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Das Geschäft mit LumpenWie mit unseren Altkleidern Profit gemacht wird

Die einen wollen mit dem Sammeln von Gebrauchtem öffentliche Kassen füllen, andere am Weltfrieden arbeiten oder einer effizienten Entsorgung. Am Ende landen alle Klamotten auf demselben afrikanischen Basar. 300 Millionen Euro werden damit pro Jahr gemacht. Wer am Geschäft mit den Lumpen alles mitverdient.Konrad Fischer, Florian Willershausen 27.08.2014 - 06:00 Uhr

Jeder kennt sie: Altkleider-Container. Was mit Ihrer alten Kleidung geschieht.

Foto: dpa

Man kennt die Geschichten: In Afrika werden Rohstoffe abgebaut, nach Europa exportiert und hier veredelt. Arme Afrikaner, skrupellose Europäer. Diese aber geht genau andersherum. Silvano Nyakapala, Händler auf dem Markt von Daressalam, macht in Tansania einen Rohstoff grammweise zu Geld, für dessen Abbau es in Europa nur ein paar Hundert Euro pro Tonne gibt: Altkleider. Die Minen für diesen Rohstoff stehen zum Beispiel mitten in Berlin: Hafenplatz 5–7, zwischen Landwehrkanal und Potsdamer Platz.

Die einstige Mauerrandlage ist einer dieser vielen Orte in der Mitte der Hauptstadt, an denen sich wohlhabendes Publikum breitmacht. Oder, aus der Perspektive von Herrn Nyakapala gesehen: wo besonders wertvolle Rohstoffe abgebaut werden können. Doch am Hafenplatz ist eine Lücke geblieben. Zwischen den noblen Eigentumswohnungen hat sich ein stufenweise aufragender Wohnblock gehalten. Abblätternde Farbe, ein paar verrostete Schaukeln im Innenhof und Graffiti, so weit die Arme reichen. An gleich vier Seiten grenzt der Block an öffentliche Straßen – für Unternehmer wie Alaittin Nargül die perfekte Kombination.

Seine Firma Altkleidervertrieb Nargül hat an der südöstlichen Ecke des Blocks einen Container aufgestellt, genauso wie das Unternehmen Berlin-Textilrecycling. Weiter nördlich steht die Haytex GmbH, am südwestlichen Eck das Deutsche Rote Kreuz mit zwei Containern. Sie alle wollen das Gleiche: die Altkleider der Nachbarn aus den netten Eigentumswohnungen.

Einzigartiges Panoptikum

Die Berliner Traumlage für Kleidersammler ist ein ziemlich gewöhnliches Beispiel für eine Welle, die seit einigen Monaten über Deutschland schwappt. Wo gestern noch ein Vorgarten war, befindet sich heute schon ein Altkleidercontainer. Mal steht der Name eines Unternehmens drauf, mal der des städtischen Entsorgungsbetriebs, mal der einer Wohlfahrtsorganisation, manchmal gar kein Hinweis auf den Betreiber. Nur eines fehlt nie: der Verweis auf die gute Tat, die der Spender mit seiner Abgabe vollbringe.

Recycling-Gebühren

Der Grüne Punkt wird teurer

Der Grund für die Verbreitung ist zunächst ein ziemlich simpler: der Preis. Laut dem Marktbericht des Branchendienstes der Entsorger „Euwid“ gibt es für eine Tonne Altkleider derzeit rund 400 Euro, auch wenn bereits vor einer bevorstehenden Abkühlung des Marktes gewarnt wird. Vor wenigen Jahren waren es 200 Euro, ein bisschen früher wurde man die Waren gar nicht kostendeckend los. Das erklärt den Boom auf oberflächliche Weise. Doch dahinter steckt eine komplexere Erzählung.

Platz 12: Zara (Inditex)

Inditex ist der Totalausfall unter den weltweit größten Modelabels: Der spanische Klamottenriese, der dem galizischen Oligarchen Amancio Ortega gehört und in Deutschland mit der Marke Zara zu den Platzhirschen in der Fußgängerzone zählt, kümmert sich kaum um seine Lieferanten: Aus der Organisation BSCI, die auf relativ laxe Weise Mindeststandards kontrolliert, wurden die Spanier vor einigen Jahren ausgeschlossen – weil sie nicht einmal ein Minimum an Arbeitssicherheit bei ihren Lieferanten einfordern. Auf Anfrage von wiwo.de will sich Inditex dazu nicht äußern. Auf der Homepage behauptet der Hersteller, dass man sich um das Thema CSI kümmert. Natürlich lässt Inditex Nähereien Selbstverpflichtungen unterschreiben, wonach diese sauber produzieren. Darauf kann man juristisch verweisen, wenn eine Fabrik abgebrannt ist. Zuletzt kam es Ende 2010 zu einem Brand in einer für Inditex schneidernden Textilfabrik in Dhaka, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen. Wer sein Modelabel moralisch in der Verantwortung sieht, darf bei Zara nicht oder Massimo Dutti nicht einkaufen.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Foto: REUTERS

Platz 11: Tommy Hilfiger

Mitte des letzten Jahrzehnts befand sich die US-Modemarke Tommy Hilfiger in einer wirtschaftlichen Krise. Dann stieg der Private Equity-Fonds Apax Partners ein und verlegte die Firmenzentrale nach Amsterdam. Mit klugem Marketing in Europa wurde aus der kriselnden Marke das Lifestyle-Brand schlechthin – vor allem, weil die Marketing-Strategie in Deutschland aufging. Die Bundesrepublik ist der wichtigste Markt für das Label, das seit zwei Jahren zum US-Modekonzern PVS gehört. Scheinbar ohne Schaden überstand die Marke vor knapp einem Jahr einen Fabrikbrand in Bangladesch, der sich bei einem Lieferant von Tommy Hilfiger ereignete. Klar, Tommy Hilfiger verpflichtet seine Lieferanten auf einen „Code of Conduct“, dessen Inhalt auch auf der Homepage nachzulesen ist. Ob und wie das Modeunternehmen die Einhaltung kontrolliert? Man weiß es nicht. Auf mehrere Fragen zur CSR-Strategie hat das Unternehmen nicht reagiert – und damit jegliche Auskünfte über Zahl und Struktur der Lieferanten verweigert.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Foto: AP

