Elsässers Auslese: Schulden meiden, das gilt für alle!
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An die letzten Machos: Nein, Frauen hauen nicht mehr Geld raus als Männer. Und an die Besserwisserinnen: Nein, sie halten es auch nicht besser zusammen. 37 Prozent beider Geschlechter gaben 2015 nach eigenen Angaben mehr Geld aus, als es ihrem Kontostand guttat. Am verschwenderischsten waren die (wohl meist kinderlosen) 18- bis 29-Jährigen (56 Prozent), am vernünftigsten die über 60-Jährigen (24 Prozent).
Quelle: Forsa Befragung im Auftrag der Gothaer Versicherung unter 1012 Bürgern.
Foto: dpaGespart wird morgen
Sparen in guten Zeiten ist unbestritten empfehlenswert, bei 31 Prozent der Befragten aber doch graue Theorie. Sie gaben an, zu wenig auf die hohe Kante gelegt zu haben. Wobei die Frauen hier genau um 2 Prozent vernünftiger als die Männer waren. Sparen nur als Fernziel gaben 39 Prozent der Jüngeren an, vorbildlich waren wieder die Ältesten.
Foto: dpaMein Freund, das Girokonto
Es ist ja nicht so, als wüsste nicht Jeder, wie teuer sich Banken gezogene Dispokredite vergüten lassen. Egal, 27 Prozent überzogen ihr Konto und am häufigsten nutzten 30- bis 44-Jährige diese Notlösung für finanzielle Engpässe.
Foto: dpaSicher, aber fast zinslos
Tagesgeldkonten bringen heute weniger Zinsen als früher Sparbücher, gerade mal 1 Prozent und nicht mal dieser mickrige Betrag wird überall gezahlt. Trotzdem nutzen 24 Prozent der Befragten diese Ruhestätte fürs Geld. Wenigstens kann’s keiner klauen.
Foto: dpaLieber Norbert Blüm: Nein, die Rente ist nicht sicher
Stolze 84 Prozent der Befragten glauben, sie sorgen ausreichend fürs Alter vor. Mögen sie Recht haben. Nur 16 Prozent gaben an, zu wenig Geld in eine spätere zusätzliche Rente zu investieren. Die Zahlen der Vorsorgeforscher sehen in der Regel genau andersherum aus. Die Mehrheit der Deutschen unterschätzt ihre Rentenlücke gewaltig. Über die Altersklassen von 19 bis 59 Jahren liegt die Zahl der selbsternannten Sünder gleichmäßig bei 19,5 Prozent. Frauen legen mehr als Männer zurück.
Foto: dpaÜberteuerte Kredite
Laut Studie scheint es, als kämen die meisten Befragten mit einem Dispokredit aus. Einen zusätzlichen teuren Kredit bereuen nur 3 Prozent der Befragten, aber doppelt so viele Männer wie Frauen.
Foto: dpaAuf und ab mit Aktien
Nur 2 Prozent gaben an, Geld mit Aktien verloren zu haben. Was auch keine Kunst ist, wenn nur so wenige Deutsche in Aktien investieren. Und das ist aus Sicht erfolgreichen Geldvermehrens definitiv ein Fehler: Die Aktienquote im Geldvermögen liegt bei rund sieben Prozent - Aktien und Aktienfonds zusammengezählt.
Foto: dpaDie Reinen, Wahren, Guten
25 Prozent aller Befragten erklärten, 2015 keinerlei finanzielle Sünden begannen zu haben. Das ist unbedingt löblich, aber leider doch sehr vernünftig.
Foto: WirtschaftsWocheEin junger Bekannter von mir, Student der Betriebswirtschaft an einer namhaften deutschen Universität, berichtete mir neulich von seinem zweiten Semester. Wir sprachen über Unternehmertum und sich selbständig machen. Voller Stolz legte er mir das Fazit aus seinen Vorlesungen zum Thema Finanzierung dar: In jedem Fall und unbedingt solle der Unternehmer immer mit möglichst viel Kredit und mit vergleichsweise wenig Eigenkapital arbeiten. Er sprach von „Hebelwirkungen“ und der tollen Eigenkapitalverzinsung. Ich konnte es kaum glauben. Ich war geschockt. Auch sein älterer Bruder, der vor Kurzem ein kleine Firma in der Medienbranche gegründet hatte, fiel aus allen Wolken. Dieser theoretische Unfug ist weit verbreitet. Die Gefahren des Kreditnehmens werden weitestgehend unterschätzt.
