Strompreise: Stromerzeuger sollen für den Netzausbau bezahlen? Das kann nicht die Lösung sein

Houston, wir haben ein Problem: Der Strom in Deutschland ist zu teuer. Zwar sind die Preise von den Rekordwerten zu Beginn des Ukraine-Krieges Anfang 2022 wieder deutlich gefallen. Noch immer aber stöhnt vor allem die Industrie über Strompreise, die im Schnitt rund doppelt so hoch sind wie etwa in den USA oder in China. Auch private Verbraucher zahlen die zweithöchsten Preise in Europa.
Das liegt vor allem an den ständig steigenden Kosten des Stromnetzes, die via Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden. 2024 bezahlten Gewerbekunden 9,42 Cent und private Haushalte 11,6 Cent Netzentgelte für jede verbrauchte Kilowattstunde (kWh) Strom. Schon über ein Viertel der Kosten für den Strom sind damit Netzentgelte. Haushalte zahlen inzwischen doppelt so viel wie noch 2015; vor allem in den letzten zwei Jahren stiegen die Netzgebühren stark an.
Die neue Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern. Wie genau, hat sie noch nicht ausformuliert. Konkreter schreitet die zuständige Behörde nun zur Tat: Die Bundesnetzagentur will die Struktur der Netzentgelte grundlegend umbauen. Im Kern sollen künftig nicht mehr die Stromverbraucher alleine für den Ausbau und Erhalt der Netze zahlen, sondern auch die Erzeuger. Das geht aus einem Diskussionspapier hervor, das die Behörde nun vorgestellt hat.
Dabei ist der Grund für die steigenden Netzentgelte an sich ein erfreulicher: Der Ausbau der Erneuerbaren gelingt in einem Ausmaß und Tempo, das viele noch vor wenigen Jahren für undenkbar hielten. Vergangene Woche lieferten Wind und Sonne bereits 68 Prozent der deutschen Nettostromerzeugung; im Gesamtjahr 2024 waren es 59 Prozent – 256,4 Milliarden Kilowattstunden. Und die Erneuerbaren sind nicht einmal per se teuer, im Gegenteil: Ihre Gestehungskosten (Investitionen für den Bau der Anlagen, laufende Betriebskosten für Treibstoff, Wartung) sind inzwischen deutlich niedriger als die von Kohle- oder Erdgas-Kraftwerken.
Nebenwirkung der Erfolgsgeschichte
Problem aber: Die Erneuerbaren liefern nicht unbedingt dann Strom, wenn er gebraucht wird. Und auch nicht immer dort, wo er gebraucht wird. Das Netz muss also stärker ausgebaut werden, als es bei weniger schwankender und regional besser verteilter Erzeugung nötig wäre.
Zwar müsste man das Stromnetz auch ohne Umstieg auf Erneuerbare verstärken und modernisieren, weil der Strombedarf steigt: Viele Prozesse in der Industrie werden derzeit von Öl und Gas auf Strom umgestellt, auch immer mehr Fahrzeuge und Gebäudeheizungen laufen mit Strom. Allein um dafür gerüstet zu sein, wären laut seriösen Schätzungen Investitionen von rund 320 Milliarden Euro ins Netz bis 2045 nötig. Inklusive Energiewendekosten werden es wohl über 500 Milliarden. Dazu kommen noch Kosten von einigen Milliarden Euro jedes Jahr für den sogenannten Redispatch: also teure Reservekraftwerke, die bei Netzengpässen schnell einspringen können.
Und noch ein Problem haben die aktuellen Netzentgelte: Die Kosten für den Netzausbau sind zunehmend ungerecht verteilt. Immer weniger Verbraucherinnen zahlen die immer höheren Kosten. Damit etwa energieintensive Großkonzerne ausgenommen werden können, bezahlen Konzerne aus anderen Branchen, Mittelständler und Privatkunden für sie mit. Das ist sozial ungerecht und schadet der Akzeptanz der Energiewende.
