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  4. Wie Fälscher mit Produktpiraterie dem deutschen Mittelstand schaden

Produktpiraterie„Die Fälscher haben bestimmt eine halbe Million Stück gefertigt“

Der deutschen Volkswirtschaft entsteht jährlich ein zweistelliger Milliardenschaden durch Produktpiraterie. Wie dreist Fälscher dabei vorgehen und wie sich zwei Mittelständler dagegen wehren.Svenja Gelowicz 25.04.2022 - 12:41 Uhr

Dreiste Produktfälschung: Fälscher haben in ihr Plagiat (links) „Kein Original-Produkt, aber austauschbar“ eingraviert.

Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Etwa 9500 verschiedene Inserate haben bereits das sternförmige Werkzeug angepriesen: Einen Multifunktionsschlüssel, mehrere Profile und Kreuze, zusammengehalten von einem Magnet. Genauso viele Anzeigen hat Stefan Saltenbrock aus Webshops löschen lassen. Sie waren Plagiate des „Twinkey“ genannten Schaltschrankschlüssels. Der Justiziar des Wuppertaler Werkzeugherstellers Knipex verfolgt Produktfälscher seit einigen Jahren hartnäckig. Sie kopieren nicht nur Werkzeug, sondern drucken auch den Namen des Mittelständlers auf Billigzangen.

Nach wenigen Monaten und Hunderten Anzeigen übergab Saltenbrock die Jagd an einen Dienstleister. Der scannt das Web mithilfe von Software. „Die Spur der Fälscher und Nachahmer führt eigentlich immer nach Asien“, berichtet Saltenbrock. Knipex hat auch Detektive in China beauftragt. Doch die Nachahmer sind zumeist kleine Händler und daher nur schwer greifbar; die Adressen genauso gefälscht wie die Produkte. Die Hersteller selbst zu belangen: praktisch unmöglich, sagt Saltenbrock.

Wie Knipex ergeht es vielen Mittelständlern in Deutschland. „Mittelständische Unternehmen können sich im Vergleich zu Konzernen schlechter gegen Produkt- und Markenpiraterie wehren“, weiß Oliver Koppel, Ökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaft (IW). Hauptsächlich, weil Fälschungen schwerpunktmäßig auf Messen oder bei Kunden im Ausland bemerkt würden. Konzerne hätten das systematisch im Blick. Die Mittelständler hätten jedoch aufgeholt, was die Schutzrechte angeht. Nur mit ihnen können sie sich gegen Produktpiraterie zu wehren. In der Konsequenz melden sie beispielsweise inzwischen mehr Patente in China an. Denn: „Wenn ein chinesisches Unternehmen ein ausschließlich in Deutschland geschütztes Produkt in China kopiert und in die USA verkauft, ist das zwar moralisch fragwürdig, aber rechtlich gesehen keine Produktpiraterie“, erklärt Koppel.

Ihn sollte man lieber nicht in der Vitrine stehen haben: Der Schmähpreis Plagiarius, den die gleichnamige Aktion jährlich vergibt, zeichnet die dreistesten Produktfälscher aus. Die Trophäe geht an Unternehmen verschiedener Branchen – die Fälschungen sind häufig kaum vom Original zu unterscheiden.

Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Das Original-Besteck (oben) ist laut des Herstellers Koziol nachhaltig und lange ausgetüftelt. Das Mehrweg-Besteck trägt den Produktnamen Klikk, Benutzer können die Steckverbindung schnell zu Gabel, Messer und Löffel entkoppeln. Den Nachmachern, einer australischen Firma namens Are Media, verleiht Plagiarius den ersten Platz: Der Kunststoff sei ungeeignet, das Besteck schnell unbrauchbar.

Foto: WirtschaftsWoche

So dreist kopierte vor einiger Zeit ein Unternehmen mit Sitz in Bangladesch ein Druckmessgerät von Wika aus Nordbayern (Original links) – im vergangenen Jahr kopierten Kriminelle die Webseite des Mittelständlers und gaben sie als offizielle China-Onlinepräsenz aus.

