Öl- und Gasförderung in Deutschland: Bitte bohrt im eigenen Hinterhof!

Polen jubelt. In Deutschlands Nachbarland herrscht Goldgräberstimmung. Die Entdeckung: Schwarzes Gold. Ein neues Öl- und Gasvorkommen, direkt vor der Insel Usedom, in unmittelbarer Nähe der deutschen Grenze. Die Rede ist vom größten Ölfund in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. „Das kann etwas Wunderbares sein“, sagte Polens Chefgeologe Krzysztof Galos in der „Tagesschau“.
Zwar macht das Vorkommen Polen nicht zum nächsten Kuwait: 200 Millionen Barrel vermutet der kanadische Ölkonzern Central European Petroleum (CEP) unter dem Meer. Nach Einschätzung des Geologen Galos könnte das Feld über mehrere Jahre hinweg rund vier bis fünf Prozent des jährlichen polnischen Ölbedarfs decken. Für Polen wäre das ein wichtiger Schritt hin zu einer größeren energiepolitischen Unabhängigkeit. Vor dem Ukraine-Krieg war das Land ebenso wie Deutschland stark auf Gas- und Öl-Importe aus Russland angewiesen.
In Deutschland dagegen ist der Aufschrei groß: Wie groß wird der Schaden für den Tourismus an der Ostsee? So eine Ölplattform will doch keiner sehen! Und überhaupt: Wie kann man es in Zeiten der Klimakrise verantworten, neue fossile Bohrungen zu genehmigen? Auch hierzulande sorgt die neu genehmigte Erdgasförderung eines deutsch-niederländischen Gasfelds in der Nordsee vor der Insel Borkum für Kontroversen. Die Deutsche Umwelthilfe hat gegen das Projekt geklagt.
„Not in my backyard“ ist zu einfach
Es gibt sehr gute Gründe, fossile Infrastrukturprojekte mit Skepsis zu betrachten. Schließlich besteht die Gefahr eines fossilen Lock-ins. Anders gesagt: Fossile Bohrfelder, Pipelines oder Kraftwerke könnten mehr und länger genutzt werden, als aus Energie- und Klimasicht notwendig wäre – weil die Infrastruktur für sie ja nun ohnehin besteht, weil es dadurch ökonomisch günstiger wird, weil die entsprechenden Lobbyinteressen laut hörbar sind.
Die Folgen der fossilen Ära lassen sich täglich beobachten: Hitze, Dürre, Fluten und Stürme vernichten bereits heute die Lebensgrundlage von Menschen im globalen Süden, aber auch zunehmend hier bei uns in Europa. Die Klimakrise verursacht Milliardenschäden und gefährdet Wohlstand. Jedes Zehntel Grad zusätzlicher Erwärmung macht es nur noch schlimmer.
Gute Gründe, um bei jedem fossilen Abbauprojekt vor der eigenen Haustür aufzuschreien: Nicht hier! „Not in my backyard“ – nicht in meinem Hinterhof. Doch mit diesem Reflex macht man es sich wiederum zu einfach.
Wer die industrielle Basis des Wirtschaftsstandorts Deutschland erhalten will – und dieses Ziel ist Konsens über Parteigrenzen hinweg –, muss schmerzlich akzeptieren, dass der Weg zu einer grünen Wirtschaft ein Weg der Widersprüche und des Abwägens ist. Es gilt, so schnell wie möglich Speicherkapazitäten zu skalieren, weiter Erneuerbare auszubauen, die Stromnachfrage zu flexibilisieren, die Wärmewende voranzutreiben. Das ist oberstes Gebot.
LNG ist schlimmer als heimisches Erdgas
Doch wenn wir nicht von heute auf morgen Teile der deutschen Industrie lahmlegen wollen – und das wollen nur wenige –, brauchen wir die nächsten Jahre noch Gas. Dieses Gas kommt gerade zu großen Teilen aus Norwegen oder den Niederlanden und nur zu einem sehr kleinen Teil aus heimischer Förderung in Niedersachsen. Zusätzlich importiert Deutschland immer mehr Flüssigerdgas (LNG), vor allem als Frackinggas aus den USA.
