Künstliches Blut: Wie Wattwürmer unser Leben retten

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Künstliches Blut: Wie Wattwürmer unser Leben retten

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Dienstkleidung Gummistiefel. Gründer Franck Zal sammelte früher selbst Wattwürmer an der bretonischen Küste

von Karin Finkenzeller

Weltweit fehlen Millionen Liter Blutkonserven. Das Start-up Hemarina will mithilfe von künstlichem Blut aus Wattwürmern diesen dramatischen Mangel stoppen und so Leben retten.

Das Meer hat sich für einige Stunden zurückgezogen. Es herrscht Ebbe am Strand von Saint Jean du Doigt im Norden der Bretagne. So weit das Auge reicht, reihen sich Tausende Häufchen kleiner Sandwürste aneinander. Sie erinnern ein wenig an Kothaufen einer vorbeigezogenen Tierherde. Dabei sind es nur Ausscheidungen von Wattwürmern, vor denen sich manche Menschen dennoch ekeln. Nicht so Franck Zal. Er geht begeistert in die Hocke.

„Das ist ein Zeichen, dass der Strand sauber ist“, sagt der Biologe. „Die Würmer ernähren sich von Mikroorganismen und scheiden wieder völlig reinen Sand aus.“

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Jahrelang mokierten sich Freunde und Kollegen über Zals Interesse an dieser seit Millionen Jahren existierenden Spezies, die eigentlich nur als Köder fürs Angeln taugt. Bis er etwas in ihrem Atmungssystem entdeckte, das Leben retten kann: Der Wurm transportiert mit einem Molekül Sauerstoff in seinem Körper, das diesen Job problemlos auch im Blut von Säugetieren – also auch von Menschen – erledigen kann.

Bestätigen sich die Studien, ließen sich erstmals Bluttransfusionen ersetzen, ohne die viele Schwerverletzte sterben müssten und viele Operationen nicht möglich wären. Die Ärzte suchen seit Jahrzehnten nach solch einem Wunderstoff, weil weltweit Millionen Liter Blutkonserven fehlen.

Suche nach dem Superhämoglobin

Im Tierversuch konnten der 44-jährige Biologe und die inzwischen 40 Mitarbeiter seines Biotech-Start-ups Hemarina, das Zal 2007 im bretonischen Morlaix gegründet hat, die Machbarkeit zeigen. Das Team entzog Mäusen und Kaninchen fast komplett den eigenen Sauerstofftransporter, das Hämoglobin, und ersetzte es durch Hemarina M101. Das ist die Substanz, die es aus den Wattwürmern gewinnt. „Die Tiere lebten ohne Probleme weiter“, berichtet Zal. „Es gab keine Abstoßungsreaktionen.“ Anders als das etwa der Fall wäre beim Vermischen verschiedener menschlicher Blutgruppen – was tödlich sein kann. Hemarina M101 ist dagegen universell einsetzbar.

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„Die Fachwelt sucht händeringend nach einem Superhämoglobin“, sagt Mariola Söhngen. Die Ärztin und ihr Mann Wolfgang haben die Aachener Biotech-Firma Paion gegründet und vor Jahren den Wirkstoff Desmoteplase untersucht, mit dem die Vampirfledermaus das Blut ihrer Opfer daran hindert zu gerinnen. „Forscher diskutieren seit Langem, dass in niederen Arten wie Würmern solch eine Substanz zu finden sein könnte“, erklärt Söhngen. „Der Einsatz als Blutersatz ist naheliegend. Da gibt es vermutlich den größten Bedarf.“

Es geht nicht ums Geld

Tatsächlich wäre der Markt für ein derartiges Ersatzmittel enorm. Weltweit spenden Freiwillige derzeit rund 107 Millionen Einheiten jährlich. Mindestens 75 Millionen Liter fehlen aber laut der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Zal hat für Hemarina seinen sicheren Beamtenposten bei der Forschungsorganisation CNRS aufgegeben. Die hat in Frankreich einen ähnlichen Ruf wie die Max-Planck-Institute in Deutschland. „Meine Kollegen haben mich für verrückt erklärt, und ich hatte mehr als eine schlaflose Nacht“, erzählt er. „Aber solch ein Projekt lässt sich in einem privaten Unternehmen besser durchführen.“

Inzwischen hat ein großer französischer Pharmahersteller ein Millionenangebot für Hemarina abgegeben – ein Zeichen, welch Potenzial hinter der Geschichte mit den Wattwürmern steckt. Zal hat abgelehnt. „Auch das klingt vermutlich verrückt. Aber was soll ich mit Millionen auf dem Konto, mit dem tollsten Auto der Welt und einem größeren Haus?“, erklärt er. Ihm gehe es darum, Kranken zu helfen, Menschenleben zu retten.

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