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Frauen am Arbeitsmarkt„Wenn wir die Vereinbarkeit weiter fördern, profitiert die gesamte Wirtschaft“

Viele Mütter arbeiten immer noch Teilzeit – oder gar nicht. Eine exklusive Studie des Familienministeriums zeigt: So gehen der Wirtschaft Milliarden flöten.Gökay Gürsoy 02.12.2025 - 10:55 Uhr
Investitionen in familienfreundliche Maßnahmen zahlen sich für die gesamte Wirtschaft aus, sagt Ministerin Karin Prien. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Rund die Hälfte aller berufstätigen Frauen in Deutschland arbeitet nur in Teilzeit. Fast jede dritte Mutter eines minderjährigen Kindes ist gar nicht berufstätig. Die Gründe dafür sind klar: Frauen kümmern sich häufiger um den Haushalt und die Familie, pflegen auch öfter Angehörige als Männer.

Doch wie groß ist das wirtschaftliche Potenzial, das dadurch ungenutzt bleibt? Nach zwei Jahren Rezession, einem voraussichtlichen Mini-Wachstum im laufenden Jahr und in Zeiten des Fachkräftemangels stellt sich diese Frage mehr denn je.

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Die Antwort: In der Zeit bis 2030 könnte die deutsche Wirtschaft insgesamt um 18 Milliarden Euro zusätzlich wachsen, wenn Staat und Unternehmen Müttern eine bessere Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglichen würden. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführte Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt.

„Wenn wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter fördern, profitiert die gesamte Wirtschaft“, sagte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) der WirtschaftsWoche. „Die aktuellen Berechnungen zeigen, dass Investitionen in familienfreundliche Maßnahmen volkswirtschaftlich hohe Renditen erzielen.“ Im Übrigen auch für den Staat und die Sozialversicherungen: Beide würden von höheren Einnahmen profitieren.

„Potenzial müsste viel stärker genutzt werden“

Neben einer längeren Lebensarbeitszeit und qualifizierter Zuwanderung in den Arbeitsmarkt sei für nachhaltiges Wachstum vor allem eines notwendig: „Das ökonomische Potenzial in der Familienpolitik sollte in der aktuellen Wirtschaftslage viel stärker genutzt werden“, schreiben die Studienautoren.

Wie effektiv dieser Hebel ist, zeigt die Vergangenheit. Die Politik hat den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, den Ausbau des Betreuungsangebots sowie die Einführung des Kindergeldes umgesetzt. Arbeitgeber haben sich flexiblen Arbeitszeiten oder Homeoffice-Regelungen geöffnet.

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Dank dieser Maßnahmen entstanden laut der Studie seit 2008 mit Blick auf das Arbeitsvolumen 800.000 Vollzeitäquivalente. Ein Vollzeitäquivalent misst, wie viele Vollzeitstellen sich aus der tatsächlichen Arbeitszeit aller Beschäftigten in Voll- und Teilzeit ergeben. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs um zusätzliche 83 Milliarden Euro. Der Fiskus nahm acht Milliarden Euro mehr an Steuern ein. In die Kassen der Sozialversicherungen flossen rund neun Milliarden Euro extra.

Fast vier Milliarden Euro Steuereinnahmen

Familienministerin Prien will die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie deshalb nicht nur als „Frage der sozialen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, sondern auch als Chance für die wirtschaftliche Entwicklung“ verstanden wissen. „Jede Investition in Familienfreundlichkeit zahlt sich mehrfach aus.“

In der Studie werden zwei Szenarien für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bis 2030 miteinander verglichen, die sich nur im „Ausmaß der Erwerbstätigkeit und der Arbeitszeit von Müttern mit Kindern unter 12 Jahren“ unterscheiden.

Das Ergebnis: Stiegen die Erwerbstätigenquote von Müttern bis 2030 um sechs Prozent und die Wochenarbeitszeit im Schnitt um eine Stunde, ginge das bis 2030 insgesamt mit einer um 18 Milliarden Euro höheren Wirtschaftsleistung einher, ein zusätzliches Arbeitsvolumen von 200.000 Vollzeitäquivalenten könnte realisiert werden. Blieben Steuersätze und Sozialversicherungsbeträge gleich, bedeutete das 3,7 Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen und 4,2 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen für die Sozialversicherungen.

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Diese Maßnahmen sind jetzt geboten

Noch immer ungenutztes Potenzial sieht die Studie beim weiteren Ausbau der Kinderbetreuung, insbesondere von Unter-Dreijährigen sowie Schulkindern. Bei den Kindern unter drei Jahren liege die Betreuungsquote nur bei etwa 36 Prozent. Gleichzeitig würden „neun von zehn Müttern, die keinen Betreuungsplatz haben und derzeit nicht erwerbstätig sind, gerne arbeiten gehen“.

Die Autoren der Studie verweisen darauf, dass Mütter insbesondere dann ihre berufliche Tätigkeit ausweiten, „wenn sie Vertrauen in eine hohe und bildungsreiche Betreuungsqualität gewinnen können“. Stand jetzt braucht es allein bei den Grundschulkindern bis 2027 hierfür nahezu 400.000 zusätzliche Ganztagsplätze.

Laut der Studie sind zudem 17 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nicht zufrieden mit den betrieblichen Unterstützungsangeboten. Arbeitgeber sollten demnach je nach Möglichkeit noch stärker auf flexible Arbeitszeiten und auf eine „regelmäßige Kommunikation zu Arbeitszeitwünschen sowie Karrieremöglichkeiten“ achten.

Das brächte auch den Unternehmen Vorteile: Wenn sie Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie legen, könnten sie so nicht nur besser Mitarbeiter gewinnen und binden. Das Engagement führe auch zu weniger Fluktuation beim Personal und weniger Krankmeldungen.

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