Flugzeugsitze-Weltmarktführer Recaro „Bahnsitze sind meist relativ voluminös, aber von begrenztem Komfort“

Recaro-Chef Mark Hiller Quelle: Recaro

Recaro hat heftig unter der pandemiebedingten Flugverkehr-Flaute gelitten. Nun soll es mithilfe von Zug- und Gamingsitzen wieder aufwärts gehen, sagt Recaro-Chef Mark Hiller.

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Die Recaro-Holding mit Sitz in Stuttgart umfasst zwei Unternehmensbereiche: Die Recaro Aircraft Seating in Schwäbisch Hall ist Weltmarktführer für Flugzeugsitze und macht mehr als 90 Prozent am Gesamtumsatz der Holding aus. Daneben gibt es noch das Geschäft mit sogenannten Gaming-Sitzen für die Zielgruppe der Computer- und Konsolenspieler. Im Lizenzbetrieb laufen zudem die Geschäftsfelder Autositze sowie Kinderautositze. Seit Anfang 2022 leitet der langjährige Aircraft-Seating-Chef Mark Hiller, ein studierter Wirtschaftsingenieur, in Doppelfunktion auch die Recaro-Holding. Durch die Coronapandemie brach das Geschäft 2020 um 60 Prozent ein. 2021 erwirtschaftete die Gruppe einen Umsatz von 270 Millionen Euro. Im März verkündete das Unternehmen die Übernahme des polnischen Zugsitze-Herstellers Growag.

Herr Hiller, seit Beginn des Jahres müssen Sie pendeln zwischen Schwäbisch Hall, wo Sie Recaro Aircraft Seating leiten, und Stuttgart, wo Sie neuerdings auch die Recaro-Holding führen. Sind die Sitze im ICE so unbequem oder wie kamen Sie auf die Idee, nun den polnischen Zugsitze-Hersteller Growag zu übernehmen?
Die Sitze im Zug sind in der Tat etwas unbequem, zumindest im Vergleich zu manchen Flugzeugsitzen. Bei Fluglinien ist grundsätzlich eine andere Investitionsbereitschaft da hinsichtlich der Sitze.

Was meinen Sie?
Bahnsitze sind meist relativ voluminös, aber von begrenztem Komfort. Sie müssen andere Anforderungen erfüllen als Flugzeugsitze, etwa Anti-Vandalismus. Die Gefahr, dass randalierende Fahrgäste die Sitze auseinandernehmen, ist im Flugzeug ja deutlich geringer. Das aber trägt nicht zum Sitzkomfort bei. Mein Pendeln war jedoch nicht der Grund für diese Investition in Growag.

Sondern?
Wir sehen in dem Bereich Zugsitze großes Potenzial, gerade was nachhaltige Mobilität angeht.

Wen beliefern Sie denn künftig: neben Lufthansa vielleicht auch mal die Deutsche Bahn?
Wir haben schon jetzt, kurz nach der Übernahme von Growag Anfang März, Anfragen von potentiellen Kunden bekommen. Aber Growag ist mit rund 100 Mitarbeitern und 10 Millionen Euro Umsatz nicht auf dem ganzen Kontinent aktiv, sondern liefert vor allem im osteuropäischen Raum: in Polen und angrenzende Länder. In Westeuropa ist das Unternehmen noch nicht stark vertreten.

Worin unterscheiden sich die Geschäfte mit Flugzeug- und Zugsitzen?
Zu unseren Kundengruppen gehören Hersteller wie Operator – im Airline-Bereich sind die Operator dominant und im Zugsitz-Bereich sind es im Wesentlichen die Hersteller.

Und was ist besser für Ihr Geschäft?
Wenn es um das Reisen geht, betrachten wir gerne die komplette beziehungsweise nachhaltige Reisekette – Flug und Bahn ergänzen sich ganz wunderbar. Man reist mit der Bahn zum Flughafen an, nimmt seinen Flug und reist anschließend eventuell mit der Bahn bis zur finalen Destination. Mit Sicherheit werden Synergien entlang der Lieferkette als auch für den Bereich Forschung und Entwicklung entstehen.

Was ist mit regionalen Eisenbahngesellschaften?
Wir haben fest vor, auch mit den regionalen Anbietern Gespräche zu führen. Wir werden einen Schritt nach dem anderen gehen.

