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BildungMacht Grundschulen zu Ganztagsschulen

Von entscheidender Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft ist die Stärkung der frühkindlichen Bildung. Hamburg zeigt, wie es gehen kann. Eine Kolumne.KOMMENTAR von Veronika Grimm 13.07.2025 - 11:26 Uhr aktualisiert
Boxen mit Unterrichtsmaterialien mit Vornamen der Schüler darauf sind in einer Grundschule zu sehen. Foto: dpa

Die Bildungsergebnisse in Deutschland sind seit Jahren rückläufig. In der jüngsten PISA-Studie, dem weltweit wichtigsten Schulvergleichstest, haben deutsche Schüler im Jahr 2022 die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebung erzielt. Bereits in den Erhebungen davor war ein Abwärtstrend zu beobachten. Besonders deutlich sind die Defizite in Mathematik und Lesekompetenz. Im OECD-Vergleich schneiden die deutschen Schüler nur noch durchschnittlich ab und sind weit abgeschlagen im Vergleich mit Ländern wie Japan oder Südkorea.

Immer mehr Schüler verlassen zudem die Schule ohne einen Abschluss. Lange lag die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss bei etwa 6 Prozent. Im Jahr 2023 waren es 7,2 Prozent – das sind knapp 56.000 junge Menschen eines Jahrgangs. Zuletzt hat die Corona-Pandemie tiefe Spuren hinterlassen, die bisher unzureichend aufgearbeitet wurden.

Diese Entwicklungen sind mehr als nur eines von vielen Warnsignalen. Ein leistungsfähiges Bildungssystem ist die Grundvoraussetzung für internationale Wettbewerbsfähigkeit, soziale Mobilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn grundlegende Kompetenzen flächendeckend verloren gehen, gefährdet das nicht nur individuelle Lebensperspektiven, sondern langfristig auch die Innovationskraft und das Wachstumspotenzial unserer Volkswirtschaft.

Zu dieser Kolumne
Veronika Grimm ist Wirtschaftsprofessorin an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) und leitet dort das Energy Systems and Market Design Lab. Sie ist Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen berät.
... Ex-VW-Chef Herbert Diess, die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, dm-Geschäftsführer Christoph Werner und die ehemalige Cum-Ex-Ermittlerin Anne Brorhilker.

Bildung braucht mehr politische Priorität. Deutschland liegt bei den Ausgaben je Kind bzw. Schüler für die frühkindliche Betreuung und die Grundschulbildung im OECD-Vergleich weiterhin nur im Mittelfeld. Höhere Investitionen sind nötig im Rahmen der Investitionsprogramme – doch Geld allein reicht nicht. Entscheidend ist, die Qualität der Angebote zu verbessern und auf neue Herausforderungen zu reagieren, die sich in den letzten Jahren deutlich verschärft haben.

Die gesellschaftliche Vielfalt ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen – kulturell, sozial und digital. Kinder wachsen mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen auf: Sprachliche Fähigkeiten, familiäre Bildungstraditionen, finanzielle Möglichkeiten oder auch der Zugang zu digitalen Medien und deren Nutzung variieren erheblich. Fast 40 Prozent der Kinder unter zehn Jahren haben heute einen Migrationshintergrund – in manchen Großstädten ist es mehr als die Hälfte.

In unserem Schulsystem, in dem vielerorts den Eltern eine zentrale Bedeutung zukommt, wird all dies immer mehr zur Herausforderung: die Hilfe bei den Hausaufgaben, die Organisation des Freizeitprogramms in Form von Sport und Musik, die oft langen Wege, die zurückgelegt werden müssen, um Angebote wahrzunehmen. Nicht alle Eltern können diese Unterstützung leisten, etwa weil sie die Sprache noch nicht sicher beherrschen oder das System nicht gut kennen.

Auch Eltern mit guter Ausbildung sind in einem Dilemma. Frauen mit Hochschulabschluss reduzieren ihre Arbeitszeit oft signifikant, wenn die Betreuungsstruktur fehlt – mit langfristigen Folgen für ihre beruflichen Chancen und Altersvorsorge. Zuwanderung bei Hochqualifizierten bleibt aus, wenn sie erwarten, ihre Kinder im Schulsystem nicht ausreichend unterstützen zu können.

Die unterschiedlichen Startbedingungen von Kindern zeigen sich nicht nur in Sprache, Herkunft oder Bildungstraditionen – sie setzen sich im digitalen Raum fort. Digitale Medien, soziale Netzwerke und Künstliche Intelligenz sind längst Teil der Lebenswelt junger Menschen. Die meisten Jugendlichen nutzen soziale Medien täglich, viele nutzen KI-Anwendungen aktiv. Doch nur ein Teil fühlt sich gut über deren Funktionsweise und Risiken informiert – und viele empfinden das Smartphone in Umfragen sogar selbst als Zeitfresser.

