1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Börse
  4. Gaspreise der Stadtwerke: Warum die Grundversorger jetzt billiger sind als die Discounter

Tarife für PrivathaushalteZeitenwende beim Erdgas: Stadtwerke sind oft deutlich günstiger

Der Gasnotstand stellt den Energiemarkt für Privathaushalte auf den Kopf. Discounter gehen pleite. Stadtwerke sind plötzlich Preisbrecher. Im Schnitt kostet die Kilowattstunde jetzt 16 Cent. Wie konnte es dazu kommen?Martin Gerth 29.07.2022 - 06:00 Uhr

In vielen Haushalten werden im kommenden Winter die Gaszähler wegen der hohen Energiepreise langsamer laufen. 

Foto: imago images

Die Kurve des Gaspreisindex vom Vergleichsportal Verivox geht durch die Decke. Inzwischen kostet einen durchschnittlichen Privathaushalt die Kilowattstunde 16 Cent. In diesem Jahr hat sich der Preis damit fast verdoppelt. Heizen wird zum Luxus. Im kommenden Winter werden in vielen Haushalten die Heizungen nur auf Sparflamme laufen. Großvermieter wie die LEG Immobilien raten ihren Mietern bereits zu Decken und Pullovern. 

Mit der aktuellen Energiepreisrally kommt auch das Tarifhopping, angeheizt durch Verivox, Check24 & Co., weitgehend zum Erliegen. Denn die große Zeit der Strom- und Gasbilligheimer ist vorbei. Mehrere spektakuläre Pleiten und Lieferstopps wie beim Stromanbieter Stromio haben die Kunden verunsichert. Zudem kann sich kaum noch ein Versorger dem allgemeinen Preisauftrieb entziehen. Kampfpreise sind Vergangenheit.  

Wenn Privathaushalte früher auf den einschlägigen Vergleichsplattformen nach Erdgastarifen gesucht haben, lagen meist Discount-Anbieter vorne. Jetzt landen plötzlich immer öfter die Angebote von Stadtwerken unter den günstigsten Tarifen. Beispiel: Für einen Privathaushalt in Düsseldorf mit 1200 Kilowattstunden Verbrauch pro Monat weist die Vergleichsplattform Verivox die Leipziger Stadtwerke mit ihrem Tarif Brilliant als Preissieger aus.  

Podcast – High Voltage

Kriegen jetzt noch mehr Energieversorger Geldprobleme?

von Theresa Rauffmann

Noch bemerkenswerter ist, dass inzwischen viele Stadtwerke auch mit ihren Konditionen in der Grundversorgung teilweise günstiger sind als die Tarife der Energiekonzerne. Stadtwerke sind in ihrer Kommune oder ihrem Landkreis in der Regel Grundversorger. Wer als Gaskunde umzieht und keinen spezifischen Tarif bei einem Energieunternehmen abschließt, landet in der Grundversorgung. Wenn der bisherige Versorger nicht mehr liefern kann und kündigt, erhalten die Privathaushalte für drei Monate zunächst eine Ersatzversorgung. Danach wird bei ihnen auch nach der Grundversorgung abgerechnet, wenn sie nicht in einen anderen Tarif umsatteln oder den Versorger wechseln. 

In Deutschland gibt es rund 700 solcher Grundversorger. Vor Ort am Wohnsitz des Kunden ist das in der Regel der Gaslieferant mit den jeweils meisten Kunden. Das können Stadtwerke, aber auch Energiekonzerne oder andere regionale Anbieter sein. Die Konditionen in der Grundversorgung sind in einem Gasmarkt unter normalen Bedingungen teurer als der Markt. Zwar sind diese Tarife monatlich kündbar, aber der Versorger kann sie auch jederzeit anpassen, sofern er das mindestens sechs Wochen vorher angekündigt hat. Bei Tarifen außerhalb der Grundversorgung binden sich die Kunden dagegen meist über zwölf oder 24 Monate. Dafür erhalten sie im Gegenzug eine Preisgarantie über die Laufzeit des Vertrags. 

Stadtwerke profitieren von Einkaufspolitik

Doch seit dem Beginn des Ukrainekriegs ist auf dem Energiemarkt nichts mehr normal. In einem so volatilen Markt wie derzeit sind Gastarife mit befristeten Preisgarantien extrem teuer. Denn die Versorger müssen hohe Sicherheitspuffer einkalkulieren. "Zusätzliches Erdgas lässt sich nur zu deutlich höheren Kosten beschaffen“, sagt Tobias Federico, Geschäftsführer des Energieanalysehauses Energy Brainpool. Viele Energiekonzerne hätten ihre Neukundenakquise daher eingestellt. 

Jetzt, da alle Versorger ihre Gaspreise massiv erhöhen müssen, sind die Preise in der Grundversorgung wettbewerbsfähig. Das war nicht immer so. Bis zur Energiepreisrally profitierten die Grundversorger vor allem von Kunden, die zu faul waren, zu einem günstigeren Anbieter oder in einen anderen Tarif des selben Versorgers zu wechseln. Preisbewusstere Haushalte wechselten dagegen häufig zu den Discountern.

Das ist jetzt alles Vergangenheit. Wie konnte das passieren? Das hat viel mit der Einkaufspolitik der Stadtwerke und anderer Grundversorger zu tun. Anders als die Discounter haben sie meist langlaufende Lieferverträge für Erdgas abgeschlossen. Bei Vertragsabschluss waren die Gaspreise noch deutlich niedriger als jetzt. Das hilft den Stadtwerken, die Preise niedriger zu halten als im Marktdurchschnitt.

