IT-Sicherheit: Cyberversicherungen sind im Kommen
Mythos: Das Internet ist so unendlich groß. Niemand wird gerade mich angreifen.
Fakt: Es gibt vollautomatisierte Angriffs-Tools, die Hacker einsetzen, um Schwachstellen aufzudecken. Ein neuer, ungeschützter Computer, der erstmalig mit dem Internet verbunden wird, ist in der Regel innerhalb von sieben Minuten kompromittiert.
Foto: dpaMythos: Ich besitze überhaupt keine wertvollen digitalen Informationen.
Fakt: Jeder Computernutzer besitzt wertvolle Daten. Und seien es nur lokal gespeicherte Passwörter fürs Online-Banking, Kreditkartendaten, E-Mail- oder Web-Accounts. Diese Infos sind gerade für Identitätsdiebe äußerst wertvoll.
Foto: dpaMythos: Um die Sicherheit kümmere ich mich dann, wenn mich einer versucht anzugreifen.
Fakt: Angriffe laufen immer, Tag und Nacht. Oft bekommen Sie davon gar nichts mit. Eine Security-Lösung mit Antivirus und Firewall sollte heute selbstverständlich sein, ebenso Up-to-Date-Systeme mit aktuellen Patches.
Foto: dpaMythos: AV und Firewall genügen dann aber auch, um meinen Computer sicher zu machen.
Fakt: Jede installierte Software birgt potenzielle Schwachstellen und sollte mit Updates auf dem Stand gehalten werden - das gilt für Security-Software ebenso wie für jede andere Applikation. Wichtig ist auch, dass persönliche Passwörter und weitere Informationen über einen selbst vertraulich und sicher aufbewahrt werden.
Foto: dapdMythos: Ich habe die kritischen Daten auf meiner Festplatte gelöscht - nun sind sie weg.
Fakt: Auch wenn die Datei nicht mehr angezeigt und gefunden wird, ist doch nur der Verweis darauf entfernt worden. Die eigentliche Information ist noch solange auf der Festplatte gespeichert, bis sie mit einer neuen überschrieben wird. Erst mit speziellen Wipe-Tools, die Festplatten sektorweise überschreiben, werden Daten endgültig gelöscht.
Foto: dpaMythos: Gefährliche Websites lassen sich direkt erkennen.
Fakt: Cyberkriminelle tun alles, um eben das zu verhindern. Die besten entwickeln Websites, die seriös und professionell aussehen - oft sogar vertrauten Angeboten eins zu eins gleichen, um die Besucher zu täuschen. Und dann reicht ein einziger kompromittierter Link, und der ahnungslose Besucher sitzt in der Falle.
Foto: Fraunhofer SITMythos: Ich bekomme es mit, wenn mein Computer infiziert oder unterwandert wurde.
Fakt: Früher vielleicht ja, heute nur noch bei schlecht gemachten Attacken. Die Entwicklung im Untergrund ist soweit fortgeschritten, dass kaum ein Nutzer noch merkt, wenn sein Rechner als Teil eines Botnetzes als Spam-Schleuder missbraucht wird oder andere Computer angreift.
Foto: REUTERSMythos: E-Mails meiner Freunde und Bekannten kann ich gefahrlos öffnen.
Fakt: Es ist einfach geworden, sich beim Versenden einer Mail als jemand anders auszugeben. Ein wenig Stöbern im Social Web, überzeugende Argumente, ein falscher Name im Absender-Feld, eine geklaute oder kaum sichtbar abgeänderte E-Mail-Adresse als Absender – fertig ist der Stress für dem Empfänger. Halten Sie also die Augen immer offen!
Foto: dpaMythos: Security und Usability gehen nicht zusammen.
Fakt: Usability-Experten bemühen sich schon lange, diesen Widerspruch aufzulösen. Viele Dinge lassen sich heute bequem und gleichwohl sicher erledigen.
Foto: CLARK/obsFragt man Torsten Jeworrek nach Innovationen in seinem Konzern, fällt als erstes meist das Wort Cyberversicherung. Jeworrek ist im Vorstand der Munich Re zuständig für das Rückversicherungsgeschäft und glaubt, schon in wenigen Jahren könne das weltweite Prämienaufkommen bei den Policen zum Schutz vor Hackerangriffen auf zehn Milliarden Dollar steigen.
