Mittelständler kritisiert Wachstumspaket: „Der Investitionsbooster ist wieder nur so ein Windei der Politik“
WirtschaftsWoche: Herr Neyen, die Bundesregierung hat gestern ein Wachstumspaket beschlossen, das Unternehmer dazu motivieren soll, wieder mehr zu investieren. Was halten Sie von diesem sogenannten „Investitionsbooster“?
Andreas Neyen: Ach, das ist mal wieder so ein Windei, das die Politik in die Welt setzt. Es gibt keinen Investitionsbooster. Die denken sich da wieder so einen Begriff aus – das heißt aber natürlich noch gar nichts.
Aber 30 Prozent, die Unternehmen für Ausgaben für Maschinen und Geräte von der Steuer abschreiben können, sind doch kein schlechter Anreiz.
Nur weil es nun 30 Prozent Abschreibung auf Investitionen gibt, heißt das nicht, dass die Unternehmen hier überhaupt weiter investieren. Standortfaktoren sind viel wichtiger. Das ist für uns als Dienstleister aber entscheidend, weil wir diese Unternehmen als Kunden haben, mit unserer Kühl- und Heiztechnik. Uns als SHK-Betrieb betrifft das ja ohnehin kaum, unsere Maschinen sind ja größtenteils Werkzeuge, also Akkubohrer, Schweißgeräte, Winkelschleifer, Messgeräte. Das sind Größenordnungen in 1.000-Euro-Dimensionen – nicht vergleichbar mit Firmen, die richtige Produktionen und Fertigungsstraßen haben. Und von diesen Unternehmen warten aktuell viele ab, viele gehen auch dauerhaft. Da werden wir einen Teufel tun, irgendwas zu investieren, wenn wir nicht wissen, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt. Und es gibt noch einen zweiten Punkt.
Welchen?
Was bringt es tatsächlich? Von meiner Investition kann ich ab jetzt 30 Prozent pro Jahr abschreiben, vorher waren es 15 je nach Wirtschaftsgut. Der absolute Geldbetrag, den man dadurch ein Jahr früher zur Verfügung hat, ist im Mittelstand nicht signifikant. Kein Mensch wird deswegen sagen: Da kann ich ja richtig sparen, da kauf ich mir jetzt ein paar neue Maschinen.
Sondern?
Wenn ein Unternehmer investieren muss, dann macht er es sowieso, weil es betriebswirtschaftlich geboten ist, und nicht, weil der Staat nun einen Anreiz dafür schafft. Die Leute, die sich jetzt ohnehin etwas kaufen wollen oder mit dem Gedanken spielen, freuen sich jetzt und nehmen diese vorzeitige Steuerersparnis gerne mit. Aber die anderen investieren doch nur dann, wenn es sinnvoll ist. Viele Unternehmer haben sowieso ganz andere Sorgen, als mit neuen Maschinen Steuern zu sparen: Die finden keine Nachfolger und machen ihren Laden einfach zu. Den Stress mit Bürokratie und hohen Lohnkosten tun sie sich nicht mehr an.
Wenn der sogenannte Investitionsbooster ausgelaufen ist, soll ab 2028 schrittweise die Körperschaftsteuer sinken – und zwar von derzeit 15 Prozent auf 10 Prozent im Jahr 2032.
Jahr für Jahr die Steuer um ein Prozent senken, da kommt zu wenig bei raus. Glauben Sie mir: Wegen ein paar tausend Euro investiert keiner.
Ein Beispiel?
Wenn einer zum Beispiel eine Million Gewinn vor Steuer macht, müsste er jetzt je nach Standort 15 Prozent Körperschaftsteuer bezahlen, also 150.000 Euro. Im Jahr 2028 zahlt er dann nur 14 Prozent, also nur 140.000 Euro. Glaubt wirklich jemand, wegen dieser 10.000 Euro gibt es jetzt einen barbarischen Investitionsboom? Absoluter Blödsinn. Dafür krieg ich nicht mal eine Betriebsweihnachtsfeier organisiert. Das ist nur heiße Luft.
Sprechen Sie jetzt nur für sich oder ist das Ihre Einschätzung für viele verschiedene Mittelständler?
Wir sind ja in diversen Verbänden organisiert, da trifft man sich und redet über solche Dinge. Das ist der Konsens. Wenn man sich mit anderen unterhält, kriegt man ähnliche Antworten.
Aber für Sie als Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnikbetrieb dürfte vielleicht noch ein weiterer Aspekt des Wachstumspakets interessant sein: Der Kauf eines Elektroautos für Unternehmen wird steuerlich attraktiver.
Wir haben etwa 120 Transporter, mit denen unsere Monteure rausfahren – und es sind allesamt Dieselfahrzeuge. Wir fahren nicht mit E-Autos, das lohnt sich betriebswirtschaftlich und logistisch nicht. Unsere Monteure fahren ja überwiegend zu Großbaustellen, nach Brandenburg, auch mal nach Magdeburg oder Cottbus und sie wohnen weit verstreut rund um Berlin, legen also immer weite Strecken zurück. Dann müssten die alle permanent an den Baustellen die E-Autos aufladen – falls das vor Ort von der Infrastruktur her überhaupt möglich wäre, würde die Stromversorgung auf der Baustelle zusammenbrechen.
Wir halten fest: Die nun beschlossenen Wachstumsanreize halten Sie für verbesserungswürdig. Was wäre denn stattdessen besser?
Die beiden mit Abstand wichtigsten Standortfaktoren für Unternehmen sind: Lohn- und Energiekosten.
