Preisfrage: So teuer ist die Einschulung
Deutschland steckt mitten in der Einschulungssaison. Längst ist der Schulanfang ein Konsumereignis geworden. Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet zum Schulstart in diesem Jahr mit einem Umsatz von 702 Millionen Euro für den Einzelhandel. 2019 lagen die Prognosen noch bei 580 Millionen Euro. Die Kosten für Eltern sind hoch. Auf der Webseite der Sparkasse zeigt eine Kostenaufstellung, dass die Einschulung eines Kindes im Mittel knapp 900 Euro kostet. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter kann ich mir vorstellen, dass solche Summen einige Eltern finanziell sehr belasten könnten.
Die Sparkasse veröffentlicht dazu eine Grafik des Umfrageinstituts Civey laut der 50 Prozent der Eltern, deren Kinder 2023 oder 2024 eingeschult werden unter 400 Euro für die Einschulung einplanen. Ich wollte deshalb mal nachrechnen: Wie viel kostet die Einschulung wirklich? Um das herauszufinden, beschließe ich meine eigene Einschulung zu rekonstruieren. Wie viel würde es wohl kosten mich in diesem Jahr einzuschulen?
Das Problem: So genau weiß ich leider nicht mehr, was ich alles zur Einschulung bekommen habe und was eine Sechsjährige für die Einschulung im Detail braucht. Was tut man also, wenn man etwas nicht weiß? Mama anrufen.
Die Grundschule verschickt vor der Einschulung eine Liste mit Schulmaterialien, erklärt mir meine Mutter am Telefon. Außerdem brauche ich einen Schulranzen, Schultüte und Sportsachen. In der Beispielrechnung der Sparkasse stehen auch Kostenpunkt wie Schreibtisch und Einschulungsparty. Bei mir gab es einen Schreibtisch vom Sperrmüll und Kaffee und Kuchen mit Eltern, Brüdern und Großeltern zu Hause im Garten. Ich schmeiße die beiden Punkte aus meiner Beispielrechnung.
Lange, spezifische Listen: Die Schulmaterialien
Wie viel Geld Eltern für Hefte, Tuschkasten und Buntstifte ausgeben, ist zwischen den einzelnen Schulen sehr unterschiedlich. Das Bildungsministerium Schleswig-Holstein schreibt, sie gäben keinerlei Vorgaben und Empfehlungen. Die Liste „liegt allein in der Hand der Schule, die auf Erfahrungen zurückgreifen kann.“ Ich frage die Liste bei meiner alten Grundschule an. Da in Schleswig-Holstein Schulferien sind, bekomme ich die Liste leider nicht rechtzeitig zugeschickt.
Online finde ich aber die Materialliste für dieses Jahr von einer Grundschule in Niedersachsen. Die Aufzählung scheint ewig lang und sehr spezifisch. Ich öffne Amazon, arbeite alle Punkte gewissenhaft ab, merke wie sich die Artikel im Warenkorb häufen, wie die kleinen Beträge sich zu einem großen summieren. Am Ende soll ich für alle Materialien, von Bleistift bis Papphefter 105 Euro zahlen. Dazu kommen Arbeitshefte und -bücher für 73 Euro. Zusammengenommen zahle ich für die Dinge auf der Liste 178 Euro.
Die Schulen seien angehalten die Mittel „vor dem Hintergrund der Sparsamkeit zu beurteilen und hier strenge Maßstäbe anzulegen“, schreibt mir das Bildungsministerium Schleswig-Holstein. Auf der Liste der Grundschule werde ich dazu aufgefordert „gute Markenprodukte“ zu kaufen. Nun gut, laut Liste brauche ich Sportklamotten und -schuhe mit heller Sohlen. Zusammengenommen kostet mein Sportoutfit 70 Euro.
