Carl Bosch und Fritz Haber: Sie waren Lebensretter – und verursachten doch großes Kriegsleid
Die Versuche dauerten oft mehrere Tage – und endeten schon mal mit Rohrbrüchen oder Explosionen. Doch Carl Bosch war wie besessen von der Idee, aus Ammoniak Kunstdünger herzustellen. Mist und Gülle reichten damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, längst nicht mehr aus, um ausreichende Ernten für die wachsende Weltbevölkerung zu produzieren.
Boschs Kompagnon, der Chemiker Fritz Haber, hatte einen Weg gefunden, um Ammoniak synthetisch zu produzieren – per Hochdruck, aus Wasserstoff und Stickstoff. Bosch, der nach seiner Promotion in Chemie bei der BASF angeheuert hatte, sollte das Verfahren industriell nutzbar machen.
Den entscheidenden Geistesblitz hatte er 1911 – ein Doppelrohr, mit dessen Hilfe die Hitze im Außenrohr wieder abgeleitet werden konnte. 1912 begann der Bau der Fabrik für das Haber-Bosch-Verfahren; am 9. September 1913 ging die Anlage in Betrieb. Schon im ersten Jahr produzierte die BASF 40 Tonnen Ammoniak pro Tag.
Haber und Bosch haben damit die Landwirtschaft revolutioniert, Hungersnöte vermieden und die Effizienz der Nahrungsversorgung gesteigert. Ohne sie hätte die Weltbevölkerung nie auf ihre heutige Größe von 8,2 Milliarden Menschen wachsen können. Haber erhielt 1918 den Nobelpreis, Bosch 1931.
Doch der Erfolg der beiden Pioniere hatte auch eine dunkle Seite. Aus dem Ammoniak ließ sich nicht nur Dünger, sondern auch Sprengstoff produzieren. Bosch versprach kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges der Obersten Heeresleitung, genügend Salpeter zu produzieren, damit der Armee die Munition nicht ausgeht. Später haderte er damit: „Der Krieg hätte vielleicht ein schnelleres Ende mit wahrscheinlich weniger Elend und besseren Bedingungen gefunden“, wenn er das Deutsche Reich nicht unterstützt hätte, sagte Bosch 1932.
Ein Jahr später klopften die Nazis bei ihm an: Bosch, seit 1919 Vorstandsvorsitzender der BASF, führte bis 1935 die I.G. Farben und stand bis zu seinem Tod 1940 dem Aufsichtsrat des damals größten Chemieunternehmens der Welt vor, das eng mit dem NS-Regime paktierte. Immerhin setzte sich Bosch für jüdische Forscherinnen und Forscher ein, mahnte, dass namhafte Wissenschaftler das Land verließen. Hitler scherte sich nicht drum: „Dann arbeiten wir eben 100 Jahre ohne Physik und Chemie“, soll ihm der Diktator geantwortet haben. In seinen letzten Lebensjahren litt Bosch unter Depressionen und Alkoholsucht.
Sein früherer Kompagnon Haber hatte im Ersten Weltkrieg Giftgas als Waffe entwickelt. Abertausende alliierte Soldaten erstickten daran. Später forschte er zur Thermo- und Elektrochemie. Er stammte selbst aus einer jüdischen Familie, musste in der NS-Diktatur jüdische Mitarbeiter entlassen. Aus Protest verließ er Deutschland. Seinen Plan, in das damalige Palästina umzusiedeln, konnte er nicht mehr verwirklichen. Er emigrierte und starb 1934 in der Schweiz.
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