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ParteikongressXis konfliktfreudiges China

Chinas 20. Parteikongress hat für viel Aufsehen gesorgt. Viel Neues hat er dennoch nicht hervorgebracht, sondern vor allem vorhandene Tendenzen gestärkt. Die geben indes Anlass zur Besorgnis.Stephen Roach 25.10.2022 - 19:23 Uhr

Xi Jinping, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), spricht vor Journalisten in der Großen Halle des Volkes. Xi stellt zu Beginn seiner dritten Amtszeit die neuen Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros vor.

Foto: dpa

Chinas 20. Parteikongress ist schon wieder vorbei. Trotz allen Tamtams und Medienhypes war er eine hohle Veranstaltung. Er hat kaum etwas gezeigt, was wir nicht bereits wussten über China – eine Autokratie mit grandiosem Ehrgeiz und dazu passendem ideologischen Getöse, die jedoch auf eine unsichere, vor überwiegend selbstverschuldeten Risiken strotzende Zukunft beklagenswert schlecht vorbereitet ist. Dies wird deutlich, wenn man die Ergebnisse des Kongresses aus drei Blickwinkeln betrachtet: Führung, Strategie und Konflikt. Die Vorstellung der Führungsmannschaft des sogenannten ersten Plenums – der förmlichen Sitzung des neu „gewählten“, 205 Mitglieder umfassenden Zentralkomitees der Partei, die unmittelbar auf den Abschluss des Nationalkongresses folgt – stand völlig im Einklang mit der Machtkonsolidierung, die im Gange ist, seit Xi Jinping vor zehn Jahren erstmals zum Generalsekretär ernannt wurde. Die Bestätigung von Xis dritter fünfjähriger Amtszeit als Vorsitzender der Kommunistischen Partei China (KPCh) stand nie in Zweifel, und Gleiches gilt für seine Auswahl von Loyalisten, mit denen er sich an der Spitze – im sieben Mitglieder starken Ständigen Ausschusses des Politbüros – umgeben hat.

Es wird unzweifelhaft ein gewisses Gerangel um Positionen geben wie die des Ministerpräsidenten und der Vorsitzenden der beiden Legislativorgane – dem Nationalen Volkskongress und der Politischen Konsultationskonferenz des chinesischen Volkes. Doch was dabei herauskommt, ist kaum von Belang. In Xis China wurden diese Positionen, die einst eine zentrale Rolle innerhalb des von Deng Xiaoping nach Mao Zedongs Tod klugerweise eingerichteten Modells der Konsensherrschaft spielten, marginalisiert.

Ende des Parteitages der KP

Chinas neues Führungsteam entsetzt die Wirtschaft

von Jörn Petring

Seltsamerweise scheint Xi eine Vorliebe für Ministerpräsidenten mit dem Familiennamen Li zu hegen. Li Qiang, derzeit Parteichef von Shanghai und weithin bekanntes Gesicht von Chinas drakonischen Null-COVID-Lockdowns, ist der klare Favorit für die Nachfolge des scheidenden Amtsinhabers Li Keqiang.

Erwähnenswert ist noch Wang Huning, das einzig andere auffällige Mitglied der neuen Führungsriege. Abgesehen von Xi ist er eines von nur zwei verbliebenen Mitgliedern des vorherigen Ständigen Ausschusses, und er scheint gesetzt für einen der zeremoniellen Vorsitze der Legislativorgane.

Doch reicht die Bedeutung von Wangs Rolle weit hierüber hinaus. Nicht nur ist Wang Xis ideologisches Alter Ego und verantwortlich für die Formulierung von Xis bekanntem „Chinesischen Traum“ und dem „Gedankengut Xi Jinpings“; er ist auch ein prominenter Vertreter der Ansicht, dass sich die USA im Niedergang befinden. Wangs 1991 erschienenes Buch America Against America, das er nach einem dreimonatigen Aufenthalt in den USA verfasste, malt ein düsteres Bild eines Landes, das von zunehmenden sozialen und politischen Turbulenzen heimgesucht und reif für eine Krise ist.

Als diese Krise – die von den USA ausgehende globale Finanzkrise der Jahre 2008-2009 – dann eintrat, setzte sich Wangs Sicht innerhalb der Führungskreise der KPCh durch und führte Xi zu dem Schluss, dass ein im Aufstieg begriffenes China gut aufgestellt sei, ein Amerika, dessen Kräfte schwinden, herauszufordern. Wangs Beförderung heizt den US-chinesischen Konflikt in Besorgnis erregender Weise an – ein Punkt, auf den ich in meinem neuen Buch Accidental Conflict hinweise.

Was die Strategie angeht, so ist die wichtigste Botschaft des 20. Parteikongresses, dass China den Kurs der vergangenen fünf Jahre beibehalten wird. Das bedeutet Eines: Die nationale Sicherheit hat Vorrang vor dem Wirtschaftswachstum.

