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TexasWie Hurrikan "Harvey" die Wirtschaft trifft

Auch die Industrie leidet unter den Folgen des Hurrikans "Harvey" in Texas: Der Evonik-Konzern schloss zwei Standorte, auch ein Werk des Stahlkochers Voestalpine nahm Schaden. Wer noch betroffen ist. 29.08.2017 - 14:22 Uhr

Ein Chemiewerk von Shell während des Tropensturms "Harvey"

Foto: REUTERS

"Harvey" ist mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern in der Stunde der heftigste Sturm in Texas seit 1961. An manchen Orten in dem Bundesstaat wird in dieser Woche wohl so viel Regen fallen wie sonst in einem gesamten Jahr. Bisher sind drei Todesfälle durch das Hochwasser bestätigt. Zehntausende wurden in Sicherheit gebracht.

Der Wirbelsturm hat auch drastische Auswirkungen auf die Industrie: Raffinerien, Verladeterminals und Bohrplattformen wurden geschlossen. Ein Überblick von Unternehmen, die bisher gemeldet haben, dass sie betroffen sind:

- Der deutsche Spezialchemiekonzern Evonik hat infolge des Unwetters zwei Standorte geschlossen. Betroffen sind kleinere Werke in Pasadena und Deer Park mit insgesamt etwa 80 Mitarbeitern, sagte ein Konzern-Sprecher am Dienstag. Die Höhe des Schadens ist noch nicht klar. Es sei gelungen, die Chemikalien frühzeitig in Sicherheit zu bringen, so dass dadurch keine Umweltschäden entstehen könnten, erklärte der Sprecher. Die Evonik-Mitarbeiter seien unversehrt.

- Auch der deutsche Chemieriese BASF ist in Texas vertreten. Der Konzern prüft nach Angaben einer Sprecherin mögliche Auswirkungen des Wirbelsturms auf Mitarbeiter und Geschäft. Zu den Folgen für die Produktion äußerte sich BASF aber zunächst nicht. Das Unternehmen hat in Texas sechs Standorte mit rund 3000 Mitarbeitern. Die beiden größten und wichtigsten davon sind der Verbundstandort Freeport sowie der Produktionsstandort Port Arthur. Dort betreibt BASF einen der weltgrößten Steamcracker - eine petrochemische Großanlage, die aus Rohbenzin wichtige Ausgangsstoffe für die Kunststoffherstellung gewinnt.

Hurrikan Harvey

Noch sind die Schäden, die Hurrikan Harvey verursacht, nicht absehbar - zumal die starken Regenfälle andauern. Erste Schätzungen gehen aber davon aus, dass allein die Wasserschäden eine ähnliche Größenordnung wie bei Hurrikan Katrina erreichen, der 2005 weite Teile von New Orleans zerstörte. Demnach gebührt Harvey gemessen an den Versicherungsschäden wohl ein Platz unter den zehn schlimmsten Katastrophen seit 1970.

Der Rückversicherer Swiss Re hat die teuersten Katastrophen nach Höhe der versicherten Schäden ermitteln. Nicht einbezogen wurden Lebensversicherungs- und Haftpflichtschäden. Für gewöhnlich übersteigen die Gesamtschäden die versicherten Schäden nochmal deutlich.

Foto: AP

Hurrikan Wilma

Wirbelsturm Wilma tobte 2005 vor allem in der Karibik, Mexiko, Kuba und Florida. Zeitweise gehörte er zur höchsten Hurrikan-Kategorie 5 und erreichte Windgeschwindigkeiten von 295 km/h. Die versicherten Schäden beliefen sich auf 15,4 Milliarden US-Dollar, die Gesamtschäden wurden auf 18 Milliarden Dollar geschätzt. Platz 11 im Ranking der höchsten Versicherungsschäden.

Foto: AP

Überschwemmungen in Thailand

Im Sommer 2011 wurde Thailand von Starkregen-Überschwemmungen heimgesucht, die zwölf Prozent des ganzen Landes überfluteten. Insgesamt verursachte das Wasser Schäden in Höhe von 28,9 Milliarden Dollar. Die versicherten Schäden beliefen sich auf 16 Milliarden Dollar. Platz 10 im finanziellen Katastrophenvergleich.

Foto: REUTERS

Hurrikan Ivan

Der Hurrikan Ivan verwüstete im September 2004 zunächst die Inseln Grenada, Jamaika und die Cayman Islands, bevor er an die US-Golfküste und über Florida hinweg zog. Die Gesamtschäden sollen sich auf 18 Milliarden Dollar belaufen haben. Die versicherten Schäden erreichten 16,4 Milliarden Dollar laut Swiss Re fast die gleiche Höhe. Platz 9 im Katastrophenranking.

Foto: dpa

Christchurch-Erdbeben

Am 22. Februar 2011 ereilte Neuseeland ein verheerendes Erdbeben nahe der damals zweitgrößten Stadt des Landes, Christchurch. Mit einer Stärke von 6,3 auf der Richter-Skala war es zwar nicht das stärkste Beben, aber der Erdbebenherd dicht unter der Erdoberfläche und die Nähe zur Stadt forderten 185 Tote und verursachten immense Schäden. Die Versicherungsschäden beliefen sich auf 17 Milliarden US-Dollar, Platz 8.