Für mich sind Schulden in zwei Fällen vertretbar: Zum einen, bei der Finanzierung von Immobilien mit langlaufenden Hypotheken. Obwohl, auch das ist eine Geschmacksfrage. Ich kenne eine ganze Reihe von Investoren, die grundsätzlich auch Häuser ohne Bankhilfe, mittels ihrer Ersparnisse zu 100 Prozent bezahlen. Das macht frei und unabhängig. Und wenn man eines Tages mit einem Leerstand der Immobilie konfrontiert ist und die Mietausfälle sich in die Länge ziehen, dann wird man auch nicht von einem unfreundlichen Banker zum Rapport gebeten.
Hinzu kommt, dass bei Erreichen gewisser Altersgrenzen, beispielsweise zum 75. Geburtstag, die Neigung der finanzierenden Banken zu Kreditverlängerungen rapide abnimmt. Zum anderen, ist eine Kreditfinanzierung von Warenbeständen und Kundenaufträgen bei Kaufleuten seit Jahrhunderten Gang und Gäbe. Hier geht es in der Regel um kurze Laufzeiten, mit klar kalkulierbaren Gewinnmargen, welche projektbezogen abgewickelt werden. Für den besonnenen Kaufmann ist der Warenkredit ein entscheidendes Werkzeug.
Die Herausforderung für den Kaufmann dieser Tage liegt in diesem Fall auf einem anderen Gebiet: Finden Sie erst mal eine Bank, die Ihnen auf Warengeschäfte überhaupt Geld leiht. Neulich war ein Exportkaufmann bei mir. Er hat jahrelange Erfahrung mit Geschäften im Iran. Nach Aufhebung der politischen Blockaden möchte er nun seine Landeskontakte nutzen und das Exportgeschäft in den Iran ankurbeln. Selbst bei fest vorliegenden Aufträgen, mit wirklich enormen Gewinnmargen, findet er keine Bank, die ihm nicht einmal 50.000 Euro an Kredit einräumt (so viel zum realen Effekt der Nullzinspolitik der Zentralbanken zur Ankurbelung der Konjunktur!).
In fast allen anderen Fällen rate ich von Bankschulden ab.
Grundsätzlich wird der Zinseszins-Effekt von den Kreditnehmern unterschätzt. Darlehenszinsen, die gegen einen laufen, und nicht sofort getilgt werden, summieren sich zu großen Summen. Wer sich zum Beispiel 100.000 Euro zu sieben Prozent pro Jahr leiht und nach zehn Jahren zurückzahlen möchte, auf den kommt eine Endabrechnung in Höhe von 196.715 Euro zu. Es ist eben immer schon so gewesen: Sparer mit thesaurierten Zins- oder Dividendeneinnahmen werden im Zeitablauf immer reicher. Die Kreditzins-Zahler hingegen werden immer ärmer.
Wenn ich an der Börse nach guten Unternehmen Ausschau halte, dann meide ich Firmen mit hoher Bankverschuldung. Mir geht es dabei gar nicht so sehr um den Zinseffekt. Mir ist es die Unabhängigkeit und Sicherheit der jeweiligen Aktiengesellschaft wichtig. Es hat sich ganz klar immer wieder in Krisen gezeigt, wie gefährlich eine Bankverschuldung für die Unternehmen sein kann.
