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Industrie 4.0Warum die Digitalisierung dem Mittelstand Angst macht

Sollen Mittelständler über Digitalisierung sprechen, schweigen viele lieber. Angst vor Kosten, fehlenden Strategien und mangelnder Sicherheit gefährden so ihre Zukunft.Katja Joho 13.04.2017 - 15:41 Uhr

Breitband-Internet

Leistungsfähige Breitbandnetze für schnelles Internet seien eine „unbedingte Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum“, schreibt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Bis 2018 will die Bundesregierung alle deutschen Haushalte mit schnellem Datenfluss versorgen – 50 Megabit pro Sekunde sollen für jeden Bundesbürger drin sein.

Der „State of the Internet Report“ des Technologie-Unternehmens Akamai zeigt jedoch: Bisher spielt Deutschland nicht gerade in der ersten Liga, was die Schnelligkeit des Internet anbelangt.

Foto: dpa

Platz 25: Deutschland

Deutschland landet mit einer durchschnittlichen Downloadrate von 14,6 Mbit/s noch knapp unter den 25 Ländern mit dem schnellsten Internet. Während das Internet in den Städten ordentliche Geschwindigkeiten vorweisen kann, tropft es in vielen ländlichen Gebieten mit nicht einmal zwei Megabit aus der Leitung. In einer zweiten Statistik hat Akamai erfasst, wie viele der Anschlüsse es über die Marke von recht lahmen 4 Mbit/s schaffen – hier liegt Deutschland mit nur 89 Prozent der Anschlüsse auf Rang 33.

Anmerkung: Die Datenübertragungsrate wird in Megabit pro Sekunde (Mbit/s) gemessen. Ein Megabit entspricht einer Million Bit.

Foto: dpa

Platz 10: Niederlande

Unsere niederländischen Nachbarn surfen deutlich schneller: Akamai weißt für die Niederlande 17,6 Megabit pro Sekunde aus.

Foto: dpa

Platz 9: Japan

Japan ist hochtechnisiert und verfügt über schnelles Internet mit 19,6 Mbit/s. Doch das Wachstum hat sich verlangsamt, andere Länder sind vorbei gezogen: Vor wenigen Jahren lag Japan in diesem Ranking noch auf Rang 3.

Foto: AP

Platz 8: Singapur

In Singapur ist vieles möglich, wenn die Herrscher es wollen. In Sachen Internetgeschwindigkeit hat die Boom-Metropole stark ausgebaut und kommt jetzt auf 20,2 Mbit/s – 45 Prozent schneller als im Vorjahr.

Foto: dpa

Platz 7: Finnland

Die finnische Bevölkerung surft im Durchschnitt mit einer Downloadrate von 20,6 Megabit pro Sekunde.

Foto: dpa

Platz 6: Dänemark

Flächenmäßig kleine Länder haben es beim Ausbau der Netz-Infrastruktur leichter. Vor wenigen Jahren war Dänemark noch nicht einmal unter den besten zehn Ländern – jetzt haben sich unsere nördlichen Nachbarn mit 20,7 Mbit/s in den Top Ten festgesetzt.

Foto: dpa

Platz 5: Schweiz

Unter die Top 5 der Länder mit dem schnellsten Internet hat es die Schweiz geschafft: Die durchschnittliche Downloadrate beträgt 21,2 Megabit in der Sekunde.

Foto: dpa

Platz 4: Hong Kong

Hong Kong verfehlt eine Podest-Platzierung knapp. In der Sonderverwaltungszone Chinas kann man mit durchschnittlich 21,9 Megabit pro Sekunde surfen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Geschwindigkeit des Internet in Hong Kong um 31 Prozent erhöht.

Foto: dpa

Platz 3: Schweden

Schweden hat sich über die Jahre bis auf das Podium vorgearbeitet: Akamai weist für das skandinavische Königreich eine Geschwindigkeit von 22,8 Mbit/s aus.

Foto: dpa

.Platz 2: Norwegen

Wie gut die Skandinavier insgesamt in Sachen Internetgeschwindigkeit aufgestellt sind, zeigt nach den guten Platzierungen von Finnland, Dänemark und Schweden auch der zweite Platz von Norwegen. Dort liegt die durchschnittliche Downloadrate bei 23,6 Megabit pro Sekunde.

Foto: dpa

Platz 1: Südkorea

Südkorea führt mit einer Datenrate von 26,1 Megabit pro Sekunde die Liste der Länder mit dem schnellsten Internet an. Das ist ein deutlicher Vorsprung zu Norwegen. Doch es gibt für Südkorea auch Schatten in der Statistik: Im Vergleich zum Vorjahr ist das Internet um 2,4 Prozent langsamer geworden – damit hat Südkorea als einziges Land in den Top Ten kein Tempo hinzugewonnen.