Foto: dpa

Hurrikan Ike

Anfang September 2008 wütete Hurrikan Ike durch die Karibik, betroffen war vor allem die Dominikanische Republik, Haiti, Kuba und die Südküste der USA. Die Gesamtschäden beliefen sich auf 37,6 Milliarden Dollar. Versichert waren davon 22,6 Milliarden. Platz 7 im Vergleich.

Foto: AP

Northridge-Erdbeben

1994 kam in der Nähe von Los Angeles zu einem verheerenden Erdbeben der Stärke 6,7. Zum Glück blieb die Zahl der Opfer gering, da es an einem Feiertag passierte. Die Schäden an Straßen und Gebäuden waren indes gewaltig. Der Versicherungsschaden erreichte eine Höhe von 24,7 Milliarden Dollar. Platz sechs der teuersten Katastrophen.

Foto: dpa

9/11 - Terroranschläge in New York

Der Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Centers sowie die Flugzeug-Attacke auf das Pentagon am 11. September 2001 forderten etwa 3000 Todesopfer und gelten als terroristischer Massenmord. Die Versicherungsschäden erreichten mit 25,5 Milliarden Dollar den fünfthöchsten Wert in diesem Vergleich.

Foto: dpa

Hurrikan Andrew

Andrew war 1992 zwar nicht der bis dahin stärkste Hurrikan, wohl aber der Sturm, der die meisten Schäden anrichtete. Der Sturm der Kategorie 4 traf im September 1992 vor allem auf Florida City und Miami. Wegen der vielen betroffenen Einkaufspassagen, Seniorencamps und Neubausiedlungen war besonders betroffen und trieben die versicherten Schäden auf eine Höhe von 27,4 Milliarden Dollar.

Foto: AP

Hurrikan Sandy

2012 durchquerte Hurrikan Sandy zunächst die Karibik, um dann mit Wucht auf die Ostküste der USA zu prallen. Teile von Manhattan und Brooklyn wurden evakuiert, die Bewohner der Küste Long Islands ebenfalls, der New Yorker Hafen geschlossen. Obwohl nicht einmal ein Hurrikan der höchsten Stufen, war das Ausmaß der Zerstörung gewaltig, vor allem auf Haiti und an der Ostküste. Die Gesamtschäden sollen eine Höhe von 75 Milliarden Dollar erreicht haben. Die Versicherungen mussten 30,1 Milliarden Dollar bezahlen - Platz 3.

Foto: AP

Erdbeben / Tsunami in Japan

2011 löste ein schweres Seebeben vor der Küste der japanischen Region Tōhoku einen Tsunami aus, der mit seinen Flutwellen in vielen Ländern die Küstenregionen überflutete und mehr als 15.000 Todesopfer forderte. Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima kam es zur Kernschmelze. 400.000 Gebäude stürzten ein, über 470.000 Menschen waren zunächst ohne Unterkunft. Die Versicherungsschäden erreichten eine Höhe von 30,1 Milliarden Dollar. Der Gesamtschaden ist schier unermesslich. Platz 2 im Vergleich.

Foto: dpa

Hurrikan Katrina

Sollte Hurrikan Harvey weiter wüten, hätte er das Zeug, zum bislang teuersten Sturm der vergangenen vier Jahrzehnte zu werden. Bislang aber ist Hurrikan Katrina die Naturkatastrophe, die die größten Versicherungsschäden verursacht hat. Katrina traf Ende August 2005 auf die US-Golfküste als einer der heftigsten Stürme, die je gemessen wurden. Besonders betroffen waren Florida, Louisiana (besonders der Großraum New Orleans), Mississippi, Alabama und Georgia. Noch heute sind die Schäden in New Orleans sichtbar. Die Gesamtsumme der Schäden wird auf rund 100 Milliarden Dollar geschätzt. Die Versicherungen mussten 80,7 Milliarden Dollar zahlen. Katrina ist damit mit deutlichem Abstand der teuerste Sturm aller Zeiten - Platz 1.

