Sprengers Spitzen: Familienunternehmen vom Aussterben bedroht
Das Management des Hotels "Europäischer Hof": Sylvia und Ernst-Friedich, sowie Nachfolgerin Caroline von Kretschmann
Foto: PresseFamilienunternehmen gelten als positive Gegenbeispiele zu Großkonzernen. Meist im Modus des „noch“: In Familienunternehmen herrsche noch Maß und Mitte, dort werde noch langfristig gedacht, dort gäbe es noch anderes als nur die Intelligenz des maximalen Grapschens. Man orientiere sich stattdessen an Stolz und sozialer Verantwortung, sei zurückhaltend bei Entlassungen, Gewinne blieben im Unternehmen, die Eigentümerstruktur mache krisenresistent. Dieser Positivkatalog wird auch keineswegs durch Nachteile geschmälert – etwa der oft absurd patriarchalischen Führung, nicht selten in der Maske des Christlichen.
Platz 10: Bertelsmann
Die Bertelsmann SE & Co. KGaA ist ein international tätiges Unternehmen, das seinen Sitz in Gütersloh hat. Mit einem Jahresumsatz von 17 Milliarden Euro in 2014 hat es das Medienunternehmen nun in die Top Ten der größten Familienunternehmen Deutschlands geschafft. 1835 gründete Carl Bertelsmann den gleichnamigen Buchverlag. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem mittelständischen Unternehmen ein Großkonzern, der nicht mehr nur Bücher, sondern auch Zeitschriften und andere Dienstleistungen anbot.
Foto: dpaPlatz 9: Phoenix Pharmahandel
Die Phoenix-Gruppe, der größte Pharmahändler Deutschlands, entstand in den 1990er Jahren. Der berühmte deutsche Unternehmer Adolf Merckle kaufte eine ganze Reihe regionaler Pharmagroßhändler und fasste sie 1994 zur von ihm gegründeten Phoenix Pharmahandel AG zusammen. 22 Milliarden Euro erwirtschaftete Phoenix 2014, derzeit versucht man das Geschäft in mehreren europäischen Ländern, beispielsweise in Frankreich und Großbritannien, weiter auszubauen.
Foto: dpaPlatz 8: Fresenius
Auch das Medizintechnik- und Gesundheitsunternehmen Fresenius geht auf eine Apotheke zurück: auf die 1462 gegründete Hirsch-Apotheke, die im 18. Jahrhundert von der Familie Fresenius übernommen wurde. 1912 wurde aus der Apotheke ein Pharmazieunternehmen, das seinen Aufstieg vor allem dem erfolgreichen Vertrieb von Dialyse-Geräten und -Produkten in den 60er Jahren verdankte. 1996 wurde das mittlerweile weltweit größte Dialysegeschäft in das Tochterunternehmen Fresenius Medical Care ausgelagert. Die Fresenius SE & Co. KGaA weist einen Umsatz von 23 Milliarden Euro im Jahr 2014 aus.
Foto: dpaPlatz 7: Continental
Der Automobilzulieferer hat seinen Ursprung im Konkurs der „Neue Hannoversche Gummiwarenfabrik“, die – von Bankier Moritz Magnus 1869 gekauft und neu aufgestellt – die Basis für den einst reinen Reifenhersteller Continental bildete. In Hannover hat das Unternehmen noch heute seinen Sitz. Zahlreiche Innovationen wie der erste Luftreifen mit Profil ebneten dem Unternehmen, das zur Zeit des Nationalsozialismus auch von Zwangsarbeit profitierte, den Aufstieg. „Conti“ erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von 35 Milliarden Euro.
