Riedls Dax-Radar: Börsen zwischen Bond-Crash und Zinspause
Die Gefahr kommt von den Bondmärkten. In den USA ist die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen seit September von 3,6 auf 4,7 Prozent gestiegen. Damit hat sie die Zinsspitze vom Mai 2024 wieder erreicht. Eine Zinspause wäre hier durchaus möglich. Ob diese Hoffnung aufgeht, ist jedoch fraglich.
Am ganz langen Ende, bei den 30-jährigen Renditen, ist dieses Zwischenhoch schon Geschichte. Damit wächst die Gefahr, dass auch die Renditen der zehnjährigen Anleihen in den nächsten Wochen weiter nach oben dringen und das Niveau vom Oktober 2023 ansteuern. Das wären dann 5,0 Prozent.
Auch an anderen Anleihemärkten ist der Zinsdruck nach oben und damit die Schwäche der Kursnotierungen erheblich. In Großbritannien haben die zehnjährigen Renditen mit 4,8 Prozent den höchsten Stand seit 2008 erreicht. Deutsche Bundesanleihen sehen mit 2,55 Prozent noch vergleichsweise moderat aus. Doch auch hier vollzog sich seit Dezember eine dynamische Anstiegsphase, die an die hektischen Zinssteigerungen aus dem Jahr 2022 erinnern – dem Jahr der großen Anleihecrashs.
Während sich in den USA der Zinsanstieg noch mit der vergleichsweise robusten Konjunktur positiv deuten lässt – die Wachstumsrate der Wirtschaft liegt hier bei rund drei Prozent – sieht das in Europa anders aus. Zwar ist die Industrieproduktion in Deutschland zuletzt überraschend robust gewesen. Doch der große Trend und die Auftragslage zeigen weiter nach unten. In der EU liegen die Wachstumserwartungen für 2025 bei etwas mehr als einem Prozent, für Deutschland knapp über der Nulllinie.
Wenig oder gar kein Wachstum bei stark steigenden Anleihezinsen sind etwas, das die Börsen derzeit nicht gebrauchen können. Seit der Kursspitze Anfang Dezember sind die großen Aktienindizes ins Stocken geraten. In den USA hat der Industrieindex Dow Jones die schnellen Gewinne nach der Trump-Wahl fast komplett wieder abgegeben. Im Dax sieht die Bilanz etwas besser aus, hier sind die Notierungen vor kurzem noch einmal bis an das Spitzenniveau um 20.500 Punkte vorgestoßen. Sollte dem Dax hier aber die Luft ausgehen, wäre das kein gutes Zeichen für die nächsten Wochen.
Adidas: Formel-1-Einstieg stützt Comeback der Aktie
Ob damit gleich eine eklatante Marktschwäche bevorsteht, hängt von zahlreichen Einzelaktien ab. Immerhin, hier gibt es vielversprechende Entwicklungen wie bei Adidas. Als Ausrüster für Mercedes-AMG steigt der Sportartikelhersteller in die Formel 1 ein, die weltweit wichtigste Rennsportserie. Ein knappes Jahr nach dem Ende als Ausstatter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist das für Adidas ein Meilenstein auf seinem Comeback, das seit 2023 läuft.
Die operative Entwicklung sieht vielversprechend aus: Nachdem Adidas 2023 noch einen Nettoverlust von 75 Millionen Euro erlitten hat, könnten 2024 rund 700 Millionen Euro Gewinn geblieben sein. Für 2025 erwarten Banken im Schnitt erstmals wieder Nettoerträge von weit mehr als einer Milliarde Euro.
Adidas-Aktien sind mit 44 Milliarden Euro Börsenwert und einem 2025er Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 30 keineswegs günstig. In dieser Bewertung steckt eine gute Portion Vorschuss für den gelungenen Turnaround, den Adidas in den nächsten Jahren erst noch untermauern muss. Andererseits jedoch verläuft der Anstieg der Aktie nicht überstürzt, sondern ist immer wieder unterbrochen von ausgiebigen Konsolidierungen.
Von April bis Dezember vergangenen Jahres etwa schwankte die Aktie zwischen 210 und 240 Euro. Nach der Meldung über den Formel-1-Deal ist sie nun aus dieser Bandbreite ein kleines Stück nach oben ausgebrochen. Wenn sich dieser Impuls in den nächsten Tagen bestätigt, könnte dies der Anfang einer neue Rallyphase werden. Das Umfeld ist gut: Aktuell läuft eine Roadshow vor Investoren, für den 5. März sind die 2024er-Ergebnisse angekündigt. Die latente Stärke des Kurses spricht weiterhin für ein positives Momentum.
Fresenius: Gesunde Erholung nach Ausgliederung von FMC
Ähnlich wie bei Adidas läuft bei Fresenius nach den Absturzjahren 2021 und 2022 eine schrittweise Erholung. Grund für den Niedergang des Kurses war das schwache ehemalige Kerngeschäft um den Dialyse-Ableger Fresenius Medical Care (FMC). Mit der Ausgliederung von FMC und der Konzentration auf die neuen Kerngeschäftsfelder Kliniken und medizinische Ernährung läuft seitdem das Comeback. Die Wachstumsraten, die Fresenius trotz schwierigem Branchenumfeld hier erzielte, lagen zuletzt zwischen fünf und acht Prozent.
