Demenzdorf Hameln: Hilfe gegen das Vergessen
Rentnerin Wilma Dohmeyer und der frühere Bergmann Dieter Jorek leben in Deutschlands erstem Demenzdorf bei Hameln.
Foto: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWocheDieter Jorek, 77, leitet eine Autovermietung. Seine beiden Töchter vertreten ihn gerade, denn er ist ein paar Wochen zur Kur in Tönebön am See. Dort sitzt er gut gelaunt auf der Café-Terrasse.
Vor ihm spaziert Wilma Dohmeyer mit ihrem Gehwägelchen durch den sonnigen Blumengarten. Sie war gerade beim Frisör und musste ein paar Termine umlegen, damit sie rechtzeitig wieder zu Hause ist. Schließlich ist das jüngste ihrer fünf Kinder gerade erst sechs Monate alt.
Spätestens an dieser Stelle der Unterhaltung fällt auf: Irgendetwas stimmt nicht. Denn die angebliche Säuglingsmutter hat schlohweißes Haar und ist 83 Jahre alt. Sie hat zwar fünf Kinder, aber die sind alle längst erwachsen. Und auch Jorek hat nie eine Autovermietung besessen. Er war Bergmann und später Schichtführer in einer Fabrik. Er ist auch nicht zur Kur hier: Jorek wohnt seit sieben Monaten dauerhaft im ersten Demenzdorf Deutschlands.
Wie alle 52 Bewohner leben Dieter Jorek und Wilma Dohmeyer in einer ganz eigenen Welt, die mit der Wirklichkeit je nach Tagesform nur noch wenig zu tun hat. Da werden Herdplatten zu gefährlichen Fallen, wenn sie ohne Topf eingeschaltet werden; die Busfahrt zur Gefahr, wenn die Erinnerung an den richtigen Rückweg verblasst; Aggressivität zum einzigen Ausweg aus tief empfundener Hilflosigkeit.
1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Altersdemenz, täglich kommen Hunderte hinzu. Weil wir dank besserer medizinischer Versorgung immer älter werden, wird sich die Zahl der Patienten dieser typischen Alterskrankheit bis 2050 auf drei Millionen verdoppeln, weltweit sogar verdreifachen: auf 135 Millionen.
Demenz – die tickende Zeitbombe
Es ist eine Art tickende Zeitbombe im Sozialsystem, auch weil über Jahre kaum Fortschritte in der Auseinandersetzung mit dem Leiden erzielt wurden. Dass wir überhaupt darüber reden, ist einigen ebenso tragischen wie einprägsamen öffentlichen Fällen zu verdanken: dem ehemaligen Fußballmanager Rudi Assauer etwa, der offen darüber sprach, wie das Chaos seine Gedanken eroberte; Walter Jens, dessen Schicksal sein Sohn Tillmann in einem Buch schilderte; und, ja, auch durch Filme wie Til Schweigers Blockbuster „Honig im Kopf“.
Sie beschreiben eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, den Kampf gegen das Vergessen und seine Folgen: weil sich das soziale Gefüge jeder Gemeinschaft ändert, wenn ein nennenswerter Teil ihrer Mitglieder das eigene Tun weder reflektieren noch kontrollieren kann. Weil es sich um eines der wenigen Massenleiden handelt, auf das die Pharmaindustrie bislang keine Antwort hatte. Weil eine Gesellschaft, die schon ihre Kinderbetreuung nicht organisiert bekommt, erst recht keine Lösungen für die Pflege Millionen Älterer hat.
Der Mythos: Süßes hilft gegen Stress
Die Wahrheit: Forscher einer amerikanischen Universität haben herausgefunden, dass sich Schokolade positiv auf die kognitive Fähigkeiten auswirkt. So funktionierten das Arbeitsgedächtnis, das abstrakte Denken und das visuell-räumliche Gedächtnis der Probanden besser, wenn sie vor den entsprechenden Test Schokolade gegessen haben. Daraus sollte man allerdings nicht schließen, dass Schokolade ein geeignetes Hirn-Dopingmittel ist.
Foto: dpa
Der Mythos: Alkohol tötet Gehirnzellen ab
Die Wahrheit: Mit einem Schluck Wein ist noch keine Gehirnzelle verloren. Es braucht schon einen Rausch, um Schaden anzurichten – und selbst dann sterben keine Zellen ab, sondern die Verbindungen zwischen ihnen werden gekappt. Schon nach einigen Drinks kann es zum Gedächtnisverlust kommen, der umso größer ist, je mehr getrunken wurde. Und exzessives Trinken über einen langen Zeitraum kann das Gehirn nachhaltig schädigen.
Foto: dpaDer Mythos: Wir haben 100 Milliarden Gehirnzellen
Die Wahrheit: Auch das stimmt nicht. Tatsächlich sind es rund 86 Milliarden, wie Wissenschaftler 2009 herausfanden. Das macht einen enormen Unterschied: Schließlich könnten die übrigen 14 Milliarden Zellen das Gehirn eines anderen Lebewesens ausmachen.
Foto: dpaDer Mythos: Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns
Die Wahrheit: Wir nutzen nie unser komplettes Gehirn auf einmal - trotzdem ist es stets komplett bei der Arbeit. Viele Prozesse laufen automatisiert ab und entziehen sich unserer Aufmerksamkeit.
Foto: FotoliaDer Mythos: Wir haben nur fünf Sinne
Die Wahrheit: Bei den Sinnen spricht man von Fühlen, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken. Dabei gibt es noch zahlreiche weitere Sinne - etwa der Sinn fürs Gleichgewicht, das Zeitgefühl oder die räumliche Wahrnehmung von Lage, Bewegung und Entfernungen.
Foto: FotoliaDer Mythos: Mozart-Musik steigert die Intelligenz
Die Wahrheit: Diesen Mythos verdanken wir US-Wissenschaftlern um Frances Rauscher. Sie veröffentlichte 1993 ihre Studienergebnisse, wonach Studenten, die zehn Minuten lang Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur (KV448) hörten, in einem Intelligenztest durchschnittlich acht bis neun IQ-Punkte besser abschnitten. Allerdings hielt die Leistungssteigerung nur etwa zehn bis 15 Minuten an. Außerdem schafften es Folgestudien nicht, die Ergebnisse zu bestätigen.
Foto: dpa/dpawebDer Mythos: Es kommt auf die Größe an
Die Wahrheit: Menschen haben nicht das größte Gehirn - weder absolut noch im Verhältnis zu ihrer Körpergröße. Mit dem größten Gehirn überhaupt ist der Pottwal unterwegs, verglichen mit der Körpergröße hat das Spitzhörnchen das größte Gehirn. Soll heißen: In Sachen Intelligenz kommt es nicht auf die Größe an.
Foto: dpaDer Mythos: Manche Menschen nutzen überwiegend eine Gehirnseite
Die Wahrheit: Eine Unterteilung wie bei Links- und Rechtshändern gibt es bei der Nutzung des Gehirns nicht. Dabei wird kreativen Menschen zwar zugeschrieben, eher die rechte Seite ihres Gehirns zu nutzen, bei logisch-rational denkenden Menschen sei es eher die linke Seite. Studien zeigen, dass auch dies ein Mythos ist. Zwar sind je nach Aufgabe unterschiedliche Hirnbereiche aktiv, allerdings gibt es keinen Hinweis darauf, dass es vom Individuum abhängt, welche Gehirnseite eher genutzt wird.
Foto: FotoliaDer Mythos: Wir lernen im Schlaf
Die Wahrheit: Durch ein Buch unterm Kopfkissen oder ein Hörspiel über Nacht haben Menschen noch nichts gelernt. Sie lernen im Schlaf nichts Neues - sondern verarbeiten und festigen das tagsüber Gelernte.