Foto: dpaPlatz 6: Bosch
Das 1886 von Robert Bosch gegründete Unternehmen entwickelte das erste serienmäßige Antiblockiersystem und war lange der größte Automobilelektronik-Zulieferer der Welt, verlor diese Position allerdings 2012. In automatisierter Verpackungstechnik ist das Unternehmen jedoch weiterhin Weltmarktführer. Mehr als 200.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2014 einen weltweiten Umsatz von 49 Milliarden Euro. Ein Tochterunternehmen von Bosch war die Dreilinden Maschinenbau GmbH, ein Rüstungsbetrieb in Kleinmanchow. Diese zeigte sich für den Arbeitseinsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen verantwortlich.
Foto: dpaPlatz 5: Aldi
Sie teilten einst die Republik unter sich auf: Theo und Karl Abrecht, die Gründer von Albrecht-Diskont, kurz Aldi und damit Erfinder des Discounters in Europa. Die Brüder übernahmen 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg den elterlichen Tante-Emma-Laden in Essen und bauten den Betrieb rasch aus. Die Wandlung zum „Discounter“ geschah 1961 aus einer durch die Supermarktkonkurrenz bedingten Unternehmenskrise heraus und stellte sich als größte Innovation des Einzelhandels im 20. Jahrhundert dar. 1960 teilten die Gebrüder Albrecht das Unternehmen schließlich in Aldi Süd (Karl) und Aldi-Nord (Theo) auf. Zusammengenommen machten die Konzerne 2014 einen Umsatz von 62 Milliarden Euro. Das sind allerdings nur Schätzzahlen: Aldi ist für seine Verschwiegenheit bezüglich Geschäftszahlen bekannt.
Foto: dpaPlatz 4: Metro
Die Metro AG, oder Metro Group, in ihrer heutigen Form ist recht jung und existiert seit 1996. Dabei verschmolz das Großhandelsunternehmen Metro Cash & Carry, das noch heute mit seinen Märkten den wichtigsten Unternehmenszweig darstellt, mit der Kaufhof Holding und der Deutsche SB-Kauf AG. Zur Metro Group gehören neben den Selbstbedienungs-Großmärkten gleichen Namens heute auch die Elektronikhändler Saturn und Media Markt und die Warenhaus-Ketten Kaufhof sowie Real. 2014 wurde ein Umsatz von 63 Milliarden Euro erwirtschaftet.
Foto: dapdPlatz 3: Schwarz-Gruppe
Der größte deutsche Handelskonzern ist jedoch weder Aldi noch Metro, sondern die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören. Dieter Schwarz hatte 1973 ein Problem: Er wollte einen Discounter-Laden eröffnen, konnte aber aus rechtlichen Gründen nicht einfach den Namen des väterlichen Unternehmens Lidl & Schwarz verwenden – es gab keinen Herrn Lidl im Unternehmen. Da der Name Schwarz-Markt nicht in Frage kam, kaufte Dieter Schwarz kurzerhand dem pensionierten Berufsschullehrer Ludwig Lidl die Rechte an seinem Namen für 1000 D-Mark ab und eröffnete den ersten Lidl. Neben den kleinflächigen Lidl-Discountern betreibt die Schwarz-Gruppe auch Großflächen-Warenhäuser, deren bekanntester Vertreter Kaufland sein dürfte. Die Schwarz-Gruppe machte 2014 einen Umsatz von 74 Milliarden Euro.
Foto: dpaPlatz 2: BMW
Der Automobil- und Motorradhersteller, der auch die Marken Mini und Rolls Royce besitzt, ging 1917 nach einer Namensänderung aus den Rapp Motorenwerken hervor und baute am Anfang seiner Geschichte vor allem Flugmotoren. Während eines durch die Kriegswirtschaft bedingten Unternehmensaufschwungs zwischen 1933 und 1945 setzte BMW in großem Stil Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zur Fertigung ein. In der Nachkriegszeit mit fehlender Infrastruktur kämpfend und fast durch die Daimler-Benz AG übernommen, brachte der Investor Herbert Quandt das nötige Kapital mit, um ein Mittelklasse-Model zu realisieren, welches eine Marktlücke schloss. Der Konzern gehört heute zu den 15 größten Autobauern der Welt, 2014 stand ein Umsatz von 80 Milliarden Euro zu Buche.