Foto: WirtschaftsWoche

Das Original von Schaeffler (links) und die Kopie des chinesischen Unternehmens Giant sind nicht mal anhand der Verpackung zu unterscheiden. Auch Händlerzertifikate oder Bankbestätigungen drucke der Gewinner des Schmähpreises Plagiarius ohne zu zögern. Das zweireihige Axial-Schrägkugellager zieht in Antriebstechnik ein, beispielsweise von Werkzeugmaschinen – wo die Produktversprechen von Schaeffler, nämlich Präzision und Zuverlässigkeit, eine wichtige Rolle spielen.

Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Katzen sollen fein speisen können mit der Futterbar samt Katzengras-Schale, die sich der Tierprodukte-Hersteller Wagner Pet Products aus Geilenkirchen (Nordrhein-Westfalen) ausgedacht hat (links). Statt Keramik-Futterschalen rutschen bei der Billig-Version eines deutschen Discounters die Plastik-Schüsseln in der Aussparung hin und her. Um die 40 Euro rufen Online-Shops für das Originalprodukt auf, die Plagiatoren wollten lediglich ein Fünftel des Preises. Immerhin: Wagner Pet Products habe sich außergerichtlich und gütlich mit dem Discounter einigen können.

Foto: Aktion Plagiarius e.V.

„Kein Original-Produkt, aber austauschbar“: Das ist ungeniert eingraviert in jede gefälschte Radkappe mit VW-Logo (Original links). Wahlweise bietet der Fälscher Murama andere Auto-Marken an. Preis: Ein Viertel des Originals. Das spiegelt sich in billigen Materialien und mangelnder Stabilität wider. Deutschlands größter Autohersteller schützt sein geistiges Eigentum weltweit und pocht auf seine Rechte. Ein deutscher Online-Händler unterschrieb beispielsweise eine Unterlassungserklärung. Der italienische Hersteller verweigere eine solche jedoch. Trotz offenkundiger Markenverletzung ist in Italien deshalb ein langwieriges Gerichtsverfahren gegen Murama anhängig.

Foto: WirtschaftsWoche

Das Chemnitzer Unternehmen Germens lässt seine Designs von Künstlern entwerfen und legt zudem Wert auf hochwertige Stoffe. Die Hemden haben auch dem türkischen Hersteller von Oberbkleidung Gabano gut gefallen. Immerhin, heißt es von der Aktion Plagiarius, habe Gabano die Anordnung und einige Details verändert. Dafür wollte ein deutscher Händler noch ein Siebtel des Originalpreises von seinen Käufern haben. Germens ruft für seine Hemden im Onlineshop um die 230 Euro auf.

Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Der Schaltschrankschlüssel von Knipex (Original in der Mitte) ist äußerst beliebt in der Produktfälscher-Gemeinschaft. Etwa 9500 Angebote des TwinKey genannten Werkzeugs hat Knipex in den vergangenen drei Jahren von Online-Verkaufsshops löschen lassen. Die vornehmlich chinesischen Händler verkauften das Wuppertaler Produkt auch über verschiedene Amazon-Seiten. Die Plagiate bestünden aus billigen Materialien und seien schlecht verarbeitet. Der Magnet, der den Schlüssel im Original zusammenhält, funktioniere bei den Fälschungen häufig nicht. Entsprechend billig bieten die Nachahmer das Werkzeug feil. Plagiarius „belohnt“ das Engagement der Fälscher mit einer Sonderauszeichnung.

Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Verkaufsplattformen. Unternehmen beklagen, dass sie zu wenig tun, um den Verkauf von Plagiaten zu verhindern. Zwar hätten große Onlinehandelsunternehmen wie Amazon oder Ebay mittlerweile gute Meldestrukturen für Plagiate. Doch sie sollten präventiver handeln, damit Fälschungen gar nicht erst auf den Seiten landen. „Die Fälscher haben es perfektioniert, Hunderte Shops auf den Plattformen anzulegen. Haben wir ein Angebot gesperrt, finden wir am nächsten Tag wieder eines bei einem anderen Shop“, schildert Saltenbrock.

