Omikron-Welle: Urlaubszeit als Virustreiber? Betriebsärzte fürchten „zugespitzte Lage“
Eine Folge ausgelassener Sommerferien könnte eine zugespitzte Lage in den Unternehmen sein, warnt die Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebsärzte. Die Reisezeit könnte der aktuellen-Corona-Welle Auftrieb geben und den Mitarbeitermangel in den nächsten Wochen noch verschärfen.
Foto: imago imagesJoe Biden sitzt im Home Office fest, der US-Präsident hat sich mit dem Coronavirus infiziert und arbeitet aus der Quarantäne heraus – das müsste in solchen Fällen eigentlich nicht sein, meint Andreas Gassen. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung fordert eine Aufhebung aller Corona-Isolations- und Quarantänepflichten. „Dadurch würde die Personalnot vielerorts gelindert“, sagte er gerade der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, er betont: „Wir müssen zurück zur Normalität.“
Doch mit seiner Forderung dürfte Gassen nicht weit kommen, denn Karl Lauterbach (SPD) konterte postwendend am Samstag auf Twitter: „Infizierte müssen zu Hause bleiben“. Die Begründung des Bundesgesundheitsministers: „Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen noch mehr, sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko“.
Unternehmen brauchen Planungssicherheit
Lauterbach warnte kürzlich bereits vor einem „katastrophalen Herbst“, wenn nicht die richtigen Maßnahmen getroffen werden – doch wie diese Strategie aussieht, darüber gibt es Streit.
Wer sollte sich wann und mit welchem Impfstoff impfen? Ab wann müssen wieder Masken getragen werden? Wie lange sollte die Quarantäne dauern? Fragen, zu denen bereits jetzt Antworten gefunden werden müssen. Nicht nur, weil die Infektionszahlen steigen – sondern auch, weil Unternehmen Planungssicherheit brauchen.
In vielen Betrieben ist die Situation derzeit angespannt, denn die inzwischen dominierende Omikron-Subvariante BA.5 führt zu Ausfällen durch Krankheit und Quarantäne. Dabei ist die Personaldecke durch die Urlaubszeit ohnehin oft schon ausgedünnt.
116 neue Todesfälle und rund 92.000 neue Coronafälle meldete das Robert Koch-Institut (RKI) am Samstag. Die Inzidenz liegt bei 709, wobei die Dunkelziffer deutlich höher sein dürfte, da sich viele Menschen nach Schätzungen von Experten nicht mehr offiziell testen lassen. In die Statistik fließen aber nur Fälle ein, die per PCR-Test bestätigt wurden.
Die Post sieht eine „dynamische“ Infektionslage
Bei der Deutschen Post etwa gibt es derzeit „eine höhere Zahl von positiven Fällen“, teilt ein Sprecher mit. Die Entwicklung sei „dynamisch“, in manchen Regionen komme es deshalb „vorübergehend auch einmal zu Verzögerungen in den Betriebsabläufen“.
Helios, einer der größten deutschen Krankenhausbetreiber, ist gleich doppelt betroffen: Durch erkranktes Personal und Stationen, die sich füllen. An manchen Standorten würden wieder zunehmende Corona-Infektionen beobachtet, sagt eine Helios-Sprecherin. Oft müssten Beschäftigte auch ihre Kinder in Quarantäne betreuen und würden deshalb ausfallen. Operationen würden aufgrund fehlenden Personals aber nur verschoben, wenn es um „medizinisch nicht dringend notwendige Eingriffe“ gehe.
Nicht nur im Gesundheitsbereich, sondern etwa auch im öffentlichen Nahverkehr seien die coronabedingten Personalausfälle „sehr spürbar“, sagt Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebsärzte. Offizielle Zahlen zur Höhe der Ausfälle gebe es aber mangels Meldepflicht in den Betrieben nicht.
