Denkfabrik: Lust und Last des Sparbuchs
Die Diagnose ist eindeutig: Deutschland befindet sich in einer massiven Investitionskrise. Die privaten Investitionen sinken seit Jahren und sind mittlerweile auf das Niveau von 2015 zurückgefallen. Die Ausgaben für staatliche Investitionen haben sich zwar besser entwickelt, aber Teile der öffentlichen Infrastruktur sind trotzdem ein Sanierungsfall.
Im scharfen Kontrast dazu sind die privaten Haushalte in Deutschland eifrige Sparer, auch im internationalen Vergleich. Die deutsche Bruttosparquote lag 2024 bei 20 Prozent der verfügbaren Einkommen. Im EU-Durchschnitt waren es nur knapp 15 Prozent, in den USA nur 11 Prozent.
Leider aber landet dieses Geld oft auf niedrig verzinsten Sparbüchern. Diese Sparbuchkultur stößt zunehmend auf Kritik. Könnten die Mittel nicht eingesetzt werden, um Investitionen zu finanzieren? Für Kanzler Friedrich Merz scheint die Antwort klar zu sein: „Auf den deutschen Konten, Sparkonten und laufenden Girokonten liegen 2,8 Billionen Euro. Stellen Sie sich mal einen kurzen Augenblick vor, wir wären in der Lage, davon nur zehn Prozent zu mobilisieren – mit einem vernünftigen Zinssatz für die öffentliche Infrastruktur in Deutschland.“
Man könnte hier einwenden, dass Girokonten für den täglichen Zahlungsverkehr benötigt werden und es nicht überraschend ist, dass dort viel Geld liegt, auch wenn es nicht verzinst wird. Von den erwähnten 2,8 Billionen Euro liegen allerdings 1,2 Billionen Euro auf Sparbüchern, also in ähnlich niedrig verzinsten Anlagen. Gleichwohl ist die Vorstellung irreführend, dass Ersparnisse, die nicht in reale Investitionen fließen, umgelenkt werden könnten und müssten.
Rücklagen auf Sparkonten sind wirtschaftlich nichts anderes als Kredite der privaten Haushalte an Banken. Die Banken verwenden diese Mittel ihrerseits für Investitionen. So halten viele Banken hohe Bestände an Staatsanleihen, sie verleihen die Ersparnisse ihrer Kunden also an den Staat. Sofern der Staat die so aufgenommenen Mittel nicht für Konsum auf Pump, sondern für Investitionen verwendet, findet die von Merz geforderte Verwendung der privaten Ersparnisse für öffentliche Infrastrukturinvestitionen bereits statt. Dass die Guthaben auf Sparbüchern niedrig verzinst werden, beeinflusst die Verteilung der Erträge zwischen Banken und Sparern, verhindert bei gegebenem Sparvolumen aber keine Investitionen.
Private Investoren könnten die Effizienz steigern
Reicht es also aus, wenn privates Kapital über Banken und Staatsanleihen in öffentliche Infrastrukturinvestitionen fließt? Nicht wirklich. Eine direkte Beteiligung privater Investoren an Infrastrukturinvestitionen ohne den Umweg über Staatsanleihen könnte durchaus segensreich sein. Wenn etwa das private Engagement die Effizienz der Investitionen steigert, also etwa Baukosten für öffentliche Gebäude oder Straßen reduziert. Das würde freilich erfordern, dass private Investoren einen Teil der unternehmerischen Risiken bei Errichtung und Betrieb der Infrastruktur tragen.
So etwas funktioniert vor allem dann, wenn damit Einnahmen möglich werden, etwa beim Bau von Autobahnen, für die Mautabgaben anfallen, oder bei Gebäuden, die später Mieterträge erzielen. Die Rolle privater Investoren besteht also weniger in der Bereitstellung von Kapital, sondern in der Steigerung der Effizienz des Managements bei der Errichtung und beim Betrieb der Infrastruktur.
Es hat dennoch Nachteile, wenn ein großer Teil der Ersparnisse auf Sparkonten landet. Banken leiten das Geld in vergleichsweise sichere Investitionen. Volkswirtschaftlich bedeutende, aber riskante Investitionen wie etwa die Finanzierung neu gegründeter Unternehmen fallen dabei unter den Tisch.
Hinzu kommt, dass die niedrigen Zinsen auf Sparbücher das Sparen nicht sonderlich attraktiv erscheinen lassen. Gerade in Zeiten, in denen die umlagefinanzierte Rente an Bedeutung verliert und Menschen verstärkt selbst vorsorgen müssen, ist eine attraktive Rendite wichtig. Das bieten Sparbücher nicht, eher Aktienanlagen, einschließlich gut diversifizierter Fonds zur Finanzierung junger Unternehmen.
Es geht also weniger darum – wie der Kanzler es wünscht –, private Ersparnisse in Infrastrukturinvestitionen umzuleiten. Ziel muss sein, Märkte für Aktien und Risikokapital zu fördern und Sparern Zugang zu dieser Anlageform zu verschaffen. Das hätte zwei positive Effekte: Erstens würde privates Sparen zur Altersvorsorge attraktiver. Zweitens hätten gerade neu gegründete und mittelständische Unternehmen, die in Deutschland investieren möchten, aber bislang keine Finanzierung bekommen, bessere Chancen, Projekte umzusetzen. Das könnte dazu beitragen, die Investitionskrise in Deutschland zu überwinden.