Fachkräftemangel: „Aus unternehmerischer Sicht ist es schlau, Mitarbeiter abzuwerben“
Nahe der Osnabrücker Stadtgrenze, in der 23.000-Einwohner-Gemeinde Wallenhorst, haben sich Igor Lang und Vanessa Schulte im Frühjahr 2023 selbstständig gemacht. Ihr Unternehmen, ein Spezialbetrieb für den Einbau von Wärmepumpen und Solaranlagen, haben sie Evergreen Energiesysteme getauft. An der Schnittstelle zwischen Handwerk, Industrie und Vertrieb sind die Gründer auf einen florierenden Markt gestoßen.
Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich die Zahl der Haushalte, die primär mit einer Wärmepumpe heizen, in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Besonders bei den Neubauten ist die Wärmepumpe gefragt: 81 Prozent der neuen Wohngebäude setzten 2024 auf die Technologie. Auch das Interesse an Photovoltaikanlagen (PV) ist den Statistikern zufolge weiter hoch. 3,4 Millionen PV-Anlagen waren Ende 2024 auf Deutschlands Dächern installiert, doppelt so viele wie noch 2018.
Gute Aussichten für Evergreen Energiesysteme, wäre da nicht die ständige Suche nach Personal. Im Handwerk herrscht seit Jahren Fachkräftemangel. „Wir haben eigentlich ein Luxusproblem. Wir haben zu viele Aufträge. Wie auch andere Unternehmen in der Branche: Wir alle schaffen es nicht, die Aufträge mit der Manpower, die wir haben, abzuwickeln“, erzählt Lang.
Zu viele Aufträge, zu wenig Personal
Gerade einmal zweieinhalb Jahre ist Langs Unternehmen alt. Seinen ersten Meister, der auch heute noch im Betrieb sei, habe er im Frühjahr 2023 eingestellt. Inzwischen ist der Betrieb auf 25 Mitarbeiter angewachsen. Die Beschäftigten stammen aus den Bereichen Elektrik, Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik sowie der Dachdeckerei.
„Der Personalstamm hat sich gut entwickelt“, berichtet der Chef. Er und Geschäftspartnerin Schulte haben keine klassischen Handwerksberufe erlernt: Lang ist eigentlich Kaufmann im Großhandel, Schulte hat einen Master in Versorgungsmanagement. Die üblichen Methoden der Mitarbeitergewinnung reichen den Unternehmern inzwischen nicht mehr. Um qualifiziertes Personal zu gewinnen, greifen sie zu unkonventionellen Maßnahmen und zahlen auch Einmalprämien an wechselwillige Handwerker.
Denn die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist seit Jahren angespannt. Immer weniger Nachwuchskräfte und alternde Belegschaften treiben viele Betriebe um. Ein Drittel der Handwerksberufe wird von der Bundesagentur für Arbeit als Engpassberufe gezählt. Berufe, in denen kontinuierlich eine große Lücke zwischen Bedarf und Bestand an Fachkräften herrscht.
41.000 offene Jobs wurden der Bundesagentur für Arbeit, Stand September 2025, allein bei den Mechatronikern, Energie- und Elektroberufen gemeldet. Besonders betroffen: die Bereiche Bauelektrik und Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Laut Engpassmonitor der Bundesagentur die Berufe mit dem zweit- beziehungsweise fünfthöchsten Personalengpass. Nur bei den Dachdeckern, die Lang und Schulte für die Montage der PV-Anlagen brauchen, ist die Situation mit 2300 Gesuchen noch etwas entspannter.
Neue Anreize: Bis zu 5000 Euro Prämie
Zwar arbeitet Evergreen dem Inhaber zufolge des Öfteren mit Montagehelfern – Mitarbeitern ohne entsprechende Ausbildung. Einige Aufgaben könnten diese aber nicht durchführen, zum Beispiel am Zählerschrank oder auf dem Dach. Letztlich seien Schulte und er deshalb auf die Idee gekommen, qualifizierten Handwerkern Wechselprämien zu bezahlen. „Wenn wir merken, dass wir mit dem aktuellen Team zu weit im Verzug sind und weitere Mitarbeiter brauchen, setzen wir auch Hebel wie Wechselprämien an.“ Aus unternehmerischer Sicht sei die Maßnahme schlau, man stärke eigene Position am Markt, meint Lang.