„Die aktuellen Netzentgelte bilden die Realität des Energiesystems nicht mehr ausreichend ab“, sagte Klaus Müller, Chef der Netzagentur, am Montag. „Gleichzeitig steigen die Investitionsbedarfe in den Netzausbau und ihren Betrieb. Wir wollen eine angemessene Kostenzuordnung auf die Netznutzerinnen und ‑nutzer erreichen.“
Das klingt logisch. Aber die Erzeuger pauschal zu belasten, ist nicht der ideale Weg: Erstens beträfen die Pläne nicht nur kommerzielle
Großkraftwerke, sondern auch kleine auf privaten Hausdächern. Deren Zubau ist zuletzt noch unveröffentlichten Zahlen nach geradezu eingebrochen, weil es ohnehin schon nur noch den Gegenwert eines Gummibärchens für die eingespeiste Kilowattstunde Strom gibt. Und seit Anfang des Jahres bekommen neu installierte Dach-PV-Anlagen in Zeiten negativer Strompreise gar nichts mehr. Zugleich, das ist absurd, sind PV-Dachanlagen in einigen Bundesländern seit dem 1.1.2025 sogar Pflicht bei Neubau und grundlegender Sanierung.
Zweitens führen pauschale Netzentgelte für Erzeuger direkt zu höheren Strompreisen: 5 Cent Netzentgelte je erzeugter Kilowattstunde würden an der Leipziger Strombörse 50 Euro mehr je Megawattstunde bedeuten. Das würde alle Stromkunden belasten, auch die energiehungrigen Verbraucher aus der Industrie.
Netzentgelte: Es gibt eine schlauere Lösung
Dabei gibt es eine intelligentere Lösung: variable Netzentgelte. Wer Strom zu Nebenzeiten mit wenig Nachfrage bezieht, bekäme dabei die Netzentgelte ganz oder teilweise erlassen, und wer meint, ausgerechnet in der Bedarfsspitze zwischen 20 und 22 Uhr sein E-Auto laden zu müssen, würde entsprechend mehr als den Durchschnitt bezahlen.
Das hätte gleich mehrere systemdienliche Effekte: Steuerbare Großverbraucher wie E-Autos und Wärmepumpen könnten in Zeiten mit wenig allgemeiner Last verschoben werden, wenn sich das für deren Besitzer finanziell lohnt. Das Netz würde in Spitzenzeiten entlastet, es müsste generell weniger stark ausgebaut werden – Experten schätzen das Sparpotenzial konsequenter Flexibilisierung immerhin auf rund 20 Prozent. Strompreise könnten auch regional differenziert werden. Und weniger Wind- und Sonnenstrom müsste abgeregelt werden, wenn die Anlagen über dem aktuellen Verbrauch, der Last, produzieren. Das ist zwar kein direkter Nutzen für das Stromnetz, aber ein volkswirtschaftlicher, der wiederum auch auf die Stromkosten durchschlägt.
Netzagenturchef Müller kennt diese Variante, und will sie angeblich ergebnisoffen prüfen. Er stellt korrekt fest: „Noch fehlen dazu die geeigneten Anreize.“ Wenn die Bundesnetzagentur wirklich ernsthaft variable Netzentgelte prüft, muss man ihr viel Erfolg und Standvermögen wünschen. Voraussetzung dafür sind moderne, digitalisierte Netze mit regelbaren, digitalen Ortsnetztrafos und intelligente Messsystemen in jedem Haus, dem Smartmeter. Die müssten für variable Tarife den exakten, jeweils aktuellen Stromverbrauch viertelstundengenau an die Netzbetreiber übermitteln. Ende 2024 hatten gerade mal 2,1 Prozent aller Haushalte einen Smartmeter; in der EU teilt sich Deutschland damit den vorletzten Platz mit Lettland.
Und es gibt einen mächtigen Player, der auf variable Netzentgelte keine rechte Lust hat: Große Unternehmen, die besonders viel Strom brauchen und relativ konstant immer gleich viel abnehmen, dürfen individuelle Netzentgelte mit den Netzbetreibern aushandeln. Die liegen natürlich massiv unter den wahren Marktkosten. Diese tragen dann wieder alle anderen über eine Umlage, aktuell immerhin 0,6 Cent je kWh.
Müller hatte schon Mitte 2024 eine Reform dieser Rabatte angemahnt. Dabei sollten auch Unternehmen niedrige Netzentgelte zahlen, wenn sie ihre Verbräuche in Zeiten mit viel Stromangebot verlagern. Viele Konzerne wehren sich dagegen. Und offenbar mit Erfolg: Die neue Bundesregierung hat vor, Unternehmen „ohne Flexibilisierungspotenzial wie bisher zu entlasten“, so steht es im Koalitionsvertrag.
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Erstpublikation: 13.05.2025, 17:11 Uhr.