Foto: dpa

„Wären Sie bereit zu einem kurzen Gespräch zum Thema Digitalisierung?“ Diese eigentlich unverbindliche Frage scheint vielen Mittelständlern Angstschweiß auf die Stirn zu treiben. Für sie ist Digitalisierung noch immer ein Tabu-Thema. Eine Antwort, was beim Thema Digitalisierung in den Köpfen des deutschen Mittelstands vorgeht, versucht die Studie „Psychologie der Digitalisierung“ zu eben. Erhoben hat sie die Innovative Alliance, ein Verbund von Partnern aus der IT-Branche, darunter Unternehmen wie Cisco, Damovo oder Inneo Solutions.

Für die Studie wurden 500 Entscheider in mittelständischen Betrieben befragt. Dabei erkundigte die Innovation Alliance nicht allein danach, was Digitalisierung für die Entscheider bedeutet – sie fühlten den Puls und horchten nach, wie sie das Thema empfinden. Die Ergebnisse gewähren einen ernüchternden Einblick in die Gefühlswelt derjenigen, die über die Zukunft ihrer Unternehmen entscheiden. Mehr als Dreiviertel der Befragten halten Digitalisierung zwar für notwendig, doch rund jeder Zweite hält sie für ein Wagnis. Negative Emotionen wie Angst gehören beim Thema für viele klar dazu.

Laut den Studienmachern sehen Mittelständler Digitalisierung als große Herausforderung an, für die außergewöhnliche Fähigkeiten notwendig sind, die sie nicht leisten könnten. Deshalb gehöre zur Digitalisierung ein gewisses Unwohlsein – und damit allein schon ein emotionales Hemmnis, so das Fazit der Autoren.

Dabei ist der Schritt in die Digitalisierung für den deutschen Mittelstand immens wichtig. Gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), die sich entsprechend wappnen, könnten häufig ihre Leistungen schnell verbessern. Das besagt eine im Februar veröffentlichte globale Studie des Marktforschungsinstituts IDC im Auftrag von SAP. Vier von fünf KMU sehen schnell die Vorteile der Digitalisierung durch niedrigere Kosten, höhere Produktivität der Mitarbeiter oder mehr Absatz. Und wer nicht mitzieht, könnte irgendwann abgehängt werden.

Ihre Mitarbeiter sind sich der Gefahren durchaus bewusst. Laut einer Umfrage des Personaldienstleisters Randstad sehen deutsche Arbeitnehmer ihr Land schon heute als rückständig beim Thema Digitalisierung. In 33 Ländern wurden Arbeitnehmer unterschiedlicher Branchen befragt – in Deutschland allein 400 Menschen zwischen 18 und 65 Jahren. Nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Teilnehmer war der Ansicht, dass ihr Arbeitgeber für eine Umstellung auf die Digitalisierung gerüstet sei. Ein schlechter Wert im Vergleich. Die befragtenen Niederländer waren zu 65 Prozent überzeugt, dass ihre Arbeitgeber die nötigen Vorbereitungen treffen, in Norwegen galt das gar für 81 Prozent der Befragten.