Bis zu 5000 Euro hat er einzelnen Handwerkern schon für den Wechsel bezahlt – und plant, weiter damit zu arbeiten und die Methode womöglich auszuweiten: „Vielleicht den eigenen Leuten, also Mitarbeitern, Bekannten, Verwandten auch nochmal einen Anschub dafür geben. Dass man eine Belohnung bezahlt, wenn jemand jemanden wirbt. Das setzt vielleicht einen neuen Reiz.“
Lang betont indes, dass die Prämien nicht seine einzige Maßnahme sind. Bei der Personalsuche sei das Unternehmen auch auf Facebook und Instagram aktiv, schalte Werbeanzeigen und setze auf Suchmaschinenoptimierung. Zudem gebe es die Prämie nur, wenn jemand die Probezeit erfolgreich überstehe. „Eine Anzeige bei der Arbeitsagentur haben wir jedenfalls noch nie geschaltet“, sagt er.
Geringe Wechselbereitschaft und Konfliktpotenzial
Doch ist der Prämien-Gedanke überhaupt neu? Streng hinter verschlossenen Türen, in einzelnen Fällen, habe es solche Prämien früher gegeben, erzählt Andreas Lehr, Pressesprecher der Handwerkskammer (HWK) Osnabrück. Mittlerweile sei das anders. „Je härter das Ringen um Fachkräfte wird, desto offener wird mit den Prämien geworben.“ Gleichwohl erlebe er, dass die Wechselbereitschaft in der Praxis äußerst gering sei.
„Die wirklich guten Handwerker werden bei ihren Betrieben sehr gut bezahlt. Die wechseln oft nicht für einen Einmalbetrag“. Wechselprämien seien selten von Erfolg gekrönt, „jedenfalls nicht bei wirklich guten Leuten“, meint Lehr. Viele der so gewonnenen Fachkräfte seien auch schnell wieder weg. Auch bei Auszubildenden punkte man mit Prämien kaum.
Einen positiven Effekt auf das Handwerk oder den Arbeitsmarkt könne er jedenfalls nicht erkennen. Im Gegenteil: Manchmal hätten die Prämien zu ernsthaften Verstimmungen geführt. Zwischen den Betrieben und in den Innungen habe es deshalb schon laute Wortwechsel gegeben.
Gefahr eines Überbietungswettkampfs
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kann keine positiven Auswirkungen der Wechselprämien feststellen, unterstreicht aber die dünne Datenlage. Anderen Instituten wie dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und dem ifo Institut liegen ebenfalls keine Daten vor. „Eine valide Statistik darüber, wie häufig solche Prämien zum Einsatz kommen, gibt es nicht. Aus der Praxis gibt es jedoch kritische Stimmen vonseiten der Unternehmen, denn mit häufigen Jobwechseln sind in der Regel auch stärkere Lohnsteigerungen verbunden“, erklärt Lydia Malin vom IW.
Die Arbeitsmarktexpertin kann einer Idee, die Unternehmer Lang formuliert, jedoch etwas abgewinnen: „Es stellt sich die Frage, ob nicht andere Maßnahmen geeigneter sind. Beispielsweise können Unternehmen Mitarbeitenden Prämien zahlen, wenn sie neue Mitarbeiter werben. Denn hier ist zumindest zu erwarten, dass die Passung der neuen Fachkraft zum Unternehmen gut sein dürfte und die Mitarbeiterbindung besser gelingt.“
Lang plant unterdessen, den Personalstamm weiter auszubauen. Auch mithilfe von Prämien. 40 bis 50 Mitarbeiter halte er für eine Größenordnung, die in naher Zukunft erreichbar sei – also fast eine Verdopplung. „Wir lindern damit natürlich nicht den Fachkräftemangel“, das sei ihm bewusst, sagt Lang. Ihm gehe es aber bei den Wechselprämien um diejenigen, die eigentlich Lust hätten, zu arbeiten – aber eine Stelle hätten, mit der sie nicht ganz zufrieden seien.
Lesen Sie auch: „Handwerker bauen sich Häuser im Wert von 400.000 Euro“