„Die Betreiber von E-Commerce-Plattformen müssen zukünftig stärker in die Verantwortung genommen werden“, fordert auch Aliki Busse, Fachanwältin für gewerbliche Schutzrechte und zweite Vorsitzende der Aktion Plagiarius, einem Schmähpreis für besonders dreiste Produktfälschungen. So sollten sich die Händler mit Lichtbildausweis, Steueridentifikationsnummer sowie Bank- und Kontaktinformationen verifizieren müssen. Außerdem sollten die Shops dafür sorgen, dass bereits gelöschte Angebote nicht erneut hochgeladen werden können.

„Die Fälscher haben bestimmt eine halbe Million Stück gefertigt“

Das Unternehmen Koziol hat etwa 200 Beschäftigte und sitzt im Odenwald. Auch Geschäftsführer Stephan Koziol kämpft immer wieder gegen Fälschungen seiner Produkte. Koziol verkauft etwa ein Campingbesteck. Das ist dreiteilig, Outdoor-Fans können es nach der Nutzung zusammenstecken. Über 25 Jahre lag die Idee in der Schublade, sagt der Unternehmenschef. Vor vier Jahren habe ein Londoner Designbüro das Besteck entwickelt. Lange habe seine Firma die richtigen Materialien gesucht, Werkzeuge gebaut und es schließlich auf den Markt gebracht. Deutlich über 100.000 Euro habe Koziol hier investiert.

Giftige Plagiate

Wie Firmen Jagd auf Fälscher machen

von Jannik Deters

Nach Hinweisen von Kunden erfuhr Koziol, dass ein australisches Verlagshaus ein Plagiat des Bestecks an Kunden im Rahmen einer Werbeaktion versendet. „Die Fälscher haben bestimmt eine halbe Million Stück gefertigt“, erzählt Stephan Koziol. Ein großer Auftrag – den er gerne selbst angenommen hätte. Entsprechend frustriert ist er. „Kopieren ist ein lukratives Geschäftsmodell, lukrativer und ungefährlicher als der Drogenhandel. Wir investieren 15 bis 20 Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung, wir produzieren in Deutschland. Wir brauchen den Schutz unseres geistigen Eigentums, um zu überleben.“

59 Milliarden Euro Schaden für Deutschland im Jahr 2021

Laut IW-Experten Koppel wurde jedes neunte Unternehmen innerhalb der letzten fünf Jahre mindestens einmal Opfer von Produkt- und Markenpiraterie. Besonders betroffen seien große, internationale Industrieunternehmen. Das IW schätzt, dass der deutschen Volkswirtschaft durch Produkt- und Markenpiraterie im Jahr 2021 ein Schaden in Höhe von etwa 59 Milliarden Euro entstanden sein dürfte. Die Folge: 550.000 entgangene „vollzeitäquivalente Arbeitsplätze“ hierzulande.

Unternehmen wie Knipex oder Koziol müssen dabei abwägen, wie viel sie für den Schutz ihrer Produkte ausgeben wollen. Knipex-Justiziar Saltenbrock erläutert, dass Gerichtskosten schnell zu einer sechsstelligen Summe anwachsen können. „Das kann man vielleicht mal für einen Präzedenzfall investieren, aber nicht ein paar Tausend Mal.“ Dazu kommen die Kosten für die Schutzrechte, also für Patente, Gebrauchsmuster oder Markenschutz. Koziol nennt es eine „Balance zwischen Verteidigen, aber nicht das ganze Geld versenken“.

Wie hoch der Schaden für Knipex ist, der durch die Fälscher entsteht, kann Saltenbrock nicht genau beziffern. Der 1882 gegründete Werkzeugfertiger gibt jährlich mehrere Hunderttausend Euro aus, um Fälscher zu verfolgen. Imageschaden und Umsatzverlust kommen hinzu. Geld, das der Mittelständler nicht für Neuentwicklungen ausgeben kann.

Dreist sind auch die Preise, die die Händler für ihre Fakes aufrufen. Während Händler den Twinkey genannten Schaltschrankschlüssel im Original meist für um die 30 Euro verkaufen, reiche die Preisspanne in den Webshops von zehn bis 70 Euro.

Lesen Sie auch: Diese deutschen Industriekonzerne werden am häufigsten kopiert

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