Nicht die Bürokratie? Die nennen Unternehmer sonst immer.
Dazu komme ich gleich. Wir sind zum Glück nicht so energieintensiv, aber bei uns sind die Lohnkosten ein großes Thema. Wenn der Mindestlohn immer weiter steigt, muss ich das auf meine Dienstleistungen und Produkte umlegen. Dann kostet die Wärmepumpe nicht mehr 20.000 Euro, sondern 25.000 Euro. Und genauso relevant ist der Lohnabstand. Ich habe hier viele hochqualifizierte Techniker, die dreieinhalb Jahre gelernt haben: Mechatroniker für Kältetechnik, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik und Anlagenmechaniker SHK. Unser Durchschnittslohn liegt bei rund 21 Euro. Wenn meine Mitarbeiter nun sehen, dass der, der nichts gelernt hat, bald 15 Euro die Stunde kriegt – dann möchten die natürlich auch mehr verdienen. Dann wollen die künftig 25 oder 30 Euro haben. Auch da müsste ich als Unternehmer diese Mehrkosten umlegen. Und dann wundern sich die Leute, wenn alles immer teurer wird. Damit zur Bürokratie.
Bitte.
Ich unterscheide zwischen zwei Ausrichtungen. Die Bürokratie, die einem begegnet, wenn man einen Antrag stellt und die Behörden ewig prüfen und Unterlagen fordern – und jene Bürokratie, die Unternehmen vom Gesetzgeber übergestülpt wird, also Lieferkettengesetz, Datenschutz-Grundverordnung. Ich muss jedes Jahr meine 150 Mitarbeiter schulen, muss jedes Jahr Listen aktualisieren, muss bei jeder Materialanfrage alle Lieferanten dazu bewegen, Zettel auszufüllen, und deren Sublieferanten ebenfalls. Das ist alles Arbeitszeit, das fließt dann in die sogenannten allgemeinen Geschäftskosten mit ein. Wenn ich zehn Prozent meines Personals mit bürokratischen Aufgaben beschäftigen muss, sind die in dieser Zeit natürlich unproduktiv – also muss ich auch deswegen meine Preise erhöhen.
Im Januar war der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz bei Ihnen. Haben Sie Ihre Kritik adressiert?
Vor Olaf Scholz war auch schon der damalige brandenburgische Wirtschaftsminister Jörg Steinbach bei uns. Beiden habe ich von meinem Bauproblem erzählt. Das passte, weil es über so viele Jahre immer dasselbe Problem geblieben ist. Beide haben sich das angehört und gesagt: Da muss ich mich mal drum kümmern. Ich hab natürlich nie wieder was gehört.
Was für ein Bauproblem?
Ich wollte 2018 mein Unternehmen verdoppeln, das Grundstück nebenan kaufen und unser bestehendes Gebäude dort noch einmal hinsetzen. Dort wollte ich eine neue Werkstatt für Wärmepumpen und Kältetechnik bauen, sowie eine Betriebskantine und eine Kita, um mehr Fachkräfte zu gewinnen. Aber das Grundstück war besetzt, teilweise durch ein Biotop, teilweise durch ein Landschaftsschutzgebiet. Sogar die Stadtverordnetenversammlung Potsdam hatte entschieden: Die Baubehörde soll bitte prüfen, was zu tun ist, damit das Stück Land als Gewerbegebiet umgewidmet werden kann.
Was ist dann passiert?
Dann haben die diversen Behörden und Unterausschüsse sechs Jahre lang Argumente gesucht, warum es nicht geht. Ich habe alle drei, vier Monate etwas Neues gehört: Es sei Überschwemmungsgebiet, es sei ein schützenswerter Grünstreifen, dann hat eine Naturschutzbehörde nistende Krähen entdeckt. Ich habe bei der Stadt Potsdam für die Bearbeitung der Bebauungsplan-Änderung schon gezahlt, auch für Architekten, Naturschutzgutachten, Landschafts- und Städteplaner, bestimmt 50.000 Euro. Wir hatten Treffen mit der unteren Wasserbehörde, der Naturschutzbehörde, der Verkehrsflächenplanung – jeder krallt sich an seine Gesetze und findet irgendwelche Paragraphen. Im Januar kam schließlich das Schreiben: Es geht nichts, auch ein versuchter Gebietstausch mit den Nachbarn nicht, es bleibt alles so, wie es ist.
Und nun? Was wird aus der Verdoppelung?
Jetzt investieren wir woanders. Ende 2022 haben wir zwei kleine Firmen in Brandenburg gekauft, dort ist Platz. Die beiden Firmen ergänzen unser Geschäftsfeld, so dass wir breiter aufgestellt sind – für den Fall, dass die Großindustrie abwandert. In Brandenburg kann es ja auch schnell gehen mit Genehmigungen, das sieht man ja gut an Tesla. Da ging es ja ganz schnell, weil die Politik die Entscheidung gefällt hat. Aber bei uns… Wir Klein- und Mittelständler sind halt zu unwichtig.
Macht es Ihnen denn noch Spaß?
Ja. Ein Unternehmer ist ja dazu da, Probleme zu lösen. Und Probleme gibt es ja immer.
Sie sind 63. Wie lange machen Sie noch?
Ich bleibe hier, mindestens bis ich 70 bin. Danach gerne noch drei Tage die Woche, bis die Jugend mich „rausschmeißt“. Als Unternehmer geht man ja nicht mit 63.