Mercedes-Gewinneinbruch: Ist das noch Zweckoptimismus oder schon Realitätsverleugnung?

Ein Gewinneinbruch im ersten Halbjahr um mehr als die Hälfte. Und eine Umsatzprognose, die deutlich unter dem bereits mehr als schwachen Vorjahresniveau liegt. Wenn Ola Källenius angesichts solcher Zahlen von „robusten Finanzergebnissen“ spricht und die Devise „Kurs halten“ ausgibt, kann das eigentlich nur zweierlei heißen: Entweder es handelt sich um ausufernden Zweckoptimismus. Oder es spricht daraus ein ungesundes Maß an Realitätsverleugnung. Beide Varianten wären nicht zu begrüßen.
Klar, Mercedes kämpft derzeit mit einem gelinde gesagt schwierigen Umfeld: gestörte Lieferketten, hohe Energie- und Materialkosten, wachsender Protektionismus, Konsumzurückhaltung in wichtigen Märkten.
Gleichwohl scheint es allzu opportun, die schlechten Zahlen allein auf makroökonomische Faktoren zu schieben. Insbesondere der Verweis auf die Negativeffekte durch die zuletzt hohen Einfuhrgebühren von US-Präsident Donald Trump leitet fehl.
Denn besonders ernüchternd fällt die Mercedes-Bilanz ausgerechnet bei der Elektromobilität aus – der Bereich gilt eigentlich als Hoffnungsträger für den Konzern. Immer wieder sprachen Källenius und seine Führungsmannschaft in den vergangenen Jahren davon, das Luxusauto im E-Zeitalter neu definieren zu wollen. Ein Schritt, der zwingend notwendig ist, um mit der „Luxury first“-Strategie, die Källenius vorgibt, langfristig Erfolg zu haben.
Gelungen ist das den Stuttgartern bislang nicht – das zeigen die Zahlen eindeutig: Während viele Wettbewerber ihre E-Auto-Verkäufe steigern, verzeichnet Mercedes einen Rückgang von 19 Prozent und kommt lediglich auf 76.000 ausgelieferte Elektrofahrzeuge im ersten Halbjahr.
Zum Vergleich: BMW setzte im selben Zeitraum 220.540 vollelektrische Fahrzeuge ab, ein Plus gegenüber dem Vorjahr von rund 16 Prozent. Besonders gravierend ist der Einbruch bei Mercedes noch dazu ausgerechnet in China, dem weltweit größten Automarkt: Nur 5200 vollelektrische Modelle konnte Mercedes dort im ersten Halbjahr absetzen – ein Minus von 66 Prozent.
Ob „Kurs halten“ also tatsächlich „die beste Antwort in diesen Zeiten“ ist, wie Ola Källenius das am Mittwoch verlauten ließ? Zu hoffen bleibt zumindest, dass es nicht die einzige Antwort ist, die „in diesen Zeiten“ in Stuttgart zur Diskussion steht.
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