Klimawandel: Der Sturm, den wir nicht mehr sehen wollen

Ich wohne in einer Straße mit Kopfsteinpflaster, Gründerzeithäusern und alten Bäumen. Sie stehen Spalier, wenn ich hier fahre, jogge oder gehe, sie waren schon lange vor mir da. Einige dieser Bäume sind nun nicht mehr. Es dauerte nur Minuten. Viele Jahre bin ich auf dem Weg zur S-Bahn und zur Arbeit – und zurück – an diesen Bäumen vorbeigegangen. Und vergangene Woche tat ich es nur einige Stunden früher, weil meine Frau Geburtstag hatte.
Stunden später fegte ein Sturm durch Berlin, der historisch war. Er brach Äste ab und entwurzelte Bäume, 150 S-Bahnen kamen zum Stehen, Passagiere waren teilweise stundenlang eingesperrt. Unweit unseres Hauses wurde eine Radfahrerin lebensgefährlich verletzt, woanders starben Menschen, als Äste oder Bäume auf sie fielen. Die höchste Windgeschwindigkeit wurde an der Freien Universität Berlin mit 108 Kilometern pro Stunde gemessen: Windstärke 11. In Berlin. Viele alteingesessene Berliner sagten sichtlich aufgewühlt, dass sie solch einen Sturm noch nie erlebt hätten. Tatsächlich sind Stürme in Berlin im Vergleich zum Norden Deutschlands – ich stamme aus Hamburg – eher selten.
In der ganzen Stadt sieht man Bilder wie in meiner Straße: Es wird aufgeräumt, gesägt und gefällt. Ich werde nicht anfangen, Wetter und Klima zu verwechseln – das habe ich selbst oft verurteilt. Und all jene, die in der Nähe von Wäldern leben, die in den vergangenen Jahren von Stürmen niedergemäht, von Dürre geplagt oder vom Borkenkäfer zerfressen wurden, werden fragen: Wo ist das Drama? Nun, mitten in Städten liegen solche Stämme und Stümpfe erst mal wie Mahnmale, sie reißen Lücken, die nicht so leicht zu schließen sind.
Also: Wir reden über ein Sturmtief. Ein historisches. Gleichzeitig wissen wir, dass es eben nicht nur „das Wetter“ ist, sondern dass durch den Klimawandel extreme Wetterereignisse zunehmen. Was selten war, kommt öfter, was beständiger war, schwankt. Die Amplitude, die Ausschläge nehmen zu. Und so kann man von diesen Bäumen ausnahmsweise doch einen Bogen zum Klima schlagen: Klimaschutz interessiert seit einiger Zeit immer weniger Menschen. In den USA ist er Teil eines bizarren Kulturkampfes geworden. In Deutschland, dem selbst ernannten Vorreiter, scheint man nach manchen Irr- und Sonderwegen durchzuschnaufen; manche begrüßen das. Klar, Habeck weg, der „grüne Spuk“ ist vorbei. Viele Unternehmen haben das Thema, das sie vor einigen Jahren noch von jeder Bühne trompetet haben, erleichtert auf ihrer Prio-Liste nach hinten geschoben. Sie strecken Pläne und CO2-Ziele – oder verabschieden sich ganz davon.
Manches ist verständlich. Auch notwendig. Doch in Summe ist es erschreckend kurzsichtig. Nehmen wir Stahl, besser: den „grünen Stahl“, hergestellt mit Wasserstoff statt Kokskohle. Einer der großen Hebel bei der CO2-Reduktion in Deutschland, neben Chemie und Zement, rund sieben Prozent der Emissionen. In diesen Tagen liest man immer wieder, dass „grüner Stahl“ in Deutschland vorerst nicht hergestellt wird – er rechnet sich schlicht nicht. Deswegen ziehen sich Stahlhersteller wie Arcelor Mittal oder Thyssenkrupp aus Projekten zurück, eiern herum oder starten sie erst gar nicht. Verständlich. (Salzgitter ist eine Ausnahme, vorerst.)
Was aber heißt das? Dann eben nicht? Das wäre eine Kapitulation vor der Zukunft.
Vor einigen Jahren gab es noch viel Euphorie, viel Optimismus bei der „grünen Transformation.“ Wie bei allen Megatrends und Umwälzungen erwiesen manche Prognosen sich als zu kühn, unrealistisch, viele Projekte stotterten oder scheiterten. In Deutschland wurde die „grüne Transformation“ zudem unheilvoll verknüpft mit der Deindustrialisierung. Aber es gab auch Aufbruch, viele Start-ups, die an neuen Technologien im Kampf gegen den Klimawandel forschten, ja eine neue „grüne Gründerzeit“.
Ebenso war den meisten Menschen klar geworden, wie wichtig, ja existenziell die Jahre bis 2030 sind, weil es ab dann mögliche Kipppunkte im Weltklima gibt. Ebenso hatten viele verstanden, dass wir bis 2030 keinen Daniel Düsentrieb brauchten, keine Wunderwaffen. Zentrale Erfindungen für die Transformation waren vorhanden, Wind, Solar, Ladesäulen, Batterien, wir mussten sie nur hochfahren, ausrollen, effizienter machen. Investieren, skalieren, Kosten runter – das war die Devise. Außerdem mussten wir Milliarden in neue Technologien investieren, in Carbon Capture Storage (CCS), Direct Air Capture – oder eben in die Stahlproduktion mithilfe von Wasserstoff.
War's das also? Sollen wir nach fünf Jahren sagen: Klappt alles nicht, rechnet sich nicht? Nun gestehen mir viele Unternehme und CEOs auch: Die Projekte laufen ja weiter, nur etwas leiser und mit anderem Tempo. Aber warum? Weil das Framing nun „grüner Irrsinn“ ist? Weil nun alles in den großen „Anti-Woke-Topf“ kommt? Welche faktische Grundlage gibt es dafür?
Ja, wir müssen realistisch sein, und immer wieder anpassen: Rücksetzer und Rückschläge sind normal, wenn man sich auf einen Pfad begibt, der bis 2050 dauern soll.
Und trotzdem ist die Umdeutung des Klimaschutzes, die Kurzsichtigkeit und der Opportunismus, den wir seit einigen Monaten erleben, erbärmlich. Tja, daran musste ich denken, als ich an diesen Bäumen vorbeiging – und zum Schluss kurz auf den Stumpf des Baumes schaute, in dem die Jahresringe nun sichtbar waren wie eine offene Wunde.
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