So benehmen Sie sich in China richtig
Der Händedruck sollte nicht zu kräftig, sondern locker bis weich sein. Nicht die Dame wird zuerst begrüßt, sondern der Ranghöchste.Wenn Sie Leute vorstellen: Niemals mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen – das gilt als extrem unhöflich! Besser ist es, die ganze Handfläche zu benutzen.
Reis wird immer zuletzt gereicht. Zum Essen wird die Schale dicht an den Mund geführt, der Reis mit Stäbchen geschaufelt. Nie mit den Essstäbchen gegen die Schale tippen – dies wird mit dem in Ostasien traditionellen Zeichen der Bettler assoziiert. Absolut tabu ist es auch, die Stäbchen in den Reis zu stecken. Dies findet nur bei Trauerzeremonien statt.Nudeln werden ebenfalls mit Stäbchen zum Mund geführt und schlürfend eingesaugt. Schlürfgeräusche sind durchaus erwünscht, als Zeichen dafür, dass es einem schmeckt.
Chinesen werden bei einer Einladung aus Höflichkeit zurückhaltend essen. Sie wollen wiederholt zum Essen aufgefordert werden.
Meist werden Schnaps, Bier oder Wein zum Essen gereicht und die Gläser randvoll gegossen. Das Personal schenkt immer neu nach – ansonsten der Mann der Frau und der Ranghöhere dem Rangniederen.Bei der Aufforderung „Ganbei“ („Das Glas trocknen“) trinken alle ihr Glas in einem Zug aus. Dazu erhebt sich die Runde.
Gastgeschenke werden erwartet. Diese sollten generell qualitativ hochwertig sein und dürfen auch einen Bezug zum Herkunftsland haben, etwa hochwertige Bildbände, Bierkrüge, Porzellanteller. Auch lokale Alkoholspezialitäten sind gerne gesehen, zudem Obstkörbe (beliebt sind etwa Orangen und Äpfel, die für Glück und Sicherheit stehen) Es gibt allerdings auch einige Dinge, auf die als Geschenk unbedingt verzichtet werden sollte. Dazu gehören etwa Uhren (symbolisieren die ablaufende Lebenszeit), Taschentücher (Symbol für einen endgültigen Abschied), Schnittblumen (typisches Mitbringsel zur Beerdigung, insbesondere, wenn weiße Blüten eingebunden sind) oder Regenschirme (das chinesische Wort für „Regenschirm“ (伞 sǎn) klingt wie das Wort für „Aufbrechen“ (散 sàn)).
Sie sollten auf Geschäftsreise möglichst nicht in einem Hotel mittlerer Kategorie absteigen. Status und Prestige sind in China extrem wichtig. Chinesen fragen beim ersten Meeting gerne, in welchem Hotel man wohnt.
Formale Kleidung – dunkler Anzug und Krawatte – sind im Geschäftsalltag ein Muss. Wer Jeans und Krawatte trägt, wird nicht ernst genommen. Ebenso sind schrille Farben tabu. Für Frauen gelten in China inzwischen westliche Konventionen: Standard ist der dunkle Hosenanzug.
Direkte und offene Kritik ist in China tabu. Jemand unverhohlen zu korrigieren, ihm gar deutlich zu widersprechen, ist eine Beleidigung und führt zum Gesichtsverlust, die die Geschäftsbeziehung nachhaltig belasten, sogar zerstören kann.
Beim Kennenlernen sind persönliche Fragen nach Familienstand, Kindern, sogar nach Höhe des Gehalts üblich. Nicht ausweichend antworten! Wer zudem über die Bundesliga Bescheid weiß, genießt hohes Ansehen: Europäischer Fußball ist bei Chinesen beliebt. Tabu sind die Themenbereiche Politik, Missstände, Umweltverschmutzung und Menschenrechte.
Am Beginn steht ein ausgedehntes Essen, während dem Gespräche über Geschäftliches tabu sind. Das entscheidende Thema kommt zum Schluss. Sollte es mal haken, auf keinen Fall aus der Haut fahren! Das bedeutet Gesichtsverlust. Besser freundlich bleiben und beteuern, dass man am Abschluss interessiert sei. Oft kommt dann nach wenigen Tagen ein Anruf, der Entgegenkommen zeigt.
Ähnlich wie bei uns in Deutschland die Zahl 13, gibt es auch in China Zahlen, die den Ruf genießen Unglück zu bringen. So kann die Zahl 4 auf Chinesisch auch „Tod“ bedeuten. So sollte man bei offiziellen Veranstaltungen unbedingt darauf achten, dass in der Anzahl der Gäste keine 4 vorkommt. Ebenso gilt, an wichtigen Tagen (etwa einer Vertragsunterschrift) darauf zu achten, dass das Datum keine 4 aufweist.
Immer viele mitnehmen, stets parat haben und stehend mit beiden Händen überreichen und genauso annehmen. Karte noch einen Moment respektvoll betrachten und dann in ein hochwertiges Etui stecken. Auf gar keinen Fall sollten Visitenkarten beiläufig angenommen und in die Hosentasche gesteckt werden, dies gilt als respektlos. Gerne gesehen sind zweisprachige Visitenkarten, die auf einer Seite auf Chinesisch, auf der anderen Seite auf Englisch bedruckt sind.

