Pharma-Zölle: „Der EU-Vorschlag, alle Zölle abzubauen, ist genau richtig“
WirtschaftsWoche: Herr Michelsen, US-Präsident Donald Trump droht den Pharmakonzernen mit Zöllen. Jetzt wollen Unternehmen wie Roche und Novartis Milliarden in den USA investieren. Lassen sich die Zölle so noch abwenden?
Michelsen: Das ist zumindest die Hoffnung. Die Autoindustrie war mit dieser Strategie während Trumps erster Amtszeit erfolgreich. Der US-Präsident will ja zweierlei erreichen: Zum einen die Abhängigkeit der USA von Medikamenten-Importen aus dem Ausland, insbesondere von China und Indien, reduzieren. Und zum anderen das Handelsbilanzdefizit abbauen. Da hilft es natürlich, wenn Pharmakonzerne mehr in den USA investieren. Andererseits: Für Europa ist das natürlich eine erhebliche Belastung, wenn Investitionen verstärkt in die USA gelenkt werden.
Glauben Sie, dass Trump sich noch überzeugen lässt?
Die Frage wird wohl sein, ob es ihm flott genug geht. Es ist auf die Schnelle nicht machbar, große Teile der Produktion in den USA anzusiedeln. Roche will 50 Milliarden Dollar innerhalb von fünf Jahren investieren. Novartis hat für eine Summe von 23 Milliarden Dollar ebenfalls fünf Jahre veranschlagt. Das sind schon beachtliche Summen. Noch wichtiger ist aber: Es braucht eine politische Verständigung. Die USA und die EU-Kommission müssen einen gemeinsamen Weg aus dem Handelskonflikt finden. Der EU-Vorschlag, alle Zölle abzubauen, ist genau die richtige Richtung.
Das US-Handelsministerium untersucht derzeit, ob die nationale Sicherheit der USA durch eine hohe Zahl von Medikamenten-Importen gefährdet ist; viele Pharmafirmen haben deswegen schon Post aus Washington erhalten. Wie ist der aktuelle Stand?
Ich gehe davon aus, dass die Untersuchung nicht die möglichen 270 Tage dauern, sondern schneller abgeschlossen sein wird. Der Präsident hat dann neunzig Tage Zeit, um handelspolitische Maßnahmen zu ergreifen. Trump hat immer wieder angekündigt, zu handeln. Ob er dies dann wirklich tut, wird sich zeigen. Zumindest hat er in anderen Fällen – etwa bei Automobilen oder Stahl – hohe Zölle verhängt.
Am Ende könnten dann Zölle stehen. Wie reagieren die Unternehmen?
Die Stimmung unter unseren Mitgliedsfirmen im Verband Forschender Arzneimittelhersteller ist angespannt. Dass auf Medikamente Zölle erhoben werden, hat es bisher nicht gegeben. Arzneimittel waren aus guten Gründen von Handelskonflikten ausgenommen – selbst nach Russland dürfen Medikamente geliefert werden, um die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu sichern.
Wie hoch könnten die Medikamenten-Zölle jetzt ausfallen?
Das weiß letztlich nur die US-Regierung genau. Nach allem, was man hört und liest, könnten es 25 Prozent sein.
Was bedeutet das konkret? Allein ein Viertel aller deutschen Pharma-Exporte ging zuletzt in die USA.
Vor allem die Unternehmen, deren Produktionsstandorte überwiegend in Europa liegen, stehen vor großen Herausforderungen. Dazu gehören auch namhafte deutsche Hersteller. Sie werden die durch Zollaufschläge höheren Preise nicht immer weitergeben können. Sie verlieren dann entweder Umsatz oder Marge. Im schlimmsten Fall lohnt sich der Export nicht mehr. All das sind schlechte Nachrichten für Patientinnen und Patienten vor allem auch in den USA, denn entweder die Kosten in der Versorgung steigen oder die Verfügbarkeit von Arzneimitteln sinkt.
Sind die USA nicht auch von Medikamenten aus Europa abhängig?
Es gibt wechselseitige Abhängigkeiten. Die USA beziehen etwa größere Mengen an Impfstoffen oder immunologische Erzeugnisse, aber auch Insulin oder Antibiotika aus Europa. Sowie bestimmte Blutprodukte, die in den USA dann für die Herstellung von Krebsmedikamenten und zur Entwicklung von Zell- und Gentherapien benötigt werden. In diesen Fällen kann es in den USA aufgrund der Zölle zu Versorgungslücken und -engpässen kommen. Umgekehrt ist auch Europa von Medikamenten und Vorprodukten aus den USA abhängig.
Weltweit ist China einer der größten Hersteller von günstigen Standardmedikamenten, etwa Antibiotika oder Mittel gegen Bluthochdruck. Landen die bald überwiegend in Europa und Deutschland, falls sich der Export in die USA nicht mehr lohnt?
Das kann durchaus passieren. Dadurch könnten immerhin einige Lieferengpässe hierzulande reduziert werden. Andererseits vergrößert sich so die Abhängigkeit von Medikamentenlieferungen aus China noch. Für einige etablierte Hersteller dürfte es eine besondere Herausforderung sein, wenn bald Standardmedikamente zu noch geringeren Preisen in Deutschland und Europa anlanden.
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