Nachhaltigkeit bei Aktien: Die wahren Öko-Aktien kommen aus der Schwerindustrie
Sind Saudi Aramco oder Thyssenkrupp die besseren Ökoinvestments?
Foto: dpa Picture-Alliance , imago imagesAnleger sollen ihr Geld nach dem Willen der Europäischen Union immer stärker nachhaltig und sinnstiftend anlegen. Denn Gas- und Klimakrise lassen sich nur bewältigen, wenn viel Geld in Alternativen investiert wird. Diese sind eher bunt als grün, denn jeder interpretiert Nachhaltigkeit anders. Eine wichtige Rolle spielen inzwischen die Urteile spezieller Agenturen, die die Nachhaltigkeit von Unternehmen oder Anlageprodukten bewerten. Ohne deren Analysen kommt inzwischen kaum ein Großanleger aus.
Deutsche Finanzexperten wollen das Oligopol dieser Nachhaltigkeits-Ratingagenturen aufbrechen. „Wir liefern einen Gegenvorschlag zu den etablierten Nachhaltigkeitsratings von Unternehmen“, sagt Andreas Beck. Der Mathematiker und Unternehmer, der das Institut für Vermögensaufbau sowie die Vermögensverwaltung Index Capital gegründet hat, sah sich immer wieder mit den Widersprüchen bestehender Nachhaltigkeitsratings konfrontiert. Zusammen mit seinem Kollegen Lucas von Reuss, Co-Gründer und Chef des Beratungsunternehmens Quant IP, hat er deshalb ein neues Ratingsystem entwickelt.
Vergleichbarkeit? Fehlanzeige
Das Geschäft mit Gütesiegeln und Ratings für Nachhaltigkeit ist enorm gewachsen und entsprechend unübersichtlich. Eigentlich erwartet man von Ratings vergleichbare Aussagen. Doch die gibt es im Nachhaltigkeitsbereich, in dem sich etwa 15 Ratinganbieter tummeln, nicht. Marktführend ist der US-Anbieter MSCI. An seinen Analysen kommt kaum ein Großanleger vorbei.
Analysen des noch jungen Marktes zeigen: Die Ratingagenturen lassen sich ihre Datenlieferungen gut bezahlen, ihre Ergebnisse aber sind umstritten. Die Ratinganbieter urteilen nach völlig unterschiedlichen Kriterien, teils mit gegensätzlichen Ergebnissen und auf der Grundlage weniger Daten. Die Beurteilung geht oft in verschiedene Richtungen, abhängig davon, welche Schwerpunkte die Ratingagenturen legen. Manche gewichten ökologische Aspekte höher, andere die verantwortliche Unternehmensführung.
Ein gutes Beispiel, um die Vielschichtigkeit der Ratings zu illustrieren, ist Tesla. Bei dem E-Auto-Bauer gehen die Urteile zur Nachhaltigkeit besonders weit auseinander. Marktführer MSCI hat Tesla sehr positiv bewertet, die britische FTSE Group und Standard & Poor's sehen dagegen Schwächen.
Tradition statt grüner Aufsteiger
Echte grüne Börsen-Perlen sind selten. Sektoren wie erneuerbare Energien, Rohstoffrecycling und Abfallentsorgung sind mit Blick auf die Ökobilanz interessant, belegen am Aktienmarkt aber nur eine Nische. Wichtig ist, dass traditionelle Unternehmen Fortschritte bei der Nachhaltigkeit machen, damit Umweltziele erreicht werden können. Auch hier versuchen die Ratingagenturen die Fortschritte zu beurteilen, häufig aber auf Basis eher subjektiver Einschätzungen.
Das Duo Andreas Beck und Lucas von Reuss hat ein alternatives Bewertungsmodell entworfen. Hier soll die Nachhaltigkeitsbewertung „auf Basis einer hochwertigen, international standardisierten und objektiven Datenbasis“ erfolgen, heißt es in der Beschreibung. Damit wollen Beck und von Reuss Greenwashing-Vorwürfen vorbeugen, wie sie im Zuge des allgemeinen Nachhaltigkeitschaos oft erhoben werden.
