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AllianzVersicherer pfeifen auf Kritik von Umweltschützern

Angesichts der Gas-Krise rücken Klimaziele in den Hintergrund. Nur ein Rückversicherer verschärft den eigenen Anspruch.Karin Finkenzeller 16.10.2022 - 10:34 Uhr

Die Richtlinien des Allianz-Konzerns klingen auf den ersten Blick ambitioniert.

Foto: imago images

Kritik an ihren Klimaschutz-Zielen hörten Versicherer in den vergangenen Jahren sehr ungern. Rügen einflussreicher Organisationen wie „Mehr Klimaschutz dringend gesucht“ oder auch „Europas größter Versicherungskonzern verpasst den fossilen Ausstieg“ lasen sich nicht nur wie Jahreszeugnisse der Klassenletzten. Sie legten anscheinend auch einen eklatanten Mangel an gesellschaftlicher Verantwortung bloß.

Weil Umwelt und Klima schädigende Tätigkeiten wie Kohleabbau oder die Ausbeutung von Öl- und Gasfeldern nur möglich sind, wenn Versicherer einige der großen Risiken abdecken, schien ihnen – neben Investoren – eine besonders wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel zuzukommen. Namhafte Branchengrößen steckten sich deshalb CO2-Ziele und fixierten klug formulierte Öl- und Gas-Richtlinien. Mit dem Krieg in der Ukraine und der Gas-Krise in seiner Folge nimmt der Ehrgeiz jedoch spürbar ab. Nur ein Rückversicherer hat seine Vorgaben trotz der aktuellen Lage sogar noch verschärft.

Auf den ersten Blick klingen die Richtlinien des Allianz-Konzerns ausgesprochen ambitioniert. Das passt: Der Branchenprimus in Europa hat stets auch den Anspruch kommuniziert, beim Klimaschutz Maßstäbe zu setzen. Bereits ab Januar 2023, also in wenigen Wochen, sollen neue Öl- und Gasfelder nicht mehr versichert werden. Das Unternehmen will auch keine Versichertengelder in solche Projekte investieren. Schon in der Fußnote geht das Unternehmen aber zwei Schritte zurück: Der Nachhaltigkeitsrat der Allianz kann Ausnahmen von dieser Regel genehmigen, und zwar immer dann, wenn die sichere Energieversorgung auf dem Spiel steht und eine Regierung deshalb die Entwicklung eines neuen Gasfelds beschließt.

„Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage muss die zuverlässige Energieversorgung von Haushalten und Unternehmen kurzfristig neu priorisiert werden,“ so Günther Thallinger, im Vorstand der Allianz für Investment Management und Sustainability zuständig. Gerade in der derzeitigen Diskussion, wie Deutschland sich am besten aus der Abhängigkeit seiner Gasversorgung von ausländischen Lieferanten lösen kann, kann so eine Ausnahme schnell zur Regel werden.

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Fracking-Aktivitäten hatte die Allianz ohnehin nie ausgeschlossen und bereits bisher bedeutend aktiver begleitet als etwa die Nummer 2 in Europa. Der französische AXA-Konzern unter Führung des Deutschen Thomas Buberl investiert neuerdings weder in Firmen noch versichert er sie, wenn mehr als 30 Prozent der Produktion aus Fracking stammen. Sollte sich aber in Deutschland eine politische Mehrheit finden für die Idee, auch hier zu Lande in Schiefer- oder Ton-Böden eingeschlossenes Gas mit viel Druck und einem Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien quasi herauszubrechen, dann würde keine Richtlinie die Allianz an einer Mitwirkung hindern. Auch Gas-Pipelines und die Errichtung von Terminals, an denen mit Flüssiggas betankte Schiffe anlanden können, werden versichert.

