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  4. SailGP 2026: Dieses Segelrennen ist wie Formel 1 ohne Bremse

Beim Rennen vor Sassnitz im Sommer 2025 liegt das deutsche Germany-SailGP-Team mit Erik Heil am Steuer vorn. Foto: Felix Diemer for SailGP

SailGP 2026Wie Formel 1 ohne Bremse

Warum reißen sich die Sponsoren ausgerechnet um eine neue Segel-Liga? Dieses Wochenende ist Saisonauftakt des SailGP. Wir haben die Macher getroffen.Nele Husmann 17.01.2026 - 14:05 Uhr

Diese Rennserie ist in Deutschland ein Geheimtipp unter Fans, die Nervenkitzel live suchen. Noch. An diesem Wochenende startet die neue SailGP-Saison mit dem Auftakt-Rennen im australischen Perth. Auckland und Sydney folgen. Wie die Formel 1 tourt die neue Segel-Liga rund um die Welt zu ihren Rennen. Mit dabei die beeindruckendsten Metropolen am Wasser: New York, Rio, Dubai, Sydney – und Sassnitz. Im August kommt das Segelevent das zweite Mal in das Fischerstädtchen auf der Ostseeinsel Rügen.

Ist das noch Segeln? Segeltuch sucht man jedenfalls vergebens. Die Wing-Sails aus Hightech-Kohlefaser erinnern aus der Nähe betrachtet eher an senkrecht gestellte Tragflächen eines Flugzeuges. Sie generieren die Aerodynamik für den enormen Vortrieb – bis zum Dreifachen der auf dem Wasser herrschenden Windgeschwindigkeit – und lassen die Boote  blitzschnell abheben auf ihren HydroFoils. Das sind lange Tragflächen auf der Rumpfseite, die die Boote gerade so im Wasser halten. Dreizehn Katamarane jagen bei den Rennen gleichzeitig, weniger als einen Meter voneinander entfernt, durch die Gischt. Jede Böe erfordert Höchsteinsatz der Skipper. Strategien müssen blitzschnell angepasst werden, der Sieger wird in Hundertstelsekunden bestimmt.

Diese neue Segel-Liga ist tatsächlich eine Art Formel 1 auf dem Wasser: „Dies ist ein Rennsport ohne Bremse“, sagt Thomas Riedel. Der Wuppertaler Telekommunikationsunternehmer schlug sofort zu, als ihm vor drei Jahren der Aufbau eines deutschen Teams angeboten wurde. Das Angebot kam nicht von irgendwem: Der SailGP-CEO ist Russell Coutts, der fünffache neuseeländische America’s-Cup-Gewinner, seines Zeichens eine Segellegende.

Teambesitzer Thomas Riedel vor Monitoren im Oracle-Container. Foto: Ricardo Pinto for SailGP

Der 57-jährige Riedel verdient sein Geld weltweit mit der Technik für bedeutende Live-Veranstaltungen: Nicht nur die Formel 1, sondern auch die Bundesliga, die Olympischen Spiele, die NFL, die NBA und sogar die Oscars vertrauen auf seine Echtzeit-Übertragungstechnologie. Für den America’s Cup, die Grand Dame unter den Regatten, entwickelte er sogar salzwasserfestes Equipment. Als die SailGP vor gut sechs Jahren als Gegenveranstaltung dazu ins Leben gerufen wurde, war schnell klar, dass Riedel auch dafür die Technik liefern würde.

Jetzt verdankt Deutschland Riedel, dass hierzulande wieder ein großes internationales Sportevent stattfindet. Das letzte deutsche Formel-1-Rennen ist immerhin sieben Jahre her. Der Wuppertaler Unternehmer erkannte, dass aus dem jungen Segel-Format schnell etwas ganz Großes werden könnte.

Auch Sebastian Vettel stieg ein

Riedel war es auch, der ausgerechnet den ehemaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel überzeugte, sich ebenfalls beim Team zu engagieren. Vettel hatte sich eigentlich aus der Öffentlichkeit auf seinen Öko-Bauernhof in der Schweiz verabschiedet. Der 39-Jährige, der seit zwei Jahren Mitbesitzer des deutschen SailGP-Teams ist, sagt im Interview mit unserer Redaktion: „Das Faszinierende ist, die Kräfte zu spüren und zu wissen, dass man nur vom Wind angetrieben ist.“

Weitere A-Listen-Stars haben sich inzwischen in das umweltfreundliche Rennformat verliebt: Die Schauspieler Hugh Jackman, Ryan Reynolds und Anne Hathaway sowie der Fußballstar Kylian Mbappé kauften sich in konkurrierende Teams ein. Die Beteiligung am Team Germany entpuppt sich dabei für alle Investoren als lukratives Investment: Anfangs wurden die Franchises pro Team für fünf Millionen Dollar verkauft. Jetzt gehen sie für mindestens 60 Millionen Dollar über den Tisch.

