Produktivität nach oben treiben.
  • Die ostdeutschen Firmen sind im Schnitt nur halb so groß wie ihre westdeutschen Konkurrenten. Da die kleinen aber über weniger Kapital und Managementkapazität verfügen, haben sie auch einen schlechteren Zugang zu lukrativen Auslandsmärkten.
  • Der Anteil der Unternehmen aus exportstarken Disziplinen wie dem Auto- und Maschinenbau ist im Osten niedriger als im Westen. Ausnahme ist Sachsen mit seiner forschungsstarken Halbleiterindustrie, die dem Freistaat den Beinamen Silicon Saxony eingebracht hat.
Anteil von Ost- und Westunternehmen am Umsatz im verarbeitenden Gewerbe je Disziplin

Die Ursache des Rückstands geht auch auf die früheren Kombinate zurück. So nannte die DDR ihre Staatskonzerne, die nicht selten eine kunterbunte Mischung an Sparten besaßen. Die Kolosse waren so schlecht für den Wettbewerb geeignet, dass Investoren und Gründer sie in kleine Einheiten aufspalteten.

So passierte es beim Stollenbäcker Dr. Quendt in Dresden, beim Steuerberatungsunternehmen Connex aus Halle, das aus den Resten eines Buchführungskombinats entstand, oder beim Schifffahrtsunternehmen Deutsche Seereederei, dem einstigen Stolz der DDR-Staatswirtschaft, aus dem ein Tourismus- und Immobilienunternehmen geworden ist.

Wer sich auf Spurensuche begibt, erlebt Überraschungen, welch lebendiges Unternehmertum trotz aller Strukturschwächen aus den Ruinen erwachsen ist.

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