Platz 10: Primark

Es ist gar nicht einfach, den H&M-Herausforderer aus Irland zu kontaktieren. Primark hat weder in Deutschland noch im Rest der Welt eine Pressestelle, an die Journalisten ihre Anfragen richten können. Erst nach einer knappen Woche melde sich eine externe PR-Agentur und beantwortet einige Fragen zu Recherchen der WirtschaftsWoche: Dass eine Primark-Bestellung bei einem Zulieferer landete, der westlichen Standards nicht entspricht, sei ein Einzelfall gewesen. Ein lizenzierter Lieferant habe die Order ohne Kenntnis und Einverständnis der Iren an diese Fabrik ausgelagert. Was eigentlich gar nicht passieren darf, denn über seine Homepage verpflichtet nagelt sich der irische Discounter auf „ethischen Handel“ und höchste Sozialstandards bei Lieferanten fest. Dies wird allerdings nicht nur durch die Recherchen der WirtschaftsWoche konterkariert – zumal der Hersteller insgesamt bei Details merkwürdig mauert: Primark will weder die Zahl der Lieferanten oder die der internen Auditoren kommunizieren, noch die wichtigsten Lieferländer und den Anteil der Direktimporte nennen.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Foto: Screenshot

Platz 9: New Yorker

Die Produkte der Modekette kommen überwiegend aus der Türkei, China, Indonesien, Pakistan und Bangladesch. Weitere Angaben macht das Unternehmen nicht.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Das norddeutsche Bekleidungsunternehmen, das vor allem jüngere Zielgruppen anspricht, fällt durch hohle Worte auf: Man könne „versichern, dass sich New Yorker der großen Verantwortung gegenüber den Menschen, die an der Herstellung unserer Produkte beteiligt sind, bewusst ist“, heißt es als Antwort auf eine WiWo-Anfrage, wie das Unternehmen denn ordentliche Verhältnisse unter den Lieferanten sicherstellen will. Eine plausibel begründete Antwort liefert das Unternehmen nicht. Die Sprecherin schwärmt zwar von großartigen Selbstverpflichtungen für Lieferanten und erwähnt eigene Kontrolleure, die die Fabriken besuchen – belegen kann sie das nicht. Vor allem ist der Modehersteller in keiner Business-Organisation Mitglied, die wenigstens ein Mindestmaß an Sozialstandards kontrolliert. Nicht zuletzt weigert sich New Yorker zu kommunizieren, in welchen Ländern wie viele Lieferanten tätig sind. Transparenz schaut anders aus. Daumen runter für New Yorker.

Foto: Screenshot

Platz 8: Ernsting's Family

Nur zehn der 400 Lieferanten der Handelskette sind aus Bangladesch. Kontrolliert werden die hauptsächlich in China, Indien und der Türkei ansässigen Zulieferer durch externe Kontrolleure der "Business Social Compliance Initiative". Die Direktimportquote von Ernsting's Family liegt bei 85 Prozent.

Transparenz O
Kontrolle O
Verantwortung O

Man könnte meinen, Ernsting’s Family lege ganz besonderen Wert auf Transparenz und Sozialverantwortung: Das Unternehmen aus Niedersachen fertigt Klamotten für Eltern und vor allem Kinder – eine Zielgruppe, bei der es um Vertrauen geht. Aber auch Kinderklamotten von Ernsting’s Family findet man in Bangladesch, wovon auf dem Aufnäher nichts zu lesen ist. Im Laden des Herstellers findet sich für kaum ein Produkt die Angabe, woher die Ware stammt. Auf der Webseite zählt das Familienunternehmen immerhin die Lieferländer auf und behauptet, man habe dort „stets ein wachsames Auge auf die Produktionsbedingungen“. Als die WirtschaftsWoche Details zu einer Fabrik erfahren möchte, behauptet ein Sprecher zunächst die Fabrik nicht zu kennen. Erst als er erfährt, dass dort Kinderklamotten für Ernsting's Family vom Band liefen, forscht er nach – und stellt fest, dass ein holländischer Importeur mit der Fabrik in Kontakt stand. Immerhin sind die Niedersachsen seit einigen Monaten BSCI-Mitglied und lassen dadurch Mindeststandards kontrollieren.

Foto: Presse

Platz 7: Tom Tailor

Die Modekette beschäftigt 170 Zulieferer, mehr als zehn davon aus Bangladesch. Damit ist des Südasiatische Staat nach China und vor Indien eine der wichtigsten Regionen für Tom Tailor. Kontrolliert werden die Lieferanten von der "Business Social Compliance Initiative". Grade hat sich das Unternehmen auf "Direct Sourcing" umgestellt und peilt damit eine Direktimportquote von 85 Prozent an.

Transparenz O
Kontrolle O
Verantwortung O

Bislang hat sich das norddeutsche Modeunternehmen wenig um die eigene Lieferkette gekümmert: Tom Tailor bezieht seine Waren bislang vor allem über Importeure aus Billiglohnländern, konkrete Daten über die Herkunft der Lieferanten nennt das Unternehmen nicht. Für Kontrollen sind vor allem externe Organisationen zuständig, die die Mindeststandards der BSCI überprüfen. Aber die Hamburger steuern um: In diesen Wochen eröffnet Tom Tailor ein Büro in Bangladesch, insgesamt will der Mode-Mittelständler 85 Prozent der Waren selbst importieren. Der Weg ist löblich – ob er auch tatsächlich zu mehr Verantwortung führt, harrt noch dem Realitätscheck.

Foto: dapd

Platz 6: Esprit

Der Modekonzern bezieht seine Waren von 945 verschiedenen Lieferanten weltweit, die meisten davon aus China, Indien und der Türkei. Lediglich 27 Lieferanten haben ihren Sitz in Bangladesch. Der Anteil des Direktimports beträgt 99 Prozent. Die Kontrolle übernehmen elf firmeninterne Auditoren.