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Die Herren schauen sich für ihr Rating „grüne Patente“ an. Auf Basis der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen identifizierte die Weltpatentorganisation Patentklassen, die sich auf konkrete technische Lösungen für Umweltprobleme beziehen. Ihre Argumentation: Ohne solche grüne Innovationen sind die Nachhaltigkeitsziele nicht zu schaffen. Über die Auswertung der Patentdatenbanken, lassen sich die führenden Unternehmen beim Umbau der Wirtschaft Richtung Nachhaltigkeit identifizieren. Damit orientiert sich das so genannte ESGI Rating von Beck und von Reuss am Ziel der EU beim nachhaltigen Investieren: die Wirtschaft mit Kapital für den erfolgreichen Umbau Richtung Nachhaltigkeit zu versorgen.
Es gibt international standardisierte und öffentlich einsehbare Patentdatenbanken, die alle Erfindungen sammelt. Rund 200 Unternehmen haben Beck und von Reuss darüber identifiziert, die besonders viele grüne Erfindungen in ihrer Patent-Pipeline haben. Im Jahr 2020 haben diese Unternehmen zusammen rund 6000 Erfindungen entwickelt, die von der UN und der Welt-Patent-Organisation so eingestuft wurden, dass sie zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beitragen können.
Ein aus diesen Unternehmen gebildeter weltweiter Index für börsennotierte Unternehmen, ESGI All World, unterstützt zum Beispiel das Ziel „Klimaschutz“ im Sinne der EU-Taxonomie. Der Grund: Die Unternehmen haben Tausende Erfindungen der Kategorie „Alternative Energieproduktion & Speicherung“ angemeldet.
Die Zusammenstellung ist allerdings überraschend – mancher findet sie vielleicht sogar verstörend. Mit Fondsgesellschaften, die basierend auf diesem Index einen Fonds oder einen ETF auflegen könnten, hätten sie durchaus kontroverse Diskussionen, gibt Beck zu.
Denn grün erscheinen die Unternehmen nicht auf den ersten Blick. Die patentstärksten Unternehmen stammen vor allem aus traditionellen Industriebereichen. So gehört etwa der Stahlriese Thyssenkrupp dazu, der sich gerade beim Thema Wasserstoff einen Namen macht. Auch Ölriesen und Autobauer sind vertreten. Unter den Autoherstellern führen Toyota und Hyundai die Liste bei grünen Erfindungen an. Besonders stark sind auch Siemens, Samsung, LG Innotek und Toshiba. Aus Deutschland hält Bayer eine riesige und weltweit führende Zahl im Bereich grüner Patente, aus Österreich ist Ams-Osram stark.
Abgehängte US-Unternehmen
Auffällig ist, dass US-Unternehmen in einem patentgewichteten Index nicht sonderlich stark vertreten wären. Unter die 50 herausragenden Unternehmen mit grünen Erfindungen schaffen es nur Apple, Intel, General Electric und Corteva (Saatgut, Agrarchemie). In Nachhaltigkeitsindizes, etwa von MSCI, dominieren US-Unternehmen zwar mit teils mehr als 60 Prozent Anteil. Bei den Patenten haben aber japanische, koreanische und europäische Unternehmen die Nase vorn. Sogar der weltgrößte Ölförderer Saudi Aramco schaffte es unter die Top 50, wohl dank vieler Patente im Solarbereich.
Die Suche in der Patentdatenbank hilft auch dem Fondsmanager Klaus Walczak schon seit Jahren dabei, für den Aktienfonds Monega Innovation forschungsstarke Unternehmen zu identifizieren. Der Chef von Ariad Asset Management aus Hamburg hat durch die Analyse von Patentdaten weltweit ein Portfolio aus kleinen bis mittelgroßen Unternehmen zusammengestellt. Die Idee dahinter: Patente schützen das in der Bilanz unsichtbare intellektuelle Kapital des Unternehmens, und Lizenzen daraus bringen zusätzliche Einnahmen.
Patente sind kein Garant für Kursgewinne
Hat ein Unternehmen besonders viele – in Walczaks Augen – werthaltige Patente, und steht der angenommene Wert dieser Patente zum Bilanzwert in einem vernünftigen Verhältnis, kommt die Aktie des Unternehmens in den Fonds. Allerdings: Im Vergleich mit dem Weltaktienindex von MSCI fällt der Fonds zeitweise – aktuell etwa – ab. Kleinere und mittelgroße Unternehmen haben unter den jüngsten Börsenturbulenzen stark gelitten. Patente allein sind also kein Garant für gute Börsenperformance.
Auch Stahl-, Öl- und Autoriesen werden grüne Patente kurzfristig keine Pluspunkte bringen. Erst langfristig könnten sie sich auszahlen. Bei der Beurteilung der Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen sollten Beobachter sie aber nicht völlig außer Acht lassen.
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