Zurzeit fließen weltweit jedes Jahr rund drei Milliarden Dollar an Prämien in Cyberversicherungen, der größte Teil davon allerdings in den USA. Zwar stellen sich in Deutschland immer mehr Versicherer die Policen gegen Cyberattacken und Hackerangriffe ins Regal, die Cyberversicherung ist das große Modethema der Branche. Doch die Nachfrage nach den neuen Produkten ist bislang mau.
Die Allianz-Tochter AGCS etwa, größter Industrieversicherer hierzulande, erzielte mit seinen Cyberprodukten im vergangenen Jahr in Deutschland gerade Mal Prämieneinnahmen im mittleren zweistelligen Millionenbereich. In den vergangenen Monaten stellen die Münchner allerdings eine anziehende Nachfrage fest. „Die Umsetzung der europäischen Datenschutzrichtlinie wird einen weiteren Nachfrageschub bringen“, glaubt Jens Krickhahn, bei AGCS zuständig für das Geschäft mit Cyberversicherungen. Die Allianz-Tochter bietet Unternehmen Versicherungsschutz bis 100 Millionen Euro und zählt vor allem Dax- und M-Dax-Konzerne zu ihren Kunden.
„Die großen Unternehmen haben bei der IT-Sicherheit ihre Hausaufgaben gemacht, die kleineren haben allerdings noch Nachholbedarf“, sagt Krickhahn.
Die Munich-Re-Tochter Ergo hat seit Oktober neben einem Vollprodukt vor allem für den Mittelstand eine Cyberversicherung für Unternehmen mit einem Umsatz bis eine Million Euro im Angebot. Die Police deckt im Wesentlichen die IT-Schäden im eigenen Unternehmen ab, allerdings keine Haftpflichtschäden. „Der Dachdecker, der Handwerker um die Ecke, der sich um sein Geschäft kümmern muss und keine Zeit für IT-Sicherheit hat“, beschreibt Ralf Knispel, bei Ergo unter anderem für das Cybergeschäft verantwortlich, die Klientel. Einige Hundert Policen hat der Versicherer aus Düsseldorf bislang verkaufen können. „Noch nicht der große Hype“, räumt Knispel ein, „aber es tut sich was.“
Dabei ist die Gefahr, Opfer einer Cyberattacke zu werden, inzwischen gewaltig. In einschlägigen Umfragen nennen Unternehmen Cyberkriminalität als das Risiko Nummer eins für ihr Geschäft. Weltweit verursachten Netzattacken auf Unternehmen zuletzt wirtschaftliche Schäden in Höhe von 445 Milliarden Dollar; in Deutschland waren es 59 Milliarden Dollar.
Betroffen sind alle: von Großkonzernen wie Yahoo, deren Kundendaten gestohlen wurden, über die Bundesregierung, bis zum kleinen Mittelständler. In den USA bieten Versicherungskonzerne deshalb bereits seit einigen Jahren Cyberversicherungen an, in Europa und in Deutschland entwickelt sich der Markt erst seit etwa zwei Jahren. Insgesamt 15 Anbieter haben hierzulande entsprechende Produkte im Programm, dazu kommen einige europäische Versicherer.
Die Zurich Gruppe bietet seit 2013 eine Cyberversicherung an, seit Mitte 2014 hat auch die französische Axa Versicherung AG eine Versicherung gegen Hackerattacken & Co. im Portfolio. Zunächst sei die Nachfrage nach Byte Protect, so heißt die Police, noch schwach gewesen, sagt Johannes Beckers, Experte für Cyberrisiken bei Axa. Vergleiche man aber die Jahre 2016 und 2017, so habe es einen Nachfrageanstieg von mehr als 500 Prozent gegeben. Angriffe wie Golden Eye oder jetzt WannaCry schüren die Angst der kleinen und mittelständischen Unternehmen – gut für die Versicherer. „Es kommt nicht so oft vor, dass in der Versicherungsbranche Produkte neu auf den Markt kommen, die es so vorher noch nicht gegeben hat“, sagt Beckers. So etwas nennt man Innovation.