Foto: CLARK/obsDer Mythos: Drogen verursachen Löcher im Gehirn
Die Wahrheit: Drogen können die Struktur des Gehirns verändern und die Gehirnfunktionen stören. Aber es ist ein Mythos, dass sie Löcher im Gehirn verursachen.
Foto: dpaDer Mythos: Das Gehirn arbeitet wie ein Computer
Die Wahrheit: Computer lassen sich nur schwer mit einem Gehirn vergleichen. Sie arbeiten streng logisch, können nicht so viele Prozesse gleichzeitig vollziehen und sind weit weniger komplex.
Foto: APNun verspricht die Pharmaindustrie erneut einen Durchbruch im Kampf gegen das Alzheimerleiden, das für 60 Prozent aller Demenzfälle verantwortlich gemacht wird. Eli Lilly stellte vergangene Woche auf der Internationalen Alzheimer-Konferenz in Washington einen Antikörper namens Solanezumab vor; der soll jene Eiweißablagerungen im Gehirn bekämpfen, die die dortigen Nervenzellen schädigen, sodass echte Löcher im Organ entstehen, was viele als – wenn auch nicht letztlich bewiesene – Ursache von Demenz werten.
Sofern sich die Ergebnisse bestätigen, könnte es in zwei, drei Jahren ein Medikament geben, das Alzheimer aufhält. Branchenvertreter schwärmen von der „Mondlandung der Pharmaindustrie“, beeindruckt von vier Milliarden Dollar prognostizierter Umsätze für ein solches Mittel. Auch wenn Big Pharma seit 2010 gut 40 Mal an ähnlich gelobten Medikamenten später scheiterte.
Auch in dem neuen Fall gilt: Das Mittel hilft, den geistigen Verfall zu bremsen, stoppen kann es ihn nicht.
Demenz droht zum Kollateralschaden des langen Lebens zu werden. Damit Millionen Patienten nicht nur verwahrt werden, kommt mangels derzeitiger Alternative aus Pharma und Biotech der Pflege die entscheidende Rolle im Umgang mit dem Leiden zu. Damit aber wird aus dem gesellschaftlichen und medizinischen auch ein ökonomisches Problem: Die Kosten für die Pflege dementer Senioren werden von derzeit höchstens 75 auf 136 Milliarden Euro im Jahr 2050 steigen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bastelt für Herbst an einer Reform, die entsprechend Geld bereitstellen soll. Immerhin: Wer schaut, wie in Vorbild-Projekten überall im Land mit dementen Menschen umgegangen wird, erahnt erste Antworten, wofür dieses Geld sinnvoll ausgegeben würde.
Gewichte stemmen
Eine Studie von Forschern am Georgia Institute of Technology hat gezeigt: Körperliche Fitness bewegt auch den Geist. Die Untersuchung zeigte, dass ein kurzes Training von gerade einmal 20 Minuten die Leistung des sogenannten episodischen Gedächtnisses verbessern kann. Dabei handelt es sich um einen Teil des Langzeitgedächtnisses, der speziell für das Erinnern von Ereignisketten im Laufe des Lebens zuständig ist. Untersucht wurden junge, gesunde Erwachsene. Die Forscher zeigten, dass ihr Erinnerungsvermögen um zehn Prozent gesteigert werden konnte, wenn sie Kraftsport machten.
Foto: REUTERSGrüner Tee
Das Gebräu ist nicht nur ein Muss für Entspannungsfanatiker und Meditationsfans, sondern auch Doping für die Hirnleistung - und eine Waffe gegen Alzheimer. Forscher der Universität Basel fanden heraus, dass sich durch grünen Tee die Zusammenarbeit verschiedener Hirnareale steigern lässt. Diese bessere Konnektivität sorgt zumindest kurzfristig für eine bessere Denkleistung. Aber auch langfristig hilft grüner Tee: Laut Wissenschaftlern der Universität von Michigan enthält er den Wirkstoff namens Epigallocatechin-3-gallate. Er kann Eiweißablagerungen verhindern, die bei der Entstehung von Alzheimer eine Rolle spielen.
Foto: dpaYoga
Wer regelmäßig Yoga macht oder meditiert, kann seine Denkkraft auch im Alter länger hochhalten. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologen der Havard Medical School, die Yoga-Übende, Meditierende und Nicht-Praktizierende in einer Studie miteinander verglichen. Dabei wurde die Gehirnaktivität der Probanden mit einem Magnetresonanztomographen gemessen, außerdem wurden Denkgeschwindigkeit und Auffassungsgabe geprüft. Den Gehirnleistungsvorsprung der Yoga-Übenden erklären die Psychologen mit drei Gründen: Erstens haben die Yoga-Praktizierenden stärker verknüpfte neuronale Netze, zweitens sind ihre Schaltkreise widerstandfähiger gegenüber Verletzungen und drittens gehen sie achtsamer mit ihren Aufgaben um.
Foto: dpaSchlafen
Gute Nachrichten: Es geht auch bequemer. US-Wissenschaftler der Rochester Universität haben kürzlich anhand von Tierversuchen erneut belegt, dass einfaches Schlafen die Hirnaktivität fördert. Grund dafür ist nicht nur die Erlebnisverarbeitung, sondern auch eine Art „Recyclingfunktion“ des Gehirns. Dieses entsorgt im Schlaf den schädlichen, zellulären Müll des Tages. Kann das Gehirn seine Abfallentsorgung nicht durchführen, beispielsweise aufgrund von Schlafmangel, drohen Erkrankungen wie Alzheimer. Die Empfehlung der Forscher: Sieben bis neun Stunden Schlaf jede Nacht.
Foto: CLARK/obsSoziale Kontakte
Quatschen, Plaudern, Reden. Soziale Kontakte wirken wahre Wunder. Im Gehirn übernimmt die soziale Interaktion eine ähnliche Funktion wie Gehirnjogging – nur, dass nicht bestimmte Hirnregionen gezielt stimuliert werden, sondern verschiedene Bereiche. Amerikanische Neurologen von der Rush Universität haben über einen längeren Zeitraum Hunderte von Senioren begleitet und den Zusammenhang von Einsamkeit und Alzheimergefahr beobachtet. Das Ergebnis: Je einsamer sich die Probanden fühlten, desto größer wurde das Alzheimer-Risiko. Freunde, Familie oder ein Plausch mit den Nachbarn fördern das Wohlbefinden und festigen die Denkleistung.
Foto: dpaSport
Eigentlich ist es kein Geheimnis: Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper. Trotzdem vernachlässigen viele Menschen ihre physische Fitness – und beeinträchtigen damit ihre Gehirnkapazität. Zahllose Studien belegen, dass Sport die Durchblutung des Gehirns und das Wachstum von Kapillaren und Nerven fördert. Wichtig: Wer keinen Six-Pack oder Traummaße hat, ist noch lange nicht benachteiligt. Wie Forscher der Universität Nebraska ermittelten, kommt es vor allem auf die aerobe Fitness an - also die Fähigkeit des Körpers, Sauerstoff aufzunehmen und zur Energieumwandlung zu gebrauchen. Beruhigend: Diese Fähigkeit lässt sich trainieren - durch Sport.