Ab nächstem Jahr treten neue Verträge in Kraft, mit denen sich deutsche Energieunternehmen für mindestens 15 Jahre verpflichten, Flüssigerdgas aus Katar und den USA zu importieren. Entstanden sind diese in der Energiekrise 2022. Und die USA fordern derzeit, dass Europa doch noch mehr amerikanisches Frackinggas abnehmen solle. Gut möglich, dass Deutschland das Angebot annimmt. Die LNG-Terminals dafür stehen ja nun bereit.
Dabei ist LNG dem neusten Stand der Wissenschaft zufolge vielleicht das Schlimmste, was man dem Klima antun kann: Über eine Spanne von 20 Jahren gerechnet liegen die Emissionen von Flüssiggas sogar ein Drittel höher als die von Kohle. Beim Fracking entweicht jede Menge klimaschädliches Methan. Für den Transport wird das Gas auf minus 160 Grad Celsius heruntergekühlt und, zumindest für den Weg nach Deutschland, tausende Kilometer mit Schwerlasttankern verschifft.
Es ist daher völlig richtig, wenn Carsten Mühlenheimer, der Präsident des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie, in Bezug auf Borkum resümiert: „Solange aber in Deutschland noch Erdgas verbraucht wird, gilt: Das aus heimischen Lagerstätten geförderte Erdgas ist erheblich weniger klimaschädlich als das importierte.“
Dieser Text soll kein Plädoyer für oder wider ein konkretes Gasprojekt sein. Aber ein Appell, sich ehrlicher zu machen, wo die – wohl unvermeidbare – Ausbeutung von Ressourcen für unser Wirtschaftsmodell stattfinden soll.
Politik muss fossilen Lock-in verhindern
Haben wir hier in Deutschland nicht teils die höchsten Umweltstandards und Arbeitsbedingungen weltweit? Wenn wir schon Fossile fördern, sollten wir es nicht vor der eigenen Haustür tun? Machen wir es uns nicht zu leicht, wenn wir erwarten, dass die Ausbeutung von Ressourcen immer in anderen Regionen der Erde stattfinden soll, wo wir sie nicht sehen? Diese Fragen lassen sich auch für den Abbau von wichtigen Rohstoffen wie Lithium oder Kupfer stellen, die für die Energiewende elementar sind.
Der Widerstand in der Bevölkerung gegenüber solchen Projekten ist, verständlicherweise, groß. Das hat der Kampf um die Braunkohle unter Lützerath gezeigt, das zeigen jetzt schon die besorgten Touristen auf Usedom. Aber vielleicht kann eine auf Zeit begrenzte fossile Förderung vor Ort uns auch vor Augen führen, was uns Wohlstand kostet – und den Druck erhöhen, diese Kosten zu minimieren.
Am Ende muss auch die Wirtschaft entscheiden, was sich lohnt. Wenn ja, ist die Gefahr eines fossilen Lock-ins real. Doch die Politik könnte diesen verhindern. Sie müsste dafür sorgen, dass inländische Förderung Importe aus dem Ausland tatsächlich ersetzt und nicht „on top“ kommt. Genauso gilt es, bei der Kraftwerksstrategie zu garantieren, dass die neuen Gaskraftwerke nur so wenig wie nötig laufen. Die aktuelle schwarz-rote Regierung darf keine Zweifel aufkommen lassen am Ziel Klimaneutralität, muss auf dem Weg dorthin versuchen, Widersprüche zu minimieren, und Unternehmen sowie Bürgern klarmachen: So wenig fossil wie nötig, so viel erneuerbar wie möglich.
Dann würden die Menschen verstehen, worum es langfristig geht: nämlich die Wahl, ob 2045 noch immer eine Ölplattform vor der Haustür steht oder ob es nicht doch lieber Windräder sein sollen.
Lesen Sie auch: „Es hat nie einen Zwang zur Wärmepumpe gegeben“