Segel-Team mit Dame: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig begrüßt (von links nach rechts) Teambesitzer Thomas Riedel von Riedel Communications aus Wuppertal, den SailGP-CEO Sir Russell Coutts, den Sassnitzer Bürgermeister Leon Kräusche, Ex-Rennfahrer und Mitbesitzer Sebastian Vettel und Tim Kriegelstein, den CEO des Germany SailGP Teams. Foto: Andrew Baker for SailGP

Dabei war Deutschland nicht von Anfang an gesetzt als Austragungsort eines SailGP, erinnert sich Riedel: „Bis tief in die Nacht gingen die Verhandlungsrunden, damit das Rennen 2025 in Sassnitz starten durfte.“ Aus öffentlichen und privaten Töpfen floss schließlich Geld für die Zahlung an die Liga. Riedel holte auch die Deutsche Bank als Sponsor des deutschen Teams dazu.

13.000 Zuschauer in Rügen

Rückblende zum 16. August 2025: 13.000 zahlende Gäste sitzen auf der Zuschauertribüne in Sassnitz, das ZDF überträgt live. Die Teams kämpfen nicht auf hoher See, sondern dicht am Ufer um den Sieg – der Hafen dient als Stadion. Es weht eine steife Brise, begleitet von starken Böen. Team Deutschland nähert sich dem letzten Gate – ein hochriskantes Manöver. Das Tempo ist enorm, eine Windböe drückt den Katamaran von der Seite förmlich in die Foils.

Gerade hatte Riedel noch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig begrüßt, im Anschluss erwartet ihn Box-Star Henry Maske in der Adrenalin-Lounge. Jetzt starrt er auf den Monitor: Sein Team geht als Erstes durch die Ziellinie. Es gewinnt sein allererstes Rennen vor deutschem Publikum. In der Gesamtwertung reicht es für Platz fünf, punktgleich mit einem der Spitzenteams, den Blackfoils aus Neuseeland. Es ist das bisher beste Ergebnis für „Germany SailGP Team presented by Deutsche Bank“, so der sperrige offizielle Name.

Ein Mitglied des deutschen Teams rennt während des Rennens quer über den Katamaran. Foto: Felix Diemer for SailGP

Der unverhoffte Sieg entpuppt sich als Durchbruch für die Deutschen: In den späteren Rennen vor Saint-Tropez belegt Riedels Team Platz vier, auf dem Genfer See gewinnt es sogar zum allerersten Mal das gesamte Event. Insgesamt reicht es wegen eines schwierigen Saisonauftakts immerhin für Platz neun unter 12 Teams. Dem sonst so nüchternen Technikexperten Riedel rollen in Sassnitz Tränen über die Wangen.

Ein Frontalangriff auf den America’s Cup

Gründungsvater des SailGP ist eine weitere Segelgröße – und kein Unbekannter: Larry Ellison, der amerikanische Tech-Milliardär und Oracle-Gründer. Der zweimalige Gewinner des America’s Cup wandte sich nach einer jähen Niederlage gegen Neuseeland 2021 endgültig von dem Event ab. Er wollte den Sport in die Moderne holen – ihn nervten die „The Winner Takes It All“-Regeln des Cups.

Die SailGP-Liga reist zu zwölf Events im Jahr um die Welt. Foto: Jason Ludlow for SailGP

Schon lange kritisieren Experten, dass der America’s Cup mit unbegrenzten Investmentmöglichkeiten zum Rennen der Superreichen verkommen ist: Dabei findet das Spektakel die meiste Zeit auch noch fernab der Öffentlichkeit auf offenem Meer statt. Da die Gewinner selbst die Regeln fürs nächste Rennen festlegen dürfen, ersinnen sie jede erdenkliche Schikane für Herausforderer. Spannung geht anders.

Ein Segelsport greift nach der Krone

Zusammen mit Russell Coutts gründete Ellison deshalb den SailGP mit dem Plan, den ältesten Sportpokal der Welt anzugreifen. Ellison gab teilweise bis zu 200 Millionen Dollar aus – wohlgemerkt pro America’s-Cup-Rennen. Jetzt investiert er ähnliche Summen, aber in den Aufbau einer komplett neuen Rennliga. Diese Phalanx an Expertise und Investment zieht offensichtlich: Der Genfer Luxusuhren-Hersteller Rolex konnte als Titelpartner und offizieller Zeitnehmer für die Serie gewonnen werden. Ein ungewöhnlicher Schritt für die wichtigste Uhren-Marke der Welt, die traditionell eher sportliche Großevents wie Wimbledon mit entsprechend langer Geschichte mit ihrem Namen krönt.

