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Kroatien wechselt zum EuroWie Banknotendrucker Giesecke das Ende des Kuna verschmerzt

Kroatien schafft 2022 seine Währung zugunsten des Euro ab. Für Gelddrucker Giesecke+Devrient fällt damit ein langjähriger Auftraggeber weg. Neugeschäft sucht das Unternehmen bei den Digitalwährungen – etwa in Ghana.Lars-Thorben Niggehoff 06.09.2022 - 10:45 Uhr

Lebwohl Kuna, herzlich Willkommen Euro: Kroatien führt die Gemeinschaftswerbung ein. Für den Hersteller der Kuna-Banknoten, Giesecke+Devrient, geht ein großer Auftrag verloren.

Foto: dpa Picture-Alliance

Manch einen Kroatienurlauber dürfte dieses Jahr ein wenig Freude überkommen. Nicht etwa, weil der Staat an der Adria sich in den vergangenen Jahren vom Geheimtipp zur Destination für Massentourosmus gewandelt hat, spätestens, seitdem das Fantasy-Spektakel „Game of Thrones“ teilweise im malerischen Dubrovnik gedreht wurde. Sondern weil am Ende dieses Jahres eine Konstante eines jeden Kroatientrips verschwindet: der Kuna. Die Währung, deren Name auf Kroatisch „Marder“ bedeutet, ist ab dem 1. Januar Geschichte, dann zahlen auch die Kroaten mit Euro, der Urlaub wird bequemer.

Wehmut darüber empfinden sie aber wohl in der Prinzregentenstraße in München. Dort hat Giesecke+Devrient (G+D) seinen Sitz. Das Unternehmen selbst bezeichnet sich als Sicherheitstechnologiekonzern. Vereinfacht könnte man G+D auch einfach einen „Gelddrucker“ nennen. Die 1852 gegründete Firma stellt Banknoten her, für Auftraggeber auf der ganzen Welt. Einer von ihnen war über viele Jahre Kroatien. Damit ist es nun bald vorbei. Was bedeutet das für ein Unternehmen wie G+D, wenn ein Land beschließt, dass es seine Währung umstellt und damit ein großer Kunde auf einmal wegfällt? Wie kann es auf solche Entwicklungen reagieren, die ja nur ein Teil des Geldmarktes sind, der sich dank digitaler Bezahlmethoden, Kryptowährung und E-Bargeld sowieso gerade verändert wie selten zuvor?

In einem Wort: entspannt. Diesen Eindruck versucht zumindest Ralf Wintergerst zu erwecken. Er ist Geschäftsführer von G+D. Wintergerst, das Haar so weiß wie das Hemd, ist ein sportlicher Typ, ehemaliger Karateeuropameister. „Natürlich sehen wir das Ende des Kuna mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt er. G+D habe an allen Stufen der Kuna-Entwicklung mitgearbeitet, nicht nur bei der Produktion, auch beim Design und bei den Sicherheitsmerkmalen, viel Herzblut floss in das Projekt. „Aber solche Umstellungen gibt es bei uns kontinuierlich“, relativiert er. Wirklich dramatisch für das Geschäft sei das Ende des Kuna nicht.

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Vor 166 Jahren bekam G+D den ersten Auftrag zum Drucken von Banknoten, das Königreich Bayern gab die Produktion seiner 10-Taler-Note in die Hände des Unternehmens. Heute produziert G+D weltweit Banknoten für verschiedene Zentralbanken, von Europa bis Südostasien. Welche Länder zu den Kunden zählen, dazu hält sich die Firma bedeckt, Vertraulichkeit wird in der überschaubaren Branche der Gelddrucker groß geschrieben. „Es gibt nur wenige Anbieter, die neben den Staatsdruckern existieren“, sagt Wintergerst. Zu speziell und anspruchsvoll sei das Feld.

Weltweit werden die meisten Banknoten nach wie vor von Staatsdruckereien geliefert. Aber private Anbieter wie G+D spielen durchaus eine Rolle, gerade für kleinere Länder, die sich die Eigenproduktion des Spezialprodukts Geldschein nicht leisten können. Und auch große Staaten wie Indien greifen ergänzend zu ihren eigenen Druckereien auf die Dienste privater zurück. „Indien hat einen solchen Bargeldbedarf, das kann der Staat nicht allein leisten“, erklärt der G+D-Chef.