Das kritisieren Umweltschützer trotz der derzeitigen Gas-Mangellage. „Bei mir wiegt aus Klima-Überlegungen die Sorge vor Gas-Lock-Ins vor,“ sagt etwa Regine Richter, Klima-Kampaignerin bei der regierungsunabhängigen Organisation Urgewald. Durch den Bau von LNG-Terminals entstehe Druck, diese dann möglichst lange zu nutzen. Sie ist auch dem Argument gegenüber skeptisch, dass diese später für Wasserstoff umgenutzt werden könnten. Zumindest mit Hilfe erneuerbarer Energien gewonnener so genannter grüner Wasserstoff werde nicht in dem Maße zur Verfügung stehen, wie jetzt Gasinfrastruktur gebaut werden, glaubt sie. Die Erschließung neuer Gasfelder könne wiederum die Energieprobleme der nächsten Jahre nicht lösen, da dies sehr viel Zeit in Anspruch nehme. „Deshalb ist es eine vertane Chance, wenn deren Erschließung mit massiven öffentlichen Mitteln und seitens Versicherern gefördert werden, statt auf langfristige Lösungen zu setzen.“ Solche Lösungen könnten laut Richter Energieeinsparung und die Förderung erneuerbarer Quellen sein.

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Für die meisten Versicherer und Rückversicherer ist nun aber erst einmal Druck aus dem Kessel, mehr als das unbedingt notwendige zu tun. Der Talanx-Konzern, zu dem der Industrieversicherer HDI Global gehört, will ab dem Jahr 2038 keine Geschäftsmodelle mehr versichern, die auf Kohle oder Ölsanden beruhen. Da ist der Rückversicherer im Haus, Hannover Rück, bereits ein Stück weiter. Kunststück, mögen manche sagen, das Geschäft mit Öl und Gas sei dort auch vernachlässigbar. Seit Mitte des Jahres gilt der Ausschluss für die Exploration und Erschließung neuer Öl- und Gasreserven sowie dem Transport und der Verwahrung.

„Die sich wandelnde geopolitische Lage ändert nichts an der langfristigen Verpflichtung von SCOR,“ lässt der französische Rückversicherer auf Anfrage wissen. Besonders ehrgeizig waren auch die Ziele der Nummer 4 in Europa nie. Im vergangenen Mai verkündete CEO Laurent Rousseau lediglich, man werde keine Risiken für neue Öl-Projekt mehr zeichnen.

In der Schweiz macht man sich die Entscheidung nicht leicht. Einerseits will Swiss Re keine neuen Öl- und Gasfeldprojekte mehr rückversichern oder direkt in diese investieren, die nach dem 31. Dezember dieses Jahres von ihren Muttergesellschaften grünes Licht erhalten. Ausnahmen sollten allerdings für Projekte von Unternehmen gelten, die bis 2050 Netto-Null-Emissionen anstreben.

„Statt einzelne Technologien auszuschließen, verfolgen wir den Ansatz der Lebenszyklusemissionen“, so eine Sprecherin. Swiss Re beziehe jedes Jahr den Datensatz eines unabhängigen Energieberatungsunternehmens, welches für jedes produzierende Öl- und Gasfeld die Lebenszyklus-Emissionen berechne.

Abgesehen von der Kritik an ihren mehr oder weniger ambitionierten Zielen, spüren es Versicherer und Rückversicherer in der eigenen Kasse, wenn der Klimawandel in Form von Hitze, Überschwemmungen oder Stürmen die Versicherungsschäden in die Höhe treibt. Bereits 1973 warnte der weltgrößte Rückversicherer Munich Re in der Publikation „Hochwasser, Überschwemmungen“ vor dem Klimawandel und seinen Folgen. Seit beinahe 50 Jahren erforschen Naturwissenschaftlerinnen und Versicherungsexperten nun Naturkatastrophen. Das dürfte mit ein Grund sein, die eigenen Warnungen trotz der aktuellen Lage nicht in den Wind zu schlagen. War Munich Re beim Bau von der Pipeline Nordstream 1 vor mehr als einem Jahrzehnt noch begeisterter Förderer von Gas-Aktivitäten, verschärfte der Konzern Anfang Oktober seine Öl- und Gas-Richtlinien.

Neue Gas-Felder will er vom 1. April 2023 an weder versichern noch dort investieren. „Die Guideline gilt unabhängig von der Fördertechnologie“, betonte ein Sprecher auf Anfrage. Auch Fracking sei ausgeschlossen. Stichtag für die Definition „neu“ sei der 31. Dezember 2022. Bis dahin dürfe keine Förderung erfolgt sein. Forderungen, das Fracking-Verbot aufzuheben, setzt MunichRe ebenfalls den Klimaschutz entgegen. Man verstehe sich als „Treiber der Energiewende“.

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