Nun wandert die Krone an den actiongeladenen Segelsport SailGP, der bewusst um die Teams und das Publikum konzipiert wurde: Alle Teams fahren auf einheitlichen Katamaranen, die die Liga stellt. Jedes Team darf maximal zehn Millionen Dollar pro Jahr ausgeben. Die Datenpunkte von mehr als 100 Sensoren auf jedem Katamaran und die Kommunikation innerhalb der Teams stehen für alle zum Auswerten bereit. Die Rennen sind schnell – und schnell vorbei. Weniger als eine Viertelstunde dauert jede Rennrunde auf dem Wasser: Das mag so manchem älteren Semester vielleicht albern vorkommen, ist aber ideal für die kurze Aufmerksamkeits-Spanne der Generation TikTok.

Ein wissenschaftlich durchdachtes Konzept

In der Sportökonomie ist der Wettbewerbs-Ansatz der Rennserie als „Unsicherheitshypothese“ bekannt – je mehr Teams auf Augenhöhe operieren, desto spannender der Wettbewerb. Je fesselnder der Wettbewerb, desto mehr Zuschauer. Je mehr Zuschauer, desto höher die Einnahmen aus Sponsoring und Übertragungsrechte-Vermarktung.

Inzwischen hat die SailGP als Unternehmen den Break-even erreicht. Als Nächstes soll die Relevanz weiter steigen: „Wir wollen unter die 25 Sportligen mit der größten Aufmerksamkeit kommen“, erklärt SailGP- Geschäftsführer Andrew Thompson im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Man will nach ganz oben. Allerdings ist der Weg zur National Football League, der Formel 1 oder zum Fußball noch weit: Aktuell rangiert das Spektakel zwischen Platz 50 und Platz 75. Tendenz immerhin steigend.

Auch die Zahl der Teilnehmer steigt. Derzeit laufen die Ausschreibungen für ein neues, das 16. Team: Es haben sich mehr als 35 Investoren aus zehn Ländern beworben. Team 14 und 15 stehen schon fest, sind aber noch nicht bekannt gegeben. Auch das deutsche Team steht gerade in Verhandlungen mit weiteren Investoren. Bereits jetzt haben sich auch der Gründer der elektronischen Sportliga ESL, Ralf Reichert, und der Gründer des Wacken Festivals, Holger Hübner, beteiligt. Auch der kanadische Unternehmer und Investor Lester Fernandes stieg mit seinem Familienfonds Segovia Capital ein.

Die Regatta vor den berühmten Kreidefelsen von Rügen. Foto: Felix Diemer for SailGP

Noch einmal zurück nach Sassnitz, wo sich schon 2025 zeigte, wie gefährlich der Sport wirklich ist: Im Trainingsrennen gab es gleich zwei Havarien: Die Böen waren so heftig, dass dem französischen Boot das Ruder wegflog – der französische Skipper musste ins Krankenhaus. Das brasilianische Team tauchte nach einem Trimmfehler mit einem Rumpf  komplett ins Wasser ein – ein gefürchteter Nosedive: Der Katamaran zerschellte dergestalt, dass er auch über Nacht nicht mehr zu reparieren war.

Stars zum Anfassen

Auch das ist ein Vorteil: Im VIP-Bereich, wo sich die Fahrer mit den Booten auf die Rennen vorbereiten, herrscht noch nicht der Zirkus wie am Paddock der Formel 1, wo zahlende Gäste im Stundentakt durchgeschleust werden. Das US-Team kann man zwei Stunden vor dem Rennstart einfach so an der Cappuccino-Bar anquatschen, auch wenn es den Zugang zur VIP-Lounge nur auf Einladung gibt. Immerhin werden diese Plätze nicht zu Mondpreisen wie bei der Formel 1 in Las Vegas für 16.000 Euro pro Gast verkauft.

13.000 Zuschauer reisten in den äußersten Nordosten Deutschlands, um das erste Heim-Rennen der deutschen Mannschaft anzufeuern. Foto: Benjamin Rosewall for SailGP

100 Sachen ohne Reue

Natürlich kann sich auch Live-Übertragungs-Unternehmer Riedel für Action am Limit begeistern: Er zeigte schon die Bilder des berühmten Stratosphärensprungs des mittlerweile verstorbenen Österreichers Felix Baumgartner in Echtzeit.

Am meisten aber erfreut sich der Wuppertaler für den umweltfreundlichen Vortrieb der Katamarane, das sogenannte Foiling, das es ermöglicht, um ein Vielfaches schneller zu segeln als der Wind: „In der Spitze erreichen die Katamarane 100 Kilometer pro Stunde.“ Rennen für Rennen werde die Technologie weiterentwickelt, erzählt Riedel. Er sieht auch einen praktischen Nutzen: „Vielleicht wird das doch noch was für Containerschiffe“, hofft er. „Wenn wir hier etwas erfinden, was den Dieselkonsum in der globalen Schifffahrt auch nur um ein Prozent senken könnte, dann bewegen wir wirklich etwas ganz Großes.“

Die Rennen in Australien sind beim ZDF live und als Video-on-Demand in der Mediathek zu sehen.

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