Werner knallhart: Laufende Posten: Was Ihre Sonnenbrille jeden Tag kostet
Früher waren unsere Abos im Leben meist auf Dienstleistungen oder Produkte beschränkt, die wir gar nicht als Abo empfunden haben: Stromrechnung mit Grundpreis, Festnetzanschluss, Rundfunkgebühr, ADAC-Mitgliedsbeitrag. Als „Abos“ liefen doch höchstens die Hörzu und der Bertelsmann-Buchclub. So spießiger Kram eben. Abo war pofig.
Heute schwimmen wir in Abos: Netflix, Amazon Fresh, die wöchentliche Öko-Gemüse-Box, die Handy-Flat, WirtschaftsWoche Digital, ein Audible-Hörbuch pro Monat, Spotify, sogar Coffee-to-go-Abos für Vorauszahler gibt es in einigen Cafés um die Ecke – dadurch wird der Flat White billiger.
Mittlerweile können Sie sogar Kram „abonnieren“, den wir bislang wie selbstverständlich kaufen. Von der Spielekonsole bis zum Bücherregal. Vorteile: Man wird die Dinge wieder los, wenn man sie nicht mehr braucht. Man zahlt nur, solange man sie nutzt. Und Reparaturen sind oft billiger.
Spielen Sie etwa mit dem Gedanken, sich eine Drohne mit integrierter Kamera zu kaufen (im Sommer zum 75. Geburtstag der Mutter steht ein Gartenfest an und im Herbst die große Wandertour mit alten Schulfreunden), dann sind Sie gut und gerne 400 Euro los (etwa für die DJI Spark Drohne Alpine). Im Internet vermieten Portale wie OttoNow oder Grover (die etwa mit Mediamarkt und Conrad kooperieren) diese Drohnen etwa für 29 Euro 90 monatlich für ein Jahr (macht 359 Euro 88) bis 59 Euro 90 für einen einzigen Monat.
Bei Tchibo können Eltern Kleidung für ihre Kinder mieten, bis sie wieder rauswachsen. Oder einfach für ein paar Wochen. Und Ikea testet bei uns in Deutschland ab kommendem Jahr, Möbel zu verleasen, statt sie nur zu verkaufen.
Zwar hat man am Ende der Mietzeit kein Eigentum in der Hand. Aber was haben Sie vom Eigentum, wenn Sie es nicht (mehr) nutzen? Genau: Sperrmüll, Elektroschrott, Altkleider.
Letztendlich ist es alles eine Frage der Einstellung. Brauche ich das Gefühl von „meins“? Fühlt es sich fremdartig an, wenn jede Kleinigkeit zuhause laufende Kosten verursacht?
Nun, da kann man ja umdenken. Was ist zum Beispiel mit Ihrer Schall-Zahnbürste, Ihrer Sonnenbrille und Ihrem Waffeleisen? Das Kuriose ist: Dinge, die wir uns anschaffen, beim Kauf voll bezahlen und dann nach einiger Zeit ausrangieren, weil sie kaputt, technisch veraltet oder einfach uncool geworden sind, sind wahre Kostenknaller. Was erst klar wird, wenn wir den Anschaffungspreis auf die Nutzzeit umrechnen. Als fiktiven Mietzins sozusagen.
Die Älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern. Ich habe vor einigen Jahren mal für Sie ausgerechnet (und es hat mich selber erschüttert), was Ihr Badezimmerteppich Sie jeden Tag kostet.
Nehmen wir die Badematte Emten von Ikea für 12,99 Euro. Und nehmen wir an: Nach anderthalb Jahren würden Sie sie ausrangieren, weil sie einfach verwaschen ist. Damit hat Sie das Ding monatlich 72 Cent gekostet, bis es im Müll landet.
Aber: Würden Sie ein Teppich-Abo für 50 Cent im Monat abschließen, mit der Maßgabe, den gemieteten Teppich nach 18 Monaten wieder abgeben zu müssen? Würden Sie Ihren Teppich mieten, um Geld zu sparen? Komischer Gedanke. Aber warum nicht?