Foto: dpaErnährung
Die richtige Ernährung ist wichtig für Körper und Geist. Das Gehirn macht zwar nur rund 2 Prozent des gesamten Körpergewichts aus, verbraucht allerdings – je nach Arbeitsbelastung – um die 20 Prozent der Energiereserven. Klar, dass dadurch auch die richtige Ernährung für die Denkaktivität eine große Rolle spielt. In einer Studie mit über 3600 Teilnehmern haben finnische Wissenschaftler die Bedeutung von Omega-3 Fettsäuren nachgewiesen - einer Fettsäure, die vor allem in Fisch vorkommt. Die Forscher vermuten: Ein regelmäßiger Verzehr von Fisch senkt bei älteren Menschen die Gefahr von unbemerkten Hirnschäden, Gedächtnisverlust oder Schlaganfällen um ein Viertel. Aber auch andere Lebensmittel können helfen: Verschiedene Vitamine und geringe Mengen Alkohol wirken belebend und vitalisierend auf Gehirnleistung und Laune.
Foto: dpaMusizieren
Dutzende Studien kommen zum selben Schluss: Musizieren hat einen außerordentlich positiven Einfluss auf die Gehirnleistung. Violine oder Klavier klingen nicht nur schön, sondern haben nachhaltige neurologische Effekte: So soll sich das Gehirnvolumen vergrößern, neue Verschaltungen zwischen Hirnregionen entstehen oder die sensorische Informationsverarbeitung optimiert werden. Aber auch das passive Musikhören fördert bereits die Hirnleistung. Denn mit Musik verknüpfen wir Emotionen, Gefühle und Stimmungen. Wir entspannen - und bauen Stress ab.
Foto: dpaMeditation
Das Schlüsselwort hier: Entspannung. Mit der Achtsamkeitsmeditation lassen sich geistige Fähigkeiten bereits nach wenigen Tagen merklich verbessern. Das hat eine amerikanische Studie der Universität von North Carolina ergeben. Während die Kontrollgruppe einem Hörbuch lauschte, übten sich andere Teilnehmer in der Achtsamkeitsmediation – und konnten schon nach vier Tagen bessere Ergebnisse in Merk-, Konzentrations- und Auffassungsübungen vorweisen. Vermutlich deshalb, weil sie Stress abbauten und Gefühle besser verarbeiteten.
Foto: APRätselaufgaben
Sudoku, Merkaufgaben, Kreuzworträtsel: Kognitives Training fordert und schult die Gehirnleistung. Dabei gilt dasselbe Prinzip wie beim Muskeltraining: Die Übungen müssen individuell angepasst sein, anspruchsvoller werden und stetig neue Reize setzen - ansonsten bleiben sie wirkungslos. Die Gehirnjogging-Aufgaben zielen in der Regel auf den „Arbeitsspeicher“ des Gehirns ab und trainieren beispielsweise das Erinnerungs- oder Konzentrationsvermögen. Den Erfolg von Hirnjogging haben beispielsweise Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung belegt, in deren Experiment sowohl junge als auch alte Probanden nach drei Wochen Denktraining deutliche Fortschritte im Vergleich zur Kontrollgruppe machten.
Foto: Blumenbüro Holland/dpa/gmsVideospiele
Kinder und Jugendliche wussten es schon immer: Videospielen vergrößert das Gehirn. Zu einem ähnlichen Schluss kamen Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Ihre Studien belegen, dass sich durch Playstation und Co. bestimmte Gehirnbereiche gezielt trainieren lassen. Im Versuch spielten 50 Erwachsene für zwei Monate jeden Tag 30 Minuten den Videospiel-Klassiker „Mario Kart“ – und schnitten bei den Gehirntraining-Tests besser ab als die Kontrollgruppe. Vor allem das Gehirnvolumen der Bereiche für räumliche Orientierung, strategisches Denken und Feinmotorik der Hände hatte sich vergrößert. Besonders auffällig: Je mehr Spaß die Probanden bei dem Training hatten, desto größer war ihr Gehirnwachstum.
Foto: APHartmut Fahnenstich ist Sozialmediziner an der Memory Clinic in Essen und erinnert sich genau an seinen prominentesten Patienten: Rudi Assauer hatte plötzlich Probleme, sich Zahlen zu merken. Der ehemalige Manager des Fußballbundesligisten Schalke 04 kam vor mehr als fünf Jahren mit seiner Tochter in die Klinik, die 1991 eine der ersten ihrer Art in Deutschland war. In dem sonst kargen Besprechungsraum erfreute sich Assauer an dem schalke-blauen Aktenschrank. „Der war ursprünglich mal gelb, das ging natürlich gar nicht, das ist die Hausfarbe von Borussia Dortmund. Da wir hier alle Schalke-Fans sind, haben wir den blau gestirchen“, sagt Fahnenstich.
Hilfe brauchen vor allem die Angehörigen
Bei ihrem Idol Assauer diagnostizierten die Mediziner schließlich Alzheimer. Um den einst mächtigen Fußballboss daran zu erinnern, wer er mal war, luden sie später etwa den früheren Schalke-Trainer Huub Stevens und Torwart Jens Lehmann in die Klinik ein – Biografiearbeit nennt Fahnenstich das.
Die Memory Clinic ist auf die Früherkennung von Demenz spezialisiert. Wer sich rechtzeitig, bei den ersten Anzeichen, durchchecken lässt, kann zwar nicht geheilt werden, weil es bisher keine wirksamen Medikamente gibt, hat aber bessere Chancen mit der Krankheit umzugehen – vor allem die Angehörigen. Einen Großteil seiner Zeit verbringt Fahnenstich damit, den Söhnen und Töchtern zu erklären, wie sie ihren demenzkranken Eltern helfen können: „Nicht die Wohnung umbauen, sondern lieber alles so lassen, wie es ist, damit sie sich noch zurechtfinden.“ Oder: „Nicht widersprechen oder korrigieren, sondern auf ihre Realität eingehen.“ „Die einzig wirksame Therapie ist die Therapie der Angehörigen“, findet er.
52 Einwohner leben im Demenzdorf bei Hameln und erleben dort Alltag wie früher. Anklänge an die Vergangenheit helfen bei der Orientierung.
Foto: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWocheSophie Rosentreter ist eine solche Angehörige. In ihrem früheren Leben, als Moderatorin beim Musiksender MTV und bei „Big Brother“, stand sie vor der Kamera. Inzwischen arbeitet die 39-Jährige hinter der Kamera, sie produziert, in Kooperation mit dem AOK Verlag, Filme für Demenzkranke. Neun Jahre pflegte und begleitete die Hamburgerin ihre demenzkranke Oma: „Ich habe alle Fehler gemacht, die man dabei machen kann“, sagt Rosentreter.
„Denk doch mal nach“, entgegnete die Enkelin, wenn Oma Ilse berichtete, nachts habe jemand in ihrem Zimmer gestanden. „Dabei ist das der dämlichste Satz, den man zu einer demenziell Veränderten sagen kann.“ Rosentreter korrigierte, argumentierte, versuchte es mit Logik – alles falsch. Heute weiß sie, dass sie ihre Oma – und ihre Angst – hätte annehmen müssen. Nur langsam begriff das TV-Model die Welt der Altersverwirrten, erkannte deren Bedürfnisse – und eine Marktlücke.
Nase hochziehen ist gefährlich
Im Volksmund heißt es häufig, Schleim durch die Nase hochzuziehen sei nicht nur unhöflich und unappetitlich, sondern zudem auch gefährlich, da der Schleim sich in den Nasennebenhöhlen einniste. Mediziner Carsten Lekutat widerlegt diese Behauptung ganz klar: nicht das Hochziehen des Schleims, sondern zu kräftiges Schnäuzen birgt Gefahren. Denn der dabei entstehende Druck leitet den Schleim aus der Nase im schlimmsten Fall in die Nebenhöhlen oder durch einen Kanal im Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr. Auch wenn das Naseputzen wohl manierlicher ist, gesünder ist es nicht.
