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Umstrittene WärmedämmungLondoner Brand setzt deutsche Hersteller unter Druck

Styroporisolierungen vergrößern bei Feuer die Gefahren. Ältere Dämmungen entsprechen nicht mehr den aktuellen Brandschutzansprüchen. Strengere Vorschriften müssen her.Thomas Kuhn, Harald Schumacher 27.06.2017 - 16:23 Uhr

Brandkatastrophe am Grenfell Tower in London: Styroporisolierungen vergrößern die Gefahr im Falle eines Feuers.

Foto: imago images

Eigentlich wollte der Industrieverband Hartschaum (IVH) zu dem Brand des Grenfell-Hochhauses in London, bei dem kürzlich mindestens 79 Menschen starben, schweigen. Eine Bewertung dieser Katastrophe solle „auf Basis konkreter Fakten erfolgen“. Doch mittlerweile wurde den Lobbyisten der Dämmstoffindustrie klar, dass sie sich nicht länger wegducken können, da „die öffentliche Diskussion in Deutschland über dieses Unglück in vollem Gange ist“.

Die Wärmedämmer stehen schon seit einiger Zeit in der Kritik. Mieter stöhnen unter den hohen Kosten, die der Trend zum Energiesparen auslöst und die sie tragen müssen. Förderprogramme wurden zurückgedreht. Der Brand in London schürt weitere Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Dämmwahns – da kann der deutsche Branchenverband IVH noch so oft beteuern, dass Dämmmaterialien in Deutschland ganz anders verbaut werden als bei dem Londoner Haus.

Hierzulande werden vor allem Materialien aus expandiertem Polystyrol – landläufig als Styropor bekannt – verwendet. An Häusern aller Größen wurden in Deutschland zwischen 1960 und 2012 bundesweit etwa 720 Millionen Quadratmeter dieser Wärmedämmsysteme verbaut – allerdings nicht immer auf dem neuesten Stand des Wissens. Und das ist das Problem.

Nach Hochhausbrand in London

Wuppertaler Hochhaus evakuiert

Wenn der Putz bröckelt, wird es gefährlich

Der Baustoff ist als „schwer entflammbar“ eingestuft und wird unter anderem durch Putzschichten gegen direkte Flammen geschützt. Deshalb gilt er als sicher und ist für Wohn- und Geschäftshäuser bis 22 Meter Höhe zugelassen. Das führe jedoch „bei vielen zu einer völligen Fehleinschätzung der Sicherheitslage“, sagt Dirk Aschenbrenner.

Seine Stimme hat Gewicht. Er ist Chef der Dortmunder Berufsfeuerwehr und Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb), in dem Vertreter aus Feuerwehren, Behörden und Unternehmen zusammengeschlossen sind.

Aschenbrenner warnt: „Nur weil sich die Dämmplatten weniger rasch entzünden als etwa Benzin, bringen sie doch – einmal in Brand – für Feuerwehren und Bewohner ein kaum mehr handhabbares Risiko mit sich.“

Der Bundesverband der Deutschen Wohnungswirtschaft wiegelt ab: Es sei „kein Brand bekannt, bei dem eine korrekt verbaute Polystyroldämmung gebrannt hat“. Die Einschränkung „korrekt verbaut“ ist wichtig. Keiner wisse, ob das in den vergangenen Jahrzehnten immer der Fall war, warnt Wiebke Thönißen, Brandschutzingenieurin aus Tornesch bei Hamburg: „Und selbst was damals fachgerecht verbaut wurde, entspricht nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr den gültigen Anforderungen des Brandschutzes.“ Experte Aschenbrenner bestätigt das: Ist der Putz, der das leicht entflammbare Material gegen Feuer schützt, zu dünn, zu locker, oder wird er etwa durch Müllcontainer abgestoßen, wird „die Dämmschicht angreifbar für Feuer“.

Es könnte strengere Vorschriften geben

Experten der Frankfurter Feuerwehr haben allein in den vergangenen fünf Jahren bundesweit mehr als 90 Brände dokumentiert, bei denen Styropor in der Hauswand in Flammen aufging – mit elf Toten und 124 Verletzten. Immer wieder hatte sich das Feuer dabei auch über die Fassade in andere, ursprünglich nicht betroffene Etagen ausgebreitet, ähnlich wie beim Hochhausbrand in London. Bei einer kurzfristigen landesweiten Kontrolle als Reaktion auf die Katastrophe stuften Prüfer mittlerweile 60 Hochhäuser in Großbritannien als brandgefährdet ein. In der Nacht zu Samstag evakuierten die Behörden deshalb fünf Hochhäuser im Londoner Stadtteil Camden. 4000 Menschen kamen vorerst in Hotels und Sporthallen unter.

Die Hersteller der in Deutschland etablierten Styropordämmsysteme haben die besten Zeiten hinter sich. Der Manager eines süddeutschen Herstellers sagt: „Der Markt für Polystyroldämmprodukte stagniert“, weil Förderprogramme des Bundes zurückgenommen wurden und „Dämmsysteme in Deutschland immer kritischer hinterfragt werden“. Zumal es weniger gefährliche Alternativen gibt, wie Dämmungen aus Mineralwolle oder synthetischen Stoffen.

Brandschützer wie Aschenbrenner fordern seit Jahren, dass die Bauvorschriften in Bezug auf Dämmmaterialien verschärft und etwa nicht brennbare Dämmstoffe zwischen den Etagen zur Pflicht werden.

Eine Arbeitsgruppe aus internationalen Experten, die für die EU Vorschläge für eine Norm erarbeiten soll, traf sich vergangene Woche in Brüssel zu einer ihrer regelmäßigen Sitzungen – auch, um über künftige Vorgaben für Dämmstoffe aus Styropor zu diskutieren. Da rauchten die Trümmer des Grenfell-Towers noch.

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