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Kfz-Prüfung in Österreich Warum das „Pickerl“ besser ist als der „TÜV“

Tüv und Co haben bisher ein Prüfoligopol in Deutschland. Quelle: obs

In Deutschland sind 19 Prüforganisationen für die Hauptuntersuchung zugelassen . In Österreich kommen rund 6000 Werkstätten hinzu. Andrey Prosenz vom österreichischen Autofahrerclub ÖAMTC, erklärt, warum das nicht nur günstiger, sondern auch sicherer ist.

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WirtschaftsWoche: Herr Prosenz, in Österreich spricht man nicht vom TÜV fürs Auto, sondern vom „Pickerl“. Was unterscheidet die Prüfvarianten in Deutschland und Österreich?
Andrey Prosenz: Prinzipiell sind die Systeme in Deutschland und Österreich ähnlich. Die Europäische Union lässt es den Mitgliedsländern frei, ob sie die Kfz-Prüfung durch staatliche oder privatwirtschaftliche Organisationen durchführen wollen. Sowohl Österreich als auch Deutschland lassen durch privatwirtschaftliche Unternehmen prüfen. Der Unterschied ist, dass diese Überprüfung in Deutschland neben dem TÜV nur 18 weitere Prüforganisationen vornehmen, während in Österreich noch rund 6000 weitere Prüfstellen hinzukommen, nämlich die Kfz-Werkstätten. Die Richtlinien für die Überprüfung sind in Österreich dabei exakt dieselben wie in Deutschland.

Seit wann dürfen die Kfz-Werkstätten in Österreich diese Überprüfung durchführen?
Das jetzige System besteht seit Anfang der 1970er Jahre. Damals hatte die Menge der zu prüfenden Fahrzeuge derart zugenommen, dass die Behörden die Überprüfungen selbst nicht mehr leisten konnten. Deshalb wurde damals die Begutachtung durch private Gewerbetreibende zugelassen. Nichtsdestotrotz arbeiten sämtliche dieser Betriebe unter staatlicher Überwachung. Die zuständigen Behörden können also jederzeit Einsicht nehmen und Kontrollen durchführen.

Hat die Überprüfung durch die Fülle an Kfz-Werkstätten Vorteile gegenüber der Überprüfung durch nur wenige Organisationen wie in Deutschland?
Aus Verbrauchersicht liegt der Vorteil eindeutig im Preis. Die Preisgestaltung in Österreich ist marktgetrieben und es gibt in diesem Bereich keine preislichen Vorgaben. Durch die Menge der Anbieter sind die Preise für die Fahrzeugüberprüfung relativ niedrig. Während in Deutschland der TÜV meist bei mehr als 100 Euro liegt, starten die Preise in Österreich bei rund 40 Euro. Allerdings findet die Überprüfung in Österreich bei älteren Fahrzeugen jedes Jahr statt, in Deutschland liegt das Intervall bei zwei Jahren bzw. nach der Erstzulassung findet der TÜV nach drei Jahren statt. Insofern sind die Preise nicht ganz vergleichbar, hochgerechnet sind die Preise für die Kfz-Überprüfung in Österreich aber niedriger als in Deutschland.

Wie regelmäßig werden die 6000 Werkstätten in Österreich kontrolliert? Anders gefragt: Ist das österreichische System betrugsanfälliger als das deutsche?
Jedes System lässt sich missbräuchlich verwenden. Davor ist das österreichische „Pickerl“ nicht gefeit. Davor ist aber auch der deutsche TÜV nicht gefeit. Für Fehler, die bei der Kontrolle des Fahrzeugs passieren, haftet zwar prinzipiell die Republik Österreich, bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz kann sich die Republik aber schadlos halten an der Überprüfungsstelle. Und die Überprüfungsstelle kann sich ihrerseits am Prüfer schadlos halten. Wer als Prüfer also betrügt, steht automatisch mit einem Bein im Gefängnis. Deshalb sind die Fälle von Betrug in diesem Bereich auch nicht sehr ausgeprägt.

Ist das deutsche oder das österreichische System zur Kfz-Überprüfung sinnvoller?
Was den Zustand der Autos betrifft, sind zwischen Deutschland und Österreich so gut wie keine Unterschiede auszumachen. Blickt man aber auf die Unfallstatistik, liegen die Unfälle aufgrund technischer Mängel in Österreich im Promillebereich. In Deutschland ist dieser Wert um rund ein Zehntel höher als in Österreich. Die Qualitätssicherung in Österreich funktioniert also und der Preis für die Überprüfung ist in Österreich wie gesagt niedriger als in Deutschland. Insofern funktioniert das österreichische System insgesamt sehr gut.

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