Netflix & Co: Was hinter dem spanischen Serienerfolg steckt
Spanische Produktionen kommen beim Publikum sehr gut an, wie das Beispiel „Casa de papel“ („Haus des Geldes“) zeigt. Auf Netflix avancierte die Bankräubergeschichte zur erfolgreichsten nicht-englischsprachigen Serie.
Foto: PresseDen Vergleich mit der großen Filmmetropole scheut Juanma Pagazaurtundua noch. Allzu bescheiden tritt der Baske allerdings auch nicht auf. „Hollywood werden wir vielleicht nicht, aber eine Referenz in Europa für Serienproduktion und sehr gutes technisches Personal sind wir sicherlich schon.“
Pagazaurtundua ist Film- und Serienproduzent in Spanien und hat mit vielen spanischen Star-Regisseuren gearbeitet. Eigentlich glaubt er an das heimische Kino, zuletzt produzierte er aber für kleinere Bildschirme in aller Welt. „Für das Kino gibt es derzeit keine Lobby“, sagt er. „Serien lassen sich in Spanien besser verkaufen, deswegen investieren die Fernsehsender und Produzenten vor allem dort.“
Beispiel: „Casa de papel“. Die Thriller-Serie mit dem deutschen Titel „Haus des Geldes“ lief zunächst im spanischen Fernsehen. Zum Welterfolg wurde sie, als Netflix das Stück ins Programm aufnahm. Die Bankräubergeschichte entwickelte sich zur erfolgreichsten nicht-englischsprachige Serie auf dem Streamingportal mit mehreren Millionen Abrufen pro Woche in den vergangenen Monaten.
Dass ein solcher Erfolg aus Spanien kommt, hätte noch vor fünf Jahren niemand für möglich gehalten. Mittlerweile glaubt Netflix an einen langfristigen Trend. Die Amerikaner haben kürzlich ihr erstes europäisches Studio in Tres Cantos bei Madrid eröffnet. In der La Ciudad de la Tele (zu Deutsch: Fernsehstadt) sollen Serien und Filme selbst produziert werden, unter anderem mit spanischen Schauspielern, Produzenten und Ausstattern. Schon jetzt arbeiten 13.000 Menschen in dem Urlaubsland für Netflix. 20 Produktionen sind allein in diesem Jahr geplant.
„Den Erfolg haben wir auch der Bedeutung unserer Sprache zu verdanken. Letztendlich sprechen weit über 500 Millionen Menschen auf der Welt Spanisch“, sagt Manuel Villalta. Er ist Komponist und hat die Musik zu erfolgreichen Produktionen wie „El Principe“ geliefert. Dass Netflix Serien international vermarkten kann, verändere die Branche. Profiteur sei dabei nicht nur Spanien. „Lateinamerika produziert Telenovelas und wir sind führend bei Krimi-Serien“, sagt Villalta.
Zur wachsenden Beliebtheit der spanischen Filmindustrie tragen die niedrigen Löhne bei. Spanien genießt ohnehin den zweifelhaften Ruhm, ein „Low-cost“-Land für Fachpersonal zu sein. Im Fall der TV- und Kinoproduktionen kommt hinzu, dass viele Funktionen häufig von ein und derselben Person besetzt werden. Da springt die Stylistin auch mal als Visagistin ein. „Dadurch, dass wir nicht für alles einen Spezialisten beauftragen müssen, liegen die Kosten für einen Film, Werbespot oder eine Serie rund 20 bis 30 Prozent unter denen von Frankreich und Großbritannien, unsere stärksten Wettbewerber“, sagt Produzent Pagazaurtundua.
Zudem bietet Spanien seit jeher landschaftlich ideale Bedingungen – und 3000 Sonnenstunden pro Jahr. Neben Teilen von „Game of Thrones“ wurden in Spanien in 2017 unter anderem Szenen für „Terminator 6“ und vier Netflix-Produktionen gedreht, darunter die Serien „Elite“ und „Die Telefonistinnen“. Allein in Madrid entstanden im vergangenen Jahr 533 Werbesports, Kurzfilme, Reportagen und Serien.
Die spanische Hauptstadt, auch Finanzzentrum des Landes, nutzt die Gunst der Stunde und gründete gerade ein eigenes Büro als Anlaufstelle für internationale Produktionen: das „City of Madrid Film Office“. Das soll vor allem ausländischen Teams unter anderem bei der Personal- und Drehortsuche helfen. Spanien will weiter wachsen - und endlich die Versäumnisse der Vergangenheit nachholen.
Der Durchbruch im Bereich Film – und Fernsehen hätte schließlich schon viel früher kommen können, glauben viele. Die Landschaft und gute Produktionsbedingungen gibt es nicht erst seit gestern. Auch weltberühmte Produzenten wie Woody Allen drehten hier bereits (Vicky Cristina Barcelona).
„Aber wir trampeln immer wieder auf neuen Pflanzen, die auf dem eigenen Boden wachsen, herum und machen viele kaputt, bevor sie blühen“, klagt Purificación García, die seit 20 Jahren als Direktionsassistentin in der Produktion von Filmen arbeitet. Sie hat das Auf und Ab der heimischen Industrie in den vergangenen Jahrzehnten am eigenen Leib gespürt. „Die Kultusminister haben sich nicht richtig eingebracht. Außerdem hat uns immer wieder die enorme Korruption auf regionaler und lokaler Ebene einen Strich durch die Rechnung gemacht“, so García.
Davon zeugt zum Beispiel die „Stadt des Lichts“ („La ciudad de la luz“) in Alicante. Europas mit sechs verschiedenen Sets größtes Filmstudio-Areal, steht dort heute zu einem Großteil leer. Der Grund: Die europäische Wettbewerbsbehörde verurteilte die autonome Region Valencia wegen unlauterem Wettbewerbs. Die Finanzierung des Komplexes, der immerhin 265 Millionen Euro gekostet hat, soll irregulär über öffentliche Mittel erfolgt sein. Die Wettbewerbsbehörde glaubt, dass die Spanier damit den Wettbewerb in der europäischen Filmbranche verfälscht hätten. Die Filmsets mussten geschlossen werden und das investierte Geld soll wieder in die Staatskassen zurückfließen.
Die Wettbewerbsbehörde schlug vor, den Komplex an einen privaten Betreiber zu verkaufen. Eine Treuhandgesellschaft hat diese Aufgabe jetzt übernommen. Der Prozess kann Jahre dauern und Valencia hat sein Image als Dreh-Standort geschädigt. „Wir haben damals einfach eine enorme Chance verpasst, auch für das gesamte Land“, sagt García.
Spaniens Netflix Konkurrenz steht schon in den Startlöchern
Das soll diesmal anders werden – nicht nur durch Netflix. Unter der Marke Movistar Fusión zieht der Telekommunikationskonzern Telefónica aktuell ein nationales Gegenangebot hoch. Dort sind zwar unter anderem Netflix-Produktionen und Serien anderer Studios zu sehen. Movistar Fusion will aber immer mehr eigenhändig produzieren. Die Spanier planen in diesem Jahr 14 neue Serien auf den Markt zu bringen, mit einem Budget von 100 Millionen Euro.
Noch eine Gelegenheit, vom Film- und Serienboom zu profitieren, will Spanien nicht verstreichen lassen.