Während einige Jugendliche also von digitalen Technologien profitieren und sich neue Lernwege erschließen können, verlieren andere den Anschluss. Fehlende Medienkompetenz, Reizüberflutung oder unkritischer Konsum erschweren es, konzentriert zu lernen oder sich eine fundierte Meinung zu bilden. Auch hier gilt: Wer zu Hause oder in seinem Umfeld nicht ausreichend Unterstützung und Anregungen bekommt, ist im Nachteil.

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Kinder aus akademisch geprägten Haushalten haben in Deutschland bei gleicher Begabung nach wie vor deutlich bessere Bildungschancen – ein Muster, das sich noch weiter verstärken könnte. Wenn es aber vielen schon an den Startchancen mangelt, dann verliert zwangsläufig das Leistungsprinzip an Akzeptanz, auf dem unsere soziale Marktwirtschaft beruht.

Die Politik sollte daher ein großes Interesse daran haben, die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu erhöhen. Für gesellschaftlichen Zusammenhalt wie auch für die Wachstumschancen des Landes ist es entscheidend, dass junge Menschen das Rüstzeug haben, sich auch persönlich in unserem Land eine gute Zukunft zu erarbeiten. Das ist auch eine zentrale Voraussetzung für die Widerstandsfähigkeit einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Was also tun?

Von entscheidender Bedeutung ist die Stärkung der frühkindlichen Bildung. Zahlreiche Studien zeigen: Investitionen in frühkindliche Bildung haben einen deutlich positiven Effekt auf das Lebenseinkommen, die Gesundheit und sogar auf gesellschaftliche Faktoren wie Kriminalitätsraten. Im internationalen Vergleich investiert Deutschland in diesem Bereich jedoch nach wie vor zu wenig. Mehr Mittel und bessere Konzepte könnten dazu beitragen, soziale Kompetenzen frühzeitig zu stärken, Integration zu fördern und notwendige Sprachkenntnisse vor Schuleintritt zu vermitteln. Auch die Erwerbsbeteiligung der Eltern würde profitieren, wenn verlässliche und hochwertige Angebote verfügbar sind.

Verpflichtender Ganztag in Grundschulen

In der Grundschule kann die Einführung des verpflichtenden Ganztags – der zum Beispiel in Hamburg schon erfolgreich umgesetzt wird – dazu beitragen, zentrale Herausforderungen zu meistern. Wenn Hausaufgaben und Freizeitangebote in den Schulalltag integriert sind, so werden Kinder nicht abgehängt, deren Eltern arbeiten müssen oder die Sprache und Gepflogenheiten im Land noch nicht gut genug kennen.

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In Hamburg wird der Nachmittag des verpflichtenden Ganztagsbetriebs durch die Sportvereine organisiert, die dadurch – ganz nebenbei – deutlich mehr Kinder und Jugendliche mit ihren Angeboten erreichen. Ein Gewinn für die Kinder und die Vereine – sowie ganz nebenbei für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, der durch das Vereinswesen seit jeher mitgeprägt wird.

Auch die Schulung von Kompetenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz könnte im Schulalltag einen Platz finden, möglicherweise im Rahmen von Angeboten, die deutlich schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren können als die Lehrpläne.

Wenn der Ganztagsbetrieb eingeführt wird, gibt es gute Gründe, dies flächendeckend und verpflichtend zu gestalten
Veronika Grimm
WirtschaftsWoche-Kolumnistin

Darüber hinaus sollte bei der Entwicklung von Konzepten für den Ganztag gezielt die Förderung digitaler Medienkompetenz integriert werden. Viele Eltern sind überfordert, den Handykonsum ihrer Kinder oder deren Nutzung sozialer Medien zu begleiten. Neue Konzepte im Ganztag könnten hier ansetzen – etwa durch klare Regeln zur Handynutzung und pädagogische Angebote zur digitalen Selbststeuerung. In vielen Ländern ist der Gebrauch von Smartphones in Schulen bereits deutlich stärker eingeschränkt – mit dem Ziel, konzentrierteres Lernen und mehr Chancengleichheit im Schulalltag zu ermöglichen.

Wenn der Ganztagsbetrieb eingeführt wird, gibt es gute Gründe, dies flächendeckend und verpflichtend zu gestalten. Untersuchungen zeigen, dass bei freiwilligen Ganztagsangeboten Kinder aus sozioökonomisch starken Haushalten deutlich seltener teilnehmen – Integration und Resilienz in einer Gesellschaft stärken wir aber nur, wenn auch die sozioökonomisch besser gestellten Gruppen sich mit der Breite der Gesellschaft auseinandersetzen. Nicht zuletzt ist schulische Sozialisation ein Schlüssel zu demokratischer Bildung und Konfliktfähigkeit – Fähigkeiten, die in geopolitisch angespannten Zeiten die Grundlage für die Resilienz der Zivilgesellschaft legen.

Wenn wir es ernst meinen mit Zukunftsfähigkeit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit, dann muss Bildungspolitik in die erste Reihe der politischen Agenda. Frühkindliche Förderung und ein guter Ganztag für alle Kinder könnten in Zukunft das Fundament einer widerstandsfähigen, integrativen und innovativen Gesellschaft sein.

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