Wenn über Nacht, wie in den Jahren 2008 und 2009, in manchen Branchen die Aufträge wegbrechen, dann wird es mit dem Banker ungemütlich. Viele Unternehmer haben mir erzählt, dass sie ihren Augen und Ohren kaum trauen konnten. Die Tonlage und Atmosphäre, einst freundlich und verständnisvoll, verwandelt sich dann im Bankbesprechungszimmer dramatisch. Die lieben Financiers von einst sind kaum wieder zu erkennen. Die Daumenschrauben werden angelegt. Sicher gibt es löbliche Ausnahmen, aber auf die würde ich als Unternehmensführer nicht hoffen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass im Krisenfall von der Bankenseite massiv in die Geschäftspolitik des Unternehmens eingegriffen wird, ist hoch. Da lobe ich mir die Lindt & Sprüngli AG in der Schweiz. In 2008 verkündete der Vorstand klipp und klar, dass er - trotz der schwierigen und damals ungewissen weltwirtschaftlichen Situation - an seinem Fünfjahres-Investitionsprogramm zur Verbesserung der Produktionsabläufe in Höhe von jährlich über 100 Millionen Schweizer Franken festhalten wird. Das hat mir gut gefallen.
Die Banken spielen bei Lindt & Sprüngli in Finanzierungsfragen keine große Rolle. Die Firma hat eben viel Eigenkapital, Rücklagen aus Jahrzehnten und einen starken Cashflow. Danach suche ich als Börseninvestor gerne.
Der sogenannte „Leverage-Effekt“ durch den gezielten Einsatz von Fremdkapital auf der einen Seite und eine Verringerung von Eigenkapital auf der anderen Seite empfinde ich als zu gefährlich. Bei denen gehe ich nicht an Bord. Mein Kapital bekommen die an der Börse nicht.
Was nun den Geldanleger angeht, so sollte auch er seine Position gut überdenken. Investments an der Aktienbörse sind immer mit Risiken verbunden. Und auch die besten Aktien mit noch so viel Eigenkapital und wunderbaren Marktanteilen in ihrer Branche können in einer Börsenpanik im Kurs zusammenkrachen. 50 Prozent, 70 Prozent und mehr an Kursverlusten, das hat es schon häufiger in der Vergangenheit gegeben – auch für Blue Chip Aktien. Und das wird auch immer so bleiben.
Denn die Aktienkurse an der Börse richten sich nicht nach objektiven Bewertungskriterien dessen, was tatsächlich vorhanden ist. Nein, die Kurse werden rein durch Angebot und Nachfrage gemacht. Wenn keiner kaufen will, andere aber verkaufen müssen, dann brechen Aktienkurse bis auf Null zusammen. So unerfreulich das auch ist, wenn ich mein Depot mit meinen Ersparnissen finanziert habe, dann kann ich so eine Phase der Irrationalität und des Wahnsinns aussitzen. Aber mit Bankschulden? Wie wird es da mit mir wohl nervlich bestellt sein?
Ich rate deshalb von Lombardkrediten, also der Beleihung eines Aktiendepots, um damit mehr Aktien kaufen zu können, ab. Auch wenn der Kreditzins noch so niedrig sein sollte, spielt der Aktieninvestor mit dem Feuer. Im großen Internet- und Telekom-Crash der Jahre 2002 und 2003 hatten wir solche Fälle.
Ich kenne Geldanleger, die ihre Depots bei luftig hohen Kursen, mit guten Zureden und Applaus der Bank, zu 25 Prozent beliehen hatten. Zum Tiefpunkt der Kurse im März 2003 hatten sie ihr gesamtes Vermögen verloren. Ihre Aktien wurden von der Bank zwangsverkauft. Das ist eben der Effekt bei den Lombardkrediten: Die Schulden bleiben, beziehungsweise sie wachsen weiter an durch die Zinsbelastungen, während beispielsweise Telekom-Aktien damals von 80 Euro auf zehn Euro fielen.
Und ganz unabhängig von Lombardkrediten würde ich sagen: Wer Bankschulden hat, sollte sich generell kein Aktiendepot zulegen. Tilgen Sie erst ihre Schulden, sparen Sie echtes Eigenkapital an und dann wagen Sie sich auf das Börsenparkett. Das ist zwar altmodisch und erfordert vielleicht ein paar Jahre Geduld. In der nächsten Finanzkrise werden Sie aber (hoffentlich) an mich denken.