Carsten Lekutat ist Arzt und hat das Buch "Halbwahrheiten der Medizin" geschrieben
Foto: dpaUngerades Sitzen ist schlecht für den Rücken
Diese Volksweisheit ist nicht wahr. Nicht striktes gerades Sitzen, sondern dynamisches Sitzen ist entlastend für den Rücken. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass entgegen der landläufigen Meinung eine um 135 Grad nach hinten geneigte Rückenlehne optimal für den Rücken ist, da die Bandscheiben in dieser Position am meisten geschont werden. Genauso wichtig für die Funktionstüchtigkeit der Gelenke ist allerdings konstante Bewegung, um für die nötige Durchblutung des Knorpel- und Bandscheibengewebes zu sorgen.
Foto: CLARK/obsZähne putzen nach dem Essen beugt Karies vor
Eine landläufige Meinung besagt: „Nach dem Essen das Zähneputzen nicht vergessen!“ Naheliegend ist dies allemal, da sich in harten Zahnbelägen Karies auslösende Bakterien in Hülle und Fülle tummeln. Über die Nahrung aufgenommene Kohlenhydrate werden in Säuren umgewandelt und greifen den Zahn an. Doch laut Dr. Carsten Lekutat ist das sofortige Zähneputzen nach der Nahrungsaufnahme kontraproduktiv. „Wenn wir direkt nach dem Essen munter drauflos schrubben, zerstören wir also mit unserer Zahnbürste nicht die Kariesbakterien, sondern den Zahnschmelz, die wichtigste Schutzschicht der Zähne“, erklärt der Mediziner. Nach einer Mahlzeit sollte man sich also auf den Speichel als natürlichen Bakterienschutz verlassen und frühestens eine halbe Stunde später – wenn die Säure neutralisiert ist - zur Zahnbürste greifen.
Foto: dpaBei grünem Nasenschleim muss ein Antibiotikum her
Dass man das Ausmaß von Atemwegserkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen an der Farbe des Nasenschleims erkennt, ist nichts weiter als ein Mythos. Wie eine britische Studie belegt, wurde bei derartigem Schleim zwar deutlich häufiger ein Antibiotikum verschrieben als bei klarem Ausfluss. Die Art der Erkrankung zeigt dieser jedoch nicht an, da er laut Lekutat sowohl bei bakteriellen als auch viralen Entzünden auftritt. Außerdem trat eine Besserung der Symptome – unabhängig ob Gabe von Antibiotikum oder nicht – immer nach sieben Tagen ein. Über die Notwendigkeit einer Behandlung mit Antibiotikum sagt die Verfärbung also nichts aus. Die meisten Entzündungen klingen ohne ärztliche Therapie nach wenigen Tagen von alleine ab.
Foto: dpaFingerknacken verursacht Gelenkbeschwerden und Rheuma
Das Knacken mit den Fingern wird als gefährlich deklariert. Ein weit verbreiteter Mythos besagt, es rufe Gelenkbeschwerden oder gar Rheuma hervor. Ganz ungefährlich ist das Knacken zwar nicht, denn es kann Schwellungen am Finger hervorrufen und die Kraft in den Händen verringern. Schädlich für die Gelenke ist das nervöse Zerdrücken der Finger jedoch auch nicht. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler Castellanos und Axelrod in einer 1990 veröffentlichten wissenschaftlichen Studie. Chirotherapeuten setzen es sogar als Behandlungsmethode gezielt ein, um Blockaden zu lösen, die durch untrainierte Gelenke entstehen. Fingerknacken sorgt also allenfalls für kurzweilige Schwellungen oder kraftlose Hände, nicht aber für rheumaartige Beschwerden. Wer das Knacken als Mittel zum Stressabbau betreibt, kann und sollte aber definitiv auf gesundheitsfördernde Maßnahmen wie zum Beispiel Autogenes Training oder Yoga zurückgreifen.
Foto: dpaEin Schnaps nach dem Essen regt die Verdauung an
Dieser Glaube zählt zu den meist verbreiteten. Fakt ist jedoch: Alkohol hemmt die Verdauung. Er lenkt die Leber vom Verdauen der Speisen ab und behindert sogar die Magenentleerung. "Bei Völlegefühl ist ein Spaziergang oder ein warmer Tee sinnvoll. Vorbeugend hilft natürlich auch, maßvoll zu essen", weiß Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg.
Wechselduschen stärken das Immunsystem
„Das Wasser ist mein bester Freund und wird es bleiben bis ich sterbe“, sagte einst Sebastian Anton Kneipp, der Erfinder der bekannten Wasserkur. Von Medizinern bewiesen ist zumindest, dass Wechselduschen einen positiven Effekt auf das Immunsystem haben. Eine Studie der Universität Jena kam zu dem Ergebnis, dass Patienten mit chronischer Bronchitis nach einer zehnwöchigen Wasseranwendung nach Kneipp eine um 13 Prozent gestärkte Immunabwehr entwickelt hatten und die Zahl der Infektionen zurückging.
Außerdem sprechen Forscher von einem „Lerneffekt des Körpers“. Durch das Gewöhnen an Temperaturwechsel kann der Organismus auch besser mit ihnen umgehen. Regelmäßige Wechselduschen wirken sich laut Facharzt Carsten Lekutat dreifach positiv aus: sie beleben, stärken das Immunsystem und mindern das Infektionsrisiko.
Foto: dpaBeim Sprung ins kalte Wasser bleibt das Herz stehen
„Einem gesunden Herzen kann der Sprung ins kalte Wasser nichts anhaben. Sonst wäre auch vom kalten Bad nach dem Saunagang abzuraten.
Menschen mit Gefäß- und Herzerkrankungen sollten den plötzlichen Temperaturwechsel jedoch vermeiden, da dabei Herz und Kreislauf zu stark beansprucht werden könnten“, erklärt Thomas Stein, Kardiologe und ärztlicher Direktor am Diagnostik Zentrum Fleetinsel. Allgemein ist es ratsam, sich langsamer abzukühlen, um den Kreislauf nicht unnötig zu belasten.
Foto: dapdCola und Salzstangen helfen bei Durchfall
Bei Durchfall verliert der Körper Flüssigkeit und Mineralien, die schnell wieder zugeführt werden sollten. Salzstangen und Cola sind dafür allerdings nicht optimal: Das Koffein in der Cola kann besonders bei Kindern den Durchfall noch verstärken. Zu viel Zucker entzieht dem Körper weiteres Wasser sowie Kalium, wie eine Studie des "Internal Journal of Clinical Practice" zeigt. Besser eignen sich leicht gesüßte Tees und Elektrolytelösung aus der Apotheke.
Auch die Salzstangen bringen nicht viel, Zwieback hilft dem Körper besser, wieder zu Kräften zu kommen.
Foto: dpaSchnarchen nervt, ist aber unbedenklich
Gelegentliches oder erkältungsbedingtes Schnarchen ist unbedenklich. Regelmäßige Schnarcher sollten sich aber von einem Arzt durchchecken lassen: „Beim krankhaften Schnarchen verengt sich der Rachen stark und es gelangt nur wenig Luft in die Lunge. Das löst Atemaussetzer aus – ohne, dass der Schlafende dies bemerkt. Die verringerte Sauerstoffzufuhr führt zu einer Unterversorgung des Gehirns und anderer Organe“, warnt Tomas Stein, Kardiologe und ärztlicher Direktor am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg.
Obst und Gemüse schützen vor Krebs
Wer sich gesund ernährt und mehr Gemüse als Fleisch isst, der tut seinem Körper etwas Gutes. Doch ein konkreter Schutz vor Krebs ist das nicht. Das ergab eine Studie von Hsin-Chia Hung und Walter Willet von der Harvard University Boston, die im "Journal of the National Cancer Institute" veröffentlicht wurde. Die Probanden, die mehr Obst und Gemüse aßen, hatten jedoch ein geringeres Herzinfarktrisiko.
