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Helden Contra Corona - Erfahrungsbericht #1 Beton-Unternehmer Kortmann fährt auf Sicht

In vertrauter Umgebung: Beton-Unternehmer Henning Kortmann produziert nach wie vor. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Seit fast 100 Ausgaben widmet sich die WirtschaftsWoche wöchentlich den „Helden des Mittelstands“ und ihren kreativen Problemlösungen im betrieblichen Alltag. Wir haben nachgefragt, wie und mit welchen Ideen die findigen WiWo-Helden durch die Coronakrise kommen – heute bei Henning Kortmann.

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Doch, Henning Kortmann hat ein paar Minuten Zeit für ein Telefonat – trotz Corona und wegen Corona. Das Gefühl, ständig handeln und neu justieren zu müssen, stimmt ja nicht immer mit der Realität überein. „Eigentlich läuft das Unternehmen noch fast normal“, sagt der 32-jährige Unternehmer – mit Betonung auf „noch“.

Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute kann sich das ändern, weil keiner weiß, ob und wann die Behörden weitere Beschlüsse zur Verlangsamung der Virus-Ausbreitung erlassen und wie sie das Unternehmen direkt oder indirekt betreffen. Kreatives Krisenmanagement ist gefragt. Aber wie soll man kreativ sein, wenn die Krise anderswo zwar wütet, sich das aber überall anders darstellt - und man nicht mal sicher sein kann, ob sie wirklich vor der eigenen Tür steht?

Im Mai 2019 stellte die WirtschaftsWoche Kortmann als „Held des Mittelstands“ vor, weil er die tägliche Produktion von 200.000 Pflastersteinen und Betonplatten durch den Einsatz eines mit 3-D-Kamera ausgerüsteten Roboters in der Produktion revolutioniert hat. „Wall E“ wird der orangefarbene Hightech-Kollege mit dem langen Greifarm firmenintern genannt - nach dem Hauptdarsteller des computeranimierten Science-Fiction-Films „Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf“. Die Handlung klingt prophetisch: Die Menschen haben die vermüllte und unbewohnbare Erde schon vor ein paar Jahrhunderten verlassen, Müllroboter des Typs Wall E wurden zurückgelassen und räumen auf. Die Menschen leben in Raumschiffen im Weltraum.

Ganz so weit ist es noch nicht beim Baustoffproduzenten Kortmann Beton im niedersächsischen Schüttorf nahe der niederländischen Grenze. Zehn von 30 Büro-Mitarbeitern des Verwaltungstraktes sind seit dieser Woche im Homeoffice, einige weitere werden in den nächsten Tagen die Arbeit mit nach Hause nehmen, wenn die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Die Produktion von Betonsteinen, Betonplatten und die Herstellung individuell geformter Betonfertigteile läuft noch. Kein Lieferant steht im Stau an der polnischen Grenze, weil Kortmann seine Rohstoffe alle aus Deutschland im Umkreis von maximal zweieinhalb Stunden Fahrzeit bezieht. Auch die Abnehmer werden wie gewohnt beliefert, weil ihre Baustellen nicht stillstehen, sondern weiter laufen. Selbst „neue Aufträge kommen bisher noch im normalen Umfang rein“, sagt Kortmann.

Und im Baumarkt, der zum Unternehmen gehört und im Gegensatz zu Textil- und Schuhgeschäften noch öffnen darf, ist „nun jeden Tag Hochbetrieb wie sonst samstags“, gibt der Chef den Lagebericht seines Marktleiters wider. Damit die Kunden beim Baumarkt-Shopping Corona nicht doch verbreiten, trennen nun allerdings Glasscheiben die Kunden von den Kassiererinnen. Markierungen auf dem Boden sollen für Abstand in der Warteschlange sorgen. Schilder erklären, warum nicht per Handschlag begrüßt und auf Distanz beraten wird: „Wir sind nicht unfreundlich, aber...“

In der Produktion hat Kortmann die Schichtpläne so geändert, dass notfalls ein Team in Quarantäne gehen könnte, wenn ein Mitarbeiter den Coronavirus haben sollte, und das andere Team arbeitsfähig bliebe. Seine vier Außendienstmitarbeiter hat Kortmann kurzerhand Überstunden abbauen lassen und in Urlaub geschickt: „Die will doch jetzt keiner zu Besuch im Unternehmen haben angesichts der Angst vor Ansteckung durch Gespräche und Kontakte“, sagt er. Ob das arbeitsrechtlich angreifbar wäre, weiß er nicht genau: „In der aktuellen Situation machen die Leute auch bei ungewöhnlichen Maßnahmen mit.“

