Pro & Contra zur Gas-Debatte: Scholz’ Termin mit der Turbine war ein naiver Fehler!

Die Gas-Turbine des Anstoßes.
Foto: Illustration: WirtschaftsWoche, imago imagesOlaf Scholz' Besuch der Turbine für die Gaspipeline Nordstream 1 mag einem hehren Ziel gedient haben: Bei einem gefühlt(!) großen Teil der Bevölkerung scheint das russisch-schrödersche Märchen von der deutschen Verantwortung für den Gas-Engpass haften zu bleiben. Dem wollte der Kanzler ein kerniges Bild entgegensetzen, samt der Message: „Hier funktioniert doch alles!“
Diese Strategie verkennt erstaunlich naiv, wie das Ringen um die Informationshoheit in der heutigen Zeit funktioniert. Im besten Fall erzielt der Bundeskanzler mit seinem Auftritt in Mülheim an der Ruhr gar keine Auswirkung und hat vielleicht für einen Moment sein neues Image als „kümmernder Kanzler“ gepflegt. Im schlimmsten Fall bedient er allerdings ein System, das nur auf solche Ereignisse wartet, um damit dann noch mehr Schaden anzurichten. Frei nach dem Motto: „Sie werden dich auf ihr Niveau bringen und dich dann mit Erfahrung besiegen.“
Denn wer sich intensiv mit Aussagen, Bildern, Lügen und Verdrehungen des Kremls beschäftigt, der weiß: Wie Benzin befeuern sie eine stetig laufende Maschine. Lancierte Botschaften stoßen darin auf willige Rechtsaußen-, Querfront- und Pro-Russland-Influencer sowie ganze Fake-News-Redaktionen, die damit ihr Geld verdienen. Die also mit der Aufregung bereitwillig ihre eigene Aufmerksamkeits-Ökonomie am Laufen halten. Bereits radikalisierte Follower, Trolle und Wütende tragen geschnürte Ärger-Pakete dann in Foren und Dark-Social-Kanälen weiter. Manchmal landen sie sogar in der Familien-Whatsapp-Gruppe.
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Die einzelnen Informations-Schnipsel erzeugen mit jeder neuen Nachricht Stück für Stück eine in sich geschlossene Erzählung und einen eigenen Kontext. Und das wiederum kann für mediales Interesse sorgen und im sogenannten Mainstream landen. So rattert die Desinformationsmaschine täglich. Dafür sorgt auch eine aufgestachelte Community: mit wütenden Aufrufen, E-Mails an Journalisten und künstlich „eroberten“ Trending-Hashtags, wie aktuell #ichmachnichtmehrmit. Dadurch entstehen gefühlte Mehrheitsmeinungen, wo eigentlich gar keine sind. Deswegen das (!) im ersten Satz dieses Textes.
Mit seiner Bildsprache füttert jetzt auch Scholz unfreiwillig diese Maschine weiter an. Sie hat kein Interesse daran, ob die Turbine tatsächlich funktioniert oder nicht. Sie wird Wege finden, den Auftritt des Kanzlers zu verfälschen, zu instrumentalisieren und ihn entgegen des ursprünglich angedachten Zwecks zu verwenden.
Das geht bereits los: Aus Russland werden plötzlich vertragliche Argumente gegen die Lieferung der Turbine ins Feld geführt. Auf Telegram und Twitter verbreitet sich gleichzeitig Spott über den „lügenden Scholz“, werden Ungereimtheiten bei den Lieferplänen als Beweis für angebliche Lügen der Bundesregierung angebracht. Der Besuch sei Propaganda, der Besuch zeige Verzweiflung, der Besuch sei regelrecht fake. Gleichzeitig verbreitet sich weiterhin stetig das alte Märchen von den Sanktionen als Auslöser für die Probleme. Fazit: Alles beim Alten, wer Russland und Schröder Glauben schenkte, tut es noch immer.
Das alles will nicht sagen, dass der Bundeskanzler aufhören sollte, die Dinge beim Namen zu nennen und zu kommunizieren. Er muss dafür aber eine andere, eine kontinuierliche Sprache und eine kontinuierliche Handlungsweise finden. Scholz muss gegenüber gefühlten Mehrheiten die Ruhe bewahren und darf nicht in ein wildes Hin-und-Her der Bilder eintreten. Er wird damit kaum jemanden überzeugen und kann am Ende nur Glaubwürdigkeit verlieren.
Lesen Sie hier die gegenteilige Meinung WiWo-Chefreporter Daniel Goffart: Scholz' Termin mit der Turbine war genau richtig!
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