Foto: dpaDunkle Schokolade macht nicht so dick
Das stimmt leider nicht. Egal, wie dunkel die Schokolade ist, sie besteht in erster Linie aus Kakaobutter, Zucker und Kakaomasse. Im Gegensatz zu Milchschokolade enthält dunkle Schokolade keine Milch, folglich auch keinen Milchzucker - und auch insgesamt meist weniger zugesetzten Zucker. Die Kalorienzahl ist durch den hohen Fettgehalt aber vergleichbar mit der der Milchschokolade.
Foto: dpa/dpawebKaffee trocknet den Körper aus
Nein, Kaffee entzieht dem Körper kein Wasser. Koffein wirkt allerdings harntreibend: Wer viel Kaffee trinkt, muss also öfter die Toilette aufsuchen. Das bedeutet aber nicht, dass er dabei mehr Flüssigkeit verliert, als er mit dem Bürokaffee aufgenommen hat.
Foto: dpaWasser und Steinobst zusammen verursachen Bauchschmerzen
Früher stimmte das. Das Trinkwasser enthielt häufig Bakterien, die in Kombination mit dem Obst im Magen zu gären begannen. Die Folge waren Beschwerden wie Bauch- und Magenschmerzen. „Bei der heutigen Trinkwasserqualität in Deutschland ist das jedoch nicht mehr zu befürchten“, erklärt Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg.
Pro Tag zwei Liter Wasser trinken
Es ist richtig, dass der Mensch "ausreichend" Flüssigkeit braucht. Er muss aber nicht zwangsläufig zwei Liter in Form von Wasser trinken. Auch Obst, Gemüse und Milchprodukte enthalten Flüssigkeit. Außerdem hängt der Flüssigkeitsbedarf von vielen Faktoren ab, etwa wie heiß es ist, wie viel der Mensch wiegt und ob man sich körperlich stark anstrengt. Pauschal eine Menge von zwei Litern zu empfehlen, ist wenig sinnvoll. Zu viel Wasser kann dem Körper auch schaden. Wer ein normales Durstgefühl hat, nimmt automatisch genug Flüssigkeit zu sich.
>> Hier finden Sie die wichtigsten Tipps zum richtigen Trinken.
Foto: dpaJodmangel schädigt die Schilddrüse
Obwohl sie sehr klein ist, ist die Schilddrüse eines der wichtigsten Organe im menschlichen Körper. Um reibungslos zu arbeiten, benötigt sie Jod. Das ist nicht nur im bekannten Jodsalz und damit hergestellten Produkten, sondern vor allem in Seefisch enthalten. „In der Regel nehmen wir über die Nahrung ausreichend Jod auf. Spezielle Präparate können unterstützend wirken. Darüber entscheidet jedoch am besten ein Arzt. Schaden nimmt die Schilddrüse nur bei einem extremen, langanhaltenden Jodmangel“, erläutert Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg.
Eier erhöhen den Cholesterinspiegel
Cholesterin ist ein lebensnotwendiger, natürlicher Stoff und kein Schadstoff. Der Körper produziert selbst Cholesterin und stoppt die Produktion, wenn zu viel Cholesterin in Form von Nahrung aufgenommen wird. Nur wer eine Cholesterin-Stoffwechselstörung hat muss auf seine Ernährung achten. Alle anderen können so viele Frühstückseier essen, wie sie wollen.
Foto: dpaCholesterin schädigt das Herz
Die Cholesterinart ist entscheidend: Das schädliche LDL-Cholesterin lagert sich in den Gefäßwänden ab. In erhöhter Form können diese Fetteinlagerungen Arteriosklerose und Herzkrankheiten begünstigen. HDL-Cholesterin dagegen löst das Fett wieder aus den Gefäßwänden und transportiert es aus dem Körper. Die Konzentration des HDL-Werts sollte deshalb wesentlich höher liegen. „Ab welchem Wert ein LDL-Cholesterin-Spiegel bedenklich erhöht ist, hängt vom Einzelfall ab. Präventiv wirken eine ausgewogene, fettarme Ernährung und ausreichend Bewegung“, sagt Tomas Stein, Kardiologe und ärztlicher Direktor am Diagnostik Zentrum Fleetinsel.
>> Zehn wissenswerte Fakten rund um Cholesterin und andere Fette finden Sie hier.
Foto: dpaIm Alter wächst Krebs langsamer
„Hier trifft oft das Gegenteil zu, Krebs kann im Alter aggressiver und schneller wachsen“, erklärt Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg. Der Grund: Bei vielen älteren Menschen sind die Abwehrkräfte bereits durch andere Erkrankungen geschwächt – der Körper hat den Krebszellen dadurch nicht mehr so viel entgegenzusetzen. Dabei spielt aber auch die Krebsart eine wichtige Rolle.
Salz ist ungesund
Das stimmt nur, wenn Sie zu den sogenannten salzsensitiven Menschen zählen. Bei denen kann der häufige Genuss von stark gesalzenen Speisen zu einem Anstieg des Blutdrucks führen. Betroffen ist etwa jeder vierte Deutsche. Da die Mehrheit der Menschen also nicht salzsensitiv ist, müssen sie auch nicht auf Salz verzichten.
Foto: APMehrere kleine Mahlzeiten sind besser
Immer wieder hört man, es sei besser fünf kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen, als die drei großen Klassiker Frühstück, Mittag- und Abendessen. Im Grunde ist es völlig egal, wann man isst. Wer mit fünf „kleinen“ Mahlzeiten am Tag abnehmen möchte, läuft jedoch schnell Gefahr, zu viele Kalorien aufzunehmen. Wer sich an feste Mahlzeiten hält, behält besser den Überblick über die Gesamtmenge der aufgenommenen Kalorien.
Foto: CLARK/obsAm Abend essen macht dick
Ob wir zu- oder abnehmen liegt an der Menge der Kalorien, die wir zu uns nehmen und nicht am Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme. Mehrere Studien haben widerlegt, dass Stoffwechselvorgänge am Abend ruhen und daher, wer abends mehr isst, schneller dick wird.
Foto: dpa/dpawebDer Mensch nutzt nur einen Bruchteil seines Gehirns
Zwar keine Ernährungsweisheit, aber ein Gesundheitsmythos ist, dass der Mensch gar nicht die volle Leistung des Gehirns ausschöpfe. Einmal heißt es 10 Prozent, ein andermal 25 Prozent. Mehr unserer Hirnkapazitäten nutzen wir nicht? Doch, tatsächlich nutzt der Mensch alle Bereiche seines Gehirns. Untersuchungen haben gezeigt, dass es keine inaktiven Teile gibt. So verführerisch der Gedanke an noch ungenutzte Areale und Möglichkeiten wie Telepathie und Telekinese sein mag, sie bleiben Fantasterei.
>> Hier finden Sie weitere spannende Mythen rund um unser Gehirn.
Foto: dpaBei der Beerdigung beschloss Rosentreter, ihr Leben zu ändern, gründete ihre eigene Firma – „Ilses weite Welt“. Sie produziert Filme, die Demente an ihre Vergangenheit erinnern und somit beruhigen sollen. Die sind ruhig geschnitten, eine Szene dauert mal acht Minuten:. „Das heutige Fernsehen ist so schnell, das verwirrt die Demenzkranken doch nur.“
In einem Film sind etwa Kinder zu sehen, die im Tierpark Hängebauchschweine füttern. Während der Vorführung im Pflegeheim hockt sich Rosentreter zwischen die Bewohner. Die Kinder und die Tiere scheinen eine beruhigende Wirkung auf die alten Menschen zu haben. Eine apathische Frau mit faltigem Gesicht, die sonst kaum spricht, presst ein Wort hervor: „Kinder.“ Ihre Sitznachbarin erzählt, dass sie früher auch mal Haustiere hatte.