Neue Geschäftsfelder kann Recaro dringend gebrauchen: 2021 hat die Holding 270 Millionen Euro umgesetzt – weniger als im ersten Corona-Jahr 2020, als Recaros Umsatz aufgrund der pandemiebedingten Flugflaute um 60 Prozent eingebrochen war. Was war der Grund für den erneuten Rückgang?
2021 hat unser Produktmix eine erhöhte Nachfrage nach Kurzstrecke erfahren. Die Kurzstreckensitze sind günstiger, das hat trotz gesteigerter Produktion im Jahr 2021 zu einem niedrigeren Umsatz geführt.

Was erwarten Sie für das laufende Jahr?
Durch das Tal sind wir nun durch. In den vergangenen zwei Jahren waren wir mit dem erwähnten Umsatzeinbruch von 60 Prozent nicht profitabel, das ist kein Geheimnis. Deshalb ist es auch entscheidend, dass wir wieder profitabel werden. In Polen und in den USA mussten wir Personal abbauen, in Deutschland teilweise Kurzarbeit einführen. Das war keine leichte Zeit. Wenn ich unsere Auftragseingänge der vergangenen Monate sehe, bin ich aber sehr optimistisch. Wir stellen auch schon wieder neues Personal ein. Ich erwarte ein Wachstum im hohen zweistelligen Prozentbereich für 2022.

Woher soll das Wachstum kommen?
Die Nachfrage in den Regionen zieht enorm an. Dank der Nachhaltigkeitsbestrebungen investieren viele Fluglinien wieder viel, vor allem in ihre Effizienz. Da können auch wir einen Beitrag leisten.

Inwiefern?
Durch leichtere Sitze. In der Vergangenheit war etwa die Flugzeugsitz-Rückenlehne fast immer eine durchgehende Metallplatte, mit einer dicken Schaumstoffschicht beklebt. Heute bauen wir nur einen dünnen Metallrahmen, der wird mit einem deutlich leichteren Netz bespannt und einer sehr viel dünneren Schaumstofflage ausgestattet. So spart man Gewicht und auch Platz. Es passen, je nach Maschine, eine Reihe bis zwei Reihen mehr in ein Flugzeug.

Besteht nicht die Gefahr, dass durch den Klimawandel der Flugmarkt auf absehbare Zeit kleiner wird, weil man sich auf andere, CO2-ärmere Mobilitätslösungen fokussiert?
Ich gehe nicht davon aus, dass der Markt kleiner wird, im Gegenteil. In Asien wächst der Flugmarkt stark. Und auch auf technologischer Seite steckt noch wahnsinnig viel Potential im Flugverkehr. Unser Beitrag ist da natürlich begrenzt auf die Ausnutzung des Raumes, darüber hinaus gibt es alternative, klimafreundliche Treibstoffe und Antriebstechniken. Und CO2 ist nur das eine – Infrastruktur, Straßen und Bahnschienen verändern die Landschaften auch massiv. Zudem ist der Flugverkehr auch in einigen Regionen nicht zu ersetzen, etwa in Inselstaaten.

Seit Januar haben Sie gleich zwei Jobs im Recaro-Reich. Was an Ihrer neuen Doppelfunktion hat Sie am meisten überrascht, was am meisten gefordert?
Die für mich neue Breite des Geschäfts. Es sind alles Sitze. Aber unsere Gamingstuhl-Gruppe ist im Gegensatz zu den Flugzeugsitzen ein B2C-Geschäft, also mit direktem Endkundenkontakt. Wir verkaufen sie auch über unseren eigenen Webshop. Das klappt übrigens sehr gut, 2021 haben wir den Gamingstuhl-Absatz um 60 Prozent gesteigert. Da kam uns auch das stark genutzte Homeoffice zugute.

Diese nicht gerade günstigen und etwas verspielt wirkenden Sitze für die Computer- und Konsolenspieler werden auch fürs Homeoffice genutzt?
Der Fokus ist der Computerspieler. Wir haben eine Büro-Arbeitsstuhl-Zulassung, zum Beispiel für unseren Gamingstuhl Exo vom TÜV Rheinland. Die Gamingstühle erfüllen hohe Anforderungen an Ergonomie und Komfort. Dass man diese Stühle nun mehr und mehr im häuslichen Büro nutzt, verschafft uns zusätzlichen Rückenwind. Endlich mal eine Corona-Auswirkung, die sich positiv auf unser Geschäft auswirkt.

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