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Nachfolgeregelung Tinder für den Mittelstand

November 2019: Begrüßung des neuen OKM-Geschäftsführers in Altenburg. Von links nach rechts: Firmengründer und Geschäftsführer Andreas Krauß, neuer Geschäftsführer Stephan A. Grund, ehemaliger Geschäftsführer Ingolf Müller, stellvertretender Geschäftsführer, Prokurist und führender Softwareentwickler Christian Becker. Quelle: OKM

Ein junger Gründer übernimmt einen etablierten Mittelständler in Thüringen. Er will den Weltmarktführer für Metalldetektoren mit modernen Managementmethoden entstauben – und zu neuer Größe führen. Kann das gut gehen?

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Von den Finanzen hatte Stephan Grund nach gut 25 Vorgesprächen schon ein ziemliches genaues Bild. Doch als er vor zwei Jahren zum ersten Mal vorm Firmengebäude von OKM stand, musste er schlucken. Zwischen Autohandel, Schraubenfachhandel und Kfz-Prüfstelle steht im Gewerbegebiet der thüringischen 30.000-Einwohner-Stadt Altenburg eine Pyramide aus goldgetöntem Glas – mit Pharao-Statuen rechts und links der goldbeschlagenen Eingangspforte. Für den ehemaligen Chef des Berliner Start-ups Caterwings ein Kulturschock: „Das war mir doch ein bisschen viel Bling-bling“, sagt Grund. „Mir kamen Zweifel, ob das wirklich zu mir passt.“

Letztlich hat Grund seinen Plan durchgezogen: Er hat den Hersteller von Metalldetektoren übernommen. Seit September 2019 ist er nun Hausherr der Pyramide – und hat sich vorgenommen, den mittelständischen Betrieb mit 32 Angestellten in eine goldene Zukunft zu führen. „Ich will das Lebenswerk der Unternehmensgründer in die nächste Dekade bringen“, sagt der 33-Jährige. Die hatten ihre Firma zum Verkauf gestellt – weil sie mit Mitte 50 bereits in Rente gehen wollen, geeignete Nachfolger im eigenen Umfeld aber nicht in Sicht waren.

Eine Firma übernehmen, die andere aufgebaut haben? Für Menschen in Grunds Alter ist das ein ungewöhnliches Wagnis. Wer sich zum Unternehmer berufen fühlt, setzt meist alles daran, ein eigenes Start-up aufzubauen – und träumt vom schnellen Aufstieg mit millionenschweren Finanzierungsrunden. „Das Bild ist total verzerrt. Tatsächlich scheitern neun von zehn Start-ups schon in den ersten drei Jahren“, sagt Grund. Mit seiner eigenen Geschichte wolle er zeigen, dass es eine attraktive Alternative zur Neugründung gibt.

Die OKM-Zentrale in Altenburg. Quelle: OKM

Hidden Champion sucht Inhaber

Tatsächlich ist der Bedarf an Menschen wie ihm groß. Denn vielen mittelständischen Betrieben droht das Aus, weil ein Nachfolger fehlt. In 260.000 kleinen und mittleren Unternehmen wollen sich in den kommenden zwei Jahren die Inhaber zurückziehen, ergab eine Erhebung von KfW Research Ende vergangenen Jahres. Geregelt ist der Übergang aber erst bei der Hälfte. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich niemand findet, wächst: Den KfW-Daten zufolge nimmt die Zahl so genannter Übernahmegründungen ab – 2019 etwa fanden sich nur 67.000 Unternehmer, die eine bestehende Firma übernommen haben.

Unter die Räder zu kommen, drohen auch hochspezialisierte Betriebe, die in ihrer jeweiligen Nische Weltmarktführer sind – oder zumindest weit oben mitspielen. So wie OKM Detectors. Gegründet 2001 von zwei Tüftlern, hat sich die Firma mit ihren Metalldetektoren einen guten Ruf bei Schatzsuchern und Archäologen rund um den Globus erarbeitet. Kunden aus dem Ausland sorgen bei OKM für 90 Prozent der Umsätze. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie in der Türkei sind die Thüringer mit eigenen Vertriebsniederlassungen vertreten.