Die Unternehmen können die Police als Zusatzbaustein zu einer gewöhnlichen Betriebshaftpflichtversicherung kaufen. Kostenpunkt: ab 190 Euro. Wer die Cyberversicherung als Stand-Alone Lösung abschließt, zahlt ab 1000 Euro jährlich für den Schutz gegen Hackerattacken, abhängig von der Unternehmensgröße, dem zu versichernden Hauptrisiko und dem Selbstbehalt. Dieser beträgt im Schadensfall mindestens 1000 Euro.
Bei produzierenden Betrieben sei die Betriebsunterbrechung das größte Risiko, sagt Beckers. Stehen smarte Maschinen auf einmal still, könne die komplette Produktion lahm gelegt werden. Hier übernimmt dann die Versicherung. Diese hafte für Eigen- und Drittschäden. Das heißt: Wenn über Firmenrechner ein Virus in das System von Geschäftspartnern eingeschleust wird, zahlt die Versicherung genauso, wie bei Trojanern, die nur das eigene System schädigen. Bei der Schuldfrage werde es allerdings kniffelig, sagt Axa-Mann Beckers. „Wenn in einem Betrieb ein Feuer ausbricht, kann man sagen, eine Sprinkleranlage hätte das schlimmste verhindern können. So einfach ist das bei Cyberangriffen natürlich nicht.“ Schließlich könne auch die Antivirensoftware oder die Firewall zum Einfallstor für Hacker werden, oder auch ein zur falschen Zeit aufgespieltes Update. „Ein Fenster schließt sich, ein anderes öffnet sich“, warnt auch die Allianz-Tochter AGCS.
Die Axa-Police greift auch bei menschlichem Versagen der eigenen Belegschaft, nämlich beim sogenannten CEO-Fraud. Bei dieser Variante des Enkeltricks geben sich Betrüger als Unternehmenschefs aus und ordnen per Mail Überweisungen für angebliche Übernahme-Deals auf geheime Konten an. Diese Form des Betrugs funktioniert erschreckend gut und hat schon zahlreiche Mittelständler um große Summen erleichtert.
Mit einem bislang einzigartigen Bündel-Angebot wirbt der Industrieversicherer HDI seit vergangenem Herbst speziell um kleinere und mittlere Betreiber von Online-Shops und -Auftritten. AssuredSecurity heißt die Kombi-Offerte die der HDI gemeinsam mit dem IT-Dienstleister Cocus aus Eschborn entwickelt hat.
Das Paket reicht vom regelmäßigen, automatischen Sicherheits-Check der Web-Angebote auf alle relevanten Sicherheitslücken über konkrete Handlungsanweisungen und Reparaturvorgaben bis hin zur Vermittlung von Technikspezialisten oder Unterstützung bei der Krisen-Öffentlichkeitsarbeit in Schadensfällen.
Zudem kommt die Versicherung – je nach gewähltem Tarif – für Eigenschäden oder Haftpflichtansprüche Dritter auf, falls Hacker nach einem bestandenen Sicherheitscheck trotzdem in die Systeme eindringen. Je nach Umfang der gewünschten Deckungssumme liegen die monatlichen Beiträge zwischen knapp 20 und 150 Euro.
Interessant ist, dass die Kombination aus dem von Cocus entwickelten externen Sicherheitscheck und der HDI-Versicherungsleistung im Schadensfall klar definiert, wann die Versicherung eintreten muss. Der Cocus-Check setzt auf mehreren parallel arbeitenden Sicherheitsscannern auf, die ihrerseits die jeweils vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik als kritisch identifizierten Schwachstellen abprüfen. Stoßen die Prüfroutinen auf Risiken, bekommt der versicherte Online-Unternehmer 90 Tage Zeit, die Mängel zu beheben, in der die Versicherung im Schadensfall trotzdem zahlt. Erst anschließend geht das Risiko auf den Versicherten über, der auf möglichen Schäden sitzen bleibt, sofern Hacker die benannten Sicherheitslücken ausnutzen.
Zur Akzeptanz der AssuredSecurity-Policen bei den potenziellen Kunden halten sich die Partner noch bedeckt. Derzeit sei der Markt für entsprechende Angebote noch in einem frühen Stadium, heißt es, aber die Nachfrage ziehe erkennbar an.