Digital or dead: So überleben Sie die digitale Zukunft
Die Digitalisierung wird mittelfristig das Kerngeschäft der meisten Unternehmen beeinflussen. Führungskräfte müssen analysieren (lassen), wie sich die Spielregeln für ihre Branche verändern und die einzelnen Herausforderungen zu ihrer persönlichen Agenda machen. Quelle: Digital or dead von Serhan Ili und Ulrich Lichtenthaler
Viele Firmen konzentrieren sich darauf, vor allem die Effizienz ihrer Produktion durch neue Technologien zu stärken. Wer sich aber ausschließlich auf technologiegetriebene Effizienzsteigerung konzentriert, verschenkt in Zukunft Wachstumschancen. Denn diese entstehen durch digitale und analoge Innovationen.
Führungskräfte müssen besonders vielversprechende digitale Lösungen für ihr Unternehmen identifizieren. Wenn sie ein oder mehrere Tools in der engeren Auswahl haben, sollten sie das Ausprobieren der Software im Unternehmen fördern.
Neben dem kurzfristigen Ausprobieren müssen Unternehmen auch langfristig für ihre IT-Zukunft planen. Schließlich sollen die neuen Softwarelösungen, die zum Geschäftsmodell passen, auch in die bestehende Unternehmens-IT integriert werden.
Der Ausgangspunkt der Digitalisierungsinitiative sollte keinesfalls die IT sein. Vielmehr sollten die damit befassten Entscheider zunächst ein klares Bild davon haben, welchen Nutzen die Digitalisierung dem Unternehmen bringen sollte. Auf dieser Grundlage sollte alsdann zunächst ein passendes Geschäftsmodell für die digitalen Aktivitäten entwickelt werden, bevor dieses dann innerhalb der IT tatsächlich umgesetzt wird.
Eine zentrale Gefahr für Industrieunternehmen ist das Auftreten neuer Komplettlösungsanbieter wie Uber, die direkt an der Schnittstelle zum Kunden arbeiten und diese besetzen. Umgehen kann man diese Gefahr mit der Entscheidung für eine interne Digitalisierungslösung.
Eine Stelle wie die des CDO zu schaffen, der die Digitalisierungsbemühungen koordiniert, ist sehr hilfreich. Der Chief Digital Officer braucht aber auch genügend Macht und Einfluss innerhalb des Unternehmens. Wenn sein Posten nur eine Alibifunktion innehat, nützt das wenig.
Über die koordinierende Funktion des Chief Digital Officers hinaus beinhaltet die Digitalisierung eines Unternehmens üblicherweise weitere, größere Veränderungen, die ein gewisses Maß an Beteiligung des ganzen Unternehmens erfordert. Die Unternehmenslenker müssen eine überzeugende Digitalisierungsgeschichte entwickeln, um die Einsatzbereitschaft aller Beteiligten sicherzustellen.
Unternehmen müssen bewegliche und flexible Innovationsprozesse anstoßen und weiterentwickeln - zumindest als Ergänzung für traditionellere, systematische Prozesse. Darüber hinaus ist es unabdingbar, ganze Produktlösungen innerhalb des geschäftlichen Umfelds zu optimieren, anstatt nur einzelne Produktspezifika zu verändern.
Digitalisierung erfordert neue Kompetenzen und beinhaltet oft die Veränderung bekannter und bewährter Geschäftsmodelle. Daraus folgt, dass Unternehmen offen für Hilfe von außen, nämlich von Digitalisierungsexperten, sein sollten, um den größtmöglichen Nutzen aus Innovation und den dazugehörigen Kompetenzen ziehen zu können.

„Stark ausbaufähig“ nennt denn auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in einer Studie aus dem vergangenen Jahr die Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Lediglich ein Fünftel der Mittelständler habe bislang überhaupt mit der digitalen Vernetzung begonnen.

"Es ist ganz klar ein Mentalitätswandel notwendig“, sagt Barbara Engels, Economist für Strukturwandel und Wettbewerb beim Institut der Wirtschaft (IW) Köln. „Im Mittelstand herrscht eine gewisse Angst vor der Veränderung. Wir sehen, dass beispielsweise Change-Management sehr schwierig ist.“

Eine Metastudie des IW Köln, die 46 Studien zusammen fasst, nennt die größten Hemmnisse für Digitalisierung im Mittelstand: die hohen Anforderungen an die IT-Sicherheit, fehlende Standards und die aufwendige Strategieplanung. Außerdem kommt die Digitalisierung die Mittelständler teuer zu stehen. „Wir haben gesehen, dass die Hälfte der Studien die hohen Kosten beziehungsweise den hohen Investitionsbedarf als Hemmnis sehen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist schwer einzuschätzen und das fördert auch eine gewisse Angst vor der Digitalisierung“, ist sich IW-Expertin Engels sicher.

Die Kosten

Das Problem: Die Ausgaben fallen sofort an. „Bis man Erträge sieht, können auch Jahre ins Land gehen“, sagt Engels. Das mache die Kosten-Nutzen-Rechnung und eine gezielte positive Prognose schwierig. „Der Kostenaspekt ist so gravierend, weil Digitalisierung ganzheitlich gedacht werden muss“, erklärt die IW-Ökonomin. „Eine punktuelle Digitalisierung funktioniert nicht. Es muss die gesamte Wertschöpfungskette digitalisiert werden und das bläht natürlich den Kostenapparat auf.“

So kommen beispielsweise teure Schulungsmaßnahmen auf die Unternehmen zu. „Der Mangel an technisch versiertem Personal stellt eine zentrale Hürde für den digitalen Fortschritt im Mittelstand dar“, heißt es in der IW-Studie. „Eine solche Technologie braucht geschulte Anwender – und da müssen auch die Mitarbeiter mitgenommen werden“, so Engels.