Foto: dpaPlatz 1: Volkswagen
Einsame Spitze unter den deutschen Familienunternehmen: Die Volkswagen AG mit einem Jahresumsatz von 202 Milliarden Euro. Der Konzern geht zurück auf die (unrealisierbare) Idee Adolf Hitlers, einen tatsächlichen „Volkswagen“ zu bauen, für die er Ferdinand Porsche mit Kapital ausstattete und dessen Produktion durch die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ übernommen werden sollte. Zu diesem Zweck sollte die Deutsche Arbeitsfront die größte Automobilfabrik Europas errichten. Zur Ansiedlung von Arbeitern entstand in direkter Nähe die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ – heute besser bekannt als Wolfsburg. Nach Ende des zweiten Weltkriegs betrieb zunächst die britische Militärverwaltung das Werk. Der Diesel-Abgas-Skandal im Jahr 2015 hat allerdings den Ruf des Unternehmens geschädigt.
Foto: dpaIn Wahrheit ist das Modell Familienunternehmen eine Leidensgeschichte. Fast alle Unternehmen waren mal Familienunternehmen. Nur zwölf Prozent der Familienunternehmen schaffen die Weitergabe bis in die dritte Generation, nur ein Prozent bis in die fünfte. Insofern ist der oft genannte Vorteil der Langfristorientierung nur teilweise berechtigt. Man ist mithin gut beraten, die besondere Sollbruchstelle von Familienunternehmen zu kennen.
Ihre Grundschwäche ist die Währung, mit der im Familiensystem gezahlt wird. Nicht Geld, sondern Liebe – zu Familienmitgliedern, zu bestimmten Produkten oder Herstellungsverfahren. Es heißt oft, Familienunternehmen müssten zwischen Familie und Unternehmen wählen. Das ist ein Scheinkonflikt. Zuerst muss das Unternehmen im Wettbewerb bestehen, um die Bedürfnisse der Familie befriedigen zu können. Firma und Familie sind nicht identisch, und Firma geht vor Familie. Unternehmen müssen vom Kunden her gedacht werden, von den Märkten.
Das gilt für alle Entscheidungen: Produkte, Standorte, Organisationsstrukturen. Auch und vor allem für die Rechtsform, die man – bei allem Respekt vor dem Eigentum – entemotionalisieren muss.
Die interne Systemlogik Liebe bestimmt oft die Führungskräfteauswahl. Statt rationaler Kriterien dominieren Zusammenhalt und Gleichbehandlung der Kinder oder der Familienstämme. Und da bei der Unendlichkeit des Spiels – man kann die Familie nicht abwählen – die Möglichkeit des „opting out“ grundsätzlich verschlossen ist, wird Leistungsschwäche chronifiziert, Tabus werden über Jahrzehnte verschleppt.
Das ist für die deutsche Wirtschaft bedeutsam: Bis 2018 muss in 135.000 deutschen Familienunternehmen die Nachfolge geregelt werden. Nach einer Studie der Zeppelin Universität wollen drei Viertel der Kinder von Familienunternehmern auch die operative Führung des elterlichen Unternehmens übernehmen. Aber ist das Unternehmen-Gen vererbbar? Reicht Sohn- oder Tochtersein als Qualifikation?
Führungstalent ist knapp, das dynastische Prinzip verengt den Talentpool weiter und geht mit dem ökonomischen Prinzip nicht gut zusammen. Ein Ausweg: Professionalisierung der Nachfolge (möglichst früh), Legislative behalten (Verwaltungsrat), Exekutive delegieren, externe Expertise einfließen lassen. Zugespitzt: Wenn ein Familienunternehmen erfolgreich ist, dann nicht wegen, sondern trotz der Familie.