Personalmangel bei der Bundeswehr: Deutschland rüstet militärisch auf
Die Bundeswehr rüstet ihre Soldaten mit einer neuen Uniform aus. Was sich ändert, zeigt dieser Truppenversuch in Afghanistan: Ganz links ist die derzeit verwendete, dreifarbige Wüsten-Uniform der Bundeswehr, ganz rechts der neu entwickelte Multitarn.
Foto: WirtschaftsWocheEin Soldat der Bundeswehr im dreifarbigen Tropentarn.
Foto: WirtschaftsWocheBundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen trägt beim Truppenbesuch in Mali beige, ihre Soldaten den dreifarbigen Wüstentarnanzug.
Foto: APAmerikanische Soldaten in Afghanistan mit den universell einsetzbaren "Multicam"-Uniformen.
Foto: Cooper T. Cash [Public domain], Wikimedia CommonsRussische Soldaten in der Region Stavropol. Ihre Uniform ähnelt dem aktuellen deutschen Flecktarn-Muster - ausgelegt ist sie für bewaldete Landschaften.
Foto: REUTERSEin Soldat der britischen Armee im aktuellen Tarnanzug.
Foto: WirtschaftsWocheAuch die Tarnuniform der französischen Streitkräfte ist vor allem für mitteuropäische Landschaften entwickelt. In Ortschaften ist der Tarneffekt geringer.
Foto: REUTERSDie Tarnung der belgischen Streitkräfte unterscheidet sich markant von der der Bundeswehr.
Foto: REUTERSDie Tarnkleidung der armenischen Armee - hier in der umkämpften Region Nagorny-Karabch - ist an das Pixel-Muster der Amerikaner angelehnt.
Foto: dpaBundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen will die Bundeswehr personell verstärken. Schon seit einiger Zeit waren die Rufe nach mehr Soldaten lauter geworden. André Wüstner, der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, also der Interessenvertretung der deutschen Soldaten, sagte kürzlich, die Truppe sei „seit Ende 2014 im roten Bereich“.
Schon im März gab es unbestätigte Meldungen über mehrere Tausend zusätzliche Soldaten. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht nun im Voraus Details über die Planungen für den ersten „Aufwuchs“, die von der Leyen am (morgigen) Dienstag offiziell vorstellen will. Demnach haben die Planer des Verteidigungsministeriums einen Bedarf von 14.300 zusätzlichen militärischen Dienstposten bis 2023 errechnet – fast so viele, wie der Bundeswehrverband fordert.
Allerdings glaubt man im Ministerium nicht, alle diese Stellen schaffen zu können - weder glaubt man die Rekruten hierfür finden zu können, noch ist deren Finanzierung zu leisten. Das angepeilte Ziel sind zunächst etwa 6900 zusätzliche Soldaten und 4400 zivile Mitarbeiter. Schon jetzt schafft es die Bundeswehr aber nicht, ihre Sollstärke Soldaten zu erreichen, weil nach der Abschaffung der Wehrpflicht freiwillige Rekruten fehlen. "Ich plädiere für eine selbstbewusste Frauenoffensive der Bundeswehr", sagte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, in einem Zeitungsinterview. "Sonst stirbt sie aus", warnte er.
Die Aufwuchs-Maßnahme der Bundeswehr bedeutet zusammen mit der Aufstockung des Verteidigungsetats – der soll laut Kabinettsbeschluss bis 2020 von derzeit 34,3 auf 39,2 Milliarden Euro wachsen – nichts anderes als eine grundlegende Kehrtwende der Verteidigungspolitik. Seit dem Ende des Kalten Krieges, also etwa 25 Jahre lang, ist die Bundeswehr geschrumpft von damals fast 600 000 Soldaten auf heute de facto knapp 177.000. Die offizielle Obergrenze liegt bislang bei 185.000 Soldaten. Nach von der Leyens neuem Plan soll es künftig keine generelle Obergrenze mehr geben.
Die so genannte „Friedensdividende“ kann sich die Bundesrepublik nun nicht mehr in bisherigem Umfang leisten. Durch Auslandseinsätze und die jüngsten Verlegungen von NATO-Verbänden in die baltischen Staaten hat die Bundeswehr nach Aussagen Wüstners die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bereits überschritten: „In personeller Hinsicht ist es bereits fünf nach zwölf“.
Eine Hauptgefreite an Bord des Einsatzgruppenversorgers „Berlin“ holt im Hafen von Catania die Festmacherleine am Bug ein. Die Bundeswehr will vor allem mehr Frauen für den Dienst gewinnen.
Foto: WirtschaftsWochePetra Müller (Mitte), die Abteilungsleiterin für Personalgewinnung im Kölner Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr, im Gespräch.
Foto: BundeswehrDie Bundeswehr bietet breite Berufsfelder an, hier ein Militärpolizist im Oktober 2015 bei der Video-Beweissicherung während einer gewaltsamen Demonstration - eine Übung für einen Auslandseinsatz wie im Kosovo, wo es häufig zu Protesten mit Ausschreitungen kommt.
Foto: WirtschaftsWocheEinsätze im In- und Ausland belasten die Bundeswehr erheblich. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), sieht sie auch im personellen Bereich am Limit. Hier eine Gruppe Bundeswehr-Panzergrenadiere bei der Einführung des neuen Schützenpanzers „Puma“ in der Lüneburger Heide im Juni 2015.
Foto: WirtschaftsWocheNach dem Aus für die Wehrpflicht musste die Bundeswehr neue Wege gehen, um ausreichend freiwilliges Personal zu rekrutieren.
Foto: WirtschaftsWocheBei der Marine ist nach Aussagen Bartels die Belastung „eindeutig jenseits des Limits“. Viele Dienstposten seien gar nicht besetzt, zudem würden die materiellen Reserven der Bundeswehr nicht zu den derzeitigen Anforderungen passen. „Der Marine fehlen sechs große Schiffe, weil die Außerdienststellung alter Fregatten nicht mit der Indienststellung neuer Fregatten harmonisiert wurde“, kritisierte Bartels. Die Marinesoldaten würden zurzeit doppelt und dreifach belastet, weil sich ein Einsatz nahtlos an den anderen reihe, fuhr Bartels fort. Die Besatzungen würden enorme Einsatzbereitschaft zeigen, Einsätze vor der Küste des Libanons und bei der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer fahren, Piraten unter Druck setzen und neue Aufgaben in der Ägäis übernehmen.
Auch beim Heer ist die Ausrüstung ebenso überlastet wie die Soldaten. Die Bundeswehr hat längst nicht genug einsatzfähiges Großmaterial und schwere Waffen für alle Einheiten. Deutlich wurde das kürzlich, als die Bundeswehr für ein Panzergrenadierbataillon, das im Rahmen der NATO sofort einsatzbereit sein soll, aus der gesamten Bundeswehr einsatzbereite Schützenpanzer zusammenkratzen musste.
In den vergangenen Jahren hielt man solche Zustände angesichts fehlender Bedrohungslage für hinnehmbar – Material und Waffen mussten in erster Linie für die jeweils wenigen Tausend Soldaten im Auslandseinsatz wirklich einsatzfähig sein. Ein Panzergrenadierbataillon hat daher de facto eben nicht seine komplette Ausstattung an Schützenpanzern im Kasernenhof stehen, sondern allenfalls einige Exemplare zu Ausbildungszwecken. Das hat sich nicht zuletzt durch die wachsende Anspannung im Verhältnis zu Russland geändert. Die Umsteuerung der Rüstungsbeschaffung zu einer Vollausstattung hat, so heißt es, inzwischen begonnen.