Bald ist Sommer. Machen Sie sich bitte klar, was Sie an fiktional laufenden Kosten auslösen, wenn Sie sich dieses Jahr mal wieder eine neue Sonnenbrille kaufen. Würden Sie sie mieten, hätten Sie das jeden Monat vor Augen.
Angenommen, Sie gönnen sich ein Exemplar von Ray Ban für 200 Euro, weil: Sie wollen beim Flanieren zum Sundowner im Park hinter dem Hotelpool ja schließlich nicht zurückstecken. Und angenommen, sie vergessen beim Schuhezubinden regelmäßig auch so gerne wie ich, dass die Brille noch am Hemdkragen hängt (Päng! Kratzer), dann dürfte die Brille nach spätestens drei Jahren ruiniert sein. Tschüss, du alte Brille.
Dann haben Sie jährliche Sonnenbrillenkosten von 66 Euro 66 Periode. Wenn Sie dann noch bedenken, dass Sie die Sonnenbrille im Urlaub in sonnigen Gefilden großzügig gerechnet rund vier Wochen pro Jahr täglich und darüber hinaus in Deutschland über die sonnige Jahreshälfte verteilt vielleicht an weiteren 30 Tagen tragen, dann kommen Sie auf 66 Euro 66 Periode für 60 Tage. Also 1 Euro 11 pro Nutztag. Was würden Sie die Brille an sonnigen Tage für etwa 1 Euro mieten? Sie würden sparen…
Wenn Sie die 14-Euro-99-Brillen von H&M bevorzugen, dafür jedoch jedes Jahr eine neue kaufen, kämen Sie umgerechnet auf Brillen-Miet-Kosten von noch 25 Cent - für jeden Sonnentag. Die H&M-Brille wäre im Abo 78 Prozent billiger als das Ray-Ban-Abo.
Und denken an Ihre Badehose (von Adidas für rund 30 Euro – für drei Jahre mit je zehn Badetagen vor dem Altkleidersack. Kommt das bei Ihnen hin? Dann sind das 1 Euro pro Badetag im Abo). Das Boule-Spiel, mit dem Sie rund zehn Sommertage nach dem Essen mit etwas Bewegung im Garten ausklingen lassen (bevor die silbernen Kugeln für immer in den Keller kullern): umgerechnet rund 2,50 Euro pro Spiel.
Aber jetzt ist ja erstmal Frühling. Der induktionstaugliche WMF-Spargeltopf: im Einkauf 49 Euro 99. Klar, so einen Topf nutzt man Jahre. Sagen wir mal 20. Und innerhalb dieser zwei Jahrzehnte kochen Sie jedes Frühjahr fünfmal Spargel. Dann kostet Sie die Nutzung des Topfes pro Spargel-Essen 50 Cent.
Da können wir froh sein, dass nicht Winter ist: Das hübsche gusseisernes Fondue-Set (69 Euro 99), das durchschnittlich genau einmal jährlich von hinten im Schrank vorgekramt wird, nämlich an Silvester, müsste ganze 140 Jahre im Einsatz sein, um auf die gleiche Quote zu kommen, wie unser Spargeltopf. Hier liegt auf der Hand: Eine Fondue-Topf-Miete am letzten Tag des Jahres wäre schnell viel günstiger.
Das alte Handy, der alte Spargeltopf, der verzottelte Badezimmerteppich. Klar, nicht alles lässt sich heute schon mieten. Aber macht man sich einfach mal klar, was einmalige Ausgaben in laufende Kosten umgerechnet an Summen bedeuten, dann könnte man sich konsequenterweise doch auch dazu hinreißen lassen, die alltäglichen Dinge des Lebens tatsächlich zu mieten. Und wieder abzugeben, wenn man sie nicht mehr braucht. Ein Leben ohne Sperrmüll dank Mieten statt kaufen.
Mit einem weiteren Vorteil: Wenn was kaputt geht, beteiligen sich die Vermieter oftmals: Grover etwa übernimmt bei einem Schaden bei Drohnen 50 Prozent der Reparatur-Kosten, bei Computern, Handys, Spielekonsole und Elektro-Tretrollern sogar 90 Prozent.
Man muss es eben nur mal durchrechnen.