Wahl in Kanada: Die Kanadier stimmen gegen Donald Trump

Am Morgen des Wahltags tat Donald Trump noch einmal alles dafür, den Sieg der Liberalen bei der kanadischen Parlamentswahl sicherzustellen. Die Wähler im Nachbarland sollten für den Mann stimmen, der Kanada zum 51. Bundesstaat der USA machen würde. „Freier Zugang OHNE GRENZE. NUR POSITIVES, NICHTS NEGATIVES. ES SOLLTE SO KOMMEN!“, postete der Präsident auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social. Eine Provokation für die kanadische Bevölkerung. Und ein Geschenk für Premierminister Mark Carney.
Besser hätte der Tag für den neuen Regierungschef gar nicht anfangen können. Schließlich hatten Trumps Drohungen das Comeback seiner Partei erst möglich gemacht. Über Jahre hatten die regierenden Liberalen als die sicheren Verlierer der nächsten Präsidentschaftswahl gegolten. Dafür sorgte die in den vergangenen Jahren stark gestiegene Unzufriedenheit mit Carneys Vorgänger, dem im Januar zurückgetretenen Justin Trudeau, und die im Nachgang der Pandemie deutlich gestiegenen Lebenshaltungskosten.
Kein Wunder also, dass sich der Parteichef der Konservativen, Pierre Poilievre, schon wie ein Regierungschef im Wartestand präsentieren konnte. Mit trumpigen Methoden hatte er die Zustimmung zu seiner Partei massiv in die Höhe getrieben, lag teils fast 30 Punkte vor den Liberalen. Doch dann wirbelte der Disruptor aus Washington alles durcheinander.
Denn Trumps Drohungen gegen Kanada hatten die Bevölkerung schockiert. Poilievre konnte zunächst nicht so reagieren, wie es die Öffentlichkeit erwartet hatte. Ein Teil seiner Anhänger findet Trump schließlich gar nicht so übel. Diese zu verschrecken, wollte er sich nicht erlauben.
Die Quittung folgte auf dem Fuße: Die Mitte wandte sich bald von den Konservativen ab – zumal mit Carney ein neuer Premier die Macht in Ottawa übernommen hatte, dem man nun zutraute, den US-Präsidenten einhegen zu können. Nach wenigen Wochen im Amt konnte er bereits erste Erfolge im Umgang mit Donald Trump vorweisen. Als der US-Präsident etwa an seinem „Liberation Day“ Zölle auf fast alle Länder der Welt verhängte, fehlte Kanada auf seiner Liste. Zuvor hatte der ehemalige Zentralbanker mit dem amerikanischen Staatsoberhaupt telefoniert.
Damit hatte der Premier bewiesen, dass er zumindest einer der beiden wichtigsten Aufgaben eines kanadischen Regierungschefs gewachsen war, die sein Vorgänger Brian Mulroney einmal festgelegt hatte: Die Einheit des Landes bewahren und das Verhältnis zu den USA managen. Bald war die größte Oppositionspartei in den Umfragen auf den zweiten Platz zurückgefallen – und verharrte dort bis zum Wahltag.
Trumps Social-Media-Post am Morgen des Wahltages führte den Wählern schließlich einmal mehr die Frage vor Augen, wem sie die Erfüllung dieser Pflichten eher zutrauten. Und sie entschieden sich für Carney.
Trotzdem bleibt sein Sieg eine Sensation. Seit Dekaden wechseln die Kanadier fast immer nach zehn Jahren die Regierungspartei aus – und Justin Trudeau hatte 2015 in Ottawa die Macht übernommen. Dieser Tradition folgend, wäre es also an der Zeit für einen Erfolg der Konservativen gewesen. Und hatten nicht überall auf der Welt zuletzt Regierungsparteien bei demokratischen Wahlen deutliche Einbußen einnehmen müssen – von Großbritannien über Frankreich, Indien, den USA bis Deutschland? Auch diesen Trend vermochte Carney nun zu durchbrechen, baute die Stellung seiner Partei im kanadischen Parlament sogar aus.
Dabei sind die Probleme, vor denen das Land steht, keineswegs kleiner geworden. Im Gegenteil: Durch den Konflikt mit Washington dürfte Kanada vor neuen Herausforderungen stehen. Dem Land droht nach Jahren des schwachen Wachstums eine Rezession, die Lebenshaltungskosten sind weiterhin hoch, die Wirtschaft reformbedürftig.
Doch der Trump-Faktor überschattete alles. Davon konnte sich auch Poilievre nicht befreien, auch wenn er zuletzt versuchte, sich möglichst vom US-Präsidenten zu distanzieren. „Präsident Trump, halten Sie sich aus unserer Wahl heraus“, postete er auf X, nachdem Trumps Wortmeldung online gegangen war. „Kanada wird immer stolz, souverän und unabhängig sein und wir werden NIEMALS der 51. Staat werden.“ Doch das half nichts mehr. Die Konservativen bleiben in der Opposition. Und es war Trumps Populismus, den Poilievre sich so lange zu eigen gemacht hatte, der ihn nun die Macht gekostet hat.
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