Die Karriere des neuen Eigentümers begann bei einer Unternehmensberatung. Dann wurde er Mitgründer bei Caterwings, einer Vermittlungsplattform für Cateringfirmen. Auf den Weg gebracht hatte das Rocket Internet. Grund genoss das typische Start-up-Leben in Berlin: Alles war ausgerichtet auf schnelles Wachstum und millionenschwere Finanzierungsrunden, das Team jung und motiviert. Es habe ihm gut gefallen „Innovationen gemeinschaftlich voranzutreiben“, sagt Grund. Doch als Rocket Internet Caterwings dann mit anderen Firmen zu einer Holding verschmelzen wollte, stieg Grund aus.

Auf Schatzsuche in Onlinebörsen

Dass sich der Betriebswirt gegen die Gründung eines neuen Start-ups entschieden hat, ist auch ein Eingeständnis der eigenen Schwächen. „Ich bin nicht gut daran, aus dem Nichts etwas aufzubauen“, sagt Grund. „Meine Stärke sehe ich im Management.“ Monatelang durchforstete er Nachfolgebörsen im Internet, sprach mit M&A-Beratern, guckte sich potenzielle Übernahmekandidaten an. Die Kriterien: Drei bis fünf Millionen Umsatz, eine Gewinnspanne um die 15 Prozent – und ein Firmensitz irgendwo in Deutschland. In die engere Auswahl kamen neben OKM eine kleine Brauerei in der Nähe von München sowie ein Unternehmen bei Leipzig, das Möbel für den Einzelhandel produziert.

„Das Bauchgefühl war bei dieser Entscheidung ganz wichtig“, sagt der gebürtige Bonner. Die Brauerei? Hätte modernisiert werden müssen. Der Möbelbauer? Sehr handwerkslastig, sehr abhängig vom Handel. Bei OKM, so befand der Unternehmer, stimmte fast alles: Die Firma ist technisch gut aufgestellt, trotz zuletzt sinkender Umsätze profitabel, hat einen internationalen Kundenstamm – und ist von Konjunkturkrisen wenig betroffen. Firmen-Mitgründer Andreas Krauß stimmte zu, vorerst als Technikchef und Gesellschafter noch an Bord zu bleiben, während sein Kompagnon Ingolf Müller seine Anteile sofort an Grund verkaufte.

Bei den Mitarbeitern hat der Gesellschafterwechsel zunächst für Unruhe gesorgt. Da kommt ein Jungspund mit Start-up-Attitüde ins Unternehmen, der mit neuen Begriffen um sich wirft. Der schon vor Corona von Homeoffice-Möglichkeiten spricht – und selbst nur von Montag bis Donnerstag in der Firma ist, um am Wochenende in Berlin sein zu können. „Viele Mitarbeiter waren verständlicherweise verunsichert“, sagt Grund. „Und sicherlich war die Sorge groß, dass der Neue reihenweise Leute rausschmeißt.“

Geschenke an die Belegschaft

Um sich beliebt zu machen, hat Grund gleich zum Start Geschenke verteilt – der 33-Jährige selbst spricht von „Quick Wins“: Weil sich alle über den Kaffee beklagten, bestellte er bessere Maschinen und Bohnen. Er organisierte ein Betriebsfest. Und um die Kommunikation zu verbessern, wurden Jour fixes eingeführt: Jeden Dienstag gibt es nun Treffen mit den Teamleitern, einmal im Monat kommt die ganze Belegschaft in einem „Townhall-Meeting“ zusammen. „Vorher wusste der Vertrieb oft nicht, was die Ingenieure machen und umgekehrt.“



Auch digitale Kommunikationskanäle haben bei OKM Einzug erhalten – und sich im Corona-Jahr schnell bewährt. Wie bei vielen anderen Mittelständlern hatten sich die vorherigen Geschäftsführer mit den Möglichkeiten von Kollaborations-Tools wie Slack oder Microsoft Teams nicht befasst. Videokonferenzen mit Kollegen oder Kunden waren die Ausnahme.

Die befürchteten Massenentlassungen gab es nicht, doch mit dem Amtsverständnis des neuen Chefs hadern noch immer viele Mitarbeiter.  Grund sagt, er wolle niemandem sagen, wie er seinen Job zu machen hat – sondern für die nötigen Rahmenbedingungen sorgen. Das verspricht große Freiheiten, kommt aber nicht bei allen gut an. „Ich musste erst einmal lernen, dass für manche der Job rein dem Broterwerb dient“, sagt Grund. Das sei im Start-up anders gewesen. „Wenn ich Themen nach vorne bringen will, muss ich jetzt meist selbst der Treiber sein.“

Fokus auf das Kerngeschäft

Zu Grunds strategischen Entscheidungen gehörte es, alle Projekte abzuwürgen, die nichts mit Kerngeschäft zu haben. So hatten die Firmengründer viel Energie in die Entwicklung einer kabellosen Abwurfanlage für das Tontaubenschießen investiert. Die Ingenieure sollten zuletzt zudem eine Art Alarmanlage für Autotanks entwickeln. Nun konzentriert sich OKM wieder voll auf Metall-Detektoren. Die eigenen Geräte kosten zwischen 5000 und 30.000 Euro und richten sich an professionelle Schatzsucher und Profis. Unter der Marke Crazy Detectors vertreibt das Unternehmen nun auch günstigere Geräte für Hobbysucher. Grund plant zudem, weitere Detektoren für die industrielle Anwendung zu entwickeln.

Auch eine Schönheitskurs stand an: Das Unternehmen bekam einen neuen Internetauftritt, das Design der Produkte wurde vereinheitlicht – und der Kundenservice personell verstärkt. „Früher war man darauf fokussiert, mit möglichst viel Arbeit möglichst viel zu verkaufen“, sagt Grund. Jetzt soll OKM Schatzsuchern, Archäologen oder Kampfmittelräumdiensten auch nach dem Kauf noch zur Seite stehen. Das soll nicht nur die Kundenbindung stärken, sondern auch das Softwaregeschäft ankurbeln. Mit dem Programm der Firma lassen sich Ergebnisse aus Bodenscans in 3D anzeigen. So sollen sich etwa die Position, Größe und Tiefe von Objekten schon vor einer Ausgrabung bestimmen lassen.

Finanziell zahlt sich der neue Kurs aus: Trotz Corona hat das Unternehmen nach Angaben des Geschäftsführers Umsatz und Gewinn im vergangenen Jahr um 15 Prozent gesteigert. Für Grund geht es auch persönlich um viel Geld. In die millionenschwere Übernahme sind zum einen seine Ersparnisse geflossen. Zum anderen hat er einen Gründerkredit der KfW im Umfang von 500.0000 Euro sowie Bankkredite aufgenommen. Auch bei den alten Gesellschaftern steht er in der Kreide: Vereinbart wurde, dass sie nicht den vollen Kaufpreis sofort bekommen, sondern in Raten über mehrere Jahre.

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„Ich schlafe dennoch besser als früher“, sagt Grund. „Ich bin nicht darauf angewiesen, immer neues Wagniskapital heranzuschaffen, sondern Chef eines profitablen Unternehmens.“ Selbst mit dem pompösen Firmengebäude im Gewerbegebiet hat er inzwischen seinen Frieden gemacht. Denn so befremdlich die Immobilie in einem deutschen Gewerbegebiet auch wirkt – bei den Kunden kommt sie durchaus an. „Wenn Besucher aus der arabischen Welt hier sind, haben die gleich ein Strahlen in den Augen.“

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