Alles andere sind Szenarien, die Kortmann hin und her wendet. Er hört von anderen Unternehmen der Baustoff-Branche, denen die polnischen und ukrainischen Arbeiter weglaufen, weil die nach Hause wollen in Zeiten sich schließender Grenzen. Wenn das Kortmanns Lieferanten passiert, geht auch in seiner Produktion das Licht aus. Ebenso, wenn die Baustellen der Kortmann-Kunden dicht machen würden und die Betonstein-Ware den Hof füllt.

Kortmann steuert das Unternehmen wie im Nebel: auf Sicht. Stünde die Firma in der Grafschaft Bentheim plötzlich still, „wüsste ich nicht, wie lange wir klar kämen ohne Kredit“, sagt der junge Unternehmer, der seit sechs Jahren die Firma führt und verantwortlich ist für 140 Mitarbeiter und 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Gebäude und Grundstücke gehören dem Unternehmen. Die Energiekosten wären weitgehend reduziert, wenn die Maschinen nicht mehr liefen. Als wesentliche Fixkosten blieben Löhne und Nebenkosten. Kortmann ist deshalb dabei, sich vorsorglich über Kurzarbeit und Steuerstundung zu informieren. Noch hat er keinerlei verbindliche Infos zur Antragstellung. Infos von der Industrie- und Handelskammer? „Gab es keine bisher“, sagt er.

Dass die Bauwirtschaft einen Stillstand nach wieder einsetzender Wirtschaftsaktivität aufholen könnte, glaubt Kortmann nicht: „Das Limit am Bau sind ja vor allem die Hände, die Arbeitskraft – und da war die Bauwirtschaft schon seit Monaten an der Leistungsgrenze. Was aufgeschoben wird, wird auf Kosten der nächsten Projekte nachgeholt.“

Was beunruhigt, ist der allgemeine Informationsfluss. Nachdem die Seuche lange auf Abstand war, gab es vergangene Woche plötzlich in einem Nachbarort angeblich zehn Infizierte. Täglich hört Kortmann, was der Charité-Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast über die Corona-Lage sagt. Beeindruckt und erschreckt haben Kortmann vor allem Gespräche mit befreundeten Unternehmern aus den vergangenen Tagen, etwa einem Manager aus der Touristikbranche, einem Event-Manager und einem Messebauer: „Vor vier Wochen hatten sie die ersten Stornierungen. Nun stehen sie komplett ohne Aufträge da und wissen nicht weiter. Einer ist am Telefon verzweifelt in Tränen ausgebrochen“, berichtet Kortmann.

Kortmann, auf dessen Visitenkarte 'Bachelor of Arts' und 'Betontechnologe' steht, hatte in Zeiten von Fridays for future vor kurzem noch ganz andere Herausforderungen im Blick. Sämtliche Dächer der Unternehmensgruppe sind mit Fotovoltaikanlagen ausgerüstet. Ein Blockheizkraftwerk produziert Strom und Wärme für die Fabrik. Der Diesel-Lkw auf dem Firmengelände sollte demnächst einen Elektromotor bekommen. Nun geht es um Weltwirtschaftskrise statt Energiewende und Klimaschutz. Die großen globalen Themen, die plötzlichen existenziellen Sorgen der Freunde, die Relevanz der Corona-Seuche für die Welt und fürs Land, die persönliche Befindlichkeit und die Anliegen des eigenen Unternehmens – es ist schwer, das alles in Einklang zu bringen.

Im Film um Wall E beginnen die Menschen am Ende gemeinsam mit den Robotern, die Erde zu rekolonialisieren. Im optimistischen Abspann blüht der marode Planet wieder zu einem schönen Garten auf, und die Körper der im All degenerierten Menschen erholen sich. Wie Kortmanns Welt – auch wirtschaftlich – nach der Corona-Krise aussieht, ist derzeit schwer vorstellbar.

Mehr zum Thema: In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Doch was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden contra Corona“ finden Sie hier.

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