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COP27Klimakiller Deglobalisierung

Klimaschutz kann nur international gelingen. Staaten, die sich abschotten, berauben die Welt um Optionen zur CO2-Einsparung. Die internationale Gemeinschaft sollte einen Pakt im Stil der Genfer Konvention aushandeln, um Handel zu ermöglichen: mit Nahrung, Energie, Medikamenten und Gütern, die für Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel existenziell sind.Raghuram G. Rajan 22.11.2022 - 12:08 Uhr
Foto: imago images

Die Beratungen auf der gerade beendeten Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP27) legen nahe, dass die Politik zwar die Dringlichkeit der Bekämpfung des Klimawandels erkannt hat, eine umfassende gemeinsame Vereinbarung zu seiner Bewältigung jedoch unwahrscheinlich ist. Dennoch besteht immer noch eine Möglichkeit für die Welt, die Chancen auf wirksamere Maßnahmen in Zukunft zu verbessern: Nämlich indem man die Deglobalisierung bremst. Andernfalls reduzieren sich die Möglichkeiten für Klimaschutzmaßnahmen aufgrund rückläufiger grenzüberschreitender Handels- und Investitionsströme sowie der damit einhergehenden Entstehung zunehmend isolierter regionaler Handelsblöcke.

Beschleunigt wird die Deglobalisierung durch eine Kombination aus altmodischem Protektionismus, neumodischem „Friend-Shoring“ (Beschränkung des Handels auf Länder mit gemeinsamen Werten) und geostrategisch motivierten Verboten und Sanktionen. Um zu erkennen, warum dieser Trend den weltweiten Reaktionen auf den Klimawandel zuwiderläuft, gilt es, sich die drei Kategorien von Klimaschutzmaßnahmen vor Augen zu führen: Abmilderung (Emissionssenkung), Anpassung und Migration in Richtung günstigerer Lebensbedingungen.

Hier kommt es auf die Reihenfolge an, denn die Herausforderungen, die es in jeder Kategorie zu bewältigen gilt, wachsen, wenn in der vorangegangenen Kategorie weniger Maßnahmen ergriffen werden. Tun wir zu wenig im Bereich Abmilderung, brauchen wir mehr Anpassung, und kommt es in diesem Bereich zu Versäumnissen, wird die Zahl der Menschen ansteigen, die aus ihren zunehmend unbewohnbaren Heimatländern fliehen.

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Tauschgeschäfte zur Senkung von Emissionen

Zur Bewältigung dieser Herausforderungen sind neue internationale Vereinbarungen erforderlich. Doch zunehmende geopolitische Rivalitäten erschweren Vereinbarungen zur Abmilderung des Klimawandels. Wie sollen sich China und die Vereinigten Staaten auf sinnvolle Emissionssenkungen einigen, wenn beide vermuten, dass die oberste Priorität des jeweils anderen darin besteht, sich einen wirtschaftlichen und damit strategischen Vorteil zu sichern?

In einer wirtschaftlich nicht fragmentierten Welt sind Vereinbarungen leichter zu erreichen und durchzusetzen. Bleiben bilateraler Handel und Investitionen aufrecht, hätten sowohl China als auch die USA mehr Gründe und Gelegenheiten, miteinander zu sprechen und es gäbe mehr Möglichkeiten für Tauschgeschäfte – etwa ein Technologietransfer hier für eine Verpflichtung zur Senkung der Emissionen dort. Wechselseitige Offenheit, darunter auch Freizügigkeit für Geschäftsleute, Touristen und offizielle Vertreter, würde auch die Überwachung von Klimamaßnahmen erleichtern, während die weitere Isolierung nur noch mehr Misstrauen, Fehlinformationen und gegenseitiges Unverständnis mit sich brächte.

Isolation bremst Innovation

Die Deglobalisierung behindert auch Produktion, Investitionen und Innovationen, die notwendig sind, um CO2-intensive Produktionsprozesse durch klimafreundliche zu ersetzen. Man denke nur an die Herstellung von Akkus zur Speicherung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Die wichtigsten Rohstoffe dafür – Lithium, Nickel und Kobalt – werden innerhalb der nächsten zehn Jahre ebenso knapp werden wie die Seltenen Erden, die in Elektroden zum Einsatz kommen. Die weltweite Akku-Produktion wird darunter leiden, wenn Hersteller diese Rohstoffe über „Friend-Shoring“ beziehen müssen. Schließlich werden die meisten dieser Ressourcen in instabilen oder von Konflikten geplagten Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo abgebaut, und ein Großteil der Aufarbeitung findet in China und Russland statt.

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Ja, einige Lieferketten könnten im Laufe der Zeit so geändert werden, dass sie durch befreundete Länder führen. Dennoch werden sich die Unternehmen mit der Beantwortung der Frage schwertun, wer als „Freund“ gilt und wer das über die Dauer einer dreißigjährigen Investition auch bleiben wird. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein US-Präsident sogar gegen Kanada wetterte. Außerdem hätte eine Umstrukturierung der Lieferketten kurzfristig eine Einschränkung der Produktionskapazitäten und eine Erhöhung der Kosten zur Folge, wodurch sich die Chancen verringern würden, die globalen Durchschnittstemperaturen innerhalb des uns verbleibenden engen Zeitrahmens unter den kritischen Schwellenwerten zu halten.