Ehrenamtlerin Remmers lädt Demente regelmäßig zum Erinnern ein. Ohne Hilfe durch Freiwillige wäre das Angebot nicht zu stemmen.
Foto: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
Vor allem sind Initiativen wichtig, die auf Erinnerungen setzen. Forscher loben neben Rosentreters Retro-Verlag deswegen auch Projekte wie das Heimat-Museum im 9000-Seelen-Ort Wahlstedt, wo seit zwei Jahren alle zwei Wochen eine Gruppe Demenzkranker aus dem örtlichen Pflegeheim in der Vergangenheit schwelgt. „Wer schon ganz weit weg ist, dem kann ich oft mit einem Erinnerungsstück wie etwa einer Kaffeemühle, die er in die Hand nimmt, ein Lächeln ins Gesicht zaubern“, sagt Initiatorin Angelika Remmers, die ehrenamtliche Museumsleiterin.
Auf der Suche nach einer akzeptablen Bleibe
Das klingt nach Einzelkämpfern im Vergleich zur Dimension, die eine medizinische Lösung erreichen würde. Aber es gibt einen guten Eindruck, wie mühsam die Lösung ist.
Dieter Lotz aus Bad Nenndorf schaffte die Pflege seiner dementen Frau Brigitta irgendwann nicht mehr. Seit 2010 hatte sie allmählich die Orientierung verloren: „Anfangs haben wir uns noch darüber amüsiert, wenn sie zur Einladung bei Freunden mit zwei verschiedenen Schuhen erschien, doch zum Schluss brachte man sie aus der Tagespflege heim – und sie lief einfach an unserem Haus vorbei, weil sie es nicht mehr erkannte“, erzählt der 76-Jährige.
Weltweit gab es im vergangenen Jahr nach Angaben der International Diabetes Federation rund 382 Millionen Diabetiker. In der Bundesrepublik sind laut Deutscher Diabetes-Hilfe etwa sechs Millionen Menschen betroffen (2012). Die auch als Zuckerkrankheit bekannte Stoffwechselstörung Diabetes mellitus kann etwa zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenleiden und Erblindungen führen. Etwa 95 Prozent der Kranken sind dabei von Diabetes Typ 2 betroffen, früher Altersdiabetes genannt. Diese Ausprägung entwickelt sich häufig durch falsche Ernährung und daraus resultierendem Übergewicht.
Foto: dpaZu den häufigsten Krankheiten in Deutschland gehören seelische Störungen. Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge leidet jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens mal an einer solchen Krankheit. Die häufigste Form ist die Depression, worunter etwa Angstzustände oder auch das Krankheitsbild des Burn-out-Syndroms fallen. Stress oder berufliche Überbelastung können Gründe sein.
Foto: dpaSchnupfen, Bronchitis, Husten: 17,4 Prozent aller Erkrankungen drehen sich um akute Infekte der oberen Atemwege, wie es im Barmer GEK Arztreport 2013 heißt. Zu den Erkrankungen der oberen Atemwege gehören beispielsweise Krankheiten wie Nasennebenhöhlenentzündungen. Zu den besonders weit verbreiteten Atemwegserkrankungen zählt nach WHO-Schätzungen mit weltweit 235 Millionen Betroffenen Asthma.
Foto: dpaÄhnlich häufig wie Erkrankungen der Atemwege sind in Deutschland Probleme mit dem Fettstoffwechsel. Dazu gehört beispielsweise Übergewicht, das auf falsche Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Eine Statistik der DKV zufolge sind rund 46 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Männer sind dabei häufiger betroffen als Frauen.
Foto: ZBIm Krankenhaus stehen Ärzte bei der Versorgung schwer übergewichtiger Menschen vor einer Herausforderung. Denn durch das hohe Gewicht können die Patienten empfindlicher auf Mittel wie Sedativa und Narkosemittel reagieren. Deswegen müssen während Operationen Werte wie die Herzfrequenz oder der Blutdruck noch sicherer kontrolliert werden.
Foto: imago imagesVier von fünf Erwachsenen haben mindestens einmal in ihrem Leben Probleme mit dem Rücken. Laut Statistischem Bundesamt kostet das Kreuz mit dem Kreuz die Volkswirtschaft jedes Jahr rund 20 Milliarden Euro. Übergewicht, monotones Arbeiten, Bewegungsmangel oder psychischer Druck gehören zu den Risikofaktoren, die das Robert-Koch-Institut definiert.
Foto: dpaEine zunehmende Bedrohung gerade im Alter stellen Demenzerkrankungen dar. Gegenüber dem Jahr 2007 erwarten Experten, dass die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 um 113 Prozent steigen wird. Die häufigste Form von Demenz war 2011 nach Angaben des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit 65 Prozent die Alzheimer-Demenz, die immer noch unheilbar ist.
Foto: imago imagesObwohl die Medizin in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte bei der Behandlung von Herzpatienten gemacht hat, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch die häufigste Todesursache in Deutschland. Oft kommt die Behandlung zu spät und steigert damit das Risiko von Spätfolgen. Außerdem steigern zu wenig Bewegung oder ungesundes Essen die Zahl der Übergewichtigen und damit auch die Zahl der potenziellen Patienten.
Foto: dpaZu den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählt unter anderem der Bluthochdruck, der laut Barmer-Report 27,1 Prozent aller Diagnosen ausmacht. Erbliche Anlagen spielen bei der Entstehung eine Rolle, hinzu kommen Faktoren wie Stress, Übergewicht oder Alkohol. Viele Patienten verkennen die Gefahr, dabei können die Folgen verheerend sein: Wenn die Erkrankung nicht behandelt wird, kann es zum Herzinfarkt oder zum Schlaganfall kommen. Die Zahl letzterer werde gegenüber 2007 bis 2050 um 62 Prozent zunehmen, erwarten Experten - im Falle des Herzinfarkts sind es sogar 75 Prozent.
Foto: dpaDer Deutschen Krebshilfe zufolge erkranken jedes Jahr rund 490.000 Menschen in Deutschland an Krebs. Trotz eines immensen Forschungsaufwands ist immer noch kein Heilmittel gegen diese Volkskrankheit gefunden worden. Frauen erkranken mit Abstand am häufigsten an Brustkrebs, bei Männern ist zumeist die Prostata betroffen. Darauf folgen bei beiden Darmkrebs und Lungenkrebs. Schuld daran, dass die Zahl der Krebserkrankungen insgesamt steigt, ist paradoxerweise vor allem der medizinische Fortschritt. Denn ein Auslöser für die krebsauslösenden Mutationen ist schlicht der Alterungsprozess. Wenn die Menschen älter werden, steigt also auch das Risiko einer Krebserkrankung.
Foto: dpaAuf der Suche nach einer akzeptablen Bleibe für seine gleichaltrige Frau schaute sich der ehemalige Siemens-Techniker etliche Heime und Wohngemeinschaften an – bis er auf das erste und bisher einzige 2014 eröffnete Demenzdorf Deutschlands stieß: Tönebön am See in Hameln, dort wo auch Wilma Dohmeyer und der vermeintliche Autovermieter Dieter Jorek leben. „Das war so anders und positiv, dort hatte ich ein gutes Gefühl“, sagt Lotz, dessen Frau nun seit mehreren Monaten hier lebt. Dass dieser Platz gut 200 Euro teurer ist als in einem klassischen Heim, das war Lotz bei einem Eigenanteil von ohnehin gut über 2000 Euro dann auch egal.
