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WeltklimakonferenzWo steht die Welt beim Klimaschutz?

An diesem Montag beginnt die Weltklimakonferenz, bei der fast alle Regierungen der Erde über den Klimaschutz beraten. Finden sie Antworten auf die Schicksalsfrage? 02.12.2019 - 12:27 Uhr

Woche für Woche fordern Hunderttausende junge Menschen weltweit mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die Erderhitzung

Foto: AP

In Madrid beginnt die 25. Weltklimakonferenz, aber das Jubiläum versprüht keine Feierlaune. Wetterextreme haben in diesem Jahr drastisch vor Augen geführt, was der Menschheit blüht, wenn die Erderhitzung nicht eingedämmt wird: Mehr gigantische Wirbelstürme wie über Ostafrika, verheerende Waldbrände wie in den USA und Australien und weiter dramatisch schwindende Eismassen an den Polen und in den Gletschergebieten. Wo steht die Welt in Sachen Klimaschutz? Fragen und Antworten dazu.

Ist die Lage wirklich so düster?

Ja, denn trotz aller Anstrengungen beschleunigt sich die Erderhitzung zurzeit sogar noch. Schon jetzt hat sich Erde nach Befunden des Weltklimarats um ein Grad aufgeheizt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, und die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zu den Folgen zählen mehr extreme Wetterereignisse, also je nach Region mehr Hitzewellen, Dürren und Waldbrände, aber auch Stürme, Überschwemmungen und Starkregen. Und das ist erst der Anfang: Ginge es weiter wie bisher, läge der Temperaturanstieg Ende des Jahrhunderts bei 3,4 bis 3,9 Grad, wie das UN-Umweltprogramm Unep dieser Tage vorgerechnet hat. Angestrebt werden aber maximal 1,5 Grad, um die gefährlichsten Kipppunkte im Ökosystem zu umschiffen.

Der Weltklimarat IPCC, unter dessen Dach Hunderte Forscher kooperieren, geht davon aus, dass bei einem ungebremsten Klimawandel die Meeresspiegel schon bis Ende des Jahrhunderts um mehr als einen Meter steigen könnten. In einem dramatischen Appell haben daher Anfang November 11.000 Wissenschaftler aus mehr als 150 Staaten gewarnt, „unsägliches menschliches Leid“ sei nicht abzuwenden, wenn die Menschheit nicht schnell gegensteuere und deutlich weniger klimaschädliches Treibhausgas in die Luft blase.

Das Jahresmittel der Lufttemperatur ist im Flächenmittel von Deutschland von 1881 bis 2018 um 1,5 Grad Celsius angestiegen – global ist es in dieser Zeit im Mittel rund 1 Grad wärmer geworden. Seit 1881 hat die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland um 8,7 Prozent zugenommen. Es sind Tendenzen zu mehr Starkniederschlägen in den letzten 65 Jahren zu erkennen, aber aufgrund der Datenlage können die Experten dazu noch keine statistisch gesicherten Aussagen machen.

Foto: imago images

Die Zahl der heißen Tage mit 30 Grad und mehr nimmt zu: Seit 1951 von etwa drei pro Jahr auf derzeit rund zehn. Mehr als zehn gab es vor 1994 nie, 2018 waren es mehr als 20. Die deutschen Sommer 2003, 2018 und 2019 waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen.

Foto: imago images

„Der Klimawandel hat Deutschland im Griff“, sagte Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Dürren, Hitzewellen und Starkregen dürften zunehmen. Wenn es weitergehe wie bisher, müsse man mit einem weiteren Temperaturanstieg von 3,1 bis 4,7 Grad in Deutschland bis Ende des Jahrhunderts rechnen – eine Zeit, die Kinder von heute noch erleben können. Nicht immer sei klar, welchen Anteil der Klimawandel an einzelnen Veränderungen habe, denn es spielten verschiedene Faktoren zusammen, räumen die Autoren des Berichts ein, an dem Bundes- und Landesbehörden, Universitäten und Fachverbände mitgearbeitet haben. Trends sind demnach aber klar erkennbar.

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Wasser

Deutschland ist ein wasserreiches Land. Aber: Monate mit unterdurchschnittlichen Grundwasserständen werden häufiger, vor allem im Nordosten. An 80 Pegeln ist im Sommerhalbjahr der Rückgang der mittleren Abflusshöhe signifikant – die Flüsse führen weniger Wasser, wie im Bild der Rhein bei Köln. Seen werden wärmer, mit Folgen für Tiere und Pflanzen. Am Bodensee betrug der Anstieg in der Saison März bis Oktober zwischen 1971 und 2017 rund zwei Grad. Auch Nord- und Ostsee erwärmen sich – und die Meeresspiegel steigen. Damit nimmt die Gefährdung durch Sturmfluten zu. Zudem erodieren Küsten, vor allem Bade-Sandstrände mit Brandung.