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Auch die Anpassung an den Klimawandel wird in einer deglobalisierten Welt schwieriger. Höhere Temperaturen und veränderte Wettermuster werden die traditionelle Landwirtschaft an vielen Orten unmöglich machen. Neue Kulturpflanzen und Technologien können helfen, aber dafür braucht es Innovation, Investitionen und Finanzierung. Zahlreiche Entwicklungsländer außerhalb der großen regionalen Wirtschaftsräume werden von diesen Prozessen abgeschnitten sein. Und selbst die heroischsten Anpassungsbemühungen werden es nicht schaffen, das Überleben der Landwirtschaft in den Tropen zu sichern. Viele Bäuerinnen und Bauern werden sich nach neuen Lebensgrundlagen umsehen müssen.  

Die sicherste Methode für Entwicklungsländer neue Arbeitsplätze zu schaffen, besteht im Export, um die gesicherte Nachfrage in höher entwickelten (und weniger von der Hitze betroffenen) Ländern zu nutzen. Doch zunehmende protektionistische Schranken in den stärker entwickelten Regionen werden dieses Wachstum behindern und damit die Anpassung erschweren. Unterdessen wird Abschottung den Industrieländern nicht unbedingt die von ihnen angestrebte Sicherheit verleihen. Zwar dämmt man damit möglicherweise einige politische Risiken ein, aber die Beschränkung der Lieferketten auf das eigene Land oder die eigene Region erhöht die Anfälligkeit für Klimakatastrophen und andere Risiken. Man sehe sich nur an, wie sich die höheren Energiekosten derzeit in ganz Europa, nicht aber in Nordamerika auswirken.

Eine globale Diversifizierung würde dagegen zu größerer Widerstandsfähigkeit führen. Im Idealfall hätte eine Lieferkette in jedem Segment mehrere Lieferanten in verschiedenen Regionen und Kontinenten, so dass man rasch von einem vom Klimawandel betroffenen Lieferanten zu einem anderen wechseln kann. Auch im Bereich Rohstoffe besteht die beste Versicherung in einem gut vernetzten, frei zugänglichen globalen Markt, auf dem Störungen ausgeglichen werden können und kein Produzent über übermäßigen Einfluss verfügt. Je lokaler oder regionaler der Markt, desto stärker seine Beeinträchtigung im Falle von Extremwetter oder durch böswillige Lieferanten.

Menschen wandern ab

Scheitern die Maßnahmen in den Bereichen Abmilderung und Anpassung, werden die Menschen in stark betroffenen Gebieten zur Abwanderung gezwungen sein. Menschen in weniger vom Klimawandel betroffenen Regionen sollten nicht in kurzsichtiger Weise davon ausgehen, dass es sich hinter Grenzmauern weiterhin komfortabel leben lässt. Die humanitäre Tragödie, die sich vor diesen Mauern abspielt, wird schwer zu ignorieren sein und wirklich verzweifelte Klimaflüchtlinge werden auch jede Mauer überwinden oder durchbrechen.

Weitaus besser wäre es, neue globale Abkommen zu erarbeiten, im Rahmen derer Klimaflüchtlinge in Länder umgeleitet werden, die sie auch aufnehmen können sowie potenziellen Migranten die notwendigen Job-Schulungen und Sprachkurse bieten, damit diese bei ihrer Ankunft produktiv werden können. Die Deglobalisierung würde derartige Anstrengungen nur behindern.

Die Globalisierung mag in den letzten Jahren in Ungnade gefallen sein, doch ihre Erhaltung ist   unerlässlich. Selbst wenn Länder ein legitimes Sicherheitsinteresse daran haben, Handel und Investitionen in strategischen und sensiblen Sektoren zu beschränken, müssen wir verhindern, dass diese Politik in Isolationismus ausartet.

Zumindest sollte die internationale Gemeinschaft einen Pakt im Stil der Genfer Konvention aushandeln, um sichere Bereiche fortgesetzter globaler Interaktion zu schaffen, die unter den meisten Umständen vor Sanktionen und Verboten geschützt sind. Dazu sollte der Handel mit Nahrungsmitteln, Energie, Medikamenten und anderen wichtigen Gütern gehören, die für Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel benötigt werden. Es gilt, strenge Auflagen für die Verweigerung des Zugangs zur weltweiten Zahlungsverkehr-Infrastruktur und die Verhängung sekundärer Sanktionen (also Sanktionen gegen Sanktionsbrecher) festzulegen.

Auch wenn wir uns derzeit nicht auf einen globalen Klimaaktionsplan einigen können, müssen wir die Basis für Zusammenarbeit erhalten. Ohne fortgesetzte Globalisierung kann es keinen wirksamen Klimaschutz geben.

Copyright: Project Syndicate, 2022.

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