Reisezeit könnte der Welle Auftrieb geben
Wahl-Wachendorf geht aber davon aus, dass sich der coronabedingte Mitarbeitermangel in den nächsten Wochen noch verschärfen könnte. „Es ist gut denkbar das sich die Lage zuspitzt. Festivitäten und Urlaube tragen dazu bei“, sagt sie. Durch Reiserückkehrer und den Schulbeginn könnten die BA.5-Welle Auftrieb bekommen, heißt es auch von einem Expertenteam, der Technischen Universität (TU) Berlin.
Umso mehr drängen die Betriebsärztinnen und -ärzte darauf, Maßnahmen gegen eine mögliche Welle im Herbst vorzubereiten. „Es sollte eine abgestimmte Strategie geben“, fordert Wahl-Wachendorf. Allerdings gehe sie schon jetzt davon aus, dass es „viele Kompromisse“ und unterschiedliche Vorgaben in den Bundesländern geben könnte. Doch ein Flickenteppich an Maßnahmen dürfte für Betriebe mit mehreren Standorten umso herausfordernder sein.
Viele Unternehmen hatten im vergangenen Jahr Impfungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angeboten. Doch dieses Mal dürfte die Unsicherheit größer sein. Denn auch der zweite Booster schützt bisher nicht immer vor einer Infektion.
Biden war beispielsweise bereits vierfach geimpft, der 79-Jährige ist trotzdem krank geworden, hat nach eigenen Angaben aber nur „sehr milde“ Symptome. Zusätzlich hat Biden das Medikament Paxlovid bekommen, das schwere Verläufe verhindern soll.
RKI hat keine eigenen Daten zur vierten Impfung
Das RKI hat bisher keine eigenen Daten dazu, wie gut die vierte Impfung schützt. Die Auswertung würde derzeit noch laufen, teilt eine Sprecherin mit: „Einen Veröffentlichungstermin können wir noch nicht nennen.“
Deutschland ist also mal wieder im Blindflug unterwegs – dabei hatte der Expertenrat der Regierung bereits vor Monaten gefordert, dass Deutschland zu abhängig von Daten anderer Länder sei und selbst eine bessere Datenbasis für die Pandemiebekämpfung brauche.
Im vergangenen Herbst hatte es vor den Impfzentren lange Schlagen gegeben, die hohe Nachfrage nach Boostern war offensichtlich nicht ausreichend vorbereitet worden, Lauterbach orderte Impfstoff nach – der nun allerdings in großen Mengen entsorgt werden musste.
Lauterbach setzt auf „Portfoliostrategie“
Rund vier Millionen Dosen Impfstoffe wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums bereits Ende Juni vernichtet, weil sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hatten, aus Sicht des Ministeriums „eine logische Konsequenz“. Es sei entschieden worden, „eine Portfoliostrategie zu fahren, um den Impfwilligen unterschiedliche Impfstoffe anbieten zu können“, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums kürzlich. Auch die Dosen des angepassten Impfstoffs würden nach dieser Strategie beschafft.
Bei der Impfempfehlung wollen sich die Betriebsärzte an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission (Stiko) halten – doch zwischen dem Vorsitzenden Thomas Mertens und Lauterbach gibt es immer wieder Knatsch über das richtige Vorgehen.
Während Lauterbach die vierte Impfung für alle Deutschen empfiehlt, sieht Mertens dafür keine Grundlage. Die zweite Auffrischimpfung ist nach Stiko-Angaben derzeit für Menschen ab 70 Jahren sinnvoll. Lauterbach verweist hingegen auf den Schutz vor einem schweren Verlauf, auch das Risiko für Long Covid würde minimiert. Was ist nun richtig? Bei den Bürgerinnen und Bürgern herrscht Verunsicherung.
Die unabhängige Stiko und Lauterbach wollen deshalb künftig verlässlicher kommunizieren. Sie haben am Donnerstag beschlossen, eine neue, gemeinsame Pandemie-Arbeitsgruppe einzurichten. Die „Qualität der Impfempfehlung in Deutschland“ solle sich dadurch „verbessern“ – wie gut das gelingt, sollte sich allerdings nicht erst im Herbst zeigen.
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