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Mehr als 200 Mitarbeiter betroffenSpezialpapierfabrik Ober-Schmitten meldet Insolvenz an

Noch vor wenigen Wochen galt Ilkem Sahin, Chef der türkischen IS Holding, als Retter der 200 Jahre alten Papierfabrik. Nun hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Es ist nicht die erste Pleite im Umfeld des Investors.Florian Weyand, Henryk Hielscher 04.09.2024 - 14:39 Uhr

Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten

Foto: SPO

Ilkem Sahin strotzte vor Zuversicht: „Ich habe keinen Zweifel, dass der Erfolg kommt“, verkündete der Chef der türkischen IS Holding nach dem Kauf der Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten (SPO) im vergangenen Jahr. Die SPO könne Produkte herstellen, „die sonst keiner hat, und wir wollen sie offensiv vermarkten“, beteuerte Sahin damals. Im Frühjahr 2024 legte er nach, versprach neue Arbeitsplätze und ein „sehr großes Investment“ bei der über 200 Jahre alten Papierfabrik. 

Nun ist klar: Aus den großen Plänen wird nichts. Die ISHPaper GmbH und die Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten GmbH haben heute Insolvenz angemeldet. Das Amtsgericht Friedberg setzte Jan Markus Plathner von der Kanzlei Brinkmann & Partner bei den Unternehmen mit insgesamt rund 190 Mitarbeitern als vorläufigen Insolvenzverwalter ein. Plathner hat Erfahrung in der Branche. Vor einigen Jahren war er bereits beim Papierhersteller PaperlinX im Einsatz. Bei der SPO wolle er sich nun zunächst einen Überblick verschaffen, so Plathner gegenüber der WirtschaftsWoche.

Übernahme für einen Euro

Dabei dürfte der vorläufige Insolvenzverwalter auch einen Blick auf die jüngere Vergangenheit des Unternehmens werfen. Die Fabrik im hessischen Dorf Ober-Schmitten gehörte bis zum Jahr 2023 zum US-Unternehmen Glatfelter. Doch der Spezialpapier-Hersteller plante die Schließung der defizitären deutschen Niederlassung. Die Mitarbeiter hätten ihre Jobs verloren. Doch dazu kam es erst einmal nicht: Mitte August stellte sich mit der ISHPaper GmbH plötzlich ein Retter vor, der den Betrieb übernahm – offenbar zum symbolischen Preis von einem Euro. Der Deal sei „auf den letzten Drücker“ zustande gekommen, erinnert sich ein Kommunalpolitiker aus Ober-Schmitten. Er sei damals froh gewesen, dass es mit dem Betrieb im Ort weitergehe. 

Unternehmenspleiten

Zahl der Insolvenzen steigt wieder zweistellig

Für ihren einen Euro erhielten die Investoren laut des Geschäftsberichts von Glatfelter millionenschwere Vermögenswerte: darunter „Cash“ in Höhe von 5,7 Millionen Euro, Inventar mit einem Wert von fünf Millionen Euro sowie weitere Forderungen und Vermögenswerte in Millionenhöhe. Allerdings wurden laut der Unterlagen auch Verbindlichkeiten von mehr als sieben Millionen Euro übernommen. Glatfelter musste am Ende mehr als 17 Millionen Euro abschreiben.

Mitte September des vergangenen Jahres stellten sich die damaligen Geschäftsführer der ISHPaper GmbH – Ilkem Sahin und Karani Gülec, die aus Istanbul in der Türkei stammen – sogar im Ortsbeirat von Ober-Schmitten vor. Der Besuch der Investoren stieß auf großes Interesse. Neben Parteivertretern und Verwaltungsmitarbeitern waren etwa 25 Besucher da, geht aus dem Versammlungsprotokoll hervor. „So eine Beteiligung haben wir eigentlich nur, wenn es um die Erhöhung von Steuern geht“, sagt ein Kommunalpolitiker, der damals dabei war.

Hohe Investitionen angekündigt

In der Sitzung sprachen Sahin und Gülec über ihre Pläne für die Papierfabrik. Sie wollen das Unternehmen „wie einen Familienbetrieb führen, nicht wie einen Konzern, für den Shareholder-Value weit oben auf der Prioritätenliste steht“, erklärten die Investoren. Laut des Versammlungsprotokolls wollte man neue Produkte entwickeln und dabei mit Hochschulen zusammenarbeiten. 

Einige Monate später äußerten sich die Investoren noch einmal gegenüber der Lokalpresse zur Lage in der Papierfabrik. „Ober-Schmitten ist keine gewöhnliche Papierfabrik, sondern etwas Außergewöhnliches. Wir sind von den Produkten überzeugt“, sagte Sahin im April 2024 gegenüber der „Frankfurter Neue Presse“. Zudem war von großen Investitionen die Rede. „Insgesamt 500 Millionen sollen in den Niddaer Stadtteil fließen“, schrieb die Zeitung nach dem Treffen mit den Investoren. Vollmundige Ankündigungen, die in der Kommunalpolitik und bei der Belegschaft lange gut ankamen.

Fragen bei der Betriebsversammlung

Doch vor einigen Monaten soll die Stimmung im Unternehmen und auch im Ort gekippt sein. Grund dafür soll unter anderem die schlechte Kommunikation zwischen den türkischen Investoren auf der einen Seite und den Führungskräften vor Ort, der Belegschaft und auch Gewerkschaftsvertretern auf der anderen Seite gewesen sein. Zuletzt habe man Geschäftsführer Karani Gülec Anfang Juli bei einer Betriebsversammlung am 2. Juli sprechen können, heißt es aus der Belegschaft. „Auf kritische Fragen ist aber kaum geantwortet worden“, sagt ein Augenzeuge. 

Löhne und Gehälter sollen in der Vergangenheit jedoch immer pünktlich gezahlt worden sein. Das hat sich nun geändert. „Unsere Mitglieder haben uns durchgegeben, dass für den Monat August die Löhne und Gehälter ausstehen“, sagt Astrid Rasner, Gewerkschaftssekretärin der IGBCE Mittelhessen. Sie dürften nun zunächst Insolvenzgeld erhalten.  

Die hessische Spezialpapierfabrik ist nicht das einzige Unternehmen der türkischen Investoren, das sich nach der Übernahme in einem Insolvenzverfahren befindet. Im vergangenen Jahr übernahm Geschäftsmann Sahin den Felgenhersteller BBS aus dem damals bereits vierten Insolvenzverfahren heraus. Doch auch diese Investition lief offenbar nicht reibungslos und das mittlerweile unter dem Namen BBS Autotechnik GmbH handelnde Unternehmen meldete am 26. Juli 2024 Insolvenz an.

Lesen Sie auch: Ausländische Investoren: Übernahme abgelehnt!

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