Dass es in Tönebön am See so anders ist, liegt vor allem an Kerstin Stammel. Die Qualitätsmanagerin der Tönebön-Stiftung hat diesen „Lebensraum für Menschen mit Demenz“ konzipiert. Ihre Vision eines geschützten Raumes, in dem die alten Menschen sich frei und je nach ihren individuellen Bedürfnissen fast wie im normalen Leben bewegen können, ließ sich in den bisherigen Heimen einfach nicht umsetzen. Also plante sie auf dem ehemaligen Ziegeleigelände des Stifters Tönebön am Rande von Hameln ein ebenerdiges Minidorf aus vier einzelnen Villen, die zusammen mit dem Haupthaus den großen, von Spazierwegen durchzogenen Garten umrahmen. Im Haupthaus ist ein Café, ein Friseursalon und ein kleiner Lebensmittelladen.
Krebs entsteht nur durch ungesunde Lebensweise
Wer rotes Fleisch isst, raucht, trinkt und ins Solarium geht, bekommt Krebs, wer gesund lebt, nicht. Das stimmt so nicht, wie der „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“ des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) am Robert Koch-Institut zeigt.
Bei vielen Krebsarten steigt das Erkrankungsrisiko mit dem Alter.
Krebs ist ansteckend
Dieses Vorurteil hält sich standhaft. Dabei ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen, dass Krebs weder über den normalen Umgang mit Patienten noch über die Pflege, nicht einmal über Sex, übertragen werden kann. Denn Patienten scheiden die Krebszellen nicht aus. Kommt ein Mensch versehentlich mit Tumorgewebe direkt in Berührung, erkennt das Immunsystem die fremden Körperzellen und eliminiert sie. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass dieser Schutzmechanismus sogar funktioniert, wenn man eine Bluttransfusion mit dem Blut eines Krebskranken verabreicht bekommt.
Quelle: Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums
Foto: dpa/dpawebAbtreibung löst Brustkrebs aus
Dieses Gerücht ist eine echte Belastung für alle Frauen, die sich im Laufe ihres Lebens einmal gegen ein Kind entscheiden mussten. Ausgangspunkt ist eine Studie aus den USA, die weltweit in den Medien zitiert wurde. Diese legte nahe, dass Abtreibungen das Risiko für ein Mammakarzinom erhöhe. Kritiker bemängelten, dass mit der Studie keine Krebshäufung unter betroffenen Frauen nachgewiesen werden konnte. Auch ließe sich gar nicht ablesen, dass Abtreibung und Brustkrebs ursächlich etwas miteinander zu tun hätten. Mittlerweile wurden fundierte Studien durchgeführt, die zeigen, dass Schwangerschaftsabbrüche und auch ungewollte Fehlgeburten als Risiko für Brustkrebs relativ sicher ausgeschlossen werden können.
Foto: dpaZu enge BHs verursachen Brustkrebs
Auch diesen Mythos schürte ein Buch aus den USA. Darin hieß es, dass das Abklemmen der Lymphbahnen dazu führe, dass der Stoffwechsel nicht gut funktioniere und Schadstoffe nicht abwandern könnten. Ein Beweis oder eine wissenschaftliche Quelle für diese Behauptung konnten die Autoren jedoch nicht liefern. Inzwischen ist klar: Das Tragen von Büstenhaltern beeinflusst das Brustkrebsrisiko nicht, egal ob zu eng oder gut passend, mit Bügel oder ohne.
Foto: dpaViele Lebensmittel sind für Krebspatienten giftig
So viele Ratschläge Freunde und Bekannte auch auf den Lippen haben, eine sogenannte "Krebsdiät" gibt es nicht. Häufig wird vor Kartoffeln, Tomaten oder Schweinefleisch gewarnt, die angeblich giftig für Krebspatienten seien. Tatsächlich enthalten die Nachtschattengewächse Kartoffeln und Tomaten in ihren grünen Pflanzenteilen das schwach giftige Solanin. Krebs fördert dieser Stoff jedoch nicht.
Das Gerücht, Schweinefleisch sei schädlich, scheint eher einen weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund zu haben. Wissenschaftliche Belege, dass das Fleisch ungesund ist, gibt es jedenfalls nicht.
Krebsrisiko steigt nach einer Sterilisation
Führt eine Durchtrennung der Eileiter oder Samenstränge zur Empfängnisverhütung zu Krebs? Hierauf ist die Antwort nicht so eindeutig zu geben. Bei Frauen konnte die Vermutung, eine Unterbindung der Eileiter führe zu Eierstockkrebs, bislang nicht durch Studien belegt werden. Bei Männern sieht die Sache etwas anders aus: Jahrelang galt eine Vasektomie als ungefährlich. Das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, scheint tatsächlich nicht anzusteigen. Bei Prostatakrebs hingegen sehen die Wissenschaftler noch offene Fragen. Eine US-Studie die im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht wurde und 50.000 Männer über einen Zeitraum von 24 Jahren beobachtete, wies auf einen leichten Anstieg aggressiver Prostatakarzinome nach einer Vasektomie hin. Der Mechanismus dahinter ist aber noch unklar.
Foto: dpaÜbergewicht macht krebskrank
Es gibt Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Körpergewicht und Brustkrebs gibt. Und tatsächlich müssen Frauen, die nach den Wechseljahren deutlich übergewichtig sind, mit einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit leben. Für jüngere Frauen wurde dieser Zusammenhang bisher nicht bestätigt. Laut dem Krebsinformationsdienst laufen hierzu aktuell noch weitere Studien.
Foto: dpaVerletzungen können Zellveränderungen auslösen
Bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass Traumata des Gewebes wie Stöße, Schläge, Blutergüsse oder Quetschungen Krebs fördern. Ausgenommen sind Menschen, die lange Jahre unter einem Lymphödem leiden - einer chronischen Gewebeschwellung durch Flüssigkeitseinlagerung. Dadurch steigt das Risiko einer Form von Weichteiltumoren. Diese Tumore sind jedoch sehr selten.
Foto: dpa/dpawebZucker füttert den Krebs
"Verzichte bloß auf Zucker!" Diesen Ratschlag hören krebskranke Menschen oft. Denn Zucker ist der Energielieferant schlechthin für unsere Zellen. Die Beobachtung des Energiestoffwechsels von Tumorzellen und ob sich dieser von gesunden Zellen unterscheidet, ist eine wichtige Frage der Krebsforschung. Bislang gibt es keine Studienergebnisse, die diese Theorie klar be- oder widerlegen könnten. Für eine zuckerfreie Ernährung von Krebspatienten fehlt daher die wissenschaftliche Grundlage. Krebsforscher warnen im Gegenteil vor allzu strengen Diäten, um den Körper und den Appetit, der ohnehin unter der Krankheit und der Therapie leidet, nicht zu überfordern.
Foto: dpaHPV-Impfung kann Krebs auslösen
Die Befürchtung tauchte bereits vor acht Jahren auf. Damals wurde ein Impfstoff gegen sogenannten humanen Papillomviren (HPV) auf den Markt gebracht. Diese Erreger sind an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt und an weiteren Tumoren im Intimbereich bei Frauen und Männern. Seit einiger Zeit weiß man, dass sie auch bei Krebs im Mund-Rachen-Raum eine Rolle spielen. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO), Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren zu impfen. Experten gehen davon aus, dass nicht nur Mädchen, sondern auch erwachsene Frauen, Jungen und Männer von einer Impfung profitieren: Sie kann vor vielen, wenn auch nicht allen virusbedingten Zellveränderungen bewahren, die langfristig zu Krebs führen. Das Impfen selbst kann keine HPV-Infektion hervorrufen. Voraussetzung für eine Ansteckung wäre, dass der Impfstoff Erbmaterial der Papillomviren enthielte. Dies ist aber nicht der Fall.