Foto: dpa

- Im südtexanischen Corpus Christi, wo der Jahrhundert-Hurrikan mit voller Wucht aufs Festland stieß, betreibt der österreichische Stahlkocher Voestalpine ein Eisenschwammwerk mit 190 Mitarbeitern. Zwar gab der Konzern nach dem Wüten des Hurrikans bereits eine „vorsichtige Entwarnung“. Vollständig untersucht sind die Schäden am Werk aber noch nicht. Mitarbeiter befanden sich zum Zeitpunkt, als "Harvey" auf Land traf, nicht auf dem Werksgelände. Aus präventiven Gründen fuhr Voestalpine die Anlage bereits letzten Donnerstag herunter und schickte die Mitarbeiter nach Hause. Am Samstag wagte sich ein Kernteam des Konzerns wieder auf das Werksgelände. Nach Angaben von Voestalpine stellten diese „bei einer ersten Sichtkontrolle“ bisher nur „leichte Schäden an Gebäuden und Infrastruktur“ fest. So sollen zwar Zäune und Lichtmasten beschädigt sein. Die Direktreduktionsanlage habe laut Konzern aber „keine gröberen Schäden durch den Hurrikan genommen“. Zugute kam dem Konzern wohl ein „Hurricane Preparation Plan“, den Voestalpine im Vorfeld erarbeitet hatte. So seien laut Konzernangaben seit Donnerstag „sämtliche notwendige Schritte abgearbeitet und Vorbereitungen getroffen“ worden. Entstandene Schäden seien durch eine Versicherung „weitgehend“ gedeckt. Allerdings räumte der Konzern ein, dass „in solchen Extremsituationen realistischerweise nicht alle Ausfälle und Kosten kompensiert“ werden können. Voestalpine hält das Hochfahren des Eisenschwammwerks „im Laufe der nächsten Woche“ für möglich. Abhängig sei das allerdings von externen Faktoren wie der Stromversorgung und der Verfügbarkeit von Infrastruktur. Zudem teilte Voestalpine mit, für betroffene Mitarbeiter und die Region „umgehend“ einen Soforthilfefonds einzurichten. Der Fonds soll eine sechsstellige Dollar-Summe umfassen.

- Entlang der Küste zwischen Corpus Christi in Texas und Lake Charles in Louisiana ist fast ein Drittel der Raffinerie-Kapazität der USA angesiedelt. Eine Reihe der Raffinerien wurde angesichts des Sturms schon im Voraus vorübergehend geschlossen. Weiteren drohen Überschwemmungen oder Stromausfälle. Von den Öl- und Gasbohrinseln im Golf von Mexiko wurden Hunderte Arbeiter evakuiert. Bis zum Sonntag erstreckten sich die bereits erfolgten und angekündigten Stilllegungen nach Angaben der Analysten von S&P Global auf eine Kapazität von rund 2,2 Millionen Barrel pro Tag (350 Millionen Liter). Noch ist nicht klar, wann die Arbeit wiederaufgenommen werden kann.
Die Ölpreise sind am Dienstag gestiegen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Oktober kostete am Morgen 52,06 US-Dollar. Das waren 17 Cent mehr als am Montag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 21 Cent auf 46,78 Dollar. Derzeit gebe es einen starken Einbruch bei der Nachfrage nach Rohöl in den USA, sagte Experte John Kilduff von „Again Capital“, einem auf Rohstoffe spezialisierten Handelshaus. Er sprach von einer Unterbrechung der Benzinproduktion, die noch für längere Zeit anhalten dürfte.

- Die Bayer-Tochter Covestro hat die Produktion an den Standorten Baytown und Channelview teilweise heruntergefahren.

- Der Fusionspartner der Schweizer Clariant, der US-Spezialchemiekonzern Huntsman, ist betroffen. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz im texanischen The Woodlands geschlossen und insgesamt sechs Produktionsstätten heruntergefahren.

- Einbußen der Schifffahrt: Beim Herannahen des Sturms wurden Terminals entlang der Küste geschlossen. Die Häfen in Corpus Christi und Galveston stellten ebenfalls ihren Betrieb ein. Im Hafen von Houston lag seit Freitagmittag der Frachtbereich still. Die Frachtgebühren für Transporte zwischen dem Golf von Mexiko und der Ostküste stiegen umgehend.

- Getroffen ist auch der Flugverkehr: Am Montag wurden nach Zählung des Flug-Trackers Flight Aware mehr als 1400 Flüge gestrichen, am Wochenende waren es bereits über 2000. An den beiden Flughäfen von Houston landeten nur Hilfsflüge. Der Houston International Airport sollte noch bis Mittwoch geschlossen bleiben.

- In die Schadensbilanz fließen weiterhin die zahlreichen Stromausfälle ein. Mindestens 1,25 Millionen Menschen in Texas seien davon wohl betroffen, erklärten Forscher der A&M University.

- Zusätzlich summieren sich die Verluste an Infrastruktur und Gebäuden. Allein bei den Windschäden rechnet das Risikobewertungsunternehmen Risk Management Solutions mit Schadensforderungen an Versicherungen in Höhe von bis zu sechs Milliarden Dollar (fünf Milliarden Euro). Überflutungen und Wasserschäden könnten noch einen höheren Posten ausmachen, hieß es. Für Hauseigentümer ist das eine schlechte Nachricht: Nur bei wenigen Immobilien sind Überschwemmungsschäden mitversichert.

- Dennoch wirkte sich „Harvey“ am Montag auf Papiere von Versicherern belastend aus. So büßten Travelers als Schlusslicht im Dow Jones Index 2,6 Prozent ein. Papiere des Versicherers Allstate gaben um 1,5 Prozent nach und die des Kfz-Versicherers Progressive um 2,3 Prozent. Die Verluste der Branche könnten sich auf 10 bis 20 Milliarden US-Dollar belaufen, schrieb Analystin Sarah DeWitt von JPMorgan in einer Einschätzung zu US-Versicherern.

rtr, AP, ama
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