Gasversorgung

Umlage: Habeck rechnet mit „einigen Hundert Euro pro Haushalt“

Allerdings gibt es in der Grundversorgung nach wie vor große Unterschiede zwischen den Tarifen von Neu- und Bestandskunden. Dies stellte die Verbraucherzentrale NRW bei einer Auswertung zum 1. Juni dieses Jahres für das Bundesland Nordrhein-Westfalen fest. Grundlage für die Analyse war ein Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden Gas. Die Verbraucherzentrale hat anhand dieses Musterhaushalts die jeweils zehn günstigsten und teuersten Grundversorger für Strom und Gas ermittelt. 

Besonders groß war die Differenz zwischen Neu- und Bestandskunden bei den teuersten Anbietern in der Grundversorgung mit Erdgas. Die Gemeindewerke Everswinkel beispielsweise verlangten für Neukunden 6064 Euro pro Jahr, während es bei Bestandskunden nur 2056 Euro jährlich waren. Also fast das Dreifache. Bei den zehn günstigsten Anbietern, darunter die Stadtwerke Düsseldorf (1580 Euro) und die Stadtwerke Kleve (1500 Euro), zahlten Neu- und Bestandskunden noch das Gleiche. Allerdings sind das die Konditionen mit Stand 1. Juni. Inzwischen habe viele Grundversorger ihre Preise für Neukunden deutlich erhöht. 

Diese Preisdifferenzen zwischen neuen und alten Kunden sind jedoch umstritten. Derzeit läuft eine Reihe von Gerichtsverfahren, bei denen Kunden von Energieversorgern gegen diese Ungleichbehandlung geklagt haben. Das Landgericht Frankfurt beispielsweise untersagte dem Versorger Mainova, in der Grundversorgung von Neukunden deutlich mehr zu verlangen als von Bestandskunden. Andere Gerichte halten die ungleiche Tarifpolitik für legitim. Ein höchstrichterliches Urteil steht indes noch aus. 

Wer als Gaskunde das Glück hat, bereits in einem günstigen Tarif der Grundversorgung zu sein, kann sich noch eine Weile freuen. Allerdings dürfte der Preisvorteil von begrenzter Dauer sein. Denn auch die Grundversorger müssen immer öfter zu aktuellen Gaspreisen einkaufen. "Lange werden sie die günstigeren Konditionen nicht mehr durchhalten können, denn der Preisdruck ist brutal“, sagt Federico von Energy Brainpool. 
Lesen Sie auch, wie der Tradingchef bei Vattenfall an den Gas-Spotmärkten um niedrige Einkaufspreise ringt.

Das Vergleichsportal Check24 erwartet daher in den kommenden Monaten weitere Preiserhöhungen. "Wenn die bereits vor der Krise beschafften Energiemengen der Energieversorger verbraucht sind, werden sie zu den aktuellen Rekordpreisen an der Börse einkaufen müssen“, sagt Steffen Suttner, Geschäftsführer Energie bei Check24. „Die Jahresrechnung und damit auch die Abschläge könnten dann um das Drei- bis Fünffache steigen.“ Laut Verivox haben örtliche Gas-Grundversorger für August, September und Oktober 120 Preiserhöhungen um durchschnittlich 47 Prozent angekündigt. 

„Geschäftsmodell Tarifwechsel ist tot“

Allerdings haben die Vergleichsportale auch wirtschaftliche Eigeninteressen. Denn sie verdienen daran, dass möglichst viele Strom- und Gaskunden in neue Tarife außerhalb der Grundversorgung wechseln. In der jetzigen Marktlage sieht Brainpool-Chef Federico die Vergleichsportale Verivox, Check24 & Co. unter Druck: „Das Geschäftsmodell Tarifwechsel ist tot." 

Wie viel die Grundversorger beim Gaspreis draufsatteln müssten, hänge auch davon ab, wie großzügig sie bisher zu alten Konditionen eingekauft hätten, sagt Energieexperte Federico. Sei die verfügbare Gasmenge groß genug, um weitere Kunden aufzunehmen, blieben die Preiserhöhungen unter dem Marktdurchschnitt. Wer dagegen jetzt schon zu wenig in der Lieferpipeline habe und teuer zukaufen müsse, werde die Preise eben deutlicher erhöhen. 

Auch die Stadtwerke Düsseldorf müssen diesem Preisdruck nachgeben. Zum 1. August erhöhen sie die Preise für die Grundversorgung mit Erdgas. Bei einem Privathaushalt mit einem Jahresverbrauch von 11.500 Kilowattstunden belaufen sich die Mehrkosten auf 360 Euro pro Jahr, rechnen die Stadtwerke vor. Das entspricht einem Preissprung von plus 37 Prozent. Bei der Auswertung der Verbraucherzentrale NRW für Grundversorgungstarife schnitten die Stadtwerke Düsseldorf sehr gut ab. Das dürfte sich mit der aktuellen Tariferhöhung ändern. 

Lesen Sie auch: Versorger Uniper brauchte Staatshilfe, weil er Gas teuer einkaufen und günstig verkaufen muss. Aus dem gleichen Grund dürften Stadtwerke in Bedrängnis geraten. Die Chefs der bedrohten Stadtwerke setzen auf geheime Notfallpläne – und Stütze aus Berlin.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick