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Streit um Immobilie Windhorsts Horror-Haus sorgt in Hannover für Ärger

 Gerd Runge Quelle: Volker ter Haseborg für WirtschaftsWoche

Der Hertha-Investor hatte vor zwei Jahren eine Sanierung versprochen – und nicht eingehalten. Die Politik ist sauer, Anwohner auch. Windhorst sagt über sein Investment: „Da muss man kein Zauberer sein, um das hinzukriegen.“

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Hannover, an einem Samstagnachmittag im Juni. Gerd Runge hat zum Rundgang durch das Ihme-Zentrum geladen. Was er von der Immobilie hält, macht er sogleich klar: „Es ist eine Sauerei für den ganzen Stadtteil.“ Runge läuft los, er startet am Ihmeufer. Der Stadtteil Linden ist beliebt: schöne Cafés, teure Altbauwohnungen.

Doch das Ihme-Zentrum, in das Runge jetzt führt, passt so gar nicht hierher. Ein Monster aus Beton, eine Horror-Kulisse mit einer Fläche von 285.000 Quadratmetern. Das Ensemble besteht aus Wohn- und Bürotürmen – die unteren Geschosse waren mal ein Einkaufszentrum. Während die Türme zwar hässlich, aber einigermaßen intakt sind, rottet das verwaiste Einkaufszentrum vor sich hin.

Runge, 61 Jahre alt, bordeaux-farbenes T-Shirt, karierte Stoffhose, kurze graue Haare, ist Architekt von Beruf, er engagiert sich im Verein „Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum“ und wohnt seit 40 Jahren mit Blick auf das Ihme-Zentrum. Er zeigt alte Bilder von einer Weberei, die auf dem Gelände ansässig war, Boote versorgten die Fabrik über die Ihme mit Rohstoffen. Als die Textilindustrie die Stadt verließ, habe die Stadt eigentlich alles richtig gemacht, berichtet Runge.

Quelle: dpa Picture-Alliance

In den Sechzigerjahren wollte man eine neue Architektur wagen – Hochhäuser zum Wohnen und Arbeiten inmitten von für alle zugänglichen Grünflächen; auf einer großen Piazza sollten die Menschen zusammenkommen, der Verkehr sollte unterirdisch verlaufen. Doch die Pläne wurden schon damals über den Haufen geworfen. Man setzte vor allem auf Einzelhändler, die aus der Innenstadt herausgelockt wurden, um sich in dem abgeschotteten Bau anzusiedeln.

Es stinkt nach Urin

Runge steht jetzt da, wo einst das Einkaufszentrum war. „Hier war der Aldi, da der Saturn“, sagt er und zeigt auch, wo sich der Buchladen und das Eiscafé mal befunden haben. Kurz nach der Jahrtausendwende zogen Saturn und der Briefmarkenladen aus, seitdem ist die Passage eine Ruine. Es stinkt nach Urin, Tauben gurren, Müll liegt im Schutt. Ein Sicherheitsdienst muss Dealer verscheuchen. Zwei Krimis seien in dieser Grusel-Kulisse schon gedreht worden, berichtet Runge und lacht grimmig auf.

Quelle: imago images

Vor zwei Jahren ist Investor Lars Windhorst hier eingestiegen, nachdem andere Investoren sich erfolglos an dem Objekt versucht hatten. Windhorst übernahm Gewerbeflächen, Büros und Wohnungen – und versprach, das Ihme-Zentrum wachzuküssen. Dass die Stadt Hannover einen Teil der Büros angemietet hat, macht das Investment interessant, der Staat ist ein zuverlässiger Mieter. Windhorst gelobte, die Fassade des Ihme-Zentrums zu sanieren und ein Konzept für die künftige Nutzung des Einkaufszentrums zu machen. Doch: Passiert ist wenig. „Er hat Gerüste aufstellen lassen und wieder abbauen lassen. Da steckt keine Systematik dahinter, und er hat damit die vereinbarten Zeitpläne verfehlt“, kritisiert Runge.

Quelle: imago images

Die Frist für die Sanierung konnte Windhorst nicht einhalten. In dieser Woche wandte sich Hannovers grüner Bürgermeister Belit Onay an die Öffentlichkeit und berichtete von einem neuen Vertrag mit Windhorsts Immobiliengesellschaft. Demnach verpflichtet sich Windhorsts Firma, die Gewerbeflächen innerhalb von 24 Monaten zu sanieren. Wenn Fristen nicht eingehalten werden, sind Vertragsstrafen fällig. Und: Die Mitarbeiter der Stadt ziehen im September aus – und nur wieder ein, wenn Windhorst seine Versprechen erfüllt.

Architekt Runge sagt, dass Windhorst vor zwei Jahren nach Hannover gekommen sei und sich im Gespräch mit Politikern und Anwohnern glaubhaft als Retter präsentiert hätte. „Heute bin ich enttäuscht von ihm.“ Runge führt durch das Geschoss, in dem Windhorst eine Shoppingmall errichten will, Pläne dazu gibt es bereits. „Das ist totaler Schwachsinn“, wettert Runge. Wer will denn eine Mall in Zeiten, in denen der Einzelhandel ohnehin schlecht läuft? Runge plädiert für ein Gebäude, das durchlässig ist für Fahrradfahrer und Fußgänger, in dem nicht nur Geschäfte, sondern auch Handwerker sitzen – und in dem auch Kultur stattfinden kann.

Quelle: imago images

Lars Windhorst hingegen sieht die Sache ganz anders: „Auch wenn das vor Ort vielleicht blöd klingt, verglichen mit anderen Investments ist das Ihme-Zentrum eher unkompliziert“, sagt er. Jetzt müsste die Sanierung fertig werden. „Dann ist sicher, dass auch der Bereich mit den Geschäften voll vermietet werden kann.“ Und die Verspätung beim Sanieren? „Es gab eine Verzögerung, weil Wohnungseigentümer gegen die Sanierung geklagt haben. Inzwischen haben wir ihnen die Wohnungen abgekauft. Es kann weitergehen.“ Hannover sei eine der Top-10-Städte in Deutschland, die Immobilie habe eine zentrale Lage und zuverlässige Mieter, sagt Windhorst: „Dieses Projekt ist sicher und solide. Da muss man kein Zauberer sein, um das hinzukriegen.“

Gute Lage, schlecht genutzt

Architekt Gerd Runge ist am Ziel seiner Führung angelangt. Einer Art Aussichtsbalkon im Ihme-Zentrum, mit Blick auf den Fluss, auf dem an diesem Nachmittag Kanus fahren, am Ufer liegen Menschen in der Sonne. Man kann von hier auf die Innenstadt von Hannover blicken, auf die Kuppel des Rathauses und die Marktkirche.

Quelle: imago images

Die Stadt müsste selbst das Sanierungsverfahren einleiten, fordert Runge. So sehe es das Baugesetzbuch für die Beseitigung städtebaulicher Missstände vor. Nur so könne das Ihme-Zentrum von einer Ruine zu einer attraktiven Ergänzung des Stadtteils werden, sagt der Architekt: „Stattdessen wirft sich die Stadt lieber Investoren an den Hals.“

Mehr zum Thema: Getrieben vom Wunsch nach Anerkennung stürzt sich Lars Windhorst in ein waghalsiges Finanzabenteuer nach dem anderen.

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