Krieg in Nahost: Nervosität am Öl- und Gasmarkt treibt die Preise
Die Aussichten für den globalen Ölmarkt sind chaotisch. Nach dem Angriff der USA auf den Iran droht eine Eskalation des israelisch-iranischen Schlagabtauschs in einen regionalen Flächenbrand. Kurzfristig davon direkt bedroht: ein Fünftel des weltweiten Rohölhandels. Denn diese Menge muss für den Transport durch die Straße von Hormus.
Die Finanzmärkte reagierten entsprechend. Am Montagmorgen zogen die Börsenpreise für Rohöl an. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im August kostete in den ersten Handelsminuten der Woche 81,40 US-Dollar, ein Anstieg von bis zu knapp sechs Prozent. Das ist der höchste Stand seit Mitte Januar. Auch die amerikanische Sorte WTI zog zum Handelsbeginn um bis zu fünf Prozent an. Nach dem anfänglichen Aufschlag schmolz das Kursplus allerdings schnell wieder etwas ab – zuletzt legte der Brent-Preis noch um ein halbes Prozent auf 77,73 Dollar zu. Der Preis für US-Öl lag zuletzt bei etwas mehr als 74 Dollar.
Ähnlich sieht die Situation auch beim Erdgas aus: Zum Handelsauftakt sprang der richtungsweisende Terminkontrakt TTF zur Auslieferung in einem Monat bis auf 42,44 Euro je Megawattstunde (MWh) und damit auf den höchsten Stand seit Anfang April. Im frühen Handel gab der Preis aber wieder einen Teil der Gewinne ab. Die Notierung stand zuletzt bei 41,53 Euro. Das sind etwa anderthalb Prozent mehr als am Freitag.
Seit Beginn des Krieges zwischen Israel und dem Iran am 13. Juni kletterte der Brent-Preis um fast 13 Prozent; der für WTI um knapp elf Prozent. Im selben Zeitraum stiegen die Frachtraten für Rohöl um 204 Prozent.
Die Gefahr einer Blockade der wichtigen, vom Iran kontrollierten Meerenge spielte dabei von Anfang an eine Rolle. „Täglich passieren das Nadelöhr rund 21 Millionen Barrel Rohöl – etwa ein Fünftel des globalen Angebots“, heißt es in einer Analyse der Privatbank Metzler. Beim Flüssigerdgas LNG seien es mit 25 Prozent sogar noch mehr.
Für den Ernstfall rechnen Analysten der US-Bank J.P. Morgan mit einem Ölpreis von bis zu 120 Dollar pro Barrel, bis zu 60 Prozent mehr als aktuell. Zwar wäre ein derartiger Anstieg nahezu so gravierend wie zu Zeiten des Ölschocks 1973, doch andererseits gab es derartige Preisniveaus bereits während der Energiekrise im Jahr 2021. Das hat die Weltwirtschaft belastet, jedoch keinen Zusammenbruch zur Folge gehabt. Der Unterschied zur Ölkrise der 1970er: Die initiale Preisexplosion war nur der Startschuss für eine zwölfmonatige Rally
Gefahr für die Gesamtwirtschaft
Ökonomen warnen vor erheblichen wirtschaftlichen Folgen eines Ölpreisanstiegs. Robin Winkler und Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research prognostizieren, dass ein Anstieg dieser Größenordnung in Deutschland und der Euro-Zone die Einfuhrkosten um etwa ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen würde. Das lasse auch die Inflationsrate kurzfristig um etwa einen Prozentpunkt steigen. „Die derzeitige Konjunkturerholung würde abbrechen“, warnen die beiden Experten.
Für die USA sehen Bloomberg-Experten im Falle eines rasant steigenden Rohölpreises sogar eine Inflation von bis zu 4 Prozent. Das würde sich ihrer Einschätzung nach auch auf die Politik der US-Notenbank Fed auswirken. Weitere Zinssenkungen dürften herausgezögert oder gar ein erneutes Hochsetzen des Zentralbankzinses ins Auge gefasst werden.
Die Ökonomen der ING-Bank zeigen sich sogar pessimistischer als ihre US-Kollegen, sollte es zu einem längeren Konflikt kommen: „Bei einer längeren Blockade (bis Ende 2025) würden die Preise wahrscheinlich über 150 Dollar je Barrel steigen und neue Rekordhöhen erreichen“, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Höhere Ölpreise dürften zwar die Förderung in den USA ankurbeln. „Aber es wird einige Zeit dauern, bis dieses zusätzliche Angebot auf den Markt kommt“, fügte er hinzu.
Zieht der Iran dem Ölhandel den Stecker?
Ob das Regime in Teheran den Schritt geht, bleibt abzuwarten. Iranischen Medien zufolge hat das Parlament bereits seine Zustimmung signalisiert. Zitiert wird Esmail Kosari, Mitglied der nationalen Sicherheitskommission des Parlaments: „Derzeit ist das Parlament zu dem Schluss gekommen, dass wir die Straße von Hormus sperren sollten, aber die endgültige Entscheidung darüber liegt in der Verantwortung des Obersten Nationalen Sicherheitsrates.“
Kosari, der auch Kommandeur der Revolutionsgarden ist, hatte am Sonntag zuvor gegenüber dem Club junger Journalisten erklärt, dass die Schließung der Meerenge auf der Tagesordnung stehe und „bei Bedarf durchgeführt werde“. Ein Argument gegen die Schließung ist, dass auch der Iran selbst sein Öl durch die Straße von Hormus exportiert. Die Einnahmen kommen vor allem dem Militär zugute.
Am Wochenende haben sich die USA dem Krieg Israels gegen den Iran angeschlossen und unterirdische iranische Atomanlagen bombardiert. Das Vorgehen von US-Präsident Donald Trump weckt international Befürchtungen über eine Ausweitung des Krieges im ölreichen Nahen Osten. Die Führung in Teheran sucht derweil den Schulterschluss mit engen Verbündeten, der iranische Außenminister wird in Moskau erwartet.
Neben einer Meeresblockade drohte der Iran den USA auch mit weiteren Konsequenzen. Zu möglichen Gegenschlägen des Irans könnten fortgesetzte Luftangriffe auf Israel, Attacken auf US-Truppen im Nahen Osten sowie Terroranschläge in den USA gehören.
Asien besonders betroffen
Während drohende Preissteigerungen die Käufer weltweit in gleichem Maße treffen würden, muss vor allem der asiatische Markt auch einen physischen Mangel einkalkulieren. Mehr als vier Fünftel der durch die Straße von Hormus transportierten Rohölmengen gehen nach Asien.
China als weltgrößter Raffinerie-Standort erhält laut dem Datenanbieter Kpler 14 Prozent seiner Rohöl-Versorgung aus dem Iran. Aufgrund der politischen Brisanz dieser Lieferungen könnten die tatsächlichen Mengen demnach auch höher sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige Lieferungen als Fracht aus Malaysia, den Emiraten oder Oman getarnt werden, um US-Sanktionen zu umgehen.
Der Iran exportiert zudem nicht nur Rohöl, sondern ist auch ein bedeutender Exporteur von Kraftstoff, wobei er hauptsächlich hochschwefelhaltige Sorten verkauft, die für die Schifffahrt oder als Rohstoffe für Raffinerien verwendet werden. Ein Großteil dieser Lieferungen gelangt schließlich in Schiffstankstellen wie Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur und Malaysia.
Lesen Sie auch: Wie der Iran sein schwarzes Gold aus der Schusslinie bringt
Mit Agenturmaterial von Reuters, Bloomberg und dpa