Emissionshandel: Die EU steht haarscharf davor, ihre Klimapolitik abzuschaffen

Nun ist das eingetreten, was an Klimaschutz ernsthaft interessierte Ökonomen und Politiker schon länger befürchtet hatten: Der Emissionshandel, das wirksamste Instrument, um Klimaschutz in Europa so günstig wie möglich voranzutreiben, wird erst ein Jahr später in Kraft treten als geplant. Der Emissionshandel (ETS2) verteuert Öl und Gas zum Heizen und Tanken, damit es wirtschaftlich attraktiver wird, auf grüne Alternativen umzusteigen.
Na gut, dann kommt der halt ein Jahr später, könnte man sagen: Wo ist da das Problem?
Um das zu verstehen, muss man sich klar machen, wie groß die Herausforderung ist, vor der die europäische Gesellschaft steht: Perspektivisch müssen Öl- und Gasheizungen und Verbrennerautos zu einem ganz großen Teil durch Elektroautos und Wärmepumpen ersetzt werden. Das sind mehrere hundert Millionen Entscheidungen, die Menschen treffen müssen, und für die es einen Anreiz braucht – denn von nichts kommt nichts, das haben die vergangenen fünfzig Jahre gezeigt.
Das ist ein riesiger Kraftakt: Menschen wollen Veränderung lieber von sich aus anstoßen und nicht, weil sie es politisch aufgedrückt bekommen. Auch wenn wir politische Einmischung in anderen Lebensbereichen tolerieren, ohne dass es dort zu großen Protesten kommt. Stichwort Anschnallpflicht oder Ehegattensplitting.
Deutschland ist Vorreiter beim Emissionshandel
Der Emissionshandel bedeutet auch einen volkswirtschaftlichen Kraftakt. Denn wenn Ladesäulen die Tankstellen ersetzen, Wärmepumpen die Gasheizungen und Windparks die Kohlekraftwerke, erfordert das einen wahnsinnigen Umbau der Infrastruktur. Wir machen einen funktionstüchtigen und kostengünstigen, weil längst abbezahlten, Kapitalstock obsolet, um ihn durch einen grünen Kapitalstock zu ersetzen. Absichtlich. Für den Klimaschutz.
Den Emissionshandel für Heizen und Tanken um ein Jahr zu verschieben, bedeutet im Kern, dass die Geschwindigkeit der Dekarbonisierung steigen muss. Wenn man also am Klimaschutz insgesamt festhalten will, und das ist die eigentliche Grundsatzfrage, bedeutet dieser Schritt also keine Ent-, sondern eine Belastung. Quasi noch ein Jahr länger chillen, aber das Ziel bleibt eben gleich – und das Zeitbudget zur Erreichung schrumpft.
Eine Entlastung wäre eher, so früh wie möglich mit dem Emissionshandel anzufangen und einen Preispfad vorzugeben, damit sich die Panik legt. So wie Deutschland es vormacht. Die wenigsten Menschen wissen, dass es hier bereits einen nationalen Emissionshandel auf Heizen und Tanken gibt. Eine Tonne CO₂ kostet 55 Euro.
Aber gerade weil das Verschieben noch größere Anstrengungen erforderlich macht, muss man befürchten: Das ist das Ende des Emissionshandels. Was wiederum die komplette klimapolitische Architektur der EU zum Einsturz bringen würde. So viel zur Dramatik.
Denn warum sollte nicht in einem Jahr ein anderes europäisches Land vor Wahlen stehen und aus wahltaktischen Gründen eine erneute Verschiebung fordern? So ist es jetzt gelaufen: Polen hat auf das Verschieben bestanden, um Klimazielen zuzustimmen, die die Mitgliedsländer einstimmig beschließen müssen.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es noch. Die EU-Kommission hat sich einen Trick überlegt, aber ob der aufgeht, muss sich erst zeigen. Der Trick geht so: Mitgliedsländer können vorzeitig auf Einnahmen aus dem Emissionshandel zugreifen, um Fördermaßnahmen im eigenen Land zu bezahlen. Die EU winkt mit Milliarden – und wer die einmal in Anspruch nimmt, muss ja dann dem ganzen System zustimmen, auch wenn es erst ein Jahr später losgeht. Das ist besonders wichtig für die osteuropäischen Länder. Für sie ist der Emissionshandel ein richtig harter Brocken, weil die Abhängigkeit von Kohle größer ist und die Menschen dort schlicht weniger Geld für den Umstieg haben als in Deutschland.
Ein guter Nebeneffekt dieser politischen Zuspitzung könnte sein, dass sich wieder mehr Menschen damit beschäftigen, wie viel Klimaschutz sie möchten. In was für einer Zukunft sie leben wollen und was sie bereit sind, dafür zu investieren. Schließlich wird man ja auch nicht schräg angeguckt, wenn man viel Geld in die Ausbildung steckt – obwohl das eine Investition ist, die sich erst im Laufe des Lebens auszahlt und den eigenen Kindern zugutekommt.
Warum ist das beim Klimaschutz so anders? Wir haben sehr, sehr viel zu gewinnen, wenn wir nicht in der 2,8 Grad wärmeren Welt leben, auf die wir gerade zusteuern.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 5. November 2025. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.
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