Transparenz +
Kontrolle O
Verantwortung O

Das in Deutschland stark präsente Bekleidungshaus mit Sitz in Hongkong schämt sich nicht für seine Billigproduktion. Esprit legt offen, wo in der Welt man nähen lässt, vor allem in China und Indien. Dabei verzichtet die Trend-Marke weitgehend auf Importeure und bezieht fast alle Klamotten direkt vom Hersteller. Esprit bemüht sich nach eigenen Angaben, „die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Partner zu erfassen und einander gegenseitig zu unterstützen, damit nachhaltige Geschäftsbeziehungen entstehen können“. Das klingt toll – aber man fragt sich, wie das klappen soll: Esprit lässt 975 Lieferanten aus aller Welt für sich arbeiten, wobei lediglich elf interne Auditoren den Kontakt zu den „Partnern“ halten. Darüber hinaus setzt der Moderiese auf BSCI-Prüfungen, die auf Mindeststandards abzielen.

Foto: dpa

Platz 5: H&M

Die Textilkette Hennes&Mauritz beschäftigt weltweit rund 1650 Lieferanten, davon 250 aus Bangladesch. Der Anteil der Direktimporte beträgt dabei 100 Prozent. Hauptsächlich wird in China, Bangladesch und der Türkei produziert. Untersucht werden die Lieferanten von 100 eigenen Kontrolleuren der Kette.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung O

Mit viel Gebrüll stürzen sich Fernsehteams auf H&M, wenn es um Arbeitsbedingungen bei Nähereien in Entwicklungsländern geht. Erst im Februar fand der WDR im „Markencheck“ heraus, dass Kinder für die Schweden arbeiten. Der zweitgrößte Modekonzern der Welt, der als trendig und billig zugleich gilt, ist in Sachen CSR aber besser als sein Ruf: In Bangladesch leistet sich der Konzern ein großes Büro, das einen engen Kontakt zu den Lieferanten vor Ort pflegt. Auf Druck der Schweden gewährleisten die großen Fabriken Brandschutz, anständige Löhne und medizinische Versorgung. Aber auch H&M nutzt seine starke Marktposition nicht, um im Verein mit anderen Großbestellern etwa die Mindestlöhne zu erhöhen. Wie die deutschen und amerikanischen Riesen kochen die Schweden ihr eigenes Süppchen.

Foto: dpa

Platz 4: C&A

785 Lieferanten bringen der Handelskette ihre Waren. Neben China ist Bangladesch mit 130 Bezugsquellen eine der wichtigsten Regionen. Sechs eigene Kontrolleure beschäftigt die Kette, die einen Direktimportanteil von 95 Prozent aufweist.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung O

Die Sprösslinge der holländischen Familie Brenninkmeijer interessieren sich sehr für Themen rund um Nachhaltigkeit – und entsprechend müssen sich die Manager ihres Handelskonzerns C&A Mühe geben, die textile Lieferkette sauber zu halten. Also listet man beim Düsseldorfer Moderiesen in einem Nachhaltigkeitsbericht minutiös auf, wie viele Kontrollen es in welchen Ländern gegeben hat, was beanstandet wurde und was der Konzern in punkto Umweltschutz oder Mindestlöhnen unternimmt. Die Transparenz ist vorbildlich. Mit seiner Marktmacht kann es der deutsche Riese schaffen, einige Lieferanten auf Linie zu bringen – aber eines versäumt der Konzern: Man nutzt die Marktmacht nicht ausreichend, um den politischen Hebel zu bewegen. Mit einer konzertierten Aktion der Großabnehmer sollte es möglich sein, die Produktionsbedingungen in Ländern wie Bangladesch für alle zu verbessern.

Foto: dpa

Platz 3: Olymp

Nur acht Zulieferer bringen dem Bekleidungsunternehmen ihre Waren, eins davon ist aus Bangladesch. Daneben sind Indonesien, China und Vietnam wichtige Produktionsregionen. Kontrolliert werden die Lieferanten durch die "Business Social Compliance Initiative".

Transparenz +
Kontrolle O
Verantwortung +

Der Hersteller für Herren-Hemden leistet sich eine aufwändige Qualitätskontrolle: Fast permanent sind Reisetechniker aus Baden-Württemberg bei Lieferanten in Bangladesch oder Indonesien vor Ort, um die Waren zu prüfen. Nebenbei beobachten sie in den Fabriken die Sozialstandards – die Kontrolle der Standards ist allerdings schwierig, weil die Deutschen keinen direkten Einfluss auf Betriebspolitik des Lieferanten nehmen können oder wollen. Gleichwohl schafft er es durch seine regelmäßige Präsenz bei den Lieferanten, zu ihnen ein partnerschaftliches Verhältnis zu entwickeln – und das ist die Basis dafür, dass die Produktion sauber läuft. Dem Familienunternehmen kommt dabei die überschaubare Lieferanten-Struktur entgegen. Außerdem ist Olymp Mitglied in der Business Social Compliance Initiative (BSCI), die Lieferanten mit Hilfe von Prüfgesellschaften wie den TÜV Rheinland auf die Einhaltung von Mindeststandards kontrollieren.

Foto: dpa

Platz 2: Gerry Weber

Die meisten seiner 143 Zulieferer des Bekleidungsherstellers haben ihre Ware aus China, der Türkei und Bulgarien. Nur zwei sind aus Bangladesch. Alle Waren werden direkt importiert. Mit der Kontrolle der Zulieferer sind 11 Angestellte von Gerry Webber betraut.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung +

Der westfälische Hersteller für Damenoberbekleidung importiert zu 100 Prozent direkt und gibt sich erkennbar Mühe, seine 143 Lieferanten im Blick zu behalten. Elf eigene Kontrolleure reisen um die Welt und behalten die Lieferanten im Blick – zusätzlich zu den externen BSCI-Auditoren. Bei Gerry Weber weiß man daher relativ gut Bescheid, woher die Klamotten und Zutaten wie Reißverschlüsse und Knöpfe kommen – und Zahlen hierüber gibt das Unternehmen bereitwillig heraus. Diese Transparenz ist für einen Textil-Mittelständler nicht selbstverständlich. Das mag aber auch daran liegen, dass der Hersteller im M-DAX notiert ist.

