Urlaub in Deutschland: Sommerferien abschaffen? Dafür gäbe es gute Gründe

Neulich hörte ich von Freunden in Dänemark (also stellen Sie sich den dänischen Akzent bitte vor): „Es fällt auf, dass immer mehr Autos mit französischen und italienischen Autokennzeichen im Sommer bei uns rumfahren. Die Südeuropäer kommen offenbar im Juli jetzt zu uns.“
Ich sag: „Ja, weil die sind ja auch schlau. Genießen die milden Winter in ihren Ländern und entfliehen der brütenden Hitze Richtung Norden.“
So viel Freiheit muss großartig sein. Denn Millionen von Deutschen bleibt nichts anderes übrig, als in den Sommerferien genau das zu tun, was allem widerspricht, das entspannend und erholsam ist.
Der ADAC warnt vor Megastaus und wir stellen uns trotzdem rein, denn es geht ja nicht anders. Wir zahlen freiwillig 30 bis 40 Prozent mehr als in der Nebensaison und kloppen uns dann am Strand und am Buffet um Quadratmeter und Käse. Auf den Balearen, auf Sardinien oder den griechischen Inseln.
Und das auch noch zu Zeiten, in denen es in Deutschland am allerschönsten ist. Wir freuen uns das ganze Jahr auf den Sommer und verlassen unsere Heimat, wenn er da ist.
Das hat Tradition, oder besser gesagt: Es ist mal wieder eine nicht durchdachte Deutschlandroutine, die nicht mehr zeitgemäß ist.
Wäre es nicht viel schöner, die vergleichsweise immer noch milderen Sommer zu Hause an den Baggerseen, in den Mittelgebirgen, an Flüssen und Bächen zu verbringen, den eigenen Balkon auszunutzen und in unseren Straßencafés und Schwimmbädern zu lungern und Pommes zu mampfen, statt für Ähnliches in weiter Ferne Unsummen auszugeben und es in kaum erträglichen Temperaturen zu erleben?
Wie viel weniger kalt würde sich unser europäisches Wetterjahr für uns Deutsche anfühlen, wenn wir statt der Sommerferien im Süden Frühlingsferien und Herbstferien als die Hauptreisezeit für Südeuropa einplanen würden? Wenn es dort nicht knapp 40 Grad, sondern 25 Grad hat und bei uns die Temperatur eher um zwölf Grad herumpendelt.
Alles Ach-das-war-doch-immer-schon-so-wie´s-ist mal bei Seite. Natürlich wäre es schöner. Finden Sie nicht?
Dafür müsste sich Folgendes ändern:
- Die Länder müssten sich aus dem Korsett befreien, dass Sommerferien sechs Wochen am Stück abzulaufen haben. Während Bayern und Baden-Württemberg das Privileg genießen, ihre Sommerferien so spät zu starten, dass sie teilweise schon in die Nebensaison hineinreichen, rollieren sich die anderen Bundesländer in der davor liegenden heißeren Phase mit den Urlaubspreisspitzen dumm und dämlich. Warum nicht drei Wochen Pfingstferien und drei Wochen Herbstferien? Antwort: Weil unsere Infrastruktur dafür gar nicht ausgelegt ist. Denn:
- Unsere Schulen müssten sommerfest sein. Weil wir unser Geld aber jahrzehntelang lieber in alles andere als in die Zukunft unserer Kinder investiert haben, haben unsere Schulen in der Regel noch nicht einmal Belüftungs‑, geschweige denn Klimaanlagen.
Wir machen also nicht Sommerferien in Italien und Spanien in der Hochhitzezeit, nur weil das dann da so schön ist. Sondern weil die deutschen Bundesländer die Kinder aus ihren Schulen rausschmeißen müssen.
Weil sonst ein Hitzefrei nach dem anderen droht. Unterricht ist im Sommer in vielen deutschen Schulen einfach nicht möglich. Das muss man sich einmal vorstellen!
Deshalb werden Familien in den Ferien zu Hunderttausenden und zur Unzeit nach Südeuropa abgeschoben. Wo sich die Einheimischen mitunter nichts mehr wünschen würden, als dass wir ein paar Monate früher oder später gekommen wären, um auch deren Infrastruktur (Ferienwohnungen, Strände, Flughäfen, Restaurants, Straßen) zu entlasten.
Wie sehr würde ich unseren Kindern wünschen, dass sie nach einem zeitgemäßen Unterricht in einem modernen Schulgebäude (vielleicht ein bisschen so wie ganz viele Firmenkomplexe es in Deutschland sind), in dem sie frische, kühle Luft geatmet haben, um sich konzentrieren zu können, ihre Hausaufgaben gut betreut erledigt haben und ein Handtuch und eine Badehose schon im Schulranzen haben, um sich vor dem Weg nach Hause mit den Freunden zu einer gemischten Weingummitüte am Sprungbecken des Freibads zu treffen oder gemeinsam ein Eis auf dem Dorfplatz zu essen.
Wie sehr würde ich den Eltern wie uns allen außerdem wünschen, dass wir in unserem Land schnell Wege finden, den immer häufiger werdenden Hitzeperioden gemeinsam auszuweichen. Ein neuer Trinkbrunnen mit kostenlosem Leitungswasser in der Fußgängerzone ist als Infrastrukturprojekt in Klimawandelzeiten ein bisschen wenig.
Die Zukunft wird doch so aussehen: Im Hochsommer kommt Südeuropa zu uns, in der heute noch sogenannten Nebensaison fahren wir in den Süden. Dafür müssen bei uns jetzt auch die Weichen gestellt werden. Mit den Schulen und den Ferienzeiten fängt es an.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Juli bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des großen Interesses erneut.
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