Während zum einen viele Mitarbeiter erst in Digitalisierungs-Technologien weitergebildet werden müssen, steigt zudem auch der Bedarf an IT-Spezialisten. „Solche Leute sind vielfach teurer und der Mittelstand ist dann häufig auch kein interessantes Arbeitsfeld für sie“, schätzt Engels. „Als Datenanalyst ist mein Wunscharbeitgeber häufig eher Microsoft oder Google als etwa ein kleinerer Stahlproduzent.“

Fehlende Standards

Bei der Gestaltung einheitlicher digitaler Standards, stehe Deutschland noch ganz am Anfang, hielt 2016 der Digitalverband Bitkom fest. Auch im DIHK-Barometer beklagt rund jedes dritte Unternehmen die fehlenden Standards für die Digitalisierung. „Es bedarf einer gemeinsamen Sprache, in der die digitalisierten Maschinen und Systeme miteinander sprechen und es gibt derzeit noch viel zu wenige zugängliche Standards, in denen diese Kommunikation stattfindet“, sagt Engels.

Ebenso stoßen viele Unternehmen auf die Schwierigkeit, analog-digitale Schnittstellen zu überwinden. Nicht jede Maschine lässt sich „mal eben“ koppeln – und manche vielleicht sogar gar nicht. „Die Vernetzung über den gesamten Wertschöpfungsprozess hinweg erfordert ein hohes Level an unmittelbarer IT-Sicherheit“, heißt es in der Studie. Datenverschlüsselung, regelmäßige Updates, stabile Firewalls und funktionierende Virenscanner etwa. Die zuverlässige Einführung dieser Standards bringt an sich häufig schon ein Problem mit sich, so die IW-Wissenschaftler: „Viele Mittelständler verfügen nicht über das notwendige Wissen und die Ressourcen, um zu identifizieren, wo Sicherheitsprobleme liegen und wie sie sich schützen können.“

Joint Ventures

Mittelstand braucht Start-ups als Digitalisierungs-Turbo

von Kerstin Dämon

Das ist für Mittelständler jedoch notwendig, wenn sie in die Industrie 4.0 eintauchen. Mit mehr als 60 Prozent aller bekannten Fälle ist insbesondere der Mittelstand von Datendiebstahl und Cyberspionage betroffen. Auf einen Schaden von 51 Milliarden Euro pro Jahr, beziffern Experten die Verluste durch Cyberkriminalität für die deutsche Wirtschaft. Da wundert es nicht, dass sich jeder zweite Mittelständler sich vor Ideenklau fürchtet, weil die Abwehrtechnik im digitalisierten Unternehmen nicht stabil genug sein könnte.

Diese Angst bezieht sich vor allem auf das Cloud-Computing, also dem Auslagern von Daten an externe Dienstleister. Die Idee, die ganz zentral für die Industrie 4.0 steht, birgt etwa nach Meinung von einem Großteil der Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe (78 Prozent) Probleme bei der Datensicherheit, ergab 2016 eine Umfrage des DIHK.

„Es herrscht eine große Unwissenheit“, sagt Engels. Zwar könnten Mittelständler in der Regel davon ausgehen, dass, wenn sie auf den Service eines IT-Dienstleisters zurückgreifen, ihre Daten dort sicher sind. Allerdings gäbe es noch immer das Risiko an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Dienstleister – und den Risikofaktor Mensch: „Gerade Mittelständler müssen ihre Mitarbeiter dafür sensibilisieren, weil sehr viele Sicherheitslücken durch den Menschen entstehen – und das macht natürlich Angst“, sagt Engels.

Das entscheidende Problem für Mittelständler: Digitalisierung vollzieht sich nicht im Tempo einer Dampflok, sondern im Tempo des Hyperloops. „Die Entwicklungen in diesem Bereich sind beeindruckend schnell und das bringt die Unternehmen in Zugzwang, irgendetwas zu machen“, sagt Engels. Dies führe häufig zu falschen, voreiligen Entscheidungen – oder zu gar keinen, weil man sie aus Angst auf die lange Bank schiebt.

„Digitalisierung macht derzeit nicht für jeden gleich viel Sinn“, macht Engels deutlich. „Deshalb sollte man das Thema auch nicht mit der Brechstange angehen.“ Unter Umständen sei es sinnvoller, nach und nach kleine Schritte im eigenen Unternehmen zu machen. Losgehen müssen sie aber auf jeden Fall, meint die Ökonomin: „Am Ende gibt es zur Digitalisierung keine Alternative.“

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