Foto: dpa

Platz 1: Hugo Boss

100 Prozent der importierten Ware des Modeherstellers kommt direkt vom Produzenten. Diese haben ihren Sitz hauptsächlich in Osteuropa, China und der Türkei. Von den 250 Lieferanten sind nur zwei aus Bangladesch.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung +

Der traditionsreiche deutsche Schneider, der seinen Umsatz vorwiegend im Männermode-Geschäft erzielt, ist eher im höherpreisigen Segment zuhause. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich man sich in der Pressestelle geradezu für dafür schämt, aus Billiglohnländern Waren zu beziehen. Die Pressesprecherin legt jedenfalls Wert darauf, dass das "Herzstück" die firmeneigenen Fabriken in der Türkei, Polen, Italien, Deutschland und den USA seien. Aber dem Kostendruck der Globalisierung kann sich auch ein Hugo Boss nicht entziehen – und so pflegen die Schwaben auch Beziehungen zu Lieferanten in China und Bangladesch. Bei Hugo Boss versichert man, dass "wir einen sehr hohen personellen Aufwand betreiben, um die Betriebe kontinuierlich zu begleiteten und fortwährend zu kontrollieren". Intern verfüge man über 130 Auditoren, die sich dem Thema CSR widmen, wobei externe Organisationen hinzukommen. Es scheint, dass Hugo Boss das Thema Verantwortung ernst nimmt. Was plausibel ist, denn der Hochpreis-Marke würde ein Skandal sehr viel mehr schaden als jedem Billigheimer.

Quellen: Unternehmensangaben, eigene Recherchen

Foto: dapd

Die folgenden großen Modeunternehmen sind nicht in unserem Ranking eingestuft

Metro Group

Die Metro Group hat weltweit 2000 Lieferanten, davon sitzen 29 in Bangladesch. Die wichtigsten Regionen für den Konzern sind China, Bangladesch und Indien. Zwar beschäftigt die Metro Group keine eigenen Kontrolleure, dafür wird sie aber durch die "Business Social Compliance Initiative", kurz BSCI, kontrolliert.

Foto: dapd

Otto

Der wichtigsten Regionen für den Handelskonzern sind China, Indien und die Türkei. Nur 18 der weltweit 923 Lieferanten sind aus Bangladesch. Diese werden von 24 internen Kontrolleuren überprüft. Der Anteil der Direktimporte beträgt 77 Prozent.

Foto: dpa

Tchibo

Der Kaffee-Konzern macht zu den Bezugsländern seiner 800 Lieferanten keine Angaben. Diese werden aber von 230 eigenen Kontrolleuren beobachtet.

Foto: dpa/dpaweb

Takko

Der Mode-Discounter erhält seine Waren von etwa 300 Lieferanten. Bangladesch ist dabei mit rund 100 Produzenten noch vor der Türkei und China die wichtigster Region. Die Zulieferer werden von 25 Firmeninternen Auditoren kontrolliert. Der Anteil der Direktimporte liegt zwischen 80 uns 90 Prozent der gesamten importierten Ware.

Foto: dpa/dpaweb

Aldi

Woher Aldi seine Ware bezieht ist unbekannt. Nur eins ist sicher: Die Quote der Direktimporte liegt bei null Prozent.

Foto: AP

Kik

Der Textildiscounter ist schon oft wegen der unwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen in Kritik geraten. Weltweit hat das Unternehmen 1000 Lieferanten. 100 davon haben ihren Sitz in Bangladesch. Neben dem südasiatischen Staat ist China die wichtigste Produktionsregion. Die Kontrolle unterliegt elf Auditoren von Kik selbst. 71 Prozent der Waren werden direkt importiert.

Transparenz +
Kontrolle -
Verantwortung O

Der größte unter den deutschen Billigheimer ist das perfekte Opfer: Wenn ein Fernsehteam Kinder bei der Arbeit in Bangladesch gefunden hat oder eine Textilfabrik in Indonesien Flüsse verschmutzte hat, waren die Billigklamotten oft nicht weit. Im September gab ein Skandal in Pakistan Wasser auf die Mühlen der Kritiker: Die Fabrik in Karachi, wo bei einem Brand fast 300 Menschen ums Leben kamen, nähte für Kik. Trotz allem hat der Billigheimer vor Ort keinen schlechten Ruf: In Bangladesch unterstützt der Riese aus Deutschland NGO-Projekte zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Seit der anerkannte CSR-Experten Michael Arretz in der Geschäftsführung sitzt, setzt Kik auf maximale Transparenz und Direktimporte. Aber bei über 1000 Lieferanten ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Das Unternehmen ist kein BSCI-Mitglied.

Foto: dpa

s.Oliver

95 Prozent seiner Waren importiert die Modekette direkt vom Hersteller. Die meisten stammen aus Regionen wie Indien, Indonesien, Bangladesch und China. Die weltweit 748 Lieferanten werden von 14 Kontrolleuren beaufsichtigt. 61 der Lieferanten beziehen ihre Waren aus Bangaldesch.

Transparenz O
Kontrolle O
Verantwortung O

Wie der schärfste Konkurrent Esprit leistet sich s.Oliver relativ viele Lieferanten: 748 Nähereien, Färbereien oder Webereien stehen für das Modeunternehmen aus Rottendorf bei Würzburg unter Vertrag. Da fragt man sich, wie die 14 internen Auditoren den Überblick behalten wollen. Wie bei Esprit steht in Zweifel, dass der Aufbau von Vertrauensverhältnissen zu den allen Lieferanten gelingt – allein schon, weil man auf ein breites Netz an Lieferanten verfügt. Immerhin legt s.Oliver dessen Struktur auf Anfrage von wiwo.de offen. Auf der Homepage ist allerdings nichts über die CSR-Strategie zu erfahren. Es findet sich zwar eine Pressemitteilung, wonach die Franken in Bangladesch ein Berufsbildungsprojekt unterstützen. Die Franken sind kein Mitglied der BSCI, die ein Minimum an Sozialstandards überprüft.

Foto: dpa/dpaweb

Sie handelt davon, was passiert, wenn Gewinnstreben, Moral und klamme Staatskassen aufeinandertreffen. Sie zeigt, dass Märkte nicht immer zu optimalen Ergebnissen führen – sie auch gestört sein können durch asymmetrische Information, öffentliche Güter, Marktmacht und externe Effekte. Der Markt für Altkleider ist geradezu ein einzigartiges Panoptikum des ökonomischen Grauens: Alle Verzerrungen, die schon vereinzelt absurde Auswirkungen haben, hier existieren sie fröhlich nebeneinander.