Im Unterschied zu Adidas stößt Fresenius an der Börse auf mehr Skepsis. Mit einer Marktkapitalisierung von knapp 20 Milliarden Euro für ein jährliches Geschäftsvolumen von 22 bis 23 Milliarden Euro ist die Aktie für ein Gesundheitsunternehmen nicht teuer. Zudem deutet sich nach dem Verlustjahr 2023 für 2024 erstmals wieder ein substanzieller Gewinn an, der im Bereich um 1,5 Milliarden Euro liegen könnte. Die Nettoverschuldung, ein zentrales Problem der vergangenen Jahre, ist auf dem Rückzug.
Fresenius-Aktien haben mit ihrer Anstiegsphase von April bis September 2024 mehrere Kaufsignale gegeben. Mit dem Anstieg auf über 31 Euro hat der Kurs eine klassische Wende nach oben vollzogen, eine Bestätigung der operativen Erholung. Selbst wenn es im Zuge eines allgemein wackligen Marktes zunächst zu Schwankungen zwischen 32 und 36 Euro kommen sollte, dürfte dies nichts am Szenario der großen Erholung ändern. Die nächste, mittelfristige Zielzone liegt zwischen 40 bis 50 Euro.
Bayer: Neue Wette nach langem Ausverkauf
Mit gleich mehreren positiven Meldungen hat Krisenkonzern Bayer in den vergangenen Wochen die Börsen überrascht: Bei neuen und schon eingesetzten Wirkstoffen gab es wichtige Studienerfolge; in Europa erfolgte die Empfehlung für ein neues Herzmedikament; in Australien konnte Bayer die Rechtsstreitigkeiten um die umstrittene Agrarchemikalie Glyphosat beenden.
Bayer-Aktien gelang es in diesem Umfeld, das letztjährige Tief bei 18 Euro zu verteidigen und sich mit Notierungen um 20 Euro ein Stück weit aus der akuten Gefahrenzone zu entfernen. Gemessen am großen Absturz der Aktie, die allein seit 2023 gut 70 Prozent verlor, ist das allerdings noch kein Wende, sondern erst einmal ein Innehalten in einer übergeordneten Abwärtsbewegung.
Für das Comeback von Bayer werden zwei Dinge entscheidend sein: Erstens, wenn es eines Tages ein absehbares Ende der rechtlichen Auseinandersetzungen um Glyphosat gibt; zweitens, wenn Bayer die Stabilisierung der operativen Erträge inklusive Schuldenmanagement gelingt.
Die Nettoverschuldung wurde in der Bilanz zum 30. September vergangenen Jahres immerhin von 39 auf 35 Milliarden Euro reduziert. Unterm Strich stand aber noch ein Verlust von 2,2 Milliarden Euro. Ob Bayer in der Gesamtrechnung 2024 wie von Banken erwartet einen kleinen Gewinn erzielte, ist offen. Der Jahresbericht ist für den 5. März 2025 angekündigt – wobei Eckdaten schon vorher veröffentlicht werden könnten. Bis auf weiteres bleiben Bayer-Aktien reine Spekulation und sind noch kein antizyklisches Investment.
Fazit für den Dax: In der gedrückten Stimmungslage nach zurückhaltenden Äußerungen der US-Notenbank Fed zu weiteren Zinssenkungen gelang dem Dax der Anlauf bis fast auf die alten Höhen. Auch andere europäische Indizes haben an Boden gewonnen. Die US-Indizes Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq blieben dagegen ein gutes Stück unter ihren Dezember-Spitzen.
Nur negativ ist die Marktverfassung dabei nicht. Zwar sieht es von der Zinsseite und den Anleihekursen derzeit nicht nach einer Entwarnung aus. Doch dass die Aktienmärkte trotz des heftigen Renditeanstiegs der vergangenen Wochen weit oben verharren, ist ein Zeichen von Stärke.
Diese Tendenz – schwache Bonds und gleichbleibende Aktien – könnte sich durchaus noch etwas fortsetzen. Darin liegt sogar eine Chance: Denn selbst wenn die Renditen der zehnjährigen US-Bonds in den nächsten Wochen noch bis zu ihren langjährigen Spitzen bei bis zu 5,2 Prozent vorstoßen, sollte es spätestens dann dort zu einer längeren Pause kommen. Als die Renditen letztmals um dieses Niveau schwankten (von 2001 bis 2007), dauerte es sieben Jahre, bis diese Bandbreite nachhaltig wieder verlassen wurde. Ein schneller Durchbruch dürfte deshalb auch jetzt wenig wahrscheinlich sein.
Im Windschatten einer möglichen Zinspause könnten sich dann auch die Aktien wieder etwas erholen. Dazu beitragen dürften hierzulande sowohl Comeback-Stories wie die von Adidas und Fresenius als auch die in den nächsten Wochen veröffentlichten 2024er-Geschäftsberichte inklusive Prognosen für die neue Saison. Den viel beachteten Anfang wird Softwarekonzern SAP am 28. Januar machen.
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