Fünfeinhalb bis sechs Milliarden Banknoten produziert G+D pro Jahr. Dazu komme der Verkauf des Basissubstrates, erklärt Wintergerst. Das ist das Banknotenpapier, das aus Baumwollfasern produziert wird. Wie fast sämtliche Produktionsschritte hat G+D auch diesen in den eigenen Händen gehalten. Da fällt der Wegfall einer einzelnen Währung nicht unglaublich ins Gewicht.

Das bedeutet aber nicht, dass die Bayern sich nicht breiter aufstellen, nur auf das Bargeschäft wollen sie sich auch nicht verlassen. G+D stellt Bezahlkarten und die darin integrierten Chips her, wickelt auch Transaktionen ab und bietet digitale Wallets an. Außerdem stellen sie die Technologie für die Echtheitsprüfung von Geldscheinen her, unter anderem die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve zählt hier zu den Kunden. „Der klassische Banknotendruck macht vielleicht noch zehn Prozent unseres Umsatzes aus“, sagt Wintergerst.

Das ist angesichts der schwindenden Bedeutung klassischen Bargeldes wohl nicht unvernünftig. Laut einer Konsumentenbefragung der Statistikplattform Statista gaben dieses Jahr nur noch 72 Prozent der Befragten in Deutschland an, im vergangenen Jahr Bargeld verwendet zu haben. Zwei Jahre zuvor waren es noch 84 Prozent. Die Europäische Zentralbank kommt für den Euroraum zu ähnlichen Ergebnissen, auch wenn sie betont, dass Bargeld das beliebteste Zahlungsmittel bleibt, zumindest bei kleineren Transaktionen.

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Und Wintergerst hat bereits das nächste Geschäftsfeld ins Auge gefasst: das digitale Bargeld. G+D hat dafür ein eigenes Tochterunternehmen gegründet, G+D Filia. Für Wintergerst folgerichtig: „Wir digitalisieren hier unser eigenes Produkt.“ Das Thema hat durch die Überlegungen der Europäischen Zentralbank zum Digitalen Euro an Tempo gewonnen. Wobei G+D sich da zunächst nicht einmischt. Potenzial sehe man eher in kleineren Ländern, wo die Einführung nicht so komplex sei.
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Weltweit beschäftigen sich Zentralbanken aktuell mit dem Thema. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich fragt regelmäßig ab, wie viele von ihnen das Feld auf dem Schirm haben: Waren es 2017 noch 64 Prozent, so waren es 2020 schon 86 Prozent. Allerdings zeigt sich in derselben Befragung, dass die meisten dieser Projekte eher langfristig angelegt sind.

Aktuell testet das Unternehmen seine Technologie in der ghanaischen Hauptstadt Accra aus. In Kooperation mit der dortigen Zentralbank können erste Nutzer nun mit dem e-Cedi bezahlen. Dort sind sie ganz begeistert: „Die digitale Zentralbankwährung bietet eine großartige Gelegenheit, einen robusten, integrativen, wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Finanzsektor unter der Leitung der Zentralbank aufzubauen“, sagt Ernest K.Y. Addison, Gouverneur der Bank of Ghana, angesichts des Projektstartes.

Wobei das Projekt in Ghana längst nicht das fortgeschrittenste auf der Welt ist. Die Denkfabrik Atlantic Council betreibt einen Central Bank Digital Currency Tracker, der den Status diverser Projekte auf der ganzen Welt im Blick behält. Das Vorhaben in Ghana sortieren die Amerikaner unter „Forschung“ ein, der vierthöchsten Stufe ihres Modells, hinter „in Entwicklung“ „Pilotprojekt“ und „abgeschlossen“. Weltweit fallen laut Atlantic Council vier Währungsräume in letztere Kategorie: der Bahama-Dollar, der Jamaika-Dollar, der ostkaribische Dollar und der Naira in Nigeria.

Wintergerst hofft, dass aus dem Test ein erster Großauftrag für ganz Ghana erfolgt. Wenn das gelingt, wäre G+D auch gut aufgestellt, wenn es um die Einführung von Digitalwährungen in größeren Währungsräumen geht. „Bis Ende der Dekade wird das Thema viel relevanter sein“, ist er sich sicher.

Liegt die Zukunft von Giesecke+Devrient also statt in Zagreb in Accra? Ganz so krass soll die Transformation dann doch nicht werden. Grundsätzlich würde G+D nämlich auch in Zukunft die Geldscheine für Kroatien drucken, dann eben die Euroscheine. Das macht das Unternehmen bereits für andere Staaten der Eurozone. „Die dafür notwendige Vorarbeit haben wir also schon“, sagt Wintergerst. Nun warte man gespannt auf die Entscheidung der kroatischen Zentralbank.

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