I. Öffentliche Güter

In Daressalam, Tansania, ist der Einkaufsbummel an diesem Mittag ein Balanceakt auf Holzbohlen, doch das stört die Menschen nicht: Kaum ist die Sonne nach dem Regenguss zurück, zwängt sich Kundschaft durch die matschige Enge des Markts von Mchikichnini. Sofort wird es laut. Unter all dem Gebrüll immer wieder dieses eine Wort: „Mitumba“, der Suaheli-Begriff für „Ballen“. Das beschreibt den Zustand, in dem die Ware ankommt, um die sich hier alles dreht. Klamotten, sauber, aber ungebügelt und verschnürt, in Paketen zu je 50 Kilogramm. Mehr als 12.000 Händler bieten hier Tag für Tag ihre Waren an, es ist neben dem kenianischen Mombasa der zentrale Umschlagplatz für den kompletten ostafrikanischen Altkleidermarkt – den bedeutendsten der Welt.

Essig und Öl aus dem Zapfhahn

Supermärkte kämpfen gegen Verpackungswahn

von Stephan Happel

Während in Ostafrika die meisten Abnehmer von Altkleidern leben, ist Deutschland einer der wichtigsten Exporteure. Das liegt zwar auch daran, dass Deutschland ein wohlhabendes und leidlich großes Land ist, in erster Linie aber an der einzigartigen Kultur des Sortierens und Wiederverwertens hierzulande. In Südeuropa sind Altkleidersammlungen völlig unüblich.

Triviale Erfindung

Bei uns waren es zunächst kirchliche und wohltätige Organisationen, die in der Nachkriegszeit begannen, von Tür zu Tür zu gehen, um die Spenden zu sammeln. Die gesammelten Klamotten landeten dann in Kleiderkammern, wo Bedürftige sich versorgen konnten. Bald aber überstieg die Menge der gesammelten Kleider die Nachfrage bei Weitem, man begann, die Kleider weiterzuverkaufen.

Eine ziemlich trivial erscheinende Erfindung machte Anfang der Neunzigerjahre daraus ein Geschäftsmodell: der Altkleidercontainer. Die Container standen von nun an dauerhaft an der Straße und wurden regelmäßig geleert. Für die Wohltätigkeitsorganisationen wurden die Altkleider so zur regulären Einnahmequelle. Sie schlossen Verträge mit Entsorgungsunternehmen ab, die feste Mengenpreise garantierten. Die Container passten perfekt in das Heimatland des „Kreislaufwirtschaftsgesetzes“: So wie wir leere Weinflaschen brav zum Glascontainer bringen, landen Altkleider im Container. Einfach wegwerfen? Wäre doch schade drum!

Insgesamt kommen so in Deutschland pro Jahr rund 750.000 Tonnen Altkleider zusammen, das entspricht 1,5 Milliarden ordnungsgemäß entsorgten Textilien oder einem Marktvolumen von rund 300 Millionen Euro – wenn die Klamotten verkauft werden. Das hinterlässt einen ordentlichen Profit, denn in der Herstellung sind sie unschlagbar günstig: Sie kosten nichts außer dem guten Willen des Entsorgenden.

Ein öffentliches Gut zeichnet sich allgemein dadurch aus, dass es in scheinbar unbegrenzter Menge verfügbar ist. So steht die Sache auch bei den Altkleidern: Was in den nie ausgeräumten Umzugskisten, unerreichbaren Regalmetern und vergessenen Schubfächern der deutschen Reihenhaussiedlungen lagert, würde genügen, um den Weltmarkt dauerhaft zu versorgen.

Das macht Altkleider attraktiv, aber wie bei jedem öffentlichen Gut gibt es auch hier einen Haken. Wenn die Nutzung nicht koordiniert erfolgt, sondern exzessiv, dann verbraucht es sich. Das passiert bei Altkleidern nicht auf so klassische Weise wie bei Fischgründen, sondern über Umwege. Denn den Kampf um die Altkleider gewinnt nicht derjenige, der den besten Preis bietet oder die besten Herstellungsverfahren kennt. Sondern wer die beste Geschichte zu erzählen hat – oder sie sich ausdenkt. Bald aber prangte auf jedem Container ein glückliches Kindergesicht, und die Suche nach dem Haken begann.

Die Initiative Rank a Brand, die in Deutschland und in den Niederlanden aktiv ist, hat Modemarken auf ihr Engagement zum Klima- und Umweltschutz sowie zu fairen Arbeitsbedingungen in der Produktion untersucht. Die Ergebnisse werden im neuen „FeelGoodFasion Report 2014“ veröffentlicht und zeigen, welche Marken Sie mit gutem Gewissen tragen können. Eine Auswahl.

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Bei einer Vielzahl der untersuchten Markenhersteller stellen die Macher der Studie allerdings einen engen Bezug zum Greenwashing fest. Das betrifft aktuell gut 30 Prozent der Kleidermarken. Mit dabei: der französische Luxushersteller Louis Vuitton. Nicht die einzige Edel-Marke...

Foto: rtr

...denn auch der Metzinger Hugo-Boss-Konzern erhält trotz seiner Kommunikation zum Thema Nachhaltigkeit ein E-Label; das ist die schlechteste Bewertung im Ranking.

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Genauso schneidet auch die Marke Hollister des US-Unternehmens Abercrombie & Fitch nicht gut ab und erhält nur ein E-Label. Der Konzern hat kürzlich schon wegen schlechter Arbeitsbedingungen Schlagzeilen gemacht.

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Beim Greenwashing ertappt wurden auch die Modeketten New Yorker, Carhartt und Bugatti Shoes. Ebenso erhält die deutsche Firma Uhlsport mit dem E-Label die niedrigste Bewertungsstufe im Ranking. Bei allen genannten liegt der Verdacht nahe, dass Nachhaltigkeit nicht substantiell, sondern vorrangig kommunikativ angegangen wird, so die Macher von Rank a Brand. Die vollständige Liste derjenigen Marken, die in der Studie ein E-Label erhalten haben, finden Sie im Internet.

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Das begehrte A-Label erhalten überwiegend sowieso schon "grüne"-Marken wie Mud Jeans aus den Niederlanden. Volle Punktzahl gibt es unter anderem beim Umwelteinsatz, denn das Produktionsvolumen besteht zu mehr als 25 Prozent aus umweltzertifizierten und / oder recycelten Rohstoffen. Zudem werden in der Produktion GOTS zertifizierte Verfahren zum Umweltschutz angewendet und als Mitglied der Business Social Compliance Initiative (BSCI) engagiert sich Mud Jeans aktiv zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben.