Große Zahlungsbereitschaft bei den Schulranzen
Als nächstes der Schulranzen. An die Marke meines Ranzens kann ich mich noch erinnern. Ich finde ein Set inklusive Federmappe und Turnbeutel. So wie mein Ranzen damals hat dieser Ponys darauf. Das Set kostet 300 Euro und kommt mir sehr teuer vor. „Das hätte mir den Hals abgedreht für einen Ranzen!“, sagt meine Mutter, als ich ihr davon erzähle. Schulranzen seien längst ein Statussymbol, schreibt die ZEIT zum Thema. Zudem seien sie rückenfreundlicher geworden. Dafür zahlen Eltern gerne mehr Geld. 2021 verhängt das Bundeskartellamt sogar ein Bußgeld gegen einen Ranzenhersteller. Das Unternehmen soll Mindestpreise für Händler festgelegt und so die Zahlungsbereitschaft der Eltern ausgenutzt haben.
Bunt und sehr individuell: Die Schultüte
Zu der Einschulung bekam ich eine Schultüte, die fast so groß war, wie ich selbst. Meine Mutter schickt mir ein paar Bilder meiner Einschulung. Darunter eins, wie ich meine Schultüte auskippe. Perfekt! Die Tüte ist selbstgebastelt – dunkelblau mit großen roten Ballons und Herzen darauf. Oben hat meine Mutter sie mit rotem Stoff zusammengebunden. Mit Glitzerstiften, die später auch als Geschenk in die Tüte wandern sollten, hat sie „Mein erster Schultag“ auf die Tüte geschrieben. Bastelmaterial für die Tüte plus Glitzergel-Stifte kosten heute 10 Euro.
Auf den Bildern sehe ich die Glitzerstifte und ganz viel Schokolade: Schokolinsen, Schokostäbchen und kleine Schokoriegel. Heute kosten diese Süßigkeiten zusammen acht Euro. Dazu eine Trinkflasche: dieselbe Marke und Größe finde ich für knapp 16 Euro. Ich erinnere mich außerdem an einen Plüschhund, der oben in der Tüte lag. Einen ähnlichen finde ich online für 36 Euro.
Ist die Einschulung teurer geworden?
Den Schulranzen hat damals meine Uroma für mich gekauft. Meine Mutter erinnert sich, dass er ungefähr 80 Euro gekostet hat. Die Federtasche gab es in einem Set dazu. Wie viel hat sie zusätzlich für Schulmaterial, Sportssachen und Schultüte ausgegeben? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mehr als 150 Euro waren“, sagt sie. Zusammen wären das 230 Euro für meine Einschulung 2002.
300 €
Ranzen, Mäppchen, Sportbeutel
+
70 €
Schultüte mit Inhalt
+
70 €
Sportschuhe und -klamotten
+
178 €
Hefter, Stifte, Bastelutensilien, plus Bücher und Arbeitshefte
=
618 €
Bild: Picture-Alliance/Imagebroker
Quelle: Eigene Recherche
Für meine Einschulung 2024 komme ich auf 618 Euro. Zugegeben: ein günstigerer Ranzen würde die Kosten für meine Einschulung erheblich reduzieren. Außerdem habe ich keine Kassenbelege aus dem Jahr 2002, um genau nachzuvollziehen, wie viel meine Mutter exakt ausgegeben hat. Mein Experiment bleibt eine ungenaue Kostenübersicht. Aber: mit einem Budget von 230 Euro wäre ich trotzdem nach allen Dingen auf der Schulliste nicht weit gekommen. Klar: die Inflation sorgt natürlich für den Kostenanstieg über die letzten 20 Jahre. Aber steckt da noch mehr dahinter?
Ich frage beim Handelsverband Deutschland nach, warum sich der Umsatz des Einzelhandels zur Einschulung jedes Jahr erhöht. „Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf die Preisentwicklung sowie auf jährliche Schwankungen und Verschiebungen in den einzelnen Warengruppen, in denen Ausgaben getätigt werden“, schreibt eine Sprecherin des HDE.
Von Kollegen aus der Redaktion höre ich auch, dass die Einschulung der eigenen Kinder nicht so teuer wie meine Aufstellung gewesen sei. Vermutlich wäre meine Einschulung heute immer noch teurer, aber meine Mutter hätte entsprechend kostensparender geplant.
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