Foto: dapdWer fünf Jahre krebsfrei ist, ist geheilt
Etwa 500 000 Krebsfälle werden jedes Jahr in Deutschland neu registriert. Wer die heimtückische Krankheit überlebt, braucht Nachsorge, denn die Gefahr bleibt. Seit langem lautet die Faustregel: Wer fünf Jahre krebsfrei ist, gilt als gesund. Das hänge aber von der Tumorart ab, sagt Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. „Bei vielen Tumorarten, zum Beispiel Brust- und Prostatakrebs, weisen auch fünf Jahre nach der Diagnose Patienten schlechtere Überlebenschancen auf als nicht Betroffene. Auch treten manche Spätfolgen erst viele Jahre nach Abschluss der Therapie auf“, sagt der Experte.
Foto: dpaDort gehen die Bewohner mit ihren Tagesbegleitern fürs Mittagessen einkaufen, das sie dann gemeinsam in den Wohnküchen zubereiten. Stammels Prinzip: „Hier soll sich jeder wie zu Hause fühlen.“ So streifen manche Bewohner stundenlang durch den großen Blumengarten und die anderen Häuser, vorbei am Kaninchenstall, der Vogelvoliere oder dem benachbarten Reiterhof. Bis zum Gartenzaun, der das Gelände umgibt, stoßen die wenigsten vor. Mindestens ebenso wichtig wie die räumlichen Möglichkeiten und Angebote ist nach Meinung der Dorf-Visionärin Stammel die Einstellung der Mitarbeiter: „Nicht wir bestimmen, wie das Leben der Bewohner abzulaufen hat, sondern wir richten uns nach deren Wünschen.“
Die Wirklichkeit in vielen Pflegeheimen sieht anders aus. Oft werden die schwer zu handhabenden Dementen mit Medikamenten ruhiggestellt und notfalls eingesperrt oder am Bett fixiert, wenn sie rastlos herumlaufen wollen oder von Panikattacken geplagt werden.
Als die NDR-Fernsehmoderatorin Bettina Tietjen ihren demenzkranken Vater in dessen letzten Lebensjahren begleitete, erlebte sie zunächst wenig Hoffnung Spendendes. Tietjen berichtet von „langen, öden Fluren und frustrierten Pflegern“: „Es gibt nur leider immer weniger, die den Beruf des Altenpflegers mit Leidenschaft machen, die Fluktuation ist groß.“
Zukünftig mehr Leistungen vom Staat
Nach längerer Suche fand die NDR-Moderatorin schließlich einen Pflegeplatz für ihren Vater in Hamburg. Dort wird den Pflegekräften, die nicht gut genug Deutsch sprechen, sogar ein Sprachkurs finanziert. Das sei aber längst nicht die Regel, sagt Tietjen: „Viele Heime lassen sich ihre Leute lieber vom Arbeitsamt schicken, arbeiten mit Zeitarbeitsfirmen und investieren nicht in ihr eigenes Personal.“
Dabei gewann sie der Krankheit sogar positive Aspekte ab: „Für mich war es schön, zu sehen, dass sich mein Vater in seinen letzten Lebensjahren zu einem anderen, viel emotionaleren Menschen entwickelt hat. Wir haben zusammen gesungen und viel gelacht. Bei anderen Dementen habe ich diese Lebensfreude auch erlebt“, erzählt sie. Dafür aber braucht es Zeit und Ressourcen.
„Es ist dringend nötig, neue Strukturen für die Pflege von Demenzpatienten zu entwickeln“, appelliert auch der Gesundheitsökonom Hans-Helmut König vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Denn bisher werde die Mehrheit der Menschen mit Demenz in Europa noch in der eigenen oder der Wohnung – unentgeltlich – von Familienmitgliedern betreut. „Schon aus demografischen Gründen wird sich diese Situation in Zukunft ändern“, sagt König. Nach seinen Berechnungen liegen die tatsächlichen Pflegekosten für einen dementen Menschen derzeit bei 15.000 bis 42.000 Euro jährlich.
Immerhin können demenzkranke Senioren und ihre Angehörigen künftig mit mehr Leistungen vom Staat rechnen. Seit 2013 bekommen Altersverwirrte ohne körperliche Gebrechen überhaupt erst Geld aus der Pflegeversicherung. Und für 2016 plant Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eine Pflegereform, die Demenzkranke zusätzlich besserstellt. Danach könnten schwer Betroffene maximal 1200 Euro im Monat aus der Pflegeversicherung bekommen, rechnet der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, CDU-Politiker Karl-Josef Laumann, vor.
Laumann ist Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Kopf hinter der geplanten Reform. Einer der seltenen Politiker, die noch klare Sätze sprechen. So redet Laumann auch nicht drumherum, dass auch zusätzliches Geld die Probleme bei der Versorgung von Demenzkranken nicht lösen wird. Ohne die Angehörigen werde auch künftig nicht viel gehen. Ein pharmazeutischer Durchbruch?
Laumann hat da nicht viel Hoffnung. Er glaubt: Die hohen Anforderungen an Pflege und Betreuung bleiben. „Und auch wenn wir sie bezahlen könnten, wir finden gar nicht so viele Pflegeprofis, wie wir brauchen können“, sagt Laumann. Laut Schätzungen wären jährlich 20.000 Pflegekräfte zusätzlich in Deutschland nötig.
„So wie wir flächendeckend für Kinderbetreuung auch für ganz Kleine gesorgt haben, müssen wir tagsüber überall im Land Angebote für Hochbetagte schaffen“, fordert der Staatssekretär, „die mittlere Generation ist tagsüber im Beruf eingespannt.“ Wie das bezahlt werden soll, sagt Laumann nicht. Letztendlich sagt der Sozialpolitiker: „Wir werden uns alle an das Bild Demenzkranker gewöhnen müssen, auf der Straße, beim Einkaufen, im Bekanntenkreis. Enge Angehörige sollten keine Scheu haben, den Partner mit in die Öffentlichkeit zu nehmen.“
Bis 2025 Kampf gegen Alzheimer gewonnen haben
Das alles klingt wenig hoffnungsvoll; nach dem typisch deutschen Zögern, Zaudern und Zerreden. Dabei ist die Hoffnung auf wesentliche Durchbrüche nicht komplett aufgegeben. In Deutschland nicht, noch weniger aber in einigen anderen Ländern.
So fördern deutsche Ministerien seit Jahren und auch weiterhin die Erforschung der Ursachen von Demenz und möglicher Therapien dagegen mit Millionenbeträgen. Noch ein bisschen pfiffiger stellt das derzeit der britische Premierminister David Cameron an: Der Konservative stellt einen Millionen-Pfund-Betrag bereit, um in einer Art staatlich-privater Partnerschaft einen Risikokapitalfonds zu gründen. Neben der britischen Regierung zahlen dort in diesen Wochen auch viele große Pharma- und Biotech-Konzerne ein. Ihr Ziel: bis 2025 den Kampf gegen Alzheimer endgültig gewonnen zu haben. Cameron hatte dazu auch die G7-Staaten schon verpflichtet.
Und auch die Börse ist, wie es in überhitzten Zeiten nicht überrascht, optimistisch: Als in den USA Axovant, das über gerade mal einen medikamentösen Hoffnungswert verfügt, an den Markt ging, erzielte es eine Rekord-Erstbewertung von 2,2 Milliarden Dollar. Natürlich, kein Land hat ein Patentrezept für den Umgang mit Millionen Altersdementen. Und Investitionen allein können den Erfolg eines Medikamentes nicht erzwingen.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn es nur die Hoffnung ist, dass die Kinder von Dieter Jorek oder Wilma Dohmeyer nicht auch dereinst im Pflegeheim sitzen und sich selbst verlieren.