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Städte

Städte bilden „Wärmeinseln“, es wird heißer als auf dem Land. Starkregen kann in zugebauten Regionen schlecht ablaufen, immer wieder laufen Gullys über, weil die Kanalisation das Wasser nicht so schnell aufnehmen kann. Stadtplaner und Architekten sollten etwa auf Grünflächen als „kühlende Oasen“, gut isolierte Häuser und auf Pflanzen an Fassaden und auf Dächern setzen, heißt es im Bericht.

Foto: dpa

Arbeit

Hitze senkt die Leistungsfähigkeit und steigert die Gefahr von Unfällen. Studien nehmen laut Bericht für hohe Hitzebelastung in Mitteleuropa Produktivitätsabnahmen um drei bis zwölf Prozent an. Demnach arbeiten in Deutschland bis zu drei Millionen Menschen überwiegend oder zeitweise im Freien, wo sie dem Wetter besonders ausgesetzt sind. Sie erbringen „geschätzte 10 bis 15 Prozent der Wertschöpfung der Volkswirtschaft“ - hauptsächlich in der Landwirtschaft und der Baubranche, aber auch in der Industrie und im Dienstleistungssektor.

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Landwirtschaft

Landwirte sind vom Klimawandel besonders betroffen, wenn etwa Dürre die Ernte vertrocknen lässt oder Futter knapp wird. Wenn Apfelbäume früher blühen, kann es Spätfrostschäden geben. Das sich ändernde Wetter könne sich aber auch positiv auswirken, denn die Vegetationsperiode werde länger.

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Wälder

Manche Baumarten kommen mit Dürre und Hitze nicht klar – die Fichte etwa stehe gerate unter Druck, schreiben die Experten. Insekten wie Borkenkäfer und Krankheitserreger könnten sich ausbreiten. Es werde aber über eine zunehmende Waldbrandgefahr diskutiert, „denn in den kritischen Monaten wird es wärmer und trockener.“

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Gesundheit

„Hitzestress“ setzt vor allem Älteren, Kranken und Kindern zu. In Jahren mit vielen Hitzetagen sterben mehr Menschen, als statistisch normal wäre: 2003 gab es etwa 7500 Todesfälle mehr. Das Klima beeinflusst, wann und welche Pollen fliegen. Die machen Allergikern Probleme. Dass sich etwa die Pflanze Beifuß-Ambrosie ausbreite, werde „in erheblichem Maße auch mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht“. Ähnliches gilt für Stechmücken, Zecken und Krankheitserreger. Die Asiatische Tigermücke etwa könne über 20 unterschiedliche Viren übertragen. Funde von Eiern und Mücken im Oberrheingebiet hätten „deutlich zugenommen“, schreiben die Experten.

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Schon kurzfristig drohen nämlich vielerorts Wasserknappheit und Ernteausfälle, mit Konsequenzen wie Hungersnöten und massiven Fluchtbewegungen. Im Juni warnte auch Philip Alston, der UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut und Menschenrechten, vor dem Szenario einer „Klima-Apartheid“, in dem die Reichen zahlen, um vor Hitze, Hunger und Konflikten zu flüchten und der Rest der Welt zurückgelassen wird und leidet. Die jüngsten Aufrufe erinnern an die Warnung der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die vor Jahresfrist sagte, Erwachsene sollten nun in Panik geraten angesichts der existenzbedrohenden Klimakrise.

Wie sieht es hierzulande aus?

Ein im November veröffentlichter neuer Monitoringbericht der Bundesregierung weist nach, dass sich die mittlere Lufttemperatur hierzulande von 1881 bis 2018 um 1,5 Grad erhöht hat. Die Folge: Auch in Deutschland wird das Wetter extremer. Je nach Region kann das mehr Hitze, mehr Starkregen oder auch mehr Hochwasser bedeuten. So haben etwa die Menschen im Nordosten dieses Jahres unter dem zweiten heißen Dürresommer in Folge geächzt, es loderten Waldbrände ungekannten Ausmaßes. Und so könnte es weitergehen: Auch in den kommenden Jahren steigen in weiten Teilen Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts die durchschnittlichen Temperaturen, während die Niederschläge abnehmen. Gleiches gilt auch für Südwestdeutschland, während etwa in Teilen Hessens mit mehr Regen zu rechnen ist. Und viele Städte am Wasser müssen sich auf mehr Überschwemmungen und höhere Sturmfluten einstellen. Berechnungen der Agentur „Climate Central“ für das Jahr 2050 zeigen etwa nach einem Bericht des „Tagesspiegels“, dass wegen steigender Meeresspiegel etwa weite Teile Ostfrieslands, Bremens oder Hamburgs 2050 einmal im Jahr überflutet werden könnten, wenn die Küsten nicht zusätzlich gesichert werden.