Während der Kongress betonte, dass die Modernisierung „die zentrale Aufgabe der Partei bleibt“, ist diese Aussage praktisch bedeutungslos. Die KPCh hat sich verloren in endloser Lobhudelei über Xi als zentralem Führer Chinas, die ideologischen Tugenden des Gedankenguts Xi Jinpings und die allumfassende Notwendigkeit „eines holistischen Ansatzes in Bezug auf die nationale Sicherheit und der Förderung der nationalen Sicherheit in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Arbeit von Partei und Land“. Anders ausgedrückt: Modernisierung und Wachstum sind eine feine Sache, aber nur zu Xis Bedingungen.

Wie also sehen diese Bedingungen aus? Einen wichtigen Hinweis liefert die Betonung des Kongresses einer anderen zentralen Initiative Xis, der Kampagne „Gemeinsamer Wohlstand“, die eine Vielzahl von Maßnahmen zur Abmilderung der bestehenden Vermögens- und Einkommensunterschiede umfasst. Die Kampagne war zudem mit der Regulierungsattacke des Jahres 2021 gegen den privaten Sektor verknüpft, insbesondere gegen die früher einmal dynamischen Internetplattformen, die inzwischen durch die Ausmerzung mit dem Online-Glücksspiel, dem Live-Streamen von Musik und privatem Nachhilfeunterricht verbundener „schlechter Gewohnheiten“ weitgehend dezimiert wurden.

Während Pekings anschließende PR-Bemühungen ein Versuch waren, dieses harte regulatorische Durchgreifen schönzureden, wurden die Unternehmen, die Ziel dieser Maßnahmen waren, an den Aktienmärkten zerschmettert, und Gleiches gilt für die Dynamik und das Potenzial inländischer Innovation, das ihr spektakulären Wachstum einst versprach. Das Ergebnis des 20. Parteikongresses unterstreicht eine wichtige Unterscheidung zwischen wirtschaftlichem Wachstum „mit chinesischen Merkmalen“, wie es lange bezeichnet wurde, und einer völlig anderen Spielform der Entwicklung mit Xi-Jinping-Merkmalen. Letzteres hat der chinesische Dynamik, die viele (darunter auch ich) so lange betont haben, einen Dämpfer versetzt.

Parteikongress in China

Xi Jinpings Machtdemonstration

von Jörn Petring

Die vielleicht bemerkenswertesten Implikationen des Kongresses betreffen Konflikte. Der Kongress betonte die „beispiellose Komplexität“, „gravierende Lage“ und „Schwierigkeiten“, denen sich China im In- und Ausland gegenüber sieht. Obwohl das nicht gerade ein welterschütterndes Eingeständnis ist, offenbart es Xis Bereitschaft, das Wachstumsopfer als den hohen Preis nationaler Sicherheit zu akzeptieren.

Das opake ideologische Dogma des Kongresses lässt nur erahnen, was man von China in Bezug auf diese Herausforderungen erwarten kann. Mehr als deutlich wurde dies jedoch bei Xis Rede im Juli 2021 anlässlich des 100. Jahrestags der Gründung der KPCh. „Wir werden es nie einer ausländischen Macht gestatten, uns zu schikanieren, zu unterdrücken oder zu unterwerfen“, äußerte er damals. „Jeder, der das versucht, wird sich auf Kollisionskurs mit einer großen, von über 1,4 Milliarden Chinesen geschmiedeten Mauer aus Stahl wiederfinden.“

Angesichts dieser Warnung und der Herausforderungen, die Xi auf dem 20. Parteikongress betonte, nimmt die von Wang befürwortete Kollision mit den USA eine neue Bedeutung an. Der Konflikt betrifft nicht nur Taiwan, Spannungen im Südchinesischen Meer und den westlichen Druck in Bezug auf die Menschenrechtsverstöße in Xinjiang. An seiner Wurzel geht es um die Containment-Strategie, die die USA gegenüber China verfolgt haben – eine Strategie, die die Regierung von Präsident Joe Biden vor kurzem mit neuen Exportsanktionen, die Chinas fortschrittliche Technologien ins Visier nehmen, noch forciert hat. Es geht auch um Chinas „unbegrenzte Partnerschaft“ mit Russland und das Risiko, für Wladimir Putins skrupellosen Krieg gegen die Ukraine in Sippenhaft genommen zu werden.

Wie Xi auf dem Kongress betonte, sind dies offensichtlich komplexe Herausforderungen. Doch bei den Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der KPCh ließ er kaum Zweifel daran, was diese Herausforderungen ankündigen könnten: „Den Mut zum Kampf zu haben und innere Kraft, zu siegen, ist, was unsere Partei unbesiegbar gemacht hat.“ Ein modernisiertes und vergrößertes Militär verleiht dieser Drohung Nachdruck und unterstreicht die Gefahren, die von Xis konfliktfreudigem China ausgehen.

Copyright: Project Syndicate, 2022.

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