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Die beste Bewertungsstufe im Ranking erhält auch die schwedische Marke Nudie Jeans. Das Produktionsvolumen besteht zu mehr als 25 Prozent aus umweltzertifizierten und / oder recycelten Rohstoffen. Zudem werden in der Produktion GOTS zertifizierte Verfahren zum Umweltschutz angewendet. Als Mitglied der Fair Wear Foundation (FWF) engagiert sich Nudie Jeans außerdem aktiv zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben und berichtet transparent über die Ergebnisse. Ebenso untersagt Nudie Jeans das Sandstrahlen von Jeans.

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Bei dem UK-Label Pants to Poverty besteht die Ware komplett aus biologischen Rohstoffen die Fairtrade zertifiziert sind. Aus diesem Grund, und weil Pants to Poverty darüber berichtet welche Unternehmen Zulieferer der Marke sind, erhält die Marke auch im Bereich Arbeitsbedingungen / Fairer Handel die komplette Punktzahl - und natürlich das A-Label.

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Auch das Hamburger Label Recolution erhält die beste Bewertungsstufe im Ranking, denn Kollektion und Produktion sind zu 100 Prozent GOTS zertifiziert. Der sogenannte Global Organic Textile Standard wurde mit dem Ziel entwickelt, die vielen unterschiedlichen Standards der Textilindustrie zu vereinheitlichen und mit einem Logo und einem einheitlichen Lizenzierungsverfahren die Verwirrung der Kunden zu vermeiden. Inzwischen ist der GOTS-Standard zum führenden Kriterium im Bereich der ökologischen Textilien geworden.

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Weil die Schweizer Taschenmacher größtenteils mit recycelten Rohstoffen (LKW-Planen, Autogurte und Fahrradschläuche) arbeiten, erhalten auch sie das A-Label. Die Produkte von Freitag sind außerdem zu 100 Prozent 'Swiss Made'. Deshalb wird bei den Arbeitsbedingungen die volle Punktzahl vergeben.

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Ein gutes Gefühl beim verantwortungsvollen Kleiderkauf liefert auch das Kölner Label Armedangels, das seine Ware zu 100 Prozent aus biologisch angebauten Rohstoffen herstellt. Auch hier wird in der Produktion und bei den Zulieferern das GOTS-Verfahren angewendet.

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Mit nachhaltig produzierten Rohstoffen arbeitet auch das Deutsche Label hessnatur - zumindest mehrheitlich. Ein Großteil der Kollektion ist darüber hinaus nach GOTS-Standard zertifiziert.

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Auch Bleed ist ein Label aus Deutschland, das von den Machern der Studie eine A-Label Bewertung erhält. Das Unternehmen hat verschiedene Maßnahmen zum betrieblichen Klimaschutz getroffen und produziert unter anderem zu 100 Prozent mit GOTS zertifizierter Baumwolle und recyceltem Polyester.

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Die bestmögliche Bewertung erhält auch die Deutsche Marke Greenality aus Aspach, denn die Produkte stammen zu 100 Prozent aus GOTS zertifizierten Rohstoffen und werden überwiegend in Deutschland hergestellt.

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Das GOTS-Zertifikat findet sich auch bei dem Label Saint Basics aus Den Haag, das auch die beste Bewertung bekommen hat. Die deutliche Mehrheit der Mainstream-Marken hingegen gibt laut Rank a Brand kaum Anlass für ein gutes Gefühl beim verantwortungsbewussten Kleiderkauf. Einige Hersteller großer Marken übernehmen jedoch deutlich erkennbar Verantwortung...

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Dazu gehören neben den Outdoor-Herstellern Patagonia und Jack Wolfskin die Marke G-Star und H&M.

(Quelle: Screenshot Homepage)

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Aber auch der Sportartikel-Hersteller Puma kommt ganz gut weg; genauso wie Timberland und Vaude. „Diese Markenhersteller haben Maßnahmen getroffen und Resultate erzielt, die jeweils darauf hinweisen, dass auch die großen Hersteller der Modeindustrie Antworten auf dringende Umwelt- und Sozialprobleme bei der Produktion von Kleidung finden“, heißt es in der Studie.

Maria Dziamski, Gründer von Rank a Brand-Deutschland: „Die Assoziation nachhaltige Mode = “Öko“ verliert zunehmend an Bedeutung. Vielmehr entwickeln sich Themen zum Klima- und Umweltschutz sowie fairen Arbeitsbedingungen zum Erfolgsfaktor für starke Marken.“

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Schnell wurde man fündig: Altkleiderhandel ist böse, denn er zerstört die afrikanischen Märkte. Je mehr Menschen das glauben, desto mehr Klamotten bleiben im Keller oder landen im Hausmüll, anstatt nach Tansania verschifft zu werden.

II. Externe Effekte

Immer wieder gab es Versuche, das Mitumba-Geschäft zu regulieren. Julius Nyerere, Tansanias erster Präsident nach der 1961 erreichten Unabhängigkeit, wollte einen sich selbst versorgenden Sozialismus aufbauen – Textilfabriken, die für den lokalen Markt produzieren, inklusive. Folgerichtig war Mitumba eines der ersten Güter, auf die er ein striktes Einfuhrverbot verhängte. Als der Sozialismus Anfang der Neunzigerjahre in Tansania zusammenbrach, fielen auch die Importhürden – und mit ihnen brach die lokale Textilindustrie fast schlagartig zusammen. Wer sucht, der findet in den Industriequartieren der Hauptstadt noch heute verfallende Fabriken oder ehemalige Angestellte, die über das Verschwinden der Textilindustrie klagen.

Es waren auch, aber nicht nur die deutschen Altkleider, die den Markt kaputt gemacht haben. Die lokale Textilindustrie wäre heutzutage auch ohne Mitumba nicht wettbewerbsfähig: Moderne Hersteller müssen entweder mit viel Handarbeit Massenware produzieren, wie in Bangladesch – oder erlesene Premiumprodukte, die teures Equipment erfordern und am Ende viel Geld kosten. Tansania aber ist mit seinen 42 Millionen Einwohnern weder ein geeigneter Beschaffungs- noch Absatzmarkt: Es fehlt – anders als in Bangladesch – an billigen und devoten Näherinnen, an Kapital und Know-how, an einer kaufkräftigen Kundschaft.

Viele einheimische Beobachter bewerten den Zustrom der Klamotten aus dem Norden gar nicht so negativ. Denn rund um Mitumba hat sich ein lukrativer Markt der Weiterverarbeitung etabliert. Da die gebrauchten Waren aus Europa so günstig wie asiatische Erstware sind, aber von viel höherer Qualität, werden sie als Ausgangsprodukt genutzt, um daraus höherwertige Modeware zu fertigen. Selbstständige Schneider oder Kleinkollektive verzieren die Klamotten mit Ornamenten oder Aufdrucken und schaffen so neue Werte.

III. Marktmacht

Horst Tschöke war nie in Tansania, vom Textilhandel hat er keine Ahnung, aber ein bisschen mitverdienen möchte er trotzdem. Um genau zu sein, sind es 150.000 Euro im Jahr, auf die er es abgesehen hat. Tschöke ist Geschäftsführer der Entsorgungsgesellschaft der Stadt Herne im nördlichen Ruhrgebiet, und für diesen Herbst hat er eine klare Mission: den örtlichen Altkleidermarkt übernehmen.

Produktion wird zu teuer

Bye, Bye China

von Florian Willershausen, Henryk Hielscher und Philipp Mattheis

„Es gibt einen Wildwuchs von Containern in der Stadt, das stört das Stadtbild und zieht eine weitere Vermüllung nach sich“, referiert Tschöke die offizielle Erklärung. Neben den zwei karitativen Organisationen, die in Herne schon seit Urzeiten Altkleider sammeln, sind in den vergangenen Jahren immer mehr gewerbliche Sammler hinzugekommen. Die stellen ihre Container irgendwo im Stadtgebiet auf, hoffen, dass sich keiner beschwert und ein paar Menschen ihre Kleider hineinwerfen. Gerade deshalb sind Plätze wie der am Berliner Wohnsilo so beliebt. Auf Kleinanzeigenportalen im Internet werden demjenigen bis zu 500 Euro pro Jahr geboten, der sein Grundstück für einen Container zur Verfügung stellt. Die Kehrseite: Dort, wo viele Menschen wohnen, die sich untereinander kaum kennen, fühlt sich auch keiner für Sauberkeit und Ordnung an der Sammelstelle verantwortlich.

Uniqlo drängt auf deutschen Markt

Ändere dich oder stirb!

„Die Container ziehen den Dreck quasi an“, sagt Tschöke. Es ist ein Phänomen, das amerikanische Soziologen einmal Broken-Window-Theorie getauft haben. Mit jeder demolierten Scheibe im Downtown-Ghetto von Detroit oder Chicago sinkt die Hemmschwelle, eine weitere einzuschmeißen. Wird aber die erste Scheibe schnell repariert, schmeißt keiner eine zweite ein. Einen ähnlichen Zusammenhang vermutet Tschöke zwischen Altkleidercontainern und den Unrathaufen daneben. Man könnte einwenden: Bei allen Problemen, Herne ist nicht die Bronx. Und Tschökes Argumente sind vielleicht nur ein Vorwand.

Denn wo die Städte die Sammlung an sich reißen, bleibt kein Platz für andere. Mit ihren hoheitlichen Rechten können sie alle anderen Container entfernen lassen, weil sie entweder auf öffentlichem Grund stehen oder dieser genutzt wird, um sie zu befüllen. „Die Städte sind an den Einnahmen interessiert, das ist alles“, sagt Jörg Lacher, Geschäftsführer des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung.

Bis 2012 war es Städten nicht erlaubt, sich in den Altkleidermarkt einzumischen. Die Unternehmen mussten entsprechende Sammlungen nur anzeigen, die Verwaltung prüfte lediglich die Zuverlässigkeit der Anbieter. Solange die Unternehmen ihre Container nicht auf öffentlichen Grund stellten, mussten die Verwaltungen es akzeptieren.

Auch auf Drängen der öffentlichen Unternehmen, denen die sagenhaften Preise für die alten Kleider zu Ohren gekommen waren, öffnete der Gesetzgeber vor zwei Jahren ein Hintertürchen im Kreislaufwirtschaftsgesetz. Wenn ein „öffentliches Interesse“ es rechtfertigt, dürfen die Städte den Wildwuchs an Containern beseitigen und selbst tätig werden. Sie können dann nicht nur einzelne Container entfernen, sondern die Sammlung als Ganzes übernehmen.

Ein offenes Spiel

Die Städte machen davon extensiv Gebrauch: Mehrere Dutzend Großstädte haben inzwischen eigene Sammlungen, unter den kleineren Gemeinden sind es noch viel mehr. Den freien Unternehmen bleibt dagegen nur der Gang vor Gericht. An fast allen deutschen Verwaltungsgerichten werden inzwischen Streitigkeiten zwischen Entsorgungsunternehmen und Stadtverwaltungen ausgetragen, mal obsiegen die Städte, mal die Sammler. „Die Rechtslage ist ziemlich unübersichtlich“, sagt Verbandsvertreter Lacher.

Gerade hat das Verwaltungsgericht München dem Landkreis Landsberg am Lech untersagt, die gewerblichen Entsorger aus dem Markt zu drängen. Die Unternehmen genössen Vertrauensschutz. Anderswo wird es den Städten erlaubt. Bis eine höchstrichterliche Entscheidung ergeht, wird der Gang vor Gericht ein offenes Spiel bleiben. Gerade deshalb aber scheuen sowohl Verwaltungen als auch Unternehmen den Gang durch die Instanzen: Solange alles unklar ist, können beide Seiten ihr Glück zumindest mal versuchen.

Horst Tschöke hat noch eine andere Reaktion beobachtet. „Seit einige unserer Nachbarstädte begonnen haben, gegen Altkleidercontainer vorzugehen, tauchen bei uns in Herne immer mehr auf.“ Die karitativen Sammler hingegen setzen zumeist noch auf Kooperation. Immerhin haben sie das starke Argument der guten Tat. Damit gelingt es ihnen, den Städten zumindest einzelne Stellplätze oder einen Anteil an den Einnahmen abzuringen.

Doch je größer die Haushaltsnot ist, desto geringer wiegen diese Argumente. Oder, wie es die Monopolkommission in ihrem aktuellen Bericht ausdrückt: „Kommunale Entsorger weiten ihre unternehmerischen Tätigkeiten in jüngster Zeit deutlich aus. Im Ergebnis werden die vorrangigen Ziele der veränderten Regelungen zu gewerblichen Sammlungen – die Stärkung des Wettbewerbs sowie eine Verbesserung der Qualität und Quantität des Recyclings – gerade nicht erreicht.“

IV. Asymmetrische Information

Auch wenn ihr Geschäft in Gefahr gerät, zumindest ein wenig Schadenfreude könnte den gewerblichen Sammlern am Ende bleiben. Denn die Mühlen der Verwaltung malen langsam. So vergeht zwischen der Entscheidung der Stadt Herne, in die Altkleiderentsorgung einzusteigen, und der Aufstellung des ersten Containers, mehr als ein halbes Jahr. Und damit gehört die Stadt noch zu den schnelleren. Doch während die Verwaltung prüft, genehmigt und vollzieht, stehen auch die Absatzmärkte nicht still.

Die beiden Sprösslinge Frank und Wolfgang der Familie Dohmann sind Dortmunder Lumpensammler seit 1926. Einst verarbeiteten sie alte Textilien zu Rohrdichtungen für die Schwerindustrie. Doch mit dem Niedergang der Industrie geriet auch ihr Geschäftsmodell in Gefahr. Sie entdeckten, dass sie mit den Textilien deutlich mehr verdienen konnten, wenn sie die brauchbaren Teile weiterverkauften. Verträge mit den Wohltätigkeitsorganisationen der Region sichern ihnen heute einen zuverlässigen Zustrom an Waren.

Ihre Aufgaben haben die beiden klar aufgeteilt: Wolfgang Dohmann kümmert sich zu Hause darum, dass die Sortieranlage stets Futter bekommt. Frank Dohmann, sein jüngerer Bruder, ist der Weltenbummler mit Kontakten zu Händlern und Häfen in Afrika und Asien. Wenn es gut läuft, reist er dafür zwei- oder dreimal im Jahr nach Daressalam. Aber gut läuft es gerade nicht, deshalb ist Dohmann fast permanent in Afrika. „In Ostafrika dominieren Südkoreaner und Chinesen den Markt“, klagt Dohmann, „die haben uns die Preise verdorben.“

Was deutsche Kämmerer noch nicht ahnen: Westliche Händler drohen im Handel mit Gebrauchtklamotten ins Hintertreffen zu geraten. Schon vor rund zehn Jahren gab es einmal einen heftigen Preiseinbruch, als die Ostafrikaner reihenweise auf importierte Neuware von chinesischen Herstellern umstellten. Die Qualität dieser Waren erwies sich jedoch als so minderwertig, dass viele Kunden wieder auf europäische Zweitware umstiegen.

Nun hat die Konkurrenz dazugelernt, die günstigen Neuwaren sind besser geworden. Hinzu kommt: Allein China produziert jedes Jahr für den eigenen Markt 43 Millionen Tonnen Kleidung – und jährlich landen 26 Millionen in der Tonne. Langsam beginnt man auch dort, die gebrauchten Klamotten weiterzuverwenden. Da die Transport- und Logistikkosten deutlich niedriger als in Europa liegen, kommt die getragene Ware gut 30 Prozent günstiger in Afrika an.

In Daressalam lagern Dohmanns „Mitumba“-Packen aus den Malteser-Containern mit ihren rund 40 Kilogramm Gewicht direkt neben asiatischen Ballen mit dem doppelten Gewicht. Der Preis ist fast der gleiche. In einer Holzhütte mitten im Markt von Daressalam sitzt Ali Mualim Urembu. Der kahle Mittfünfziger ist am Markt von Mchikichnini einer der wichtigsten Männer, er leitet die Abteilung für Gebrauchtwaren.

„Der Stückwaren-Absatz läuft gut, aber die Qualität der Waren wird immer schlechter, und die Margen sinken“, sagt der Marktmanager. „Die Großhändler drücken billige Klamotten aus China und Südkorea in den Markt“, sagt er. Wer Europas Mitumba kaufen wolle, habe schlechte Karten: „Unsere Großimporteure arbeiten fast nur noch mit Asiaten zusammen, weil auch für sie die Gewinne dabei größer sind“, erzählt Urembu.

Lila für die Ladys

Ähnliches berichtet Silvano Nyakapala, der auf verschlungenen Pfaden zu seinem Verkaufsstand führt. Flink bewegt er sich durch den verwinkelten Markt aus Tausenden Blechcontainern und Holzhütten. Er springt über Pfützen, biegt links und rasch wieder rechts ab. „Ich kaufe kaum noch Ware aus Europa, weil die Größen für unsere Frauen zu groß sind“, sagt der Händler. „Außerdem tragen die Asiaten gern lila, so wie unsere afrikanischen Ladys.“

Der Altkleidermarkt ist heute zwar globalisiert wie jeder andere, aber der Gang von Informationen ist hier nach wie vor ein ziemlich unübersichtlicher. Da es keine zentralen Handelsplattformen oder Börsen gibt, verbreiten sich Preise nur über informelle Wege. Mit anderen Worten: Wer keinen Kontakt in Daressalam hat, der erfährt viel zu spät, wie es um seine Absätze steht.

Für Horst Tschöke könnte die ganze Geschichte daher noch zu einem großen Ärgernis werden. Er investiert gerade in Container, bald auch in Fahrzeuge und Personal. Wenn die Preise wie prophezeit sinken, würde all das die ohnehin hoch verschuldete Stadt weiter belasten.

Der Berliner Hafenplatz mit seinen vielen Containern ist kein Schmuckstück in der schmucken Hauptstadt. Seinen vielversprechenden Namen hat er aus einer Zeit, als hier noch Waren umgeschlagen wurde, das einstige Hafenbecken aber ist längst zugeschüttet, ein reizloser Park und eine donnernde Hauptstraße sind an die Stelle getreten.

Als Reiseziel für lernwillige Ökonomen, geläuterte Stadtkämmerer und gegängelte Unternehmer aber ist er trotzdem eine Reise wert. Ein bisschen dreckig, aber mit viel Freiheit und Profitchancen für jeden, der sich streckt. Richtig schön kapitalistisch eben.

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