SailGP 2026: „Das ist doch recht flott“
WirtschaftsWoche: An 350 Kilometer pro Stunde sind Sie von der Formel 1 gewohnt – ein Katamaran auf der Segel-Rennserie SailGP erreicht dagegen maximal 100 Sachen. Warum hat der Sport Sie dennoch gepackt, als Sie bei Ihrem Team mitgefahren sind?
Sebastian Vettel: Man spürt die Brise im Gesicht, das Heulen von dem Segel, das man richtigerweise eher Flügel nennen müsste. Wenn es bei hohen Geschwindigkeiten zum Strömungsabriss kommt im Wasser, ruckelt es und man spürt die Kräfte. Ich bin das vielleicht aus dem Formel-1-Sport schon gewöhnt – aber auf dem Wasser ist das noch einmal direkter als auf einer geraden Asphaltstrecke. Das Faszinierende war, die Kräfte zu spüren und zu wissen, dass man nur vom Wind angetrieben ist. Da gibt es keinen starken Motor im Heck. Das Segel zieht schon ordentlich – eigentlich ist es mehr ein Flügel, der das Boot auf seinen Tragflächen unter Wasser zum Fliegen bringt. All das hat zu dem Gefühl beigetragen, dass es doch recht flott ist.
Sie waren der erste Star, der sich vor zwei Jahren bereits bei der SailGP engagiert hat. Seitdem kamen ein paar dazu. Der Fußballer Kylian Mbappé, die Schauspieler Ryan Reynolds und Anne Hathaway. Sind Sie da eine Art Promi-Club?
Nein, wir sind Konkurrenten! Wir gönnen doch den Franzosen oder den Australiern nichts (lacht). Scherz beiseite, diese Entwicklung ist gut für die Rennserie. Mein Hintergrund ist mehr im Sport und weniger im Showbusiness, aber klar, eine Bekanntheit ist irgendwo da. Das Interesse an Sportinvestments ist in der letzten Zeit gestiegen. Die SailGP ist ein gutes Beispiel – es gibt sicher aber auch Beispiele, wo ein Investment nicht so gut aufgeht. Manche neue Sportarten versanden wieder. Der Segel-Rennsport aber hat viel Potenzial, nicht nur sportlich, sondern auch als Unterhaltungsmedium. An jedem Rennwochenende entstehen echte Geschichten, die man erzählen kann.
Ihr Einsatz hat sich seit Ihrem Einstieg vor zwei Jahren schon verdreifacht. Davon träumt man bei Aktieninvestments. Ist der finanzielle Erfolg Ihnen wichtig?
Bewertungen sind immer toll – aber wichtig sind die erst, wenn man aussteigen will. Und davon kann bei mir keine Rede sein. Anfangs war es schon ein Aspekt, in etwas einzusteigen, das sich gut entwickeln könnte. Für mich überwiegt jetzt aber das Sportliche. Ich verfolge jedes Rennen – da kann es immer auch ganz anders laufen. Ich habe da keine Kontrolle und bin abhängig von anderen. Bis jetzt aber lief es immer in die richtige Richtung – und das ist toll.
Eigentlich hatten Sie sich auf einen Bauernhof in der Schweiz zurückgezogen. Warum haben Sie sich überhaupt in das Team einzukaufen?
Der treibende Faktor war in erster Linie Thomas, und nur Thomas. Ich bin mit Thomas Riedel, der die Übertragungstechnik für viele Sportwettkämpfe und Entertainment-Events organisiert, aus Formel-1-Zeiten befreundet. Er kam mit dem Thema um die Ecke. Ich sagte ihm, Du, ich verstehe gar nichts vom Segeln, ich habe mit Segeln auch nichts zu tun. Er ließ aber nicht nach. Er hat es mir nochmal erzählt. Und nochmal genauer. Dann hat es schon angefangen, mich zu packen. Oft ist es anfangs der Enthusiasmus anderer Menschen, der eine gewisse Strahlkraft hat. Heute bin ich dankbar und freue mich, auch an Bord zu sein.
Was für ein Typ ist denn Thomas Riedel, dass er Sie so umstimmen konnte?
Thomas ist grundehrlich. Er ist sehr bodenständig. Seine Person war der ausschlaggebende Punkt, mich da mehr reinzuspüren. Er hat etwas Ansteckendes, wenn er sich begeistert. Auch für seine Mitarbeiter und seine Partner. In seiner Firma genießt er hohes Ansehen. Er predigt nicht nur, sondern geht mit seinem Beispiel voran und steht dazu. Er findet eine Art, mitzuteilen, was er möchte, ohne dass sich jemand auf den Fuß getreten fühlt. Und er ist sehr hartnäckig. Er bleibt dran – auch wenn es ein längeres Unterfangen ist. Er legt sich da einen Plan zurecht, überlegt, was beide von einer Sache haben. Da entsteht nie das Gefühl, der möchte was von mir und der Rest ist ihm egal.
Riedel sagt, Sie wüssten, wie man gewinnt – und Sie brächten dieses Wissen ins Team. Was meint er damit?
In den entscheidenden Momenten in jeder Sportart geht es nicht darum, gut auszusehen oder Talent zu haben: Man muss seine Leistung konstant abliefern, und zwar zu dem Zeitpunkt, wenn es darauf ankommt. Bis dahin ist es sehr viel Arbeit und Teamwork, aber dann kommt es auf diese Fähigkeit an: Siegen zu können. Auf dem Wasser, genau wie auf dem Sportplatz oder der Rennstrecke – es ist der letzte, aber entscheidende Teil einer großen gemeinsamen Anstrengung. Da hatte ich das Glück, den Kopf zu behalten.
Rennsportfans erinnern sich auch an eine gewisse Aggressivität in Ihrem Fahrstil: Ging es in einem Zweikampf darum, wer zuerst nachgibt, waren das selten Sie.
Behaupten muss man sich. Es sind immer zwei Charaktere, die gegeneinander antreten. Mir war es immer wichtig, dass es fair zugeht. Aber eine gewisse Härte ist erlaubt. Das versucht man, zu seinem Vorteil auszunutzen. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich skrupellos war. Aber aggressiv? Ja, das ist wichtig. Gerade in Einzelsportarten gehört ein gewisser Egoismus in dem Moment dazu.
Ist das beim Teamsport Segeln anders?
Da sind zumindest mehrere auf dem Boot. Aber trotzdem muss man seine Linie halten und zeigen: Ich ziehe jetzt nicht zurück. Auch wenn es immer fair ist: Die anderen müssen schon wissen, dass mit dem deutschen Team zu rechnen ist.
Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihres Teams?
Natürlich war 2025 ein schwieriges Jahr, zu Beginn mit den Strafpunkten nach der Karambolage. Aber wenn man unter den Top Fünf ist, ist man vorn dabei. Das Interesse am deutschen Team ist da. Auch das größere Bild stimmt. Aber der sportliche Erfolg macht am meisten Spaß – wie da alles zusammenkommt.
Wie haben Sie den Moment erlebt, als das Team im allerersten Heimatrennen im vergangenen August in Sassnitz auf der Ostseeinsel Rügen das erste der fünf Qualifikationsrennen gewonnen hat, nachdem es vorher in der Liga weit hinten lag?
Das war ein Paukenschlag! Die zwei Tage waren ein bisschen wie im Märchenland. Ich bin mit dem Fahrrad vom Campingplatz zum Event gefahren. Da war richtig viel los. Dass so viele Leute in dieses kleine Fischerdorf gefühlt am Ende von Deutschland gekommen sind! Und dann der Sonnenschein und dieser Wind – die Boote waren mehr als 100 Stundenkilometer schnell. Ich war selbst noch kurz vor dem Start auf dem Boot – und dann fährt es plötzlich als Erster ins Ziel. Das war magisch.
Direkt darauf gewann das Team sogar das komplette Rennen auf dem Genfer See.
Mega! Beachtlich war, dass sie es überhaupt zum ersten Mal ins Finale geschafft haben und diese Chance gleich in einen Sieg umsetzten. Andere Teams wie die Dänen waren schon unzählige Male im Finale und siegten meistens nicht. Auch die Rennen danach waren sehr konstant – das ist in der Serie entscheidend.
Das Format ist interessant: Alle nutzen die gleichen Boote, haben die gleiche Trainingszeit. Selbst das Geld, das jedes Team ausgeben darf, ist gedeckelt. Gehört dadurch zum Gewinnen nicht sehr viel Glück?
Der Start, wenn alle Boote zusammenkommen, ist sehr eng. Öfters geht ein Team mit der Erwartung, zu gewinnen, ins Rennen und fährt als Letztes ins Ziel. Das gibt es in der Formel 1 mit ihren längeren Rennen nicht. Da wäre die Enttäuschung schon groß gewesen. Ich weiß nicht, ob ich das immer respektiert hätte, wenn ich dann hinter dem einen oder dem anderen ins Ziel gefahren wäre. Aber die SailGP-Teams können damit umgehen, dass sich der Wind schnell drehen kann. Sie haben großen Respekt voreinander. Trotz all dieser Zufälle gibt es in der SailGP eine Konstanz: Manche Mannschaften setzen sich eher durch als andere. Das ist kein Zufall. Zu diesen Mannschaften wollen wir mehr und mehr gehören.
Es gibt gerade eine Menge neuer Sportligen, die um die Aufmerksamkeit der Zuschauer kämpfen. Wie gut kann sich Segeln durchsetzen?
Sehr gut. Segeln hatte bislang nur ein Format, den America’s Cup. Der wird fortbestehen. Aber es ist komplex, wer wann wen herausfordern darf – und am Ende segeln immer nur zwei Boote gegeneinander. Die SailGP dagegen hat eine andere Richtung eingeschlagen. Zwölf extrem schnelle Boote müssen gleichzeitig am Start ihren Platz finden und sich in schnell getakteten Rennen fürs Finale qualifizieren. Es geht sehr fair zu. Das Unerwartete kann immer passieren.
Beim Fußball dagegen kämpft am Ende immer Bayern München gegen Dortmund um den Titel, alle 20 Jahre gibt es mal einen Zufall. Die Bundesliga neu zu erfinden, ist schwierig. Man kann mit anderen Formaten experimentieren – weniger Spieler, mehr Zufallsfaktor. Am Ende bleibt es Fußball. Die SailGP findet dicht am Ufer statt, das ist ein ganz anderes Zuschauererlebnis. Sie ist auch für Menschen interessant, die im Alltag keine Berührungspunkte mit Segeln haben.
Zwischen den Qualifizierungsrennen liegt nur wenig Zeit, sich nach einer Niederlage zu berappeln.
Das ist die Kunst. Als Rennfahrer hatte ich ein paar schlechte Tage – dann hatte ich aber ein, zwei Wochen Zeit, mich zu erholen. Hier muss man den Schalter schnell finden und umschalten. Es gibt nur eine knappe Viertelstunde zwischen den Rennen. Das geht schnell auf dem Boot. Man kann kurz noch ein paar Handgriffe tun, ein paar Sätze sprechen und einen Schluck Wasser trinken. Wer dem Teamfunk zuhört, weiß, dass es nur kurz ums letzte Rennen geht. Die Crew switcht schnell zum nächsten Rennen und vergisst, was war.
Als das deutsche Team in Sassnitz aufschlug, hatte es regelmäßig Schwierigkeiten beim Start gehabt. Hatten Sie einen Rat für diese schwierige Situation?
Der Start ist einer der Schlüsselmomente. Entfaltet sich das Rennen danach, ist es schwer, an die vordere Position zurückzukommen. Von außen sieht das immer so klar aus auf dem Display, wer wo ist und mit welcher Geschwindigkeit er fährt. Dann denkt man leicht: Wieso bist Du nicht da drüben? Auf dem Wasser aber sieht es ganz anders aus – ähnlich wie im Auto, wenn man sich positioniert und merkt, meine Spur ist doch nicht die richtige. Intuitiv macht das Team das sehr gut, da kann ich keine konkreten Ratschläge geben. Aber die Herangehensweise, die Analyse, das Vorbereiten: Da gibt es viele Parallelen zur Formel 1. Sie dient immer als Vorbild, weil da sehr akribisch und genau aufgearbeitet wird. Da konnte ich mich gerade am Anfang einbringen. Das Team nutzt nicht nur Video, sondern auch die Daten.
Sie kennen den Umgang mit Formel-1-Daten. Können Sie einen Vorteil herausarbeiten für Ihr Team?
Die Formel 1 ist mit noch viel mehr Sensoren ausgestattet. Das kann verwirrend sein. Man muss verstehen, was wichtig ist. Da fühle ich mich zu Hause und kann meine Erfahrung weitergeben. Man muss in die schiere Datenmenge eine Struktur reinbringen. Am Anfang habe ich erstmal viel gefragt – ob es erlaubt ist, das ein oder andere mit den Daten zu machen. Und ob man etwas machen kann, ohne dass die anderen davon erfahren.
Und?
Jein. Es gibt immer einen Spielraum. Aber man will ja nicht schummeln, sondern einfach etwas cleverer sein als die anderen. Die Serie ist gut darin, solche Ansätze mit den anderen Teams zu teilen, so dass ein Vorteil, den man sich erarbeitet, dann auch wieder schwindet. Es gibt keine großen Geheimnisse. Das Entscheidende ist, wie schnell man die Daten interpretiert und das Erfahrene umsetzt.
In der Formel 1 haben Sie sich für mehr Nachhaltigkeit eingesetzt. War das für Sie ein Faktor, dass der SailGP auf Nachhaltigkeit setzt?
Das ist die Verantwortung unserer Zeit. Mir ist wichtig, dass ich zu einem Format stehen kann, in das ich involviert bin. Wie die Formel 1 ist der SailGP eine globale Meisterschaft. Es gibt viele Parallelen – etwa, wie man von A nach B kommt. Die SailGP ist in Sachen Nachhaltigkeit schon einige Schritte weiter. Natürlich hat sie nicht die Größe und das Volumen von der Formel 1. An dem Punkt habe ich die Formel 1 in der Vergangenheit ins Gericht genommen: Sie hat eine Riesenchance – wenn man so viel Geld umsetzt, kann man auch so viel bewegen. Auch die SailGP kann hier und da noch Dinge verbessern. Das Thema ist aber permanent auf dem Schirm – und nicht nur irgendwo auf einer Flagge oder einem Sticker, weil es dem Zeitgeist entspricht. Es lässt sich ja auch toll erzählen, wenn die Rennen nur vom Wind angetrieben sind.
Setzen Sie Ihrem Team Ziele für die kommende Saison?
Es braucht keine schlauen Sprüche von außen. Ich selber war, was mich angeht, immer sehr ehrgeizig und hatte sehr hohe Ziele. Ich weiß, Erik will noch besser abschneiden und nach vorne kommen. Automatisch gibt es eine Erwartung, dass es so gut weiterläuft, weil der zweite Saisonteil recht stark war. Wenn wir konstanter dabei sind und mehr Punkte sammeln, ist das gut. Die Latte noch höher zu legen, wäre falsch. Man muss das Format respektieren. Kommt der Durchbruch am Anfang, kommt Momentum dazu. Es kann aber drei, vier Rennen lang recht schwer werden. Dann fängt das Team an, sich zu hinterfragen. Und es wird noch schwerer.
Sind Sie bei dem Rennstart der neuen Saison Ende Januar dabei?
Die ersten Rennen liegen nicht gerade um die Ecke. Es beginnt in Perth und geht weiter nach Auckland und Sydney. Nicht, dass es da nicht schön ist. Aber da ist nichts geplant.
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