Was tut die Welt gegen die drohende Klimakatastrophe?

Das 2015 geschlossene Klimaabkommen von Paris wurde als historischer Durchbruch gefeiert. Mehr als 190 Staaten setzen sich darin zum Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad bis maximal 2 Grad zu begrenzen. Aktuell herrscht aber Katerstimmung, denn nach einer neuen Untersuchung sind zwei Drittel der inzwischen rund 180 vorgelegten staatlichen Aktionspläne ungeeignet, die Erderhitzung auch nur zu bremsen. Auch in diesem Jahr dürfte der weltweite CO2-Ausstoß erneut steigen. Und die Internationale Energie-Agentur (IAE) erwartet, dass er auch bis 2040 nicht etwa sinkt, sondern noch um zehn Prozent steigen dürfte. Eigentlich nötig wäre nach dem Pariser Abkommen aber eine Minderung um fast 50 Prozent. Ein Beispiel für das Schneckentempo: Zwar haben einige Industriestaaten einen Ausstieg aus der Kohle angekündigt, doch beziehen die Staaten der G20 noch immer über 80 Prozent ihrer Energie aus Kohle, Öl und Gas. Weltweit sind trotz des Ausbaus der Erneuerbaren immer noch Zehntausende Kohlekraftwerke in Betrieb, und 1400 neue sind in der Planung oder im Bau.

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Und die Bundesregierung?

In Deutschland hat die große Koalition nach langem Gezerre zwar einen Klimaschutzplan vorgelegt. Er ist aber aus Expertensicht „bestenfalls die Andeutung einer Richtungsänderung“, wie es der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, formuliert. Selbst der Boss von VW beklagt, dass die Regierung den neuen Preis auf den Ausstoß von Kohlendioxid viel zu niedrig ansetzt, um etwa eine nennenswerte Zahl der 44 Millionen Autos mit Verbrennungsmotor hierzulande von der Straße zu bekommen. Und die umweltschädlichste Art der Fortbewegung, das Fliegen, wird weiter kräftig subventioniert. Allein 2017 verzichtete der Staat laut Umweltbundesamt auf 8,1 Milliarden Euro, weil Kerosin nicht besteuert wird, und auf 4,2 Milliarden Euro, weil grenzüberschreitende Flüge von der Mehrwertsteuer befreit sind.

Wie verhalten sich die Bürger?

Zehntausende Schüler sind in diesem Jahr immer freitags für mehr Klimaschutz auf die Straße gegangen und die Grünen stehen in Wahlumfragen bei mehr als 20 Prozent: Der Kampf gegen die Erderhitzung scheint Dringlichkeit zu haben. Tatsächlich verhalten sich aber viele Bürger anders. So klettern etwa die Passagierzahlen im weltweiten Luftverkehr immer weiter. Im ersten Halbjahr stiegen an deutschen Flughäfen 4,2 Prozent mehr Menschen in einen Flieger. Und 11,6 Millionen Passagiere flogen innerhalb Deutschlands statt den Zug zu nehmen. Viele sprechen von der Verkehrswende, doch auch vom Auto mag offensichtlich kaum jemand lassen: 2018 wurden bundesweit knapp 3,5 Millionen Pkw neu zugelassen, weit überwiegend mit Verbrennungsmotoren. Und die größten Zuwächse gab es ausgerechnet bei den Spritfressern, also SUVs, Wohnmobilen und Oberklasseautos. Ähnlich ist es beim Fleisch, dessen Produktion Umwelt und Klima stark belasten. Der Verbrauch hierzulande hat in den vergangenen zehn Jahren relativ konstant bei etwas mehr als sieben Millionen Tonnen gelegen, mit zuletzt steigender Tendenz. Die Zahl der Vegetarier liegt Umfragen zufolge bei rund acht Prozent.

Worum geht es bei der Klimakonferenz in Madrid?

UN-Generalsekretär Antonio Guterres erwartet, dass die einzelnen Staaten bis spätestens nächstes Jahr ihre Klimaschutz-Zusagen kräftig nachbessern. Bis jetzt sind sie nämlich bei weitem nicht ehrgeizig genug, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Es kann also sein, dass es in dieser Hinsicht Neuigkeiten gibt und Staaten ihre Klimaschutzpläne nachschärfen. Außerdem geht es um ein Thema, das beim letzten Klimagipfel im polnischen Kattowitz (Katowice) liegen geblieben ist, den Handel mit Klimaschutz. Strittig sind nämlich die genauen Regeln, wer sich welche Emissionsminderungen anrechnen darf. Aus Sicht von Klimaschützern muss verhindert werden, dass sich Staaten ihre Einsparungen selbst gutschreiben, diese